Potentiale und Grenzen der Grounded Theory für die Kulturwissenschaften


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

16 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was bedeutet Grounded Theory?

3 Der Methodenstreit
3.1 Generelle Diskurse über den Sinn der Grounded Theory
3.2 Positionen zur GT aus volkskundlicher Sicht
3.2.1 Albrecht Lehmann über das Trügerische des Bewusstseins
3.2.2 Brigitta Schmidt-Lauber über Offenheit beim Interview
3.2.3 Gisela Welz über den Einfluss von Mobilität

4 Vergleichsebene GT – Kulturanthropologie
4.1 Grounded Theory als iterativer Forschungskreislauf
4.2 Zur Frage des theoretischen Vorverständnisses
4.3 Zur Frage des Feldzugangs
4.4 Im Feld
4.4.1 Zur Rolle des Forschers im Feld
4.4.2 Zur Frage des Verstehens der Daten
4.4.3 Zur Auswertung von Interviews
4.4.4 Zur Bedeutung von Texten

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Kulturwissenschaften haben ihr methodisches Repertoire in der Königsdisziplin Feldforschung beginnend mit Bronislaw Malinowski bis hin zu qualitativen Interviews stets erweitert und stehen dabei immer wieder vor der entscheidenden Frage, wie die Daten gewonnen werden sollten. Mehrere theoretische Konzepte sind dazu in das Fach eingegangen und werden bis heute diskutiert. Dazu zählen unter anderem die teilnehmende Beobachtung, das Leitfadeninterview sowie andere Interviewverfahren, quantitative Erhebungen und historisch-archivalische Quellenanalysen. Allen Methoden gemeinsam ist, dass sie ihre praktische Forschungsarbeit im Wesentlichen aufgrund einer vorformulierten Fragestellung durchführen.[1] Die Grounded Theory - im Folgenden abgekürzt GT - mit sozialwissenschaftlichem Hintergrund bildet dabei eine Ausnahme. Sie richtet ihre Fragestellung und auch alle nachfolgenden Arbeitsschritte an der Forschungspraxis aus, wie die Kulturwissenschaftlerin Dorothee Hemme 2009 in einer empirischen Arbeit im Kontext der Tourismusforschung festhielt.[2]

Dieses von Anselm Strauss und Barney Glaser 1967 entwickelte praxisgeleitete Verfahren empirischer Sozialforschung stellt somit auch die Europäische Ethnologie vor neue Herausforderungen.

Inwieweit bietet diese Theorie Potentiale für unser Fach und wo liegen möglicherweise die Grenzen ihrer Anwendbarkeit? Diese Frage werde ich in meiner Hausarbeit unter Einbezug der GT sowie der etablierten Forschungsmethoden diskutieren.

2 Was bedeutet Grounded Theory?

Die begriffliche Klärung wird durch die Doppeldeutigkeit erschwert, wie der Soziologe Strübing 2004 in seinem Aufsatz über die GT feststellte. Denn einerseits stehe er für die aus den empirischen Daten zu generierende Theorie und andererseits beziehe er sich auf das Verfahren selbst.[3] Star versuchte den dadurch in den Sozialwissenschaften ausgelösten Wortdisput zu klären, indem er auf die Relation von der Arbeit mit dem Verfahren selbst und den daraus resultierenden Theorien hinwies. Die Methode selbst und die Theorie müssten also in ihrer Wechselbeziehung analysiert werden. Dies habe für Strauss zwei Konsequenzen. Auf der einen Seite sei der Fokus auf die „Organisation des Arbeitsprozesses“ zu richten[4] und auf der anderen Seite die Dialektik des Arbeitsbegriffes zu betrachten. Auch beim zweiten Punkt käme es auf die Interaktion zwischen der Arbeit an sich und demjenigen, der sie tut, an.[5]

Hemme betonte, dass die Frage letztlich auf den Aspekt der Theorienbildung hinauslaufe. In ihrer groß angelegten Studie über die kulturelle Konstruktion der Märchenthematik an vier verschiedenen Orten im Sinne einer multi-sited ethnography, geht sie der Organisation der 1975 gegründeten Deutschen Märchenstraße nach und fragt nach den Auswirkungen für regionale Räume im Zusammenspiel mit den global players. Sie verfolgte damit einen induktiv angelegten Forschungsprozess, der gemäß des Angebots der GT eine Theorienbildung als Folge der Praxis hervorbrachte.[6] Nicht alle Vertreter innerhalb des Fächerkanons der Sozialforschung sind bekanntlich dieser Meinung wie sich im folgenden herausstellt.

3 Der Methodenstreit

3.1 Generelle Diskurse über den Sinn der Grounded Theory

Die Positionen, die Verfechter nomologisch deduktiver und interpretativer Verfahren bestreiten, sind schnell herauspräpariert. Nomologisch deduktiv arbeitende Wissen-schaftler, zu denen Anhänger des Kritischen Rationalismus nach Karl R. Popper zählen, leiten ihr Vorgehen im Einzelfall, wie der Begriff es bereits eruiert, aus einem Gesetz ab.

Die Vertreter interpretativer Ansätze dagegen begehen den umgekehrten Weg. Ihr Ziel ist es, aus praxeologischen Zusammenhängen, eine Theorie abzuleiten. Dieses Vorgehen entspräche dem Kulturbegriff von Clifford Geertz, der Kultur als ein Bedeutungsgewebe begreift. So sagt Geertz:

„Der Kulturbegriff, den ich vertrete […] ist wesentlich ein semiotischer. Ich meine mit Max Weber, daß der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe. Ihre Untersuchung ist daher keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht.“[7]

Von der gegnerischen Seite der GT wird als Hauptargument hervorgebracht, dass die Subjektivität der Forschungsergebnisse den unwissenschaftlichen Charakter dieses Verfahrens hervorhebe. Objektivität, also die Übertragbarkeit der Theorie auf andere Personenkreise außerhalb der Erforschten, sei damit nicht gewährleistet und das Ziel wissenschaftlichen Arbeitens könne nur Objektivität sein. Dieses Gegenargument werde sogar durch die Regellosigkeit der GT gestützt, so dass diese beliebig anwendbar gemacht werde und somit hinfällig sei. Dass GT keineswegs ohne Regeln auskomme, machte Strauss anhand seines mehrstufigen Forschungsplans deutlich. So lösten sich alle Forschungsschritte untereinander ab und würden stets miteinander in ihrer Stimmigkeit verglichen, was unter der Methode des Kodierens allgemein zusammengefasst wird. Zudem stünden alle Forscher in einem ständigen Austausch, der dafür Rechnung trage, dass nicht jeder sein eigenes Süppchen koche und man zu brauchbaren Forschungs-ergebnissen käme.[8]

Dem zweiten Vorwurf, seine Theorie sei unwissenschaftlich, begegnete er mit Bezug auf sein Verständnis vom Arbeitsbegriff: Wenn man Arbeit, wie bereits beschrieben, als dialektischen Prozess begreife, so müssten die handelnden Subjekte in den Erkenntnis-prozess einbezogen werden. Denn sie selbst zeichneten sich durch problemlösendes Handeln aus, das also insgesamt der Forschung dienlich sei. Die Forderung nach dem gekonnten Umgang mit den problemlösenden Subjekten bezeichnet Strauss als Kunstfertigkeit, wobei graduelle Unterschiede durchaus erwünscht seien.[9] Dazu sei natürlich Empathie für die Menschen, die man beforschen möchte, essentiell. Dieses Einfühlen in die Daten bringe bei verschiedenen Forschern unterschiedliche Ergebnisse zu Tage, worauf sich die GT-Gegner wieder berufen und die Unwissenschaftlichkeit bestätigt sehen. Eine als Dimensionalisierung benannte kontrastierende Technik des Kodier-verfahrens bewirke eine Offenlegung aller Facetten eines Phänomens, so dass viele relevante Aspekte in eine Theorie einfließen könnten.[10] Ich frage mich, ob nomologisch deduktive Verfahren auch im Stande wären, diese Multiperspektivität erreichen zu können, da ein Gesetz ja nicht imstande ist, Merkmale außerhalb seiner Theorie zu erfassen. Dies sei an dieser Stelle mein Kritikpunkt gegenüber den Forschern, die nur an die Gültigkeit eines Gesetzes glauben und Menschen in ein vorgefasstes Raster pressen wollen, in das sie allein schon aufgrund ihrer innerpsychischen Heteronomie nicht gehören.

3.2 Positionen zur GT aus volkskundlicher Sicht

3.2.1 Albrecht Lehmann über das Trügerische des Bewusstseins

Als Zweifler an der GT ist wohl der Volkskundler Albrecht Lehmann zu nennen, der mit

seinem Aufsatz über die „Bewusstseinsanalyse“ 2001 die Bedeutung von Erinnerungs-konstruktionen hervorhob. Lehmann gibt zu bedenken, dass Bewusstseinsinhalte von den Subjekten einem ständigen Konstruktionsprozess unterlägen, der kaum Unterschied zwischen tatsächlich ereigneter Geschichte und Fiktion mache. Die Glaubwürdigkeit des Erzählten sei daher höchst fraglich und müsse unter den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung neu bewertet werden.[11] Nun sei die Verantwortung für diese Diskrepanzen keinesfalls ausschließlich in der Unfähigkeit oder Unwilligkeit zu sehen, die wahren Hintergründe zu erzählen, sondern diese entstünden vielmehr durch das Bestreben des Geistes, erlebte Geschichte in ihrer Gegenwartsbezogenheit und damit auch Gerichtetheit auf die Zukunft zu einem guten Ende zu bringen.[12] Mit dieser Theorie ließe sich auch erklären, warum Zeitzeugen des Nationalsozialismus bei Nachfragen in der Mehrzahl berichten, sie hätten einem Juden mal geholfen oder hätten der propagierten Politik ablehnend gegenüber gestanden. Natürlich sei nicht in Zweifel zu ziehen, dass es durchaus Einzelfälle gegeben hat, in denen dies Tatsachen waren, aber die Mehrheit der Deutschen dürfte - sei es aus Angst oder Fanatismus - dem Regime zugestimmt haben. Sonst wäre Hitler wohl kaum an die Macht gekommen.

3.2.2 Brigitta Schmidt-Lauber über Offenheit beim Interview

Die Kulturanthropologin Brigitta Schmidt-Lauber würde sich dagegen eindeutig für die GT aussprechen. Ihr 2007 erschienener Aufsatz „Das qualitative Interview oder: Die Kunst des Reden-Lassens“[13] schreibt den Interviewpartnern höchste Autonomie und die Wahl der Erzählung zu. Der Gesprächspartner wird als „Experte seines Leben“[14] angesehen und behandelt. Durch die von vornherein festgelegte Offenheit des Erzählens und die Akzeptanz des Gesagten, wird eine ungezwungene Gesprächsathmospäre hergestellt, die der multidimensionalen Persönlichkeit eines Menschen sicherlich am ehesten Rechnung trägt. Daher sei der Zuschnitt der Fragestellung auch erst im Interview selbst herauszuarbeiten, also entlang des praktischen Forschungsprozesses wie Glaser und Strauss es fordern.[15] Denn es gehe nicht darum, festzustellen, ob etwas ist, sondern wie es zu dieser Deutung gekommen ist. Das heißt im Forschungsjargon, den Bedeutungs-zusammenhang der Gesamtschau aller Merkmale zu erfassen und auf seine Geschichtlichkeit zu transferieren.

Um die Gültigkeit der Aussagen zu überprüfen, gebe es schließlich mehrere Möglich-keiten. Grenzen bildeten etwa der Geltungsbereich des Gesagten, die Glaubwürdigkeit der Forschungssubjekte, die Transparenz der Erhebungssituation sowie die Reflexion des Erhebungsprozesses. Zudem sei durch das bereits erwähnte Einbeziehen verschiedener Forscher und unterschiedlicher Methoden, die Berücksichtigung lokaler und zeitlicher Settings sowie theoretischer Perspektivvielfalt, dafür Sorge getragen, dass dieses aus der Hermeneutik bekannte Verfahren der Triangulation ein prüfbares Messinstrument darstelle.[16]

[...]


[1] Vgl. Legewie 1995, S. 189-193.

[2] Vgl. Hemme 2009, S. 41.

[3] Vgl. Strübing 2004, S. 13.

[4] Vgl. Strübing 2004, S. 14.

[5] Vgl. Strübing 2004, S. 15.

[6] Vgl. Hemme 2009, S. 41-43.

[7] Zit. nach Kaschuba 1999, S. 123.

[8] Vgl. Strübing 2004, S. 17.

[9] Vgl. Strübing 2004, S. 16.

[10] Vgl. Strübing 2004, S. 22.

[11] Vgl. Lehmann 2001, S. 235-236.

[12] Vgl. Lehmann 2001, S. 245.

[13] Schmidt-Lauber 2007.

[14] Schmidt-Lauber 2007, S. 178.

[15] Vgl. Schmidt-Lauber 2007, S. 172.

[16] Vgl. Schmidt-Lauber 2007, S. 183-184.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Potentiale und Grenzen der Grounded Theory für die Kulturwissenschaften
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde)
Note
1,5
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V160500
ISBN (eBook)
9783640736973
ISBN (Buch)
9783640737079
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: "Die Arbeit setzt sich auf einem sehr guten - sprachlich wie argumentativ - Niveau mit Fragen der Anwendbarkeit der Grounded Theory auseinander. Formal sehr ordentlich."
Schlagworte
Grounded Theory, Kulturwissenschaften, Feldforschung, Glaser, Strauß, induktiv, qualitativ, Theorie, Praxis, Theoretical Sampling, Codieren, Decodieren, Forschungsprozess, Interview, Feldzugang
Arbeit zitieren
Karen Breiholz (Autor), 2010, Potentiale und Grenzen der Grounded Theory für die Kulturwissenschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160500

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