Forschendes Lernen in Schülerlaboren

Ein Vergleich des Politiklabors der Leibniz Universität Hannover mit dem EU-Projekt "Sauce"


Hausarbeit, 2010
18 Seiten, Note: Unbenotet

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschendes Lernen
2.1. Begriffsdefinition
2.2. Forschendes Lernen und Schulalltag

3. Schülerlabore
3.1. Das Politiklabor der Universität Hannover
3.2. Das EU-Projekt Sauce

4. Forschendes Lernen in Schülerlaboren
4.1. Lerntheoretischer Rahmen
4.2. Lernprozess
4.3. Fähigkeiten und Kompetenzen
4.4. Zusammenfassung

5. Resümee

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Der eigentliche Zweck des Lernens ist nicht das Wissen, sondern das Handeln. Mit dieser Feststellung beschrieb der englische Soziologe und Philosoph Herbert Spencer (1820- 1903) bereits im 19. Jahrhundert einen immer noch sehr modernen Lernbegriff. Demnach ist Lernen nur dann sinnvoll, wenn es den Lerner zum Handeln aktiviert und kognitiv herausfordert. Dahingegen ist die bloße Aneignung von Wissen wenig nachhaltig und befähigt selten zum eigenständigen Handeln. Ziel eines jeden Lernprozesses sollte es aber sein, sowohl den individuellen Wissens- als auch Kompetenzbereich jedes Lerners zu erweitern. Dabei ist es vor allem im Politikunterricht wichtig, den/die SchülerIn zu einem handlungs- und problemlösungsfähigen Subjekt zu erziehen, das den politischen Alltag als mündiger Bürger aktiv mitgestaltet.

Um das Lernen in der Politischen Bildung als eine Verbindung aus Wissensaneignung und Handlungsbefähigung zu gestalten, wurden in den letzten Jahren immer häufiger Projekte entwickelt, die an außerschulischen Orten eine schüleraktivierende Lernumgebung umsetzen. Vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich existieren schon viele so genannte Sch ü lerlabore, doch auch in den geisteswissenschaftlichen Fächern gewinnt das Lernen in Schülerlaboren immer mehr an Relevanz. Zentrale Begriffe sind dabei das Entdeckende Lernen und das Forschende Lernen. Beide verstehen den Lerner als Subjekt, das seinen Lernweg selbst gestaltet und sich Wissen mittels eigens gewählter Lernstrategien aneignet. Subjektiv Neues wird erlernt, sodass der Lernprozess und die Lernziele - anders als im gängigen Schulunterricht - sehr unterschiedlich ablaufen. Ungleich ist diesen beiden Lernformen die konkrete Umsetzung des Lernprozesses. Während das Entdeckende Lernen eine eher unsystematischen „Lernstreifzug“ beschreibt, liegt dem Forschenden Lernen ein wissenschaftlicher Forschungsanspruch zugrunde.

In dieser Hausarbeit geht es darum, den im Schulalltag immer noch selten auftauchenden Begriff des Forschenden Lernens näher zu beschreiben. Um die rein deskriptive Ebene zu verlassen, dienen zwei sozialwissenschaftliche Schülerlabore als Bezugspunkt der Forschendes Lernen realiter umsetzt: das Politiklabor der Leibniz Universität Hannover und das EU-Projekt Sauce 1. Es wird der Frage nachgegangen, ob und inwiefern diese beiden Lernprojekte das Forschende Lernen unterstützen.

Zuvor muss eine theoretische Grundlage zum Forschenden Lernen geschaffen werden, indem im zweiten Kapitel der Begriff „Forschendes Lernen“ genauer definiert wird. Welcher Voraussetzungen bedarf Forschendes Lernen? Welche Instrumente bedient sich der Lerner beim Forschenden Lernen? Welche Ziele verfolgt diese Art der Lerngestaltung? Zu dieser definitorischen Herangehensweise werden die Beiträge von Aepkers (2002), Detjen (2005), Hartmann (2007), Lange/Heldt (2009) und Ziegler/Jung (2007) unterstützend zurate gezogen. Alle Aufsätze befassen sich mit dem Thema des Forschenden Lernens, wobei sich Detjen genauer mit den Instrumenten des Forschenden Lernens beschäftigt und Lange/Heldt ihre Ausarbeitung zum Forschenden Lernen mit konkretem Bezug zum Politiklabor besprechen.

Im dritten Kapitel werden das Politiklabor und Sauce kurz skizziert, um im vierten Kapitel schließlich einen Vergleich der beiden Schülerlabore im Bezug auf das Forschende Lernen durchzuführen. Dabei werden einzelne Aspekte des Oberbegriffs des Forschenden Lernens herausgegriffen und die beiden Schülerlabore somit gegenüber gestellt. Ziel dieser Hausarbeit soll es sein, das Forschende Lernen in Schülerlaboren zu beschreiben und an konkreten Beispielen greifbar zu machen. Auf welche Weise wird die freie Lernform des Forschenden Lernens umgesetzt, wo und aus welchem Grund treten gegebenenfalls Mängel auf und was unterscheidet die beiden hier beschrieben sozialwissenschaftlichen Schülerlabore voneinander? Welche Rolle spielt Forschendes Lernen schließlich in der Politischen Bildung? Es sollen die Vor- und Nachteile dieser Lernform besprochen und Chancen aufgezeigt werden, die das Forschende Lernen im Politikunterricht dem Lerner als eigenständiges Mitglied der Gesellschaft eröffnet.

2. Forschendes Lernen

Der Begriff des Forschenden Lernens wurde erstmals 1970 auf der Bundesassistentenkonferenz (BAK) eingeführt. Inhalte des Forschenden Lernens waren nach der BAK die selbstständige Wahl des Themas, eine eigenständige Methodenwahl zum Forschen, mithilfe der Lehrperson den Ansprüchen wissenschaftlichen Arbeitens zu genügen wie den Forschungsprozess logisch konsequent durchzuführen oder Erkenntnisse und Instrumente auf ihre Hinreichung sowie Ergebnisse zu prüfen (vgl. Aepkers 2002, S. 71f.). Darüber hinaus sollte beim Forschenden Lernen die Resultate vorgestellt werden, indem ihre Bedeutung für das Forschungsvorgehen klar gemacht und der Forschungsweg nachprüfbar und reflektiert dargestellt wurde (vgl. Aepkers 2002, S. 72).

Trotz dieser klaren Vorgaben besteht bis heute keine allgemeingültige Definition sowie anerkannte Lern-Lehr-Theorie zum Forschenden Lernen. Gleichwohl versuche ich im Weiteren eine Annährung an das Konzept.

2.1. Begriffsdefinition

Forschendes Lernen ist

ein aktiver, produktiver und vor allem selbstständiger Lernprozess, bei dem der Lernende die Frage stellt bzw. das Problem selbstständig erörtert und sich dann auf den Weg macht - von Einfallsreichtum und Experimentierfreude gestützt - eine Antwort bzw. Lösung herbeizuführen. (Aepkers 2002, S. 73)

Nach Aepkers wird der Lerner beim Forschenden Lernen demzufolge auf ein Problem hingewiesen und dazu aufgefordert, Lösungsmöglichkeiten durch forschendes Agieren selbst zu erarbeiten. Dabei kommt es nicht so sehr auf die wissenschaftliche Richtigkeit der Ergebnisse als vielmehr auf den Erkenntnisweg an: Der forschende Weg ist das Ziel. Wichtig ist vor allem das eigene Forschungsinteresse des Lerners, sodass der intrinsischen Motivation eine enorme Gewichtung beim Forschenden Lernen zukommt. Die intrinsische Motivation wird gefördert, indem „bisher subjektiv Unbekanntes in den eigenen Wissenshorizont“ (Detjen 2005, S. 566) erhoben wird. Es ist unerheblich, ob die Erkenntnisse des Lerners für die Wissenschaft wirklich neu sind. Bedeutender ist, dass das neue Wissen an bereits vorhandene kognitive Strukturen anknüpft und diese erweitert. Im Zentrum Forschenden Lernens stehen also neben dem Forschungsprozess an sich auch der Gewinn subjektiv neuer Erkenntnisse sowie die Fähigkeit zur Problembewältigung. Jeder forschende Lernprozess läuft somit individuell unterschiedlich ab, weil Probleme aufgrund subjektiver Interessen gewählt werden und an die jeweiligen kognitiven Strukturen anknüpfen. Besonders begabte SchülerInnen können sich austesten und neue Grenzen erfahren, während andere SchülerInnen mit einem eigens gewählten Tempo den Forschungsprozess Schritt für Schritt vollziehen können. Lange/Heldt fassen zusammen, dass Forschendes Lernen insgesamt auf einen Dreiklang aus Erkenntnis, Reflexion und Verständnis [abzielt]: Neben dem Gewinn selbst erschlossenen Wissens ist die Fähigkeit zentral, eigene und von anderen gewonnene Erkenntnisse kritisch einzuordnen und exemplarisch die Entstehung von Wissen zu erfahren. (Lange/Heldt 2009, S. 122)

Ein erfolgreicher Forschungsprozess zeigt sich demzufolge in der gewonnnen Fähigkeit des Schülers/der Schülerin, kritisch und reflektiert mit neu erworbenem Wissen umzugehen statt es ohne Hinterfragen aufzunehmen.

In der Schule steht dieses Lernverständnis im klaren Gegensatz zum lehrerzentrierten, rein rezeptivem Lernen. Der „Unterricht [kann] nur dann zureichend verstanden werden […], wenn dieser als ‚Arbeit’ verstanden wird, und zwar als Arbeit des Schülers“ (Hartmann 2007, S. 324). Beim Forschenden Lernen steht der Lerner und sein individuelles Erkenntnisinteresse im Mittelpunkt des Lerngeschehens und nicht das vom Lehrer aufbereitete und von allen SchülerInnen in gleicher Weise durchgeführte Aufnehmen, Abspeichern und Wiedergeben abfragbarer Inhalte (vgl. Lange/Heldt 2009, S. 122). Dementsprechend muss auch die Rolle der Lehrperson neu definiert werden. Die Lehrperson steht beim Forschenden Lernen nicht mehr im Zentrum der Lernsituation. Sie leitet den Lernverlauf aber insofern an, als sie den Forschungsprozess unterstützt, Forschungsmethoden vermittelt und die Einhaltung des forschenden Rahmens wahrt. Darüber hinaus schützt sie den Lerner vor „unreflektiertem Aktionismus“ (Aepkers 2002, S. 74), der den Forschungsprozess ins Leere laufen ließe. Die Lehrperson hat die Aufgabe, die Validität der Forschungsergebnisse zu sichern, indem sie auf kritische Distanz und Objektivität trotz Lebensnähe und subjektivem Bezug zum Thema aufmerksam macht. Auf diese Weise wird die Selbstständigkeit im Lernprozess zwar in gewisser Weise eingeschränkt, aber die Qualität des Forschungsprozesses erhöht. In diesem Zusammenhang kommt besonders der im niedersächsischen Kerncurriculum des Faches Politik-Wirtschaft betonte Anspruch der Wissenschaftspropädeutik zum Tragen.2 Forschendes Lernen läuft nur dann erfolgreich ab, wenn die Einhaltung der Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens gegeben ist. Mithilfe des Forschenden Lernens erfolgt eine Einführung in wissenschaftliches Arbeiten. Die Anleitung des Forschungsprozesses ist nötig, weil SchülerInnen überwiegend noch keinen Kontakt zum Forschen hatten und das forschende Arbeiten erst erlernen müssen. Beispielsweise kann der Forschungsprozess von Anfang an schief laufen, wenn statt einer Forschungsfrage eine Wissensfrage als Ausgangspunkt der Forschungsarbeit gestellt wird. Hier ist dann das Eingreifen der Lehrperson nötig, die die SchülerInnen darauf hinweist, die Fragestellung zu überarbeiten. Der Lehrer fungiert hier also nicht mehr als bloßer Wissensvermittler, „[e]r ist vielmehr Arrangeur einer anregenden Lernumgebung, darüber hinaus ein sich bereithaltender Berater und Helfer“ (Detjen 2005, S. 568). Mithilfe der Lehrperson werden die SchülerInnen beim Forschenden Lernen auf die Wissenschaft vorbereitet und gewinnen so schon Einblicke in die Arbeit an Universitäten. Das Konzept des Forschenden Lernens beinhaltet also Aspekte, die „über die Kriterien des Entdeckenden, der Selbststeuerung des Lernprozesses und der Handlungsorientierung hinausgeht und den Ansprüchen eines echten wissenschaftlichen Forschungsprozesses genügt“ (Ziegler/Jung 2007, S. 73).

Solch ein echter wissenschaftlicher Forschungsprozess kann aber nur dann eingehalten werden, wenn sich die Lerner auch den wissenschaftlichen Methoden und Instrumenten bedienen. In sozialwissenschaftlichen Schülerlaboren sind dies vor allem die Recherche, das Interview, die Umfrage und die Expertenbefragung. Bevor das Forschende Lernen beginnen kann, müssen die Lerner diese Handwerkszeuge kennen lernen und anwenden können. Eine gute Vorbereitung durch die Lehrperson und Instruktionen während des Forschungsprozesses sind auch hier unabdingbar.

2.2. Forschendes Lernen und Schulalltag

Im Sinne des Forschenden Lernens muss der Politikunterricht als Unterrichtsform verstanden werden, „dessen zentrale Aufgabe es ist, statt Inhalte zu vermitteln die Schülerinnen und Schüler zu aktivieren und zur Teilhabe am politischen Leben zu bewegen“ (Ziegler/Jung 2007, S. 75f.). Mithilfe des Forschenden Lernens wird also nicht nur die Befähigung zu wissenschaftlichen Methoden und Vorgehensweisen vermittelt, sondern auch Demokratieverständnis. In diesem Zusammenhang betonen Lange/Heldt vor allem das Bürgerbewusstseins, welches durch Forschendes Lernen determiniert wird. Dieses Konzept beschreibt, dass sich jedes Subjekt automatisch seine eigenen Vorstellungen über politische und gesellschaftliche Zusammenhänge macht. Es hat also bereits eine implizite Gesellschaftstheorie ausgebildet, die eines Lernanstoßes bedarf, um sich weiterzuentwickeln. Das Forschende Lernen erbringt diesen Lernanstoß, sodass es „in besonderer Weise [dazu] geeignet [ist], Denk- und Urteilsfähigkeit anzuregen, die zu einer subjektiv - potenziell auch objektiv - neuartigen Deutung der politischen Wirklichkeit führen“ (Lange/Heldt 2009, S. 124). Mithilfe des Forschenden Lernens wird der/die SchülerIn dazu angeregt, seine bisherigen Orientierungspunkte in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft neu zu ordnen. Genau dies ist das Ziel politischer Bildung.

Doch trotz der idealen Voraussetzungen, die Forschendes Lernen für die Erziehung des Lerners zu einem mündigen Bürger schafft, ist die Umsetzung im Schulalltag mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert. Aepkers bezeichnet das Forschende Lernen als Paradoxon: Zwar wäre es eine mögliche Antwort auf die Forderung nach Schulentwicklung, doch bewirken Schulleistungsmessungen wie PISA genau das Gegenteil, „da forschendes Lernen nicht unmittelbar zu Ergebnissen sondern längerfristig zu Kompetenzaufbau führt“ (Aepkers 2002, S. 77). Tests, die konkrete Antworten auf bestimmte Fragen überprüfen, können die Erfolge Forschenden Lernens nicht darstellen. Zudem ist bei dieser Lernform mit Misserfolgen zu rechnen und sie führt immer zu ungewissen Lernergebnissen.

[...]


1 Schools At University for Climate and Energy.

2 Niedersächsisches Kultusministerium (2007): Kerncurriculum für das Gymnasium - gymnasiale Oberstufe, die Gesamtschule - gymnasiale Oberstufe, das Fachgymnasium, das Abendgymnasium, das Kolleg. Politik- Wirtschaft, S. 7. Online unter: http://db2.nibis.de/1db/cuvo/datei/kc_go_powi_07_nib.pdf, 05.09.2010.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Forschendes Lernen in Schülerlaboren
Untertitel
Ein Vergleich des Politiklabors der Leibniz Universität Hannover mit dem EU-Projekt "Sauce"
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Politische Wissenschaften)
Veranstaltung
Forschendes Lernen in der Politischen Bildung
Note
Unbenotet
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V161598
ISBN (eBook)
9783640750047
ISBN (Buch)
9783640750092
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Forschendes, Lernen, Schülerlaboren, Vergleich, Politiklabors, Leibniz, Universität, Hannover, EU-Projekt, Sauce, Unbenotet
Arbeit zitieren
B.A. Julia Krüger (Autor), 2010, Forschendes Lernen in Schülerlaboren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161598

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