Theorien zu US-amerikanischen Jugendgangs


Seminararbeit, 2006

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Jugendgangs als Beispiel einer devianten Gruppe
1.1 Grundlegende Fragestellung
1.2 Der Begriff der Devianz
1.3 Definition und Charakteristiken von US-amerikanischen Jugendgangs

2 Theorien jugendlicher Gangs
2.1 Zur Auswahl der präsentierten Theorien
2.2 Makro- und Mesosoziologische Ansätze
2.2.1 Robert K. Mertons Anomietheorie
2.2.2 Sozialökologischer Erklärungsansatz
2.3 Gruppendynamische und Mikrosoziologische Erklärungsansätze
2.3.1 Jugendliche Gangs als deviante Subkultur
2.3.2 Jugendgangs als Diffential Association / Opportunity-Theorie
2.4 Labeling-Ansatz

3 Fazit

4 Verwendete Literatur

1 Jugendgangs als Beispiel einer devianten Gruppe

1.1 Grundlegende Fragestellung

Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, was US - amerikanische Jugendgangs sind und durch welche sozialen Mechanismen sie sich konstituieren. Dabei sollen die US - amerikanischen Jugendgangs als ein mögliches Beispiel für die Vergesellschaftung abweichenden Verhaltens betrachtet werden. Anhand ihres Beispiels kann eine Vielzahl von Devianztheorien veranschaulicht werden[1], zumal es sich bei ihnen um ein vielschichtiges und äußerst heterogenes Phänomen handelt. Wenngleich die Forschungsergebnisse zu diesem Thema durchaus zahlreich vorhanden sind, so existiert doch bis heute keine allgemeingültige Definition von Jugendgangs.[2] Am Beispiel dieses Phänomens lässt sich ebenfalls gut nachvollziehen, welche Konsequenzen die wissenschaftliche (und alltägliche) Interpretation und Definition von Verhaltensmustern als „normal“ oder „abweichend“ für den institutionellen, politischen und ökonomischen Bereich haben.[3]

1.2 Der Begriff der Devianz

Die Frage danach, was „abweichendes“ (deviantes) Verhalten ausmacht, ist ebenso kompliziert zu beantworten wie die Frage danach, was das „normale“ Verhalten sei. Eine allgemeingültige Antwort darauf kann nicht gegeben werden, denn die Attribute „normal“ und „abweichend“ sind immer standortgebundene Urteile, abhängig vom kulturellen, sozialen, ökonomischen und historischen Standpunkt des Urteilenden. Dementsprechend lässt sich deviantes Verhalten als „ (...) diejenigen Verhaltensweisen, die gegen die geltenden sozialen Normen einer Gesellschaft oder Teilstruktur verstossen und auf die bei ihrer Entdeckung mit Maßnahmen zur Bestrafung, Isolierung, Behandlung oder Besserung reagiert wird[4], definieren. Wohlgemerkt handelt es sich hierbei um eine sehr weitläufige Definition, die weder die Frage nach der Art und Weise devianten Verhaltens, noch diejenige nach seinen möglichen Ursachen erklärt.[5] Devianz muss folglich als spezifisches Verhalten bezogen auf spezifischen Normen innerhalb einer spezifischen Gesellschaft definiert werden. Dementsprechend sind auch amerikanische Jugendgangs keine deviante Gruppe per se, sondern sie sind deviant im spezifischen Kontext der Kultur und der Rechtsnormen der Vereinigten Staaten.

Trotz der offensichtlichen Mängel der oben angeführten Definition soll diese hier als Grundlage genutzt werden, da sie genügend Raum für die verschiedensten sozialwissenschaftlichen Erklärungsansätze bietet.

1.3 Definition und Charakteristiken von US - amerikanischen Jugendgangs

Wie weiter oben bereits erwähnt, ist der Begriff der Gang beziehungsweise dessen Gehalt umstritten. So konstatieren Covey, Menard und Franzese: „ Most fundamentally, there is no consensus about what constitutes a gang, as opposed to a subculture or a group of individuals. Several terms have been used to refer to gangs, and the term gang has been broadly applied to a variety of different collections or aggregates of individuals.“.[6]

Angesichts dieser Schwierigkeiten sei hier eine phänomenologisch orientierte Definition von Jugendgangs vorgeschlagen. Jugendgangs seien entsprechend der Definition von Miller als: „ (...) a self-formed association of peers, bound together by mutual interests, with identifiable leadership, well-developed lines of authority, and other organizational features, who act in concert to achieve a specific purpose which generally includes the conduct of illegal activity and control over a particular territory, facility, or type of enterprise.[7], beschrieben. Diese ebenfalls sehr weitläufige Definition sei durch einige (auf dieser Definition basierenden) demografische Charakteristiken ergänzt: Die durchschnittlichen Mitglieder einer Gang sind afro-amerikanischer oder hispanischer Herkunft und zwischen 12 und 22 Jahren alt, der größte Anteil ist 17 oder 18 Jahre alt.[8] Die Größe einer Gang steht häufig in Relation zur Einwohnerzahl der Stadt, in der sie agiert und liegt im Schnitt bei ca. 180 Mitgliedern, wobei besonders spezialisierte Gangs (beispielsweise sog. Drug Trafficking Gangs) eine sehr viel kleinere Mitgliedschaft aufweisen.[9] Soziostrukturell können Gangs vorwiegend in: „ (...) lower class, slum, ghetto, barrio, or working class changing communities (...) “, verortet werden, wenngleich ein zwangsläufiger Zusammenhang zwischen Armut, Kultur oder Ethnie und Jugendgangproblemen nicht konstatiert werden kann.[10]

US – amerikanische Jugendgangs weisen eine gewisse Formenvielfalt auf. So können anhand von bestimmten Hauptbetätigungsfeldern bestimmte Typologien von Jugendgangs beschrieben werden. Thiele und Taylor schlagen fünf Hauptkategorien von Jugendgangs vor[11]. Sie unterscheiden sogenannte Scavenger Gangs (meist adoleszente Peergroups, deren Hauptaktivität in der gemeinsamen Freizeitgestaltung besteht), Territorial Gangs (Gangs, deren Hauptaugenmerk der Kontrolle eines spezifischen Raumes gilt), Commercial Gangs (Gangs, die sich auf explizit kriminelle Aktivitäten konzentrieren), Corporate Gangs (Gangs, die rein profitorientiert agieren und nur zu diesem Zwecke gegründet wurden) und sog. Covert Gangs (klandestin agierende Kleingruppen, die auch politische Ziele verfolgen können).[12] Diese Typologisierung hat ihren Wert, indem sie bestimmte historische Entwicklungsformen von Jugendgangs beschreibt, stößt aber auf Grund von mangelnden Abgrenzungen beispielsweise zum organisierten Verbrechen einerseits (apropos Corporate Gangs) oder zu terroristischen Zellen andererseits (apropos Covert Gangs) schnell an ihre Grenzen. Auch hier zeigt sich wie schwer eine klare Abgrenzung des Phänomens Jugendgangs gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen ist. Aus diesem Grunde ist Forschung dazu übergegangen, den zeitgenössischen Typus der Gang als hybrid zu bezeichnen, das heißt, dass es sich heute vorwiegend um Gangs handelt, die in unterschiedlich starker Ausprägung alle Merkmale der oben genannten Typen aufweisen.[13]

[...]


[1] „(...), what we know about delinquency in urban areas is largely based on youth gang research; many advances in delinquency research and theory have taken gangs as their focal point.“ vgl.: Esbensen Finn-Aage / Winfree, L. Thomas / He, Ni / Taylor, Terrence J.: Youth Gangs and Definitional Issues. When Is a Gang a Gang, and Why Does It Matter, in: Esbensen, Finn-Aage / Tibbetts, Stephen J. / Gaines, Larry: American Youth Gangs at the Millenium, Long Grove (Ill.) 2004 S. 57

[2] Eine sehr pointierte Beschreibung dazu: „At times the descriptions of youth gangs are similar to the diverse descriptions provided by the proverbial blind individuals exposed to only one part of an elephant (...). Their descriptions, while accurate, are nonetheless incomplete and do not provide sufficient knowledge with which to respond to the entire elephant. Our knowledge of gangs at the beginning of the twenty-first century is in a similar state; we have a lot of information, we just don´t have the complete picture.“ vgl.: ebd. S. 9

[3] Insbesondere bei der Interpretation von Jugendgangaktivitäten durch die Polizei oder in den medialen Diskursen spielen rassistische Stereotype eine nicht zu unterschätzende Rolle. Vgl. dazu: The Police and the Black Male, in: Adler, Patricia / Adler, Peter: Constructions of Deviance. Social Power, Context, and Interaction, Belmont (Cal.) 1994 S. 122 - 133

[4] www.schmidtmitdete.de/pdf/abw_verhalten.pdf letzer Zugriff: 14.02.06 14:30 Uhr S. 2

[5] Selbst diese Definition würde von radikalen Vertretern des sog. Labeling Approach bestritten werden. So vertritt insbesondere Howard Becker den Ansatz, dass es sich bei deviantem Verhalten um ein rein durch Zuschreibungen konstruiertes Phänomen handelt. Vgl. dazu: Becker, Howard S.: Outsiders - Studies in The Sociology of Deviance, New York 1963

[6] Siehe: Covey, Herbert C. / Menard, Scott / Franzese, Robert J.: Juvenile Gangs, Springfield (Ill.) 1992 S. 3

[7] Siehe: Ebd. S. 5

[8] Vgl.: Howell, James C.: Youth Gangs. An Overview, in: Esbensen u.a.: American Youth Gangs, S. 18 f.

[9] Vgl.: Ebd. S. 19

[10] Vgl.: Ebd.

[11] Thiele, Gisela / Taylor, Carl S.: Jugendkulturen und Gangs. Eine Betrachtung zur Raumaneignung und Raumverdrängung nachgewiesen an Entwicklungen in den neuen Bundesländern und den USA, (Soziale Arbeit aktuell in Praxis, Forschung und Lehre Bd. 1) Berlin 1998 S. 103 ff.

[12] Vgl.: Ebd.

[13] Vgl.: Starbuck, David / Howell, James C. / Lindquist, Donna J.: Hybrid and Other Modern Gangs, in: Esbensen u. a.: American Youth Gangs, S. 200 - 217

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Details

Titel
Theorien zu US-amerikanischen Jugendgangs
Hochschule
Freie Universität Berlin  (John F. Kennedy Institut)
Veranstaltung
Deviance, Crime and Violence in the U.S.
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V161416
ISBN (eBook)
9783640745975
ISBN (Buch)
9783640746576
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Kriminalistik, Abweichendes Verhalten, Devianz, Soziologische Theorien, Jugendgangs, Gewalt, Kriminalität, Labeling Approach, Anomie
Arbeit zitieren
Magister André Keil (Autor), 2006, Theorien zu US-amerikanischen Jugendgangs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161416

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