Diese Bachelorarbeit untersucht das Haarmotiv als zentrales Symbol weiblicher Identität, Unterdrückung und Selbstbehauptung in den zeitgenössischen Romanen "La Casa de la Belleza" von Melba Escobar und "Madre de leche y miel" von Najat El Hachmi. Der Vergleich der Werke beleuchtet, wie das Haar in unterschiedlichen kulturellen Kontexten, nämlich dem lateinamerikanischen Schönheitswahn Kolumbiens und dem islamisch geprägten Migrationsmilieu Kataloniens, als Projektionsfläche patriarchaler Normen, aber auch als Mittel des Widerstands fungiert.
Mithilfe der feministischen Literaturtheorie und Körpertheorie decodiert die Arbeit die vielschichtige Symbolik der Haare. Sie stehen für Rassismus, Klassenunterschiede, sexualisierte Gewalt, kulturelle Zugehörigkeit und generationenübergreifende Konflikte.
Die Studie zeigt eindrücklich, wie die Protagonistinnen zwischen Anpassung und Selbstbestimmung kämpfen und wie ihr Umgang mit den Haaren ihren Platz in einer von Männern dominierten Gesellschaft verrät. Ein must-read für alle, die sich für genderorientierte Literaturanalyse, postkoloniale Studien und die Macht der Symbole in der Gegenwartsliteratur interessieren.
Inhaltsverzeichnis
- 1 SICH HAAREN WIDMEN. EINE EINFÜHRUNG IN DEN UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND.
- 2 DAS HAARMOTIV.
- 2.1 DIE EINBETTUNG DES HAARS IN DIE KÖRPERTHEORIE.
- 2.2 DAS HAAR IN EINEM HISTORISCH-LITERARISCHEN BEZUGSRAHMEN.
- 2.3 KULTURELLER UMGANG MIT DER HAARPRACHT IN LATEINAMERIKA.
- 2.4 KULTURELLER UMGANG MIT DER HAARPRACHT IM ISLAMISCHEN KULTURKREIS.
- 3 ERLÄUTERUNG, ANNAHMEN UND RELEVANZ DER FEMINISTISCHEN LITERATURTHEORIE FÜR DAS FORSCHUNGSTHEMA.
- 4 ANALYSE DES WERKS LA CASA DE LA BELLEZA
- 4.1 EINORDNUNG VON LA CASA DE LA BELLEZA.
- 4.2 UNTERDRÜCKUNG UND MACHTMISSBRAUCH IM SCHATTEN EINES FRAUENMORDES.
- 4.3 ERZÄHLPERSPEKTIVE CLAIRE.
- 4.4 HAARSYMBOLIK IN DER HANDLUNG: DIE ROLLE VON KARENS HAAR.
- 4.5 DER FEMIZID UND DIE FIGUR SABRINA.
- 4.6 HAAR ALS INDIKATOR FÜR FIGURENBEZIEHUNGEN UND SOZIALEN KONTEXTEN.
- 4.7 RÄUMLICHER KONTEXT IN LA CASA DE LA BELLEZA.
- 5 ANALYSE DES WERKS MADRE DE LECHE Y MIEL
- 5.1 EINORDNUNG VON MADRE DE LECHE Y MIEL.
- 5.2 FATIMA EINE MAROKKANISCHE EINWANDERIN DER ERSTEN GENERATION IN KATALONIEN.
- 5.3 FATIMAS VERÄNDERUNG IM KONTEXT DES HAARMOTIVS.
- 5.4 DIE KRAFT DER HAARE ÜBER SYMBOLIK UND AUSDRUCK VON BILDERN.
- 5.5 HAARE ALS KOMMUNIKATIVER SCHULTERSCHLUSS ZWISCHEN GENERATIONEN UND IDENTITÄTEN.
- 5.6 RÄUMLICHER KONTEXT IN MADRE DE LECHE Y MIEL.
- 6 VERGLEICH BEIDER WERKE.
- 7 FEMINISTISCHE MANIFESTE ÜBER DIE STRATEGIE DES „WEIBLICHEN SCHREIBENS" VON MELBA ESCOBAR UND NAJAT EL HACHMI?.
- 8 BIBLIOGRAPHIE.
Zielsetzung & Thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert das Haarmotiv in den Romanen "La Casa de la Belleza" von Melba Escobar und "Madre de leche y miel" von Najat El Hachmi, um die soziale Tragweite des Haares und dessen Bedeutung für die weibliche Identität im zeitgenössischen Patriarchat zu untersuchen. Der Fokus liegt darauf, wie Idealbilder weiblicher Haarpracht als identitätsstiftende oder entfremdende Bezüge agieren.
- Symbolik und Macht des Haares in der Konstruktion weiblicher Identität.
- Feministische Literaturtheorie als Analyseinstrument.
- Vergleichende Analyse der Romane "La Casa de la Belleza" und "Madre de leche y miel".
- Soziale Realitäten, Unterdrückungsmechanismen und kultureller Wandel.
- Rassismus und eurozentristische Schönheitsideale in Bezug auf Haarpracht.
- Empowerment und Widerstand weiblicher Protagonistinnen in herausfordernden Kontexten.
Auszug aus dem Buch
Haarsymbolik in der Handlung: Die Rolle von Karens Haar
Über extern gegebene Schönheitsstandards durchlebt Karen eine Entfremdung ihrer selbst, die sich insbesondere im Ausdruck der Haare manifestiert. Schon in Kapitel zwei gesteht Karen im Gespräch mit Claire ein, dass das glatte Haar einen unverzichtbaren Teil der Weiblichkeit ausdrückt. “Desde bien pequeñitas [...] Tener el pelo liso es tan importante [...], es parte imprescindible de la feminidad.” An dieser Stelle missachtet Karen vollkommen einen eigenen Wunsch nach Selbstbestimmtheit und Identität. Ihre Herkunft, respektive die natürlichen körpereigenen Merkmale werden im Sinne des gesellschaftlich erwünschten äußerlich substituiert. In einer weiteren Situation im Gespräch mit einer Kundin, die den gleichen Namen trägt, erfährt Karen ganz offen rassistische Bemerkungen "Tienes una belleza así, salvaje [...] Aunque ese pelo liso es falso, ¿no?." Die angesprochenen glatten Haare sind Teil dieser minderwertig anmutenden äußerlichen Bewertung, da sie nicht der Vorstellung der Kundin von einer indoamerikanischen Frau entsprechen. Diese müssen aus ihrer Sicht eindeutig künstlichen Ursprungs sein. Zusätzlich bezeichnet sie Karen als „Pocahontas“ wegen ihrer äußerlich nicht typisch europäischen Merkmale und weil sie sich selbst als Doña Karen klar von ihr als Mitarbeiterin abgrenzen möchte. Damit markiert sie deutlich Klassenunterschiede, indem sie Karen als Indianerin stereotypisiert beziehungsweise stilisiert.
Wenn man zusätzlich bedenkt, dass diese Kundin durch Schönheitsoperationen und Kosmetika dem wahren Inbegriff einer künstlich herbeigeführten Äußerlichkeit entspricht, wird sehr deutlich, dass mit doppelten Standards gemessen wird, wenn Herkunft und Rassendenken im Vordergrund stehen. Karen spürt von außen einen ständigen Druck sich anpassen zu müssen sowie gleichsam zu unterwerfen. Lange Zeit noch mit erhobener Stimme die Selbstbestimmung betonend, fügt sie sich allmählich einem auf Ungleichheit beruhenden patriarchalen System. Dieser Anpassungsprozess macht sich unter anderem auch an den körpereigenen Haaren bemerkbar. Als kleines Kind trägt Karen noch stolz ihre naturbelassenen Locken. Schon in der Schule wird sie jedoch mit den Herausforderungen konfrontiert, die Afro-Haare in einer von rassistischen Vorurteilen geprägten Umgebung mit sich bringen. Damals versucht sie, diese negativen Erfahrungen zu überwinden, indem sie ihre Locken glätten möchte. Viele Kinder, darunter auch Karen selbst, fühlen sich frühzeitig dazu veranlasst, ihre Haare zu glätten, um den sozialen Erwartungen gerecht zu werden. Im Alter von fünfzehn Jahren entscheidet auch Karen sich schließlich für die Anwendung der chemischen Haarglättung. Allerdings wird deutlich, dass dieser Schritt nicht ohne Konsequenzen bleibt. Karen erfährt die negativen Auswirkungen von chemischen Haarpflegeprodukten am eigenen Leib, darunter fettiges Haar und gereizte Kopfhaut. Diese Erfahrungen verdeutlichen ihre Bereitschaft, ihr eigenes Haar zu verändern, um den gesellschaftlichen Erwartungen und dem idealisierten Schönheitsbild näherzukommen. Es zeigt die inneren Konflikte, denen sie sich stellt, um in einer Welt, die von bestimmten Schönheitsnormen geprägt ist, ihren Platz zu finden und akzeptiert zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 SICH HAAREN WIDMEN. EINE EINFÜHRUNG IN DEN UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND: Stellt die Romane "La Casa de la Belleza" und "Madre de leche y miel" vor und begründet die vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse des Haarmotivs unter feministischer Perspektive. Die Leitfrage konzentriert sich darauf, wie Idealbilder weiblicher Haarpracht im Patriarchat Identität stiften oder entfremden.
2 DAS HAARMOTIV: Erläutert die Einbettung des Haares in die Körpertheorie sowie dessen historisch-literarischen Bezugsrahmen und kulturellen Umgang in lateinamerikanischen und islamischen Kontexten. Es beleuchtet die symbolische Bedeutung und gesellschaftliche Wahrnehmung von Haarpracht.
3 ERLÄUTERUNG, ANNAHMEN UND RELEVANZ DER FEMINISTISCHEN LITERATURTHEORIE FÜR DAS FORSCHUNGSTHEMA: Führt in die feministische Literaturtheorie ein, erklärt deren Relevanz für die Analyse des Haarmotivs und die Untersuchung von Geschlechterrollen und Identitäten in den Romanen. Sie zielt darauf ab, stereotype Muster von Weiblichkeit im Patriarchat aufzudecken.
4 ANALYSE DES WERKS LA CASA DE LA BELLEZA: Analysiert den Roman "La Casa de la Belleza" von Melba Escobar, beleuchtet die Einordnung des Werks, Unterdrückung, Machtmissbrauch, die Erzählperspektive von Claire und die Haarsymbolik in Bezug auf die Protagonistin Karen sowie den Femizid um Sabrina und den räumlichen Kontext des Schönheitssalons.
5 ANALYSE DES WERKS MADRE DE LECHE Y MIEL: Untersucht den Roman "Madre de leche y miel" von Najat El Hachmi, insbesondere Fatimas Erfahrungen als marokkanische Einwanderin in Katalonien und die Veränderungen ihres Selbstbildes im Kontext des Haarmotivs. Es beleuchtet die Kraft der Haare als Symbol sowie deren Rolle im intergenerativen Austausch und im räumlichen Kontext.
6 VERGLEICH BEIDER WERKE: Vergleicht die Darstellung des Haarmotivs und die Identitätsentwicklung der Protagonistinnen Karen und Fatima in beiden Romanen. Es werden Parallelen und Unterschiede in Bezug auf gesellschaftliche Erwartungen, Selbstbilder und persönliche Entwicklung herausgearbeitet.
7 FEMINISTISCHE MANIFESTE ÜBER DIE STRATEGIE DES „WEIBLICHEN SCHREIBENS“ VON MELBA ESCOBAR UND NAJAT EL HACHMI?: Diskutiert, inwiefern die Romane als feministische Manifeste oder als Beiträge zur feministischen Literaturwissenschaft verstanden werden können, indem sie die Vielschichtigkeit weiblicher Erfahrungen und die subtile Macht des Haares als Metapher nutzen.
Schlüsselwörter
Haarmotiv, Feministische Literaturtheorie, Identitätskonstruktion, Patriarchat, Schönheitsideale, La Casa de la Belleza, Madre de leche y miel, Melba Escobar, Najat El Hachmi, Weiblicher Widerstand, Kulturelle Kontexte, Geschlechterrollen, Körpertheorie, Kolumbianische Literatur, Marokkanische Einwanderung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Haarmotiv in zwei Romanen – "La Casa de la Belleza" und "Madre de leche y miel" – und analysiert dessen Bedeutung für weibliche Identität und Selbstbestimmung unter feministischer Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Haarsymbolik, die Konstruktion weiblicher Identität, patriarchale Machtstrukturen, Schönheitsideale in verschiedenen kulturellen Kontexten und die Rolle der feministischen Literaturtheorie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die sozialen Realitäten von Frauen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu betrachten. Die Forschungsfrage lautet, inwiefern die Idealbilder weiblicher Haarpracht im zeitgenössischen Patriarchat als Identitätsstifter oder entfremdende Bezüge agieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet einen ideologiekritischen Ansatz innerhalb der feministischen Literaturtheorie, um die geschlechtlichen und patriarchalischen Ordnungen sowie feminine Sichtweisen in den Werken zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert getrennt die Romane "La Casa de la Belleza" und "Madre de leche y miel" hinsichtlich der Haarsymbolik, Figurenentwicklung und kulturellen Kontexte, gefolgt von einem Vergleich beider Werke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Haarmotiv, Feministische Literaturtheorie, Identitätskonstruktion, Patriarchat, Schönheitsideale, La Casa de la Belleza, Madre de leche y miel, Melba Escobar, Najat El Hachmi, Weiblicher Widerstand, Kulturelle Kontexte, Geschlechterrollen, Körpertheorie, Kolumbianische Literatur, Marokkanische Einwanderung.
Wie wird das Haarmotiv im Roman "La Casa de la Belleza" dargestellt?
Im Roman "La Casa de la Belleza" symbolisiert das Haarmotiv Karens Anpassung an gesellschaftliche Schönheitsnormen und den Verlust ihrer Selbstbestimmung, beeinflusst durch rassistische Vorurteile und patriarchale Ideale, welche zu inneren Konflikten führen.
Welche Rolle spielt das Kopftuch in "Madre de leche y miel"?
In "Madre de leche y miel" symbolisiert das Kopftuch für Fatima die tiefe Verbundenheit mit kulturellen Normen und den Wunsch, ihre Identität zu bewahren, obwohl dessen Tragen auch soziale Spannungen und den Verlust von Freundschaften mit Nicht-Muslimen hervorrufen kann.
Was ist die Bedeutung des Schönheitssalons in "La Casa de la Belleza"?
Der Schönheitssalon in "La Casa de la Belleza" ist ein zentraler Ort, an dem Frauen unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen, gesellschaftliche und Klassenunterschiede sichtbar werden und ein homogenes Schönheitsideal gefördert wird.
Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen den beiden Werken in Bezug auf das Haarmotiv?
Beide Werke zeigen, wie Frauen durch Haarmotive mit gesellschaftlichen Erwartungen ringen. "La Casa de la Belleza" fokussiert auf Anpassung und Selbstentfremdung Karens, während "Madre de leche y miel" Fatimas Identitätssuche zwischen traditionellen und westlichen Normen beleuchtet, wobei das Kopftuch eine zentrale Rolle spielt.
- Citation du texte
- Simon Sandleben (Auteur), 2023, Das Haarmotiv in den Romanen "La Casa de la Belleza" von Melba Escobar und "Madre de leche y miel" von Najat El Hachmi, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1615394