Der Autor setzt sich mit den idiologischen Grundlagen des Sklavenaufstands auseinander und würdigt vor allem die Leistungen des "Black Spartacus" (Sudir Hazareesingh 2022) oder "schwarzen Jakobiner" (Cyril Lionel James 1984) Toussaint Louverture. Er zeichnet die Geschichte des Aufstands nach. Das von französischen Aufklärungsideen inspirierte Konsolidierungsprogramm unter Louverture wird dargestellt. Er beschreibt die Verteidigung Insel gegen Napoleon und die Entstehung einer freiheitlichen Verfassung. Er kommt zu dem Schluss: Letztlich ist die Haitianische Revolution, obwohl sie sich gegen Frankreich wendete, die erste, die die Prinzipien der Französischen Revolution übernahm und weiter entwickelte.
Der Erfolg des Sklavenaufstands in Saint Domingue von 1791-1805, der zur Gründung des Staates Haiti führte, ist ein wenig beachtetes aber gleichwohl bedeutendes Ereignis der Weltgeschichte. Achill Mbembe formuliert dies ins seinem Werk "Kritik der schwarzen Vernunft" so: „Entscheidend ... ist das Beispiel Haitis, das sich 1804, nur zwanzig Jahre nach den Vereinigten Staaten, für unabhängig erklärt. Die Unabhängigkeitserklärung Haitis markiert eine Wende in der modernen Geschichte der menschlichen Emanzipation. … Anders als die übrigen Unabhängigkeitsbewegungen ist die haitianische Revolution das Ergebnis eines Sklavenaufstands. Sie führt 1805 zu einer der radikalsten Verfassungen der neuen Welt." Und Slavoy Žižek formulierte 2015: Man kann „die Haitianische Revolution mit Recht als eine Wiederholung der Französischen Revolution bezeichnen. Zum ersten Mal rebelliert ein koloniertes Volk nicht, um zu seinen vorkolonialen ‚Wurzeln‘ zurückzukehren, sondern um der sehr modernen Prinzipien von Freiheit und Gleichheit willen.“
Die eurozentrische Geschichtsschreibung sah die Ereignisse allerdings eher als Fußnote der Weltgeschichte. Selbst in Christopher A. Baylys Standartwerk „Die Geburt der modernen Welt“, das sich als Globalgeschichte versteht, werden die Ereignisse in Saint-Domingue nur erwähnt, weil das Heer Louvertures 100.000 englische Soldaten band und damit die Revolution in Europa schützte.
Wenn aber der Sklavenaufstand ab 1791 von besonderer und sogar weltgeschichtlicher Bedeutung war, so ist zu fragen, welches die Besonderheiten waren. Und wenn die Sklavenaufstände bislang immer zum Scheitern verurteilt waren, warum führte ausgerechnet dieser zum Erfolg?
Gliederung
1 Einleitung, Forschungsinteresse
1.1 Einführung in das Thema
1.2 Sklavenaufstände und die Bedingungen für ihren Erfolg
1.3 Die besonderen Bedingungen in Saint-Domingue
1.4 Eingrenzung des Themas
2 Der Sklavenaufstand und die Ideologie
2.1 Wie kamen die Sklaven mit der französischen Ideologie in Kontakt?
2.2 Der Sklavenaufstand bis zur Deklaration der Sklavenbefreiung 1793
2.3 Sonthonax und Louverture
2.4 Louverture als französischer General
2.5 Der Aufbau der Zivilgesellschaft
2.6 Louvertures Verfassung und der Beginn des Kampfes gegen Napoleon
2.7 Der Weg zur Unabhängigkeit
3 Fazit
4 Literaturverzeichnis
1 Einleitung, Forschungsinteresse
1.1 Einführung in das Thema
„Entscheidend ... ist das Beispiel Haitis, das sich 1804, nur zwanzig Jahre nach den Vereinigten Staaten, für unabhängig erklärt. Die Unabhängigkeitserklärung Haitis markiert eine Wende in der modernen Geschichte der menschlichen Emanzipation. …
Anders als die übrigen Unabhängigkeitsbewegungen ist die haitianische Revolution das Ergebnis eines Sklavenaufstands. Sie führt 1805 zu einer der radikalsten Verfassungen der neuen Welt. Die Verfassung verbietet den Adel, verkündet die Religionsfreiheit, greift die beiden Konzepte des Eigentums und der Sklaverei an - was die amerikanische Revolution nicht gewagt hatte.“
Man kann „die Haitianische Revolution mit Recht als eine Wiederholung der Französischen Revolution bezeichnen. Zum ersten Mal rebelliert ein koloniertes Volk nicht, um zu seinen vorkolonialen ‚Wurzeln‘ zurückzukehren, sondern um der sehr modernen Prinzipien von Freiheit und Gleichheit willen.“
Ich habe meiner Ausarbeitung zwei Zitate einflussreicher Denker des 21. Jahrhunderts vorangestellt. Sie sollen zeigen, dass der Sklavenaufstand in Saint-Domingue, der letztlich zur Unabhängigkeit führte, einen wichtigen Punkt nicht nur der europäischen Kolonialgeschichte, sondern der Weltgeschichte überhaupt markiert. Es ist daher um so erstaunlicher, dass dieses Ereignis, wie die Kolonialgeschichte überhaupt, häufig sehr randständig behandelt wird. Die eurozentrische Geschichtsschreibung sah die Ereignisse eher als Fußnote der Weltgeschichte. Selbst in Christopher A. Baylys Standartwerk „Die Geburt der modernen Welt“, das sich als Globalgeschichte versteht, werden die Ereignisse in Saint-Domingue nur erwähnt, weil das Heer Louvertures 100.000 englische Soldaten band und damit die Revolution in Europa schützte und weil eben dieses Heer Napoleon die erste Niederlage zu Lande beibrachte, als er die Sklaverei wieder einführen wollte.„Erst mit der Öffnung historischer Betrachtung weg von der westlichen hin zu einer globalen Perspektive ist auch die Geschichte Haitis als herausragendes Ereignis einer erfolgreichen Freiheitsbewegung der Sklaven von Saint-Domingue und der Unabhängigkeit Haitis stärker in den Fokus gerückt.“
Für Oliver Gliech stellen die Ereignisse in Saint-Domingue ein singuläres Ereignis dar, als „der einzigen erfolgreichen Sklavenrevolution der Weltgeschichte. Infolge dieser Umwälzung wurde die koloniale Gesellschaft vollständig auf den Kopf gestellt: Ausgehend von der hoffnungslosen Situation absoluter Unterwerfung gelang es den Sklaven, die alte soziale Ordnung von Saint-Domingue zu zerstören.“ Dabei waren Sklavenaufstände keine Seltenheit. Auch auf Saint-Domingue hatte es immer wieder solche Unruhen gegeben. Zu nennen ist hier z. B. der Aufstand des Makandal ab der Mitte der 1740er Jahre, der sich über viele Jahre hinzog. Makandal wurde 1758 hingerichtet. Ein kleinerer Aufstand folgte 1773. Wenn aber der Sklavenaufstand ab 1791 von besonderer und sogar weltgeschichtlicher Bedeutung war, so ist zu fragen, welches die Besonderheiten waren. Und wenn die Sklavenaufstände bislang immer zum Scheitern verurteilt waren, warum führte ausgerechnet dieser zum Erfolg?
1.2 Sklavenaufstände und die Bedingungen für ihren Erfolg
Gliech untersucht in seinem Buch eine ganze Reihe von Parametern, die den Erfolg des Sklavenaufstands in Saint-Domingue begünstigten. Diese gruppieren sich nach seiner Ansicht um folgende Pole: „(a) die makropolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen, (b) die verfügbaren Machtressourcen und Methoden der sozialen Kontrolle, (c) die geografische Situation der Sklavenwirtschaft, (d) die soziale Konstitution von Sklaven und Herrenschicht und namentlich die Stärke oder Schwäche ihres inneren Zusammenhalts, (e) die materielle Lage und die Lebenschancen der Zwangsarbeiter und schließlich (f) die mentale, ideologische und religiöse Prägung beider Gruppen.“ Gliech legt dabei einen Schwerpunkt auf die Auseinandersetzungen innerhalb der Herrenschicht und untermauert die These, dass die sich entwickelnde Uneinigkeit der herrschenden Eliten den Erfolg der Sklaven erst ermöglichten. Auch Osterhammel sieht in der komplizierten Zusammensetzung der kolonialen Gesellschaft in Saint-Domingue, den wesentlichen Schlüssel zum Verständnis dafür, warum der Aufstand erfolgreich war.
Fragen zur Ideologie der Aufständischen weist Gliech eine eher untergeordnete Rolle zu, stellt aber auch fest, dass die Programmatik der Rebellen zukunftsorientiert oder rückwärtsgewandt sein konnte und „die Führung der Bewegung konnte eigennützig handeln oder sich als Sachwalter ihrer Gefolgschaft verstehen.“ Unter den Bedingungen der Parallelität der Revolutionen im Mutterland Frankreich und der zunächst abhängigen Kolonie ist die Frage nach dem Einfluss der aufklärerischen Ideologie auf die Bewegung in Saint-Domingue interessant. Letztlich geht es um die konkrete Anwendung und Adaption philosophischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Ideen der Französischen Revolution durch eine Befreiungsbewegung in der Auseinandersetzung mit den Unterdrückern und beim Wiederaufbau nach der Befreiung.
1.3 Die besonderen Bedingungen in Saint-Domingue
Saint-Domingue galt als die ertragreichste Kolonie der Karibik. Der Export Saint-Domingues war um 1780 größer als der der Vereinigten Staaten und auch Mexiko oder Brasilien erreichten die Werte der französischen Insel bei weitem nicht. Für Frankreich war die Kolonie von ungeheurer Bedeutung, denn der Export von dort machte ca. ein Drittel des gesamten französischen Überseehandels aus. Die nach Frankreich importierten Waren wurden überwiegend dem gesamten europäischen Markt zugeführt.
Ca. 20 % der Fläche Saint-Domingues wurde zu dieser Zeit landwirtschaftlich genutzt. Um 1790 gab es hier etwa 8.000 Plantagen. Hier lebten ca. 30.000 Weiße, etwa eine gleichgroße Gruppe freier hommes de couleur und eine halbe Million schwarze Sklaven, also Menschen, die nach den damaligen Rechtsvorstellungen einer anderen Person gehörten. Die weiße Bevölkerung wurde in grands blancs und petit blancs, also große und kleine Weiße unterschieden. Die großen Weißen waren die Plantagenbesitzer während die kleinen Weißen, die nicht so wohlhabend waren, versuchten, als Händler oder auch als zukünftige Pflanzer dort ihr Glück zu machen. Die freien hommes de couleur hatten in der Regel einen Weißen als Vater und eine schwarze Sklavin als Mutter bzw. waren Nachfahren einer solchen Verbindung. Eine ganze Reihe von ihnen waren zu erheblichem Reichtum gekommen und waren selbst Sklavenbesitzer. Dass diese Gruppe sowohl im Hinblick auf ihre Größe als auch im Hinblick auf ihren Reichtum einen echten Machtfaktor ausmachten, ist für Saint-Domingue auch im Vergleich zu anderen Kolonien charakteristisch. Dies führte aber auch zu erheblichen Spannungen mit der weißen Bevölkerung und mit zunehmendem Reichtum wurden sie von den Weißen mehr und mehr ausgegrenzt. „Die weiße Gesellschaft sah großzügig über die niedere Herkunft von ‚Bastarden‘ und einstigen Sklaven hinweg, im Gegenzug hatten sich diese bedingungslos den Regeln der Weißen zu fügen. Die Freiheit, materielle Zuwendungen und Rechte waren nach dieser Logik von oben herabgereichte Geschenke und mithin Zugeständnisse, auf die die Begünstigten keinen Anspruch hatten.“
Auch bei den Sklaven finden wir eine gewisse soziale Hierarchisierung. „Die vor Ort geborenen Kreolen bildeten innerhalb der Gemeinschaft der Sklaven eine Art Oberschicht, die in zunehmendem Maße die Stellen von häuslichen Bediensteten, Handwerkern oder Sklaventreibern (jenen Männern, die für die Durchsetzung von Disziplin verantwortlich waren) übernahmen. Einer von drei erwachsenen Sklaven war kreolisch und die späteren Anführer des Sklavenaufstandes gehörten mehrheitlich zu diesem Personenkreis.“
1.4 Eingrenzung des Themas
Die Haitianische und die Französischen Revolution weisen viele Parallelen auf. Beide beginnen letztlich mit der Einberufung der Generalstände und enden mit Napoleon. Die beiden Revolutionen sind auch deutlich mehr aufeinander bezogen, als dies bei anderen Unabhängigkeitsbewegungen der Fall ist. Geggus stellt zur Haitianischen Revoluiton fest: „Unter den Revolutionen im Atlantikraum könnte man sie als diejenige bezeichnen, in welcher das zeitgenössische Streben nach Freiheit, Gleichheit und Unabhängigkeit am umfangreichsten zum Ausdruck kam.“ Im Unterschied zu den USA führten „in Saint-Domingue die weiße, die freie farbige und die versklavte Bevölkerung jeweils ihre eigenen Freiheitskämpfe.“ Diese drei Freiheitskämpfe waren sicher sehr aufeinander bezogen.
Aber es gab zeitliche Schwerpunkte. So darf man den Zeitraum bis zum Beginn des Sklavenaufstands 1791 als denjenigen bezeichnen, in dem sich die Eliten um die Vorherrschaft in der Kolonie stritten. Es ist kaum zu übersehen, dass diese Eliten ausschließlich für ihre eigenen vor allem wirtschaftlichen und machtpolitischen Vorteile stritten. Letztlich wären diese Auseinandersetzungen geschichtlich völlig unbedeutend geblieben, hätten sie nicht zu einem tiefen Riss innerhalb der Eliten geführt. Als äußerlicher Erfolg dieser Bewegung kann angeführt werden, dass Delegierte aus Saint-Domingue zur Nationalversammlung zugelassen wurden. Diese Auseinandersetzungen sollen aber nicht nachgezeichnet werden.
Deutlich größeren Einfluss auf die Entwicklung in Saint-Domingue war der Freiheitskampf der freien Farbigen ab 1790. Dieser führte letztlich zu zeitweisen Koalition mit den aufständischen Sklaven. Auch dieser Freiheitskampf steht nicht im Zentrum der Betrachtung, muss aber immer wieder mit reflektiert werden.
Schwerpunkt der Betrachtung ist der Aufstand der Sklaven, den ich in drei Phasen unterteilen möchte. Die erste Phase ist der Aufstand gegen die Plantagenbesitzer ab 1791. Die zweite Phase ist die, in der Toussaint Louverture seine Macht konsolidiert und zum Gouverneur der Kolonie aufsteigt. Darin wird auch deutlich, welchen Weg die Kolonie hätte nehmen können. Die dritte Phase ist der Abwehrkampf gegen die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon, die letztlich zur Unabhängigkeit führte. Als Beginn des Zeitrahmens ist daher der Beginn des Sklavenaufstands von 1791 zu sehen. Als Ende des Rahmens kamen zwei Daten in Frage, die jeweils mit einem Dokument verknüpft sind. Es sind dies die Unabhängigkeitserklärung von 1804 und die erste Verfassung Haitis 1805. Aus meiner Sicht ist erst mit der Verfassungsgebung die Entwicklung abgeschlossen, die 1791 begann.
Durch die Schwerpunktsetzung auf den Freiheitskampf der Schwarzen müssen auch viele Aspekte, die eine Rückwirkung auf die Metropole hatten, randständig behandelt werden. Sie kommen nur dann in den Blick, wenn sie wiederum einen Gegenreaktion in der Kolonie fanden.
Ein Wort noch zu den Begriffen, mit denen die Menschen in Saint-Domingue angesprochen werden. Unproblematisch ist dies bei den Weißen. Sie sind eindeutig definiert und werden bestenfalls in „große“ und „kleine“ Weiße unterschieden, womit ein Unterschied in der ökonomischen Potenz gemacht wird. Auch bei den Schwarzen ist die Begrifflichkeit im von mir geschriebenen Text recht einfach. Die Begriffe „Schwarze“, „Sklaven“, „Afrikaner“ oder „afrikanische Zwangsarbeiter“ werden weitgehend synonym verwendet, wobei die Wahl des Begriffes vom Kontext abhängen kann. Unterschieden wird noch zwischen „Bossales“ und „schwarzen Kreolen“, wobei erstere noch in Afrika geboren wurden, während letztere in Saint-Domigue oder einer anderen Kolonie geboren wurden.
Schwierig wird die Begrifflichkeit bei den Freien Farbigen, hommes de couleur oder people of color, womit ich gleich die Begriffe genannt habe, die ich weitgehend verwenden werde. Es handelt sich dabei um Freie, die sowohl europäische, als auch afrikanische Vorfahren haben. Eingeschlossen sind dabei die freien Schwarzen. In der Literatur finden sich sowohl für Schwarze als auch für hommes de couleur verschiedene Bezeichnungen, die aber durchweg eine pejorative Konnotation haben. So wurden letztere in Saint-Domingue von den Weißen als „gens de couleur“ bezeichnet, wobei gens als „Leute“ oder auch als „Gesinde“ übersetzt werden kann. Dabei wurde immer auch der Makel der Unehelichkeit mitgedacht. Es lässt sich aber kaum vermeiden, dass Begriffe, die heute eine pejorative Konnotation besitzen, im Text auftauchen. Dies ist aber nur in Zitaten der Fall.
2 Der Sklavenaufstand und die Ideologie
Zentrales Thema dieser Ausarbeitung ist der Einfluss der Ideologie auf die aufständischen afrikanischen Zwangsarbeiter. Daher soll gezeigt werden, auf welchem Weg die Sklaven mit den freiheitlichen Ideen aus Frankreich in Kontakt kamen. Wie gingen die Sklaveneliten mit diesen Ideen um? Waren diese Ideen schon zu Beginn des Aufstands Teil der Bewegung oder wurden diese Ideen erst langsam auf die Bedürfnisse der versklavten Bevölkerung umgemünzt? Welche ideologischen Grundlagen gab es noch? Die Führer der Revolution hatten einen erheblichen Einfluss auf die Massen der Sklaven. Daher steht die Frage, wie sie ihre politischen Ansichten entwickelten. Hier soll insbesondere Toussaint Louverture näher betrachtet werden, der sich nicht nur zum Revolutionsführer entwickelte, sondern sich auch ideologisch bildete und durch Diskussionen mit Weißen seine Programmatik für die Kolonie Saint-Domingue herausbildete, die letztlich in seine Verfassung mündete.
Die Rebellen übernahmen aber nicht nur Ideen der Französischen Revolution, sie entwickelten sie auch weiter oder passten sie ihren Bedürfnissen an. So entstand ein „eigenes Set emanzipatorischer Prinzipien“ und wurden „zur meisterhaftesten politischen Improvisation der radikalen Aufklärung.“
2.1 Wie kamen die Sklaven mit der französischen Ideologie in Kontakt?
Die Französische Revolution führte auch in der Kolonie zu einer allgemeinen Politisierung. Dies konnte an der schwarzen Mehrheit der Bevölkerung nicht spurlos vorübergehen. Sie beobachteten die Kolonialwahlen, die Diskussionen und Debatten zwischen Weißen und hommes de couleur, die eben auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen diesen Gruppen führten. Auch wenn sie selbst an diesen Debatten nicht teilnehmen konnten, erreichten sie die radikalen Ideen aus Frankreich dennoch. Seeleute und Soldaten brachten begeistert die Parolen von Freiheit und Gleichheit aus der Metropole mit in die Seehäfen Saint-Domingues. Die Hafenstädte waren nicht nur Umschlagplätze für Waren, sondern in gleichem Maße auch für Informationen. An den Docks waren zahlreiche Sklaven beschäftigt, die die französischen Parolen aufnahmen und weiter verbreiteten. Allerdings versuchte die Kolonialverwaltung den Anteil der Sklaven an den Docks gering zu halten und die Seeleute nahmen im weiteren Verlauf eine ambivalente Haltung ein und neigten eher zum Bündnis mit den Weißen.
Ein Einfallstor für die Ideen der Revolution könnten auch die Soldaten gewesen sein, die im März 1791 in Saint-Domingue eintrafen. Nach James kam es zu Verbrüderungen von Soldaten, Mulatten und Schwarzen, die auch sofort zu sofort zu kleineren Unruhen führten.
Eine Schlüsselrolle spielten fraglos die Transportbegleiter und Kutscher, die regelmäßig die Plantage verließen und häufig im Auftrag ihrer Herren die Hafenstädte aufsuchten, um Lieferungen abzugeben oder Besorgungen zu machen. Sie verbrachten die Abende in den örtlichen Herbergen, trafen dort auf andere Sklaven der gleichen Branche und hatten viel Zeit, um mit diesen zu diskutieren. Teilweise erreichten sie Neuigkeiten aus Europa noch vor ihren Herren. Neben den Domestiken waren sie die wichtigsten Informationsträger der Sklaven. Eben diese Domestiken waren in der Regel der französischen Sprache mächtig. Sie waren dabei, wenn ihre Herren die neueste Politik diskutierten. Sie waren daher bestens informiert über die Vorgänge in Frankreich und wie ihre Herren die Lage beurteilten.
Die Informationen aus Frankreich wurden von den Kolonisten durchaus als Gefahr erkannt. Sicherlich wurde diskutiert, welche Sprengkraft denn tatsächlich von der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte ausging. Musste diese bekämpft werden oder konnte man ihnen mit Gelassenheit begegnen? „Die Vereinigten Staaten hatten ähnliche eherne Prinzipien verkündet und die Sklaverei beibehalten, ohne dass es dort zu schweren politischen Erschütterungen gekommen wäre. Gleichwohl traten sie allen mit Entschiedenheit entgegen, die sich um die Verbreitung der Menschenrechtserklärung in der Karibik bemühten. Seit 1789 zogen vereinzelte revolutionäre Wanderprediger durch die Kolonie und verlasen den Text vor schwarzem Publikum. Sobald die Pflanzer von solchen Vorfällen hörten, gingen sie sofort gegen diese politischen Missionare vor. Im günstigsten Falle folgte ihre Ausweisung aus der Kolonie. In anderen Fällen wurden sie in plantageneigenen Kerkern inhaftiert oder gelyncht.“
Die Kolonialverwaltung versuchte mit aller Macht, der Flut der Druckerzeugnisse aus Frankreich Herr zu werden. Sie konnte aber kaum verhindern, dass diese auch den Weg in Sklavenhände fanden. Sklaven kauften revolutionäre Bilder und Pamphlete und trugen Bücher revolutionären Inhalts bei sich. Gerade die Sklaveneliten konnten vielfach auch lesen, schon weil dies für ihre Aufgaben auf den Plantagen notwendig war.
Natürlich waren die Sklaven nicht auf dem Stand der Diskussion in Frankreich und viele Gerüchte geisterten durch die Kolonie. Viele Sklaven glaubten der Erzählung, weiße französische Sklaven hätten in Frankreich ihre Herren getötet und seien nun frei und regierten sich selbst. Kreolische und französische Ideen vermischten sich. Als Beispiel mag ein Aufständischer dienen, der Ende 1791 gefangen genommen wurde. Er trug um den Hals ein Säckchen mit Voodoo-Fetischen und in der Tasche französische Flugblätter mit populistischen Ideen zu Menschenrechten und einem heiligen Aufstand bei sich. Auch die Geschichte des Pflanzers Leclerc, über die Hazareesingh berichtet ist hier interessant. Seine Plantage in der Nähe von Limbé war während der ersten Tage des Aufstands zerstört worden. Lediglich ein Gebäude stand noch, dass offenbar dem Kommandeur der Rebellen als Unterkunft gedient hatte. Auch seine gesamte Bibliothek war bis auf ein Werk zerstört. Dabei handelte es sich um Raynals „Geschichte beider Indien“ und aufgeschlagen war die Stelle, an der Raynal für den Fall der Nichtfreilassung der Sklaven „schreckliche Vergeltungsaktionen“ befürchtete. Dem Kommandeur kann man weder Belesenheit noch Humor absprechen.
Allerdings scheinen die Ideen von Freiheit und Gleichheit anfangs noch eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Ein wichtiges Ziel scheint zunächst gewesen zu sein, das Los als Sklave zu leben, zu erleichtern. Das wird anlässlich einer kleineren Revolte, die sich bereits im Januar 1791 in der Südprovinz ereignete deutlich. Ziel war es hier, drei freie Tage pro Woche zu erreichen. Ein Ziel, von dem die Sklaven glaubten, es sei ihnen vom französischen König zugestanden worden. Überhaupt kursierten über den König die wildesten Gerüchte. Viele Sklaven wollten im August 1791 noch gar nicht losschlagen, weil überall erzählt wurde, der König habe Truppen ausgesandt, die die Macht der Sklavenbesitzer einschränken sollten. Einige Sklaven wollten auf die Ankunft dieser Truppen warten. Das gute Bild, das hier vom König gezeichnet wird, könnte seine Grundlage in den 1780er Jahren haben, als königliche Beamte tatsächlich versucht hatten, Arbeitsreformen durchzusetzen, die das Sklavenregime gemildert hätten. Die Weißen hatten dies zwar verhindert. Der König wurde aber so von den Sklaven als Gegengewicht zu den Pflanzern wahrgenommen.
Im Hinblick auf die ideologischen Grundlagen des Aufstands spielte die synkretische Religion des Voodoo zumindest am Anfang eine bedeutende Rolle. Mit dem Voodoo war in Saint-Domingue ein Kult entstanden, der Riten verschiedener afrikanischer Religionen vermengte und auch christliche Anteile aufnahm. Insbesondere die katholische Heiligenverehrung wurde umgedeutet und den Heiligen afrikanische Gottheiten zugeordnet. „Bildnisse katholischer Heiliger in Sklavenhütten standen zumeist für Vaudou-Götter, die damit - obwohl omnipräsent - nur für Eingeweihte sichtbar waren. Mit der Religion besaßen die Afrikaner eine autonome Sphäre, die sich der weißen Kontrolle fast vollständig entzog.“ Über den Voodoo-Kult besaßen die Sklaven eine weitgehend unauffällige Geheimgesellschaft, die sich sowohl zur Vernetzung und geheimen Absprachen, als auch zur Mobilisation eignete.
Voodoo trug also erheblich zur Identitätsfindung der Sklaven bei. In der Literatur wird aber im Hinblick auf die gemeinsame Identität auch das sehr moderne Wort „Nation“ als einender Faktor der Sklaven benutzt. „Auch wenn die Sklaven aus unterschiedlichen Ethnien, Kulturen und Sprachräumen Afrikas stammten, ergab sich über das gemeinsame Schicksal der Verschleppung und Versklavung eine gemeinsame Identität, die sich in einer Vernetzung über Plantagen hinweg realisierte.“ Auch der Katholizismus hatte seinen Anteil an der Netzwerkarbeit der Sklaven. Sehr viele katholische Geistliche unterstützten den Aufstand.
Waren die ideologischen Grundlagen anfangs sehr heterogen, so galt das für die Ziele in ähnlichem Maße. Die Ideen der Französischen Revolution waren zwar von Anfang an virulent, doch standen Ziele wie die Verbesserung der Lage der Sklaven zunächst im Vordergrund. Erst nach und nach wurde die Parolen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit an die örtlichen Verhältnisse angepasst und immer wichtiger.
Dass es auch sehr einfache, von Hass und Rache geprägte Aufstandsziele gab, ist nicht zu leugnen. Hazareesingh zitiert einen Aufständischen: Das Ziel sei „nichts weniger als die Vernichtung aller Weißen, mit Ausnahme von ein paar, die keinen Besitz hätten, einigen Priestern, Ärzten und Frauen, um sich selbst zu Herren des Landes zu machen.“ Wenn James allerdings behauptet, der Plan des Massenaufstandes sei von vorn herein die Vernichtung der Weißen und die Übernahme der Kolonie gewesen, so muss man auch hier fragen, auf welcher Grundlage er diese Behauptung aufstellt.
2.2 Der Sklavenaufstand bis zu Deklaration der Sklavenbefreiung 1793
Die Situation in der ersten Jahreshälfte in Saint-Domingue war äußerst angespannt. Nicht nur weil es zwischen Weißen und hommes de couleur praktisch einen Bürgerkrieg gab. Es gab auch immer wieder kleinere Revolten in den Sklavenateliers, die z. T. durch Matrosen oder weiße Soldaten angestachelt wurden. Die Weißen gingen dagegen mit brachialer Gewalt vor und sie versuchten mit erhöhter Gewaltanwendung ihre Autorität zu sichern. „Der Comte de Guitton, Emissär des Club Massiac in London, bereiste im Juli 1791 Saint-Domingue und forderte die Kolonisten auf, dem Beispiel des Sklavenschlächters Caradeux zu folgen und möglichst viele Afrikaner zu köpfen, um potentielle Rebellen zu entmutigen. … Es steht außer Frage, dass die Eskalation der Gewalt, die nun folgte, von den weißen Pflanzern eingeleitet wurde.“
Ganz offensichtlich war der eigentliche Aufstand von langer Hand vorbereitet. Die Sklaveneliten aus Kutschern, Haussklaven, Aufsehern und so weiter hatten die Auflösungserscheinungen in der herrschenden Sklavenhalterklasse beobachtet und begonnen vor allem in der reichen Nordprovinz ein Netzwerk zu schaffen. Aus den Quellen ist zu schließen, dass es vor dem Aufstand mindestens ein, vermutlich sogar zwei große Treffen von Sklaven gab, die zusammen etwa 100 Plantagen repräsentierten. Umstritten ist in der Wissenschaft, ob es ein später legendäres Treffen im Bois Caiman überhaupt gegeben hat, bei dem der Rebellenführer Dutty Boukman die Aufständischen mit einem Voodoo-Ritual eingeschworen haben soll. In den frühen Quellen zum Sklavenaufstand findet sich kein Beleg. Da sich aber spätere Quellen auf Augenzeugen berufen, wird von den meisten Historikern heute vertreten, dass es zwar ein Treffen gab, dieses aber später in seiner Bedeutung aufgebauscht wurde.
Boukman scheint aber einer der ersten wichtigen Führer des Aufstands gewesen zu sein, auch wenn diese Bewegung anfangs keine Einheitlichkeit aufwies und sich viele Anführer von Sklavengruppen finden, die sich als Kopf der Bewegung sahen. Einige legten sich gar den Titel „König“ bei.
Vieles deutet darauf hin, dass der Aufstand am 25. August beginnen sollte, da an diesem Tag die Eröffnung der Kolonialversammlung geplant war und die Rebellen davon ausgingen, dass viele weiße Herren aus diesem Grunde nicht auf ihren Plantagen sein würden. In einzelnen Orten hatten aber Rebellen schon ab dem 21. August losgeschlagen. Dies führte zu einer Verhaftungswelle und gefährdete so die ganze Bewegung. Boukman sah sich dadurch gezwungen ebenfalls früher als geplant anzugreifen und so begann die Revolte in seiner Heimatgemeinde Acul am 22. August. Die Sklavenaufstand verbreitete sich wie ein Flächenbrand und bereits am 23. August waren 2.000 Sklaven beim Einfall in Limbé beteiligt, wo sie den örtlichen Militärposten und die Plantagen zerstörten. In der Nordprovinz wurden bald fast alle Plantagen ein Raub der Flammen. Man geht davon aus, dass sich Ende August bereits 10.000 afrikanische Zwangsarbeiter dem Aufstand angeschlossen hatten. Im November gehörten die Hälfte aller Sklaven der Nordprovinz – also ca. 80.000 – zur Rebellenarmee. Auch wenn Vieles darauf hindeutet, dass eine Reihe von Aktionen ziemlich spontan erfolgten, muss man doch von einer Koordination ausgehen. Anders ist es nicht denkbar, dass innerhalb eines Vierteljahres ein Großteil der Nordprovinz unter die Kontrolle der Rebellen geriet. Die raubenden, plündernden und mordenden wilden Horden, sind Ausdruck einer späteren weißen Propaganda. Sicher gab es erhebliche Gewalt gegen die Europäer, aber von einem Blutrausch kann keine Rede sein. Nach neueren Untersuchungen kamen in den ersten Tagen des Aufstands 37 Europäer ums Leben, vor allem solche, die bereits bei den Sklaven besonders verhasst waren. Die Rebellen übten aber nicht nur Gewalt gegen Weiße aus. Sie zwangen auch andere Sklaven, sich ihrem Aufstand anzuschließen.
Als Grund für die schnellen Erfolge der Selbstbefreiten darf auch angeführt werden, dass viele Sklaven über militärische Erfahrungen verfügten. Sie waren häufig bei militärischen Aktionen in Afrika in Gefangenschaft und anschließend in die Sklaverei geraten. Sie hatten Erfahrung im Dschungelkampf. Die Schwarzen konnten auf die Waffen zurückgreifen, die auf jeder Plantage vorhanden waren. Sicher waren dies nur wenig Gewehre, aber auch Macheten und andere Arbeitsgeräte konnten als Waffen gebraucht werden. Einzelne Sklaven verfügten über Erfahrungen mit Schusswaffen, entweder aus den Kämpfen in Afrika oder als privilegierte Sklaven, die beispielsweise bei der Jagd Waffen trugen. Bei den ersten Gefechten mit weißen Milizen wurden auch Kanonen erbeutet. Im siebenjährigen Krieg waren auch Sklaven an diesen Waffen geschult worden, so dass den Sklaven auch Artillerie zur Verfügung stand. Einzelne Führer kannten zudem die Kampfesweise der Weißen sehr genau. So gab es schwarze französische Regimenter im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und Linebaugh und Rediker weisen darauf hin, dass z. B. die späteren Generale Henri Christophè und André Rigaud Veteranen dieser Regimenter waren.
Nach der ersten erfolgreichen Phase des Aufstandes stellten sich viele Fragen neu. Zur Sicherung der Ergebnisse wurden Bündnispartner benötigt. Lebensverhältnisse und Versorgung mussten gesichert werden aber auch die Frage der Ideologie und der Ziele stellte sich neu. Als Bündnispartner bot sich Spanien nahezu an. Die Sklaven hatten sich in das bergige Hinterland zurückgezogen und richteten dort Feldlager ein, die aber auch langfristig genutzt werden sollten. Damit rückte man nahe an die Grenze zum spanischen Santo Domingo.
Spanische Schmuggler waren sicher die ersten, die mit den selbstbefreiten Sklaven kooperierten. Sie stellten die Versorgung mit allen mögliche Bedarfen aber auch mit Waffen und Munition sicher. Die spanische Kolonie beobachtete natürlich die Vorgänge in der Nachbarschaft. Nach 1789 war das Verhältnis Frankreich Spanien als sehr spannungsreich anzusehen, allerdings wollte man spanischerseits sicher zunächst keinen Krieg. Obwohl selbst Sklavenhalterstaat beobachtete man die Unruhen mit vorsichtiger Sympathie und so kam es zu einer Annäherung zwischen den Aufstandsführern und der spanischen Kolonialverwaltung.
Über die Ziele gibt es zu diesem Zeitpunkt kaum verwertbare Quellen. Von Rebellenseite gab es noch keine Aufrufe oder sonstige öffentliche Verlautbarungen. Vermutlich gab es auch noch keinen Plan, wie die Zukunft aussehen sollte. Die „Freiheit“ war noch ein sehr abstraktes und noch mit wenig Inhalt gefülltes Ziel. Die Deklaration der Menschenrechte war inzwischen unter den Sklaven bekannt. Die kreolische Parole „Tou moun se moun“, kreolisch für „Alle Menschen sind Menschen“ die weit verbreitet gewesen sein soll, entspricht der afrikanischen Philosophie des Ubuntu, ist aber auch mit den Freiheitsideen der Französischen Revolution kompatibel. Dies deutet zwar auf eine Ideologisierung hin, doch standen die unmittelbaren Interessen im Vordergrund. Es gibt Hinweise darauf, dass die Aufständischen bereit gewesen wären, den Aufstand abzubrechen, wenn die Sklaverei abgeschafft würde. Nur wie dann das Leben auf den Plantagen oder außerhalb zu organisieren sei, war noch nicht klar. Ganz allgemein ging es ihnen um die Verbesserung der Lebenslage. Und die Forderung nach Land, das sie als Kleinbauern bewirtschaften wollten, gehörte sicher auch dazu. Afrikanische Kleinbauer, die sie vor der Versklavung gewesen waren, wollten nun in einem fremden Land wieder als Kleinbauern leben.
Welche Ziele hatten die Anführer des Aufstands? Diese verfügten über großen Einfluss bei den Selbstbefreiten und konnten langfristig auf die ideologischen Grundlagen des Aufstandes einwirken. In der ersten Phase des Aufstandes sind vor allem vier Männer zu nennen, die als Kopf des Aufstandes gelten können. Zwar gab es regional noch weitere Führer, die aber längerfristig keine besondere Wirkung entfalteten. Einer der hier interessierenden Führer war Dutty „Zamba“ Boukman, der immer mit dem Voodoo-Kult in Verbindung gebracht wird. Er fiel aber bereits im November 1791, so dass er keine weitere Wirkung auf die Aufständischen entwickeln konnte, auch wenn sein Charisma in der ersten Aufstandsphase von hoher Bedeutung war. Auch in der Wahrnehmung der Weißen folgten ihm als Führer des Aufstands Jean-François Papillon und als dessen Stellvertreter Georges Biassou, die aber bei Weitem nicht die Ausstrahlungskraft Boukmans erreichten. Als vierter Aufstandsführer zu Beginn der Revolte kann Jeannot Bullet genannt werden. Er war im Osten des Aufstandsgebiets der Führer der Revolte.
Jean-François und Georges Biassou wird man heute im Nachhinein als Royalisten kennzeichnen können. Sie waren fest davon überzeugt, den französischen König auf ihrer Seite zu haben. Dabei war ihr „Königsideal“ nicht nur europäisch geprägt, sondern hatte auch afrikanische Wurzeln wo der ideale König wirklicher Schutzherr seines Volkes zu sein hatte. Sie waren die ersten Ansprechpartner für die spanische Kolonialverwaltung. Die Hinrichtung des französischen Königs befestigte ihr Bündnis mit den Spaniern weiter. Jean-François war insgesamt sehr verhandlungsbereit und stellte sich gegen allzu brutales Vorgehen gegen die Weißen. Das unterschied ihn deutlich von Jeannot, der als Scharfmacher gegen die Weißen auftrat. Jean-François ließ ihn daher verhaften und hinrichten.
Biassou und Jean-François waren recht eitel und sich der Wirkung von Titeln und Auszeichnungen bewusst. So hatte sich Jean-François zunächst zum König krönen lassen, legte sich aber später den Titel eines Großadmirals zu. Biassou ließ sich als Vizekönig und Generalgouverneur betiteln. Beide traten als Chevaliers de Saint-Louis auf und trugen die entsprechenden Orden. Beide traten offenbar nicht für die vollständige Befreiung der Sklaven ein. Im Dezember unterbreiteten sie in Friedensangebot, in dem sie für sich und andere Führer der Revolte die persönliche Freiheit, für die aufständischen Zwangsarbeiter verlangten sie eine Generalamnestie und ein Gesetz zum Schutz der Sklaven, mithin nur eine Verbesserung der Lebensverhältnisse. Lediglich Jeannot widersetzte sich den Verhandlungen mit den Weißen. Das Friedensangebot wurde allerdings von der Kolonialversammlung rüde abgelehnt. Diese verspielte damit eine echte Chance, den Aufstand frühzeitig zu beenden. Jean-François und Biassou banden sich daraufhin noch enger an die Spanier und blieben diesem Bündnis auch treu, nachdem die Zivilkommissare die Sklavenbefreiung in Saint-Domingue verkündet hatten. Aus diesem Grund brach Toussaint Louverture, der zu diesem Zeitpunkt in der zweiten Reihe der Aufstandsführer stand, mit den Biasou und Jean-François und schloss sich den Franzosen an.
Es gibt allerdings ein Dokument, das Bezug auf die Menschenrechtserklärung nimmt. Es entstand wohl im Juli 1792 und richtete sich an die Kolonialverwaltung und die französischen Bürger. Darin wird die Sklaverei als nicht vereinbar mit dem Naturrecht und den Prinzipien der Deklaration der Menschenrechte gegeißelt. In dem Dokument finden sich aber auch deutliche Bezüge zum Christentum, etwa wenn es darin heißt: „Wir sind alle nach dem Bild unseres Vaters erschaffen und teilen daher die gleichen natürlichen Rechte.“ Der Brief enthält aber auch Angebote an die Weißen. So sollte im Falle der Kooperation der Besitz und die Einkünfte respektiert werden. Unterschrieben war der Brief von Jean-François, Biassou und Gabriel Belair. Die Autorenschaft der drei ist aber höchst unwahrscheinlich, so dass darüber gestritten wird, wer der oder die Verfasser des Dokuments waren. Hazareesingh trägt gute Argumente für seine These vor, Toussaint Louverture sei der Verfasser. Angesichts der interessanten Mischung aus Ideen der Aufklärung und des christlichen Glaubens ist seine Argumentation zumindest gut nachvollziehbar. Wäre dies tatsächlich der Fall, läge ein sehr frühes Dokument über die ideologischen Vorstellungen Louvertures vor.
2.3 Sonthonax und Louverture
Louverture wird von Geggus als zentraler Akteur der Haitianischen Revolution gesehen. Er war kreolischer Schwarzer, also in Saint-Domingue geboren. Sicher ist, dass er aus einer hoch angesehenen Familie stammte und seine Vorfahren vermutlich dem afrikanischen Adel eventuell sogar einem Königshaus angehörten. Leider sind die diesbezüglichen Angaben in der Literatur sehr widersprüchlich. Und Hazareesingh, der die jüngste Biografie vorgelegt hat, äußert sich dazu sehr vorsichtig, zumal es offenbar an nachprüfbaren Belegen fehlt. Gliech stellt fest, dass sowohl der Vater als auch der Großvater Toussaints den Titel eines „Gaou“ trugen, was einem Generalissimus entspricht.Toussaint Louverture dürfte damit von Kindesbeinen an, mit einem entsprechenden Statusbewusstsein ausgestattet gewesen sein. Die Herkunft aus einer hochadeligen afrikanischen Familie war ihm durchaus bewusst und er setzte später sein Wissen über die entsprechenden Umgangsformen und Riten im Umgang mit den aufständischen Sklaven durchaus ein. Außerdem war er von seinem Vater in die afrikanische Heilkunde eingeführt worden. Er wurde um 1740 auf der Zuckerplantage des Grafen Pantaléon de Bréda in der Nähe von Haut-du-Cap als Sklave geboren. Sein Sklavenname war Toussaint á Bréda. Den Namen „Louverture“ legt er sich erst zu Beginn des Sklavenaufstands zu. Obgleich von schwächlicher Natur kämpfte er dagegen mit körperlicher Ertüchtigung an und wurde z. B. ein ausgezeichneter Reiter. Vermutlich lernte er bei den Jesuiten, die seelsorgerisch für Haut-du-Cap zuständig waren, Lesen und Schreiben. Dem Katholizismus blieb er immer treu auch wenn er sich sehr gut mit den Voodoo-Ritualen auskannte. Von seinem Vater hatte er die Fon-Sprache der afrikanischen Volksgruppe der Allada gelernt. Toussaint war ein Netzwerker, wobei sein erstes Netzwerk seine Familie und Menschen waren, mit denen er auf der Plantage Bréda in Berührung kam. Er erweiterte dieses Netzwerk aber stetig. Später hielt er immer wieder schützend seine Hand über die, die zu seinen frühesten Netzwerken gehörten. Beispielsweise brachte er offenbar bevor er sich dem Sklavenaufstand direkt anschloss, die Familie seiner ehemaligen Herren in Sicherheit. Wenn hier der Ausdruck ehemalige Herren genutzt wird, dann deshalb, weil Toussaint bereits viele Jahre vor dem Aufstand aus der Sklaverei entlassen worden war. Dennoch lebte er weiterhin auf der Bréda-Plantage. Er war offenbar mit verschiedenen Tätigkeiten befasst. U. a. war er als Kutscher tätig. Er war aber auch einige Zeit Aufseher von 13 Sklaven seines Schwiegersohns Philipp-Jasmin Désir. Nach neuesten Forschungen gehörte zu diesen 13 Sklaven auch sein späterer General Jean-Jacques Dessalines und auch Jean-François Papillon und Jeannot Bullet waren ihm vor Ausbruch des Aufstands bekannt.
Schwer einzuschätzen sind Toussaints Bildungsstand und seine politischen und weltanschaulichen Überzeugungen vor dem Sklavenaufstand. James geht davon aus, dass diese weit fortgeschritten waren. „Er kannte Cäsars Kommentare, die ihm gewisse Vorstellungen von Politik und Kriegskunst und den Zusammenhang zwischen beiden vermittelten. Da er Abbé Raynals dicken Band über Ost- und Westindien nicht nur einmal gelesen hatte, verfügte er über solides Grundwissen in Ökonomie und Politik.“ Hazareesingh ist hier wesentlich vorsichtiger. Er geht davon aus, dass Toussaint Raynals Werk erst wesentlich später aneignete. Folgt man ihm, dann ist lediglich sicher, dass Toussaint früh als „katholischer Eiferer“ galt. Berührungspunkte zur französischen Aufklärung sieht er in dieser frühen Zeit nicht oder kann sie zumindest nicht nachweisen. Eher sieht er ihn in der Tradition des Makandal. Das steht in einem gewissen Konflikt mit seiner Idee, Toussaint könnte der Autor des bereits erwähnten Briefes vom Juli 1792 sein.
Léger-Félicité Sonthonax hatte sich bereits in einer frühen Phase der Französischen Revolution mit den Fragen der Kolonien und der Sklaverei befasst, bevor er als Zivilkommissar nach Saint-Domingue entsandt wurde. Durch verschiedene Zeitungsartikel hatte er sich 1790 bei der Koloniallobby unbeliebt gemacht. Sein Credo war, dass revolutionäre Philosophie und Sklaverei unvereinbar wären. 1763 war er in Oyonnax im Juragebirge geboren worden und hatte in Dijon Jura studiert. Er war Anwalt am Pariser Parlament und trat den Jakobinern bei. Ab 1790 schrieb er für das Blatt Révolutions de Paris. Auch wenn die Artikel über die Sklaverei anonym erschienen, war 1792, als er zum Zivilkommissar für Saint-Domingue ernannt wurde, vielen klar, dass er radikaler Abolitionist war. Auch Ètienne Polverel, der zweite Zivilkommissar war Anwalt des Parlaments und Jakobiner. 1791 hatte er Barnave, dessen Gegenspieler er in der Kolonialdebatte war, aus dem Jakobinerclub gedrängt. Die Pflanzerlobby war über die Auswahl der Zivilkommissare natürlich nicht glücklich.
Mit Sonthonax und Polverel trat im September 1792 die zweite Zivilkommission ihr Amt in Saint-Domingue an. Da die erste Kommission die Vorstellungen der Metropole nicht hatten durchsetzen können, erhielt die neue Kommission ein deutlich robusteres Mandat. 6.000 Soldaten begleiteten sie in die Karibik. Sie kamen in eine Kolonie, die fast im Chaos versank. Ein riesiges Sklavenheer hatte große Teile der Insel unter Kontrolle. In den übrigen Teilen der Kolonie wütete weißer Terror, was den Kommissaren durch die überall sichtbaren aufgespießten Köpfe von Sklaven deutlich wurde und zwischen Weißen und freien hommes de couleur herrschte Bürgerkrieg. Schon im Dezember kam es in Cap Français zum Aufstand gegen die Kommissare. Dieser konnte aber niedergeschlagen werden, so dass Sonthonax seine Aufmerksamkeit auf den Sklavenaufstand richten konnte.
So waren Sonthonax und Louverture militärische Gegner. Der französischen Armee gelangen in einer ersten Offensive erhebliche Erfolge, indem eine ganze Reihe von Städten erobert wurden. Insbesondere Louverture, der inzwischen von Biassou zum General befördert worden war, gelangen in der Gegenoffensive ebenfalls bedeutende Prestige-Erfolge. Unter anderem setzte er sich in Gonaives fest, einem Städtchen, dass eine Landbrücke zwischen der Nord- und der Westprovinz darstellte. Es scheint von Anfang an eine Korrespondenz zwischen den Zivilkommissaren und den Rebellen gegeben zu haben. Unterstellt man Louverture auch Sympathien für die französischen Republikaner, zu denen Sonthonax zweifelsfrei gehörte, so gab es doch keinen Grund für den Rebellengeneral auf die französische Seite zu wechseln. Um die Pflanzer zu beruhigen hatte Sonthonax gleich zu Beginn geäußert, die Sklaverei sei für Saint-Domingue aus wirtschaftlichen und kulturellen Gründen unabdingbar. Das konnte auf Seiten der Rebellen kaum Vertrauen schaffen.
Aber Louverture war offen in der Wahl der Bündnispartner. Ziel war es, die Freiheit aller Sklaven auf der Insel Hispaniola zu erreichen. Erster Ansprechpartner waren dabei die Spanier, denen er einen Plan vorlegte, wie die Insel unter spanischer Kontrolle gesichert werden könne. Da aber die Sklavenbefreiung für die Spanier nicht denkbar war, lehnte der Gouverneur Garcia den Plan ab. Im Frühjahr legte er einen vergleichbaren Plan den Franzosen vor, der aber auch eine Amnestie für die Rebellen und die Befreiung aller Sklaven vorsah. Die Franzosen waren aber nur zu kleineren Zugeständnissen bereit. Enttäuscht hielt Louverture ihnen daraufhin deren barbarisches Verhalten nicht nur gegenüber den Sklaven, sondern auch durch die vielen Hinrichtungen in der Metropole im eigenen Land vor. Louverture war durchaus darüber unterrichtet, was in Frankreich vor sich ging. Trotz dieser rhetorischen Angriffe wurden im Sommer 1793 die Kontakte zu den Franzosen verstärkt.
Bei den Franzosen hatte jedoch auch bereits ein Umdenken eingesetzt. Durch die Hinrichtung des Königs - die Nachricht davon hatte Saint-Domingue Ende März erreicht – und durch die entstehende militärische Koalition der europäischen Staaten gegen Frankreich, hatte sich die Lage in der Kolonie grundlegend geändert. Zwischen dem spanischen und dem französischen Teil der Insel herrschte nun offene Feindschaft und man musste jederzeit mit dem Eingreifen Englands auch in Saint-Domingue rechnen. Als Verbündete gewannen die Zivilkommissare vor allem die hommes de couleur, die im Süden und Westen der Insel die Regierungsgeschäfte übernahmen. Kommandeur im Westen wurde Pierre Pinchinat, im Süden André Rigaud. Um militärisch gegen eine Invasion England gerüstet zu sein, warb die Armee auch Sklaven an, die mit dem Eintritt in die Armee die Freiheit erlangten. Gliech stellt dazu fest, dies sei „der Beginn eine Abolition durch die Hintertür“ gewesen.
Sonthonax und Polverel standen unter erheblichem Druck. Frankreich hatte mit François-Thomas Galbaud einen neuen Gouverneur gesandt, der sich gleich auf die Seite der Weißen Pflanzer stellte und eine Reihe von Maßnahmen der Zivilkommissare, die nach seiner Ansicht mit dem System der Sklaverei nicht in Einklang standen, rückgängig gemacht. Die offene Feindschaft zwischen Gouverneur und Zivilkommissaren endete zunächst mit der Absetzung des Gouverneurs durch Sonthonax und Polverel, doch sammelte dieser Weiße und Seeleute um sich und stürmte mit ihnen am 20. Juni Cap. Sonthonax und Polverel wurden aus der Stadt vertrieben. Ihnen verblieben nur Teile der Armee und die Unterstützung der hommes de couleur. Sie waren letztlich gezwungen den Zweifrontenkrieg aufzugeben und am 21. Juni verkündeten sie, dass alle schwarzen Kämpfer, die sich den Franzosen anschlossen, alle Rechte französischer Bürger hätten. Ca. 2000 Schwarze schlossen sich daraufhin den Franzosen an. Angesichts der Masse der unter Waffen stehenden ehemaligen Sklaven, kann aber nicht von einer großen Wirkung dieser Maßnahme gesprochen werden. Aber schwarze Kämpfer unterstützten mit unorthodoxen Methoden den Kampf gegen den Ex-Gouverneur, verwüsteten dabei aber Cap. Galbaud musste sich auf die Kriegsschiffe zurückziehen. Vorher machte er aber die Kanonen unbrauchbar oder versenkte sie im Meer. Da er mit der kleinen Kriegsmarine floh, schwächte er die französische Armee im bevorstehenden Kampf gegen die Engländer erheblich. Aber die Zivilkommissare hatten die Opposition der weißen Pflanzer erheblich geschwächt. Die Hauptgefahr waren nun die Engländer. Offenbar reifte bei Sonthonax in diesen Tagen die Idee, alle Sklaven zu befreien. „Mit seiner einsamen Entscheidung übertrug Sonthonax die Prinzipien der Französischen Revolution auf Saint-Donmigue, zugleich überschritt er Grenzen seines Mandats und musste daher mit erheblichem Widerstand rechnen.“ Daher wurde das entsprechende Dekret sehr gründlich vorbereitet. Am 29. August schaffte er mit einem Dekret die Sklaverei in der Nordprovinz ab. Da Sonthonax wusste, dass das Bild des Königs noch eine sehr positive Konnotation bei den Sklaven besaß ging er darauf in einer Rede besonders ein: „Die Französische Republik will die Freiheit und Gleichheit für alle Menschen ohne Unterschied der Hautfarbe; die Könige hingegen fühlen sich nur in der Umgebung von Sklaven wohl. Sie sind es, die euch an den Küsten Afrikas an Weiße verkauft haben; es sind die Tyrannen Europas, die diesen infamen Handel am liebsten bis in alle Ewigkeit fortführen würden. Die Republik nimmt euch in die Reihen ihrer Kinder auf; die Könige hingegen erstreben nichts anderes, als euch Ketten anzulegen und euch auszulöschen.“ Die Aktion war mit Polverel nicht abgesprochen. Dieser hätte sich einen langsameren Übergang gewünscht und hatte zunächst nur die Sklaven für frei erklärt, deren Herren geflohen waren. Die entsprechenden Plantagen wurden für die Republik eingezogen. Die unterschiedlichen Handlungsweisen schwächten die Position der Zivilkommissare. Zudem wurde die Nachricht verbreitet, die beiden Kommissare würden bald abberufen, da sie das Vertrauen der Metropole verloren hatten. Dies entsprach auch den Tatsachen und wurde nur nicht umgesetzt, weil die Überfahrt von Frankreich in die Karibik durch den Seekrieg verhindert wurde. Es ist jedoch nachvollziehbar, dass die Sklavenrebellen und auch Louverture sich zunächst abwartend verhielten.
2.4 Louverture als französischer General
Die Lage der Zivilkommissare wurde zunächst nicht verbessert. Im Gegenteil, denn die Weißen vor allem im Süden und Westen der Insel luden praktisch die Engländer ein, die Herrschaft zu übernehmen. Zwar waren schon im September 1793 in Jérémie und Môle Saint-Nicolas kleine Kontingente englischer Invasionstruppen gelandet, Doch wurde das Engagement 1794 erheblich ausgeweitet. Allein 20.000 Engländer besetzten die größeren Städte und führten natürlich umgehend die Sklaverei wieder ein. Die Regimenter André Rigauds konnten aber große Teile der südlichen Provinz noch halten. Sie standen auf Seiten de französischen Republik.
Die neue Situation erforderte es, dass sich auch die Führer des Sklavenaufstands neu positionierten. Offenbar sah hier Louverture, der Jean-François und Biassou nachgeordnet war, seine Chance. Hintergrund war auch, dass die beiden obersten Führer des Aufstands die Emanzipation der Schwarzen bestenfalls als Nebenziel ansahen. Das Verhältnis zwischen Jean-François und Louverture war schon vorher angespannt. Während Louverture immer mehr an Ansehen und Einfluss gewann, hatte er in Jean-François einen Vorgesetzten, der ihm immer wieder Steine in den Weg legte. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen den von beiden befehligten Einheiten. Aber auch dass Verhältnis zu Biassou wurde zunehmen angespannter, da Biassou befürchtete, Louverture könnte sich an ihm vorbei drängen. Auch hier kam es zu einer Intrige, die dazu führte, dass Louvertur von Soldaten angegriffen wurde. Er wurde dabei verwundet. Sein Bruder Jean-Pierre wurde bei dem Angriff sogar getötet. Louverture ernannte sich selbst daraufhin zum Generalkommandeur der Aufständischen und teilte den Spaniern mit, dass er nicht mehr unter dem Befehl Biassous stände.
Zeitgleich tat sich in Frankreich einiges. Trotz des Chaos in der Kolonie hatte Saint Domingue 3 Abgeordnete zum Konvent nach Paris gesandt. Neben der dem Weißen Dufay, der Person of color Mills war darunter auch der Schwarze Jean-Baptiste Belley. Louis Duffay und Belley griffen beherzt in die Debatte um die Sklaverei ein. Der Konvent goutierte daraufhin das, was in der Kolonie bereits Realität war. „Der Nationalkonvent verkündet, daß die Sklaverei der Neger in allen Kolonien abgeschafft ist; er dekretiert mithin, daß alle Menschen ohne Ansehung ihrer Hautfarbe, die in den Kolonien wohnhaft sind, französische Bürger sind und als solche alle durch die Verfassung zugesicherten Rechte genießen.” Letztlich wirkte hier die normative Kraft des Faktischen in Reinform. Denn die Sklaven hatten sich längst selbst ihre Freiheit erkämpft. Dies wurde nun nur in Rechtsnormen gegossen.
Toussaint Louverture dürfte die Vorgänge in Frankreich beobachtet haben. „Er war einer der wenigen Revolutionäre, der sich stets auch über die Ereignisse in der Metropole informierte und ihre Bedeutung für die Kolonie einschätzen konnte.“ Ètienne Laveaux, der neue französische Generalgouverneur von Saint-Domingue, hatte ihn aber auch mit einem Brief über die Entscheidung der Nationalversammlung informiert.
Neben der Tatsache, dass Jean-François und Biassou nicht wirklich für die Emanzipation eintraten, die Spanier deutlich gezeigt hatten, dass sie kein Interesse an der wirklichen Aufhebung der Sklaverei hatten, scheint dieser Beschluss des Konvents Toussaint Louverture überzeugt zu haben, auf die Seite Frankreichs zu treten. Die Bedenken, die durch die drohende Abberufung Sonthonax gegen den Bestand der Freiheitserklärung bestanden, waren damit weitgehend vom Tisch. Das Bündnis von Weißen und Engländern war für die Freiheit der Schwarzen nun die größte Bedrohung. Gleichwohl wurden Sonthonax und Polverel im Juni 1794 verhaftet und nach Frankreich verbracht. Mit dem Schiff, das den Haftbefehl überbrachte wurde aber auch ein Befehl des Convents übermittelt, dass die Proklamation Sonthonax’ hinsichtlich der Sklavenbefreiung bestätigte.
Louverture ließ die Spanier und Engländer zunächst noch im Unklaren über seinen Schritt. Er hatte bereits in der ersten Maiwoche die Seiten gewechselt. Engländer und Spanier merkten zwar, dass ihnen die Landbrücke zwischen ihren Gebieten mit Gonaives durch einen Angriff von Rebellen verloren gegangen war, ahnten aber noch nicht, dass Louverture dahinter steckte. Zwar war den Spaniern nicht entgangen, dass bei Louverture ein tiefgreifender Denkprozess begonnen hatte. Sie hatten daraufhin Louverture’s Ansprechpartner den Marquis de Armona durch einen anderen ersetzt. Toussaints Familie, die im spanischen Teil der Insel lebte, wurde unter Hausarrest gestellt und sein Neffe Moyse sogar festgenommen. Das dürfte die Entscheidung für die Franzosen aber eher befördert haben. Eventuell ließ er die Spanier über seinen Wechsel auch deshalb im Unklaren, weil er zunächst seine Frau und seine Kinder in den französischen Teil der Insel in Sicherheit bringen wollte.
Für die Franzosen war der Seitenwechsel ein Glücksfall. Ihre Macht auf der Insel hing nur noch an einem seidenen Faden. Durch die Seeblockade war die Kolonie weitgehend von der Metropole abgeschnitten und konnte von dort nur wenige Unterstützung erwarten. Auf der Insel wurde eine Zweifrontenkrieg geführt, mit den Rebellen, die von Spanien unterstützt wurden und den Engländern, die zudem in weiten Teilen mit den französischen Pflanzern verbunden waren. Dies änderte sich zwar durch Louvertures Wechsel zunächst nicht grundlegend. Denn das Heer der ehemaligen Sklaven unter Jean-François und Biassou mit ihren spanischen Verbündeten bestand ja weiter. Allerdings wurde es geschwächt, da Louverture einen erheblichen Teil der Truppen für sich und damit für das republikanische Frankreich gewinnen konnte.
Louverture blieb mit den beiden Aufstandsführern in Verbindung. Er forderte sie auf, ebenfalls auf die Seite Frankreichs zu wechseln. Gegenüber Jean-François argumentierte er mit Argumenten aus dem aufklärerischen Gedankengut. Frankreich und die Revolution würden das natürliche Recht wieder errichten. Könige hätten immer die Sklaverei geschützt und seien dafür verantwortlich. Letztlich konnte er die beiden nicht überzeugen. Sie wurden damit militärische Gegner. Noch im Verlauf des Jahres 1794 brachte Louverture die Nordprovinz weitgehend unter seiner Kontrolle. Mit dem Frieden von Basel, in dem sich Spanien verpflichtete, sich von der Insel Hispaniola zurückzuziehen, endeten die Auseinandersetzungen weitgehend.
Nicht beendet waren damit natürliche die Auseinandersetzungen mit den Engländern. Auch wenn es erheblicher Rückschläge gab, konnte Louverture die französische Position gegenüber den Engländern nach und nach ausbauen. Letztlich hielt er damit der Französischen Revolution den Rücken frei, denn die Engländer investierten viel in diesen Krieg. Investitionen, die in Europa fehlten. „Bis 1795 beanspruchte die Besetzung der großen Zuckerinsel und der kleinen Antillen einen Großteil der Mittel, die für englische Militärexpeditionen auf Schauplätzen der Revolutionskriege ausgegeben wurden. Dies zeugt von der Bedeutung, die der wichtigste Gegner des revolutionären Frankreich dieser Hemisphäre beimaß.“
Die wechselvollen Kämpfe sollen hier nicht weiter verfolgt werden. Hazareesingh fasst die militärischen Erfolge Louvertures wie folgt zusammen: „Innerhalb von drei Jahren erreichte er seine Ziele: Zuerst wurden die Spanier geschlagen, dann die Briten mitsamt ihren französischen royalistischen Verbündeten aus der Kolonie vertrieben und währenddessen eine disziplinierte schwarze Armee aus ‚tapferen republikanischen Kriegern‘ unter seiner Führung aufgebaut.
Mit Louvertures Wechsel auf die französische Seite ergab sich auch einen neue Konstellation, die erheblichen Einfluss auf Louverture und seine ideologische Ausrichtung hatte. Mit Maynaud de Laveaux entstand eine enge persönliche Bindung. Beide profitierten erheblich von einander. Der Gouverneur hatte nun einen äußerst fähigen General, der zunächst die Situation in der Nordprovinz beruhigte und in der Lage war, den Engländern Paroli zu bieten. Laveaux stammte aus dem Adel, war Offizier und glühender Anhänger der Revolution. Im Umgang mit Laveaux lernte Louverture begierig, sowohl im Hinblick auf militärische Kenntnisse, als auch auf die philosophischen Grundlagen.
Für Louverture erschlossen sich nun zwei Felder, in denen er auch weltanschaulich auf die ehemaligen Sklaven einwirken konnte. Sein Ziel war es „sie weg von dem makandalistischen Projekt der absoluten Konfrontation mit den weißen Siedlern in der Kolonie hin zu einer Vision der politischen Gemeinschaft Gleicher zu bewegen, in der Menschen schwarzer, weißer und gemischter Abstammung friedliche koexistieren konnten. Dieses Ideal der Brüderlichkeit war bei weitem noch nicht universell anerkannt, geschweige denn verwirklicht – doch seine Umrisse hatten in Toussaints Bewusstsein Gestalt angenommen und wurden in den Werten und dem Verhaltenskodex seiner 6.000 Mann starken Revolutionsarmee bereits umgesetzt.“ Louverture konnte aber nun auch zunehmend Einfluss auf das zivile Leben zumindest der Nordprovinz nehmen. Damit begann der Weg, der letztlich dazu führte, dass Louverture das Amt des Gouverneurs von Saint-Domingue erhielt.
2.5 Der Aufbau der Zivilgesellschaft
Im Zusammenhang mit der Abschaffung der Sklaverei hatte Sonthonax auch Grundzüge einer neuen Wirtschaftsordnung proklamiert. Diese sollte Louverture später im Wesentlichen übernehmen. Sie ist geprägt von den Ideen der Aufklärung zur Wirtschaftspolitik. Es ist ein frühes kapitalistisches Programm, dass davon ausging, dass freie Arbeiter sogar produktiver sein würden, als zur Arbeit gezwungene Sklaven.
Grundlage war die allgemeine Arbeitspflicht. Die ehemaligen Sklaven waren nun freie Landarbeiter, die sich allerdings an die Plantagenbesitzer verdingen mussten. Sie waren dann per Kontrakt für ein Jahr an die Plantage gebunden und konnten nur in seltenen Fällen das Landgut wechseln. Der Lohn der Sklaven war auch von dem wirtschaftlichen Erfolg der Plantage abhängig, denn ein Drittel der Einnahmen nach Abzug von Kosten und Abgaben, sollte an die Landarbeiter ausgezahlt werden. Zwei Drittel verblieben beim Plantagenbesitzer. Es waren verschiedene soziale Maßnahmen vorgesehen. So wurden Jugendliche bis zum Alter von 15 Jahren vor schwerer körperlicher Arbeit geschützt. Auch für Schwangere gab es Schutzbestimmungen. Und nach der Geburt erhielt die junge Mutter einen zweimonatigen Mutterschutz bei vollem Lohn.
Schon während der Kampfhandlungen begann Louverture diesen Arbeitskodex umzusetzen. Sobald er die Engländer aus einem Distrikt vertrieben hatte, sorgte er dafür, dass die Arbeitspflicht durchgesetzt wurde. Die Mittel dazu waren z. T. recht rigide, aber wirksam. Allerdings setzte er auch gegenüber den zum großen Teil weißen Plantagenbesitzern die entsprechenden Pflichten gegenüber den Arbeitern durch. Arbeit und Disziplin sollten die Grundlage für eine blühende Kolonie mit freien Schwarzen werden.
Mit der dritten Zivilkommission kehrte Sonthonax 1796 auch als wichtiger Impulsgeber zurück. In seiner „Proclamation du Cap“ ging er darauf ein, dass nachhaltige Befreiung der ehemaligen Sklaven nur gelingen könne, wenn sie eine entsprechende Bildung erhielten. Bildung war für ihn Voraussetzung dafür, dass die freien schwarzen ihre neue Rolle als französische Bürger spielen konnten. Diese Proklamation wurde auch ins kreolische übersetzt. Dabei scheint es sehr bewusst zu einigen Ungenauigkeiten gekommen zu sein. Sonthonax hatte betont, dass es die französische Republik sei, die die Freiheit in die Kolonie gebracht habe und beansprucht daher auch eine gewisse Führungsrolle. „Die Übersetzung überträgt den Franzosen die Rolle des Unterstützers der Freiheit und Gleichheit. In der Passage, in der Sonthonax die neu erlangte Freiheit rühmt, kritisiert die Übersetzung die Hierarchien unterschiedlicher Klassen und fordert den ‚Sturz des Systems des Rassismus und der Klassenunterschiede‘. Die Kreolversion greift also nicht nur das System der auf Rassismus basierenden Unfreiheit der Menschen afrikanischer Abstammung an, sondern sieht hierin auch die Wurzel der neuen sozialen Ungleichheit, die sich in der Kolonie zu entwickeln begann.“ Wichtig in unserem Zusammenhang ist aber, dass tatsächlich das Schulsystem in vorbildlicher Weise ausgebaut wurde und einen Großteil der ehemals versklavten Bevölkerung erreichte. So entstand ein Institut zur Lehrerbildung in Cap. Aus Berichten ist erkennbar, dass die ehemaligen Sklaven selbst den Wert der Bildung erkannten und ihre Kinder unbedingt zur Schule senden wollten.
Hatte sich vor der Revolution bereits ein Netzwerk über die Plantagen hinweg gebildet, so war dies auch der Ausgangspunkt einer Graswurzel-Tradition, die nun auch neue Ausdrucksformen fand. „Die Revolution der Sklaven von Saint-Domingue brachte ein vitales Muster volksdemokratischer Aktivitäten hervor, das sich in Bürgerversammlungen ausdrückte, in Bruderschaften auf den Plantagen sowie in Netzwerken ehemaliger Marron-Sklaven die sich im Binnenland und in den entlegenen Berggegenden von Saint-Domingue oft in Milizen organisierten.“ Louverture förderte diese Bewegungen und konnte sie auch nutzen, ohne sie völlig unter seiner Kontrolle zu haben. Er baute aber auch zunehmend sein eigenes Netzwerk aus, wobei er zunehmend darauf achtete, die Bruchlinien zwischen den Landesteilen zu überwinden.
Er nutzte natürlich auch vorhandene Netzwerke insbesondere das der katholischen Kirche, der er stets eng verbunden war, aber auch der Freimaurer, denen er ebenfalls nahestand. Wichtig war ihm das Kommunalsystem, das er als wichtigste Zelle des gesellschaftlichen Systems ansah, da hier die konkrete Umsetzung seiner Vorstellungen erfolgte. Eine der ersten Maßnahmen nach der Befreiung einer Gemeinde war die Wahl von Gemeindevertretern. Beamte wurden in Volksversammlungen gewählt. Louverture nahm durchaus Einfluss auf diese Wahlen, indem er aus seiner Sicht fortschrittliche, der neuen Ordnung zugewandte Männer protegierte. Er formulierte seine Vorstellungen, wie die Eigenschaften der Beamten sein sollten, wie folgt: „Kluge, ehrliche und fortschrittlich gesinnte Männer, deren erste Leidenschaft der Republik, der Menschlichkeit und der Freiheit gilt; Bürger ohne Vorurteile, vorbildlich sowohl durch ihre Vernunft wie durch ihren Tugendsinn; aufgeklärt, aber offen für konstruktive Vorschläge ihrer Mitbürger und bereit diese in Maßnahmen umzusetzen, welche dem Gemeinwohl nützen können; immun gegen Intrigen und Korruption und entschlossen, zumindest während der Dauer ihres Ehrenamts, die kleinlichen Leidenschaften zu meiden, welche den gemeinschaftlichen Geist trüben und das Miteinander verderben.“ Er entwirft hier ein Ideal, das auch aus heutiger Sicht viel moderner nicht sein kann.
Louverture nahm oft die Gelegenheit war, an kommunalen Manifestationen teilzunehmen und dort seine politischen Ideen vorzustellen. Wenn Gemeinden von den Engländern befreit worden waren, nahm er an der Errichtung des Freiheitsbaumes teil. Durch diese Riten erhielten alle Bürger der befreiten Gemeinde den „schönen Titel Bürger“. Er propagierte, dass das Französische und die Freiheit gleich seien. Er nutzte solche Feste für die Umsetzung seiner gesellschaftlichen Ziele. So formulierte er in solchem Zusammenhang: „Möge der Anblick dieses Baumes euch daran erinnern, dass es Freiheit nicht ohne Arbeit geben kann.“ Er führte dazu weiter aus, „ohne Landwirtschaft gibt es keinen Handel; und ohne Handel gibt es keine Kolonie.“ Das Gedankengut der Physiokraten ist hier kaum zu übersehen. Gleichzeitig zeigt das Zitat, dass er Saint-Domingue auch langfristig als französische Kolonie dachte.
In Saint-Domingue erfolgte nach französischem Vorbild aber angepasst an die kolonialen Bedingungen ein gesellschaftlicher Umbau. Dabei festigte Louverture seine Machtstellung. Zunächst war er im Mai 1797 zum Oberkommandeur der Armee von Saint-Domingue ernannt worden. An den französischen Bevollmächtigten vorbei begann er diplomatische Verhandlungen mit den Briten, die letztlich zum vollständigen Abzug der Briten und sogar zu einem geheimen Nichtangriffs- und Handelspakt führten. Er konnte dafür sorgen dass zunächst Sonthonax und später Hédouville als französische Beauftragte die Insel verlassen mussten und sorgte dafür, das Philippe Roume, ein ihm angenehmer Kandidat dieses Amt erhielt. Von ihm erwirkte er die Erlaubnis, auch den spanischen Teil der Insel unter seine Kontrolle zu bringen.
Es gab aber auch Unruhen in Saint-Domingue. Da ist zum einen die Rivalität mit Rigaud, die letztlich zum Bruderkrieg führte und mit der Vertreibung Rigauds endete. Auch die inneren Verhältnisse waren nicht stimmig. Angesichts der wirtschaftlichen Situation erließ er ein Arbeitsdekret, dass eine erhebliche Verschärfung der Arbeitsbedingungen bewirkte. Dagegen formierte sich Widerstand.
In der Metropole hatten sich nach und nach die Verhältnisse so geändert, dass sie zu einer Gefahr für die Veränderungen in Saint-Domingue wurden. 1797 gewannen die Konterrevolutionäre die Wahlen in Frankreich. Die expatriierten Kolonisten gingen auch gleich zum Angriff über. Vincent-Marie Viénot, Comte der Vaublanc hielt vor dem Rat der 500 eine beeindruckende Rede, in der er schwarze Revolution in Saint-Domingue und das Verhalten der französischen Zivilbeauftragten geißelte. In Frankreich kippte zunehmend die Stimmung gegen Saint-Domingue. Auch die Verfassung war nicht gerade im Sinne Saint-Domingues geändert worden. Das Gebot der Gleichheit wurde auf die Gleichheit vor dem Gesetz reduziert. Soziale Rechte konnten daraus nicht mehr abgeleitet werden. Und das Widerstandsrecht, das letztlich später die Grundlage für den Verteidigungskampf gegen Napoleon bilden sollte, wurde gänzlich gestrichen. Mit dem 18. Brumaire beginnt dann auch für die Geschichte Saint-Domingues ein neues Kapitel.
2.6 Louvertures Verfassung und der Beginn des Kampfes gegen Napoleon
Toussaint Louverture war nun auf der Höhe seiner Macht angekommen. Sein Ziel war nun, das Erreichte zu konsolidieren und den neuen Verhältnissen einen Rahmen zu geben. Dabei dachte er offenbar nicht daran, sich von der Metropole zu lösen. Trotzdem war es ihm ein Anliegen die Verhältnisse in Saint-Domingue in einen Rechtsrahmen zu gießen, der zwar von Frankreich inspiriert war, jedoch die Verhältnisse vor Ort widerspiegelte. Mit einer Verfassung sollte dieses Ziel erreicht werden. Eine Verfassung für eine Kolonie war durchaus etwas Besonderes und seine Legitimität war aus Sicht der Metropole durchaus angreifbar. Andererseits gab es mehrere Dekrete die den Kolonien eine gewisse Selbstorganisation erlaubte. Louverture nutzte diesen rechtlichen Graubereich, um einen Gesellschaftsvertrag als Grundlage für eine weitgehend autonome Kolonie zu verfassen. Julien Raimond, der von den Konsuln in die Kolonie gesandt worden war, wurde hinsichtlich der Verfassung Louverture’s wichtigster Austauschpartner. Der Ausschuss, der die Verfassung ausarbeiten sollte, war keineswegs paritätisch besetzt. Neben Raimond wurden zwei weitere persons of color ernannt. General Moyse war die einzige schwarze Persönlichkeit, die ausgewählt wurde. Er nahm aber sein Amt nicht an. Die Mehrheit der Mitglieder der Zentralversammlung waren Weiße. Allerdings nahm Louverture erheblichen Einfluss auf die Versammlung.
Das Ergebnis war eine Verfassung, „die weit fortschrittlicher war als alle vergleichbaren Dokumente im Rest der Welt - vielleicht nicht unbedingt im bezug auf die Grundlagen der Demokratie, in jedem Fall aber im Hinblick auf die Staatsbürgerschaft, die alle Menschen ohne Ansehen ihrer Rasse einschließen sollte.“ Zentral sind zunächst die Aritikel 3 – 5. Diese lauten:
„Artikel 3. In diesem Gebiet darf es keine Sklaven geben; Die Knechtschaft ist darin für immer abgeschafft. Alle Menschen, die hier geboren sind, leben und sterben frei und als Franzosen.
Artikel 4. Alle Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, sind für alle Ämter geeignet.
Artikel 5. Es gibt keine anderen Unterschiede als solche, die auf Tugenden und Talenten beruhen, und keinen anderen Vorrang als den, der zur Ausübung eines öffentlichen Amtes gesetzlich zuerkannt wird.
Das Gesetz ist für alle gleich, ob es nun bestraft oder schützt.“
Die Grundlage der französischen Menschenrechtserklärung ist hier unschwer zu erkennen. Allerdings ist sie hier präziser gefasst, in dem die Sklaverei ausdrücklich als verboten bezeichnet wird. Freiheit und Gleichheit werden als zentrale Grundsätze postuliert.
Gleich in den nächsten Artikeln kommt aber die weitere weltanschauliche Grundlage des louverturschen Denkens zur Geltung. So legt Artikel 6 den Katholizismus als Landesreligion fest. Damit werden auch die Riten des Voodoo verboten, auf deren Klaviatur Louverture während des Aufstandes selbst durchaus virtuos zu spielen wusste. Artikel 9 legt die Ehe als weltliche und religiöse Institution fest. Im Gegensatz zur französischen Verfassung von 1793 wird allerdings die Scheidung in Artikel 10 grundsätzlich verboten.
Im Hinblick auf die Ökonomie legt die Verfassung in Artikel 14 und 15 die Plantage als zentrales Instrument zugrunde. Dabei sieht die Verfassung den Plantagenbesitzer sehr idealistisch als Vater des Unternehmens. „Artikel 15. Jede Plantage ist ein Unternehmen, das die Vereinigung von Plantagenbesitzern und Arbeitern erfordert; es ist der friedliche Zufluchtsort einer aktiven und treuen Familie, wo der Eigentümer des Anwesens oder sein Stellvertreter notwendigerweise der Vater ist.“ Allerdings folgt daraus, dass die nun freien Landarbeiter in der Regel die Plantage nicht verlassen dürfen, um eine andere Tätigkeit auszuüben. „Louvertures Selbstverständnis war es, dass nur eine wohlhabende Kolonie die Freiheit der ehemaligen Sklaven nachhaltig gewährleisten würde. Es mag wohl eine zutreffende Einschätzung gewesen sein, dass die Metropole eine Abkehr von der Plantagenökonomie … nicht akzeptiert hätte.“
Aus heutiger Sicht problematisch ist, dass Artikel 28 festlegt, dass Louverture als Gouverneur auf Lebenszeit amtieren sollte. Das er damit alle wichtigen Befugnisse auf seine Person konzentrierte, entsprach aus seiner Sicht den Notwendigkeiten und hatte das Vorgehen Napoleons in Frankreich durchaus als Vorbild.
Insgesamt darf man das, was Louverture in Saint-Domingue installierte, aber als interessantes Experiment kolonialer Herrschaft ansehen. Schwarze Eliten drängten die ehemaligen Sklaven dazu, wieder für ihre weißen Herren zu arbeiten, statt wie es das Ziel Vieler war, als Kleinbauern zu leben. „Dieses beispiellose Herrschaftsexperiment wurde 1802 durch die von Napoleon Bonaparte entsandte Militärexpedition beendet, die die vorrevolutionären Verhältnisse wiederherstellen sollte.“
Dass Napoleon die Verfassung, die er im Oktober 1801 zur Kenntnis nehmen musste, durchaus kritisch sah, ist sicher nachvollziehbar. Er sah, eventuell auch unter dem Einfluss seiner Frau Joséphine, die die karibischen Plantagen ihrer Eltern geerbt hatte, im System der Sklaverei die einzige Möglichkeit, die Plantagen profitabel zu betreiben. Dass die britische Seeblockade im Atlantik beendet wurde, gab Napoleon die Möglichkeit für eine Invasion, bevor sich die Verhältnisse weiter verfestigten. Louverture waren die Invasionspläne durchaus bekannt. Vor Freunden soll er dazu erklärt haben: „Frankreich hat kein Recht, uns zu Sklaven zu machen, unsere Freiheit gehört nicht ihnen. Wir werden sie verteidigen oder untergehen.“
Als er ende Januar aber die ersten Schiffe sah, war er doch beeindruckt. „Wir müssen untergehen. Ganz Frankreich ist nach Saint-Domingue gekommen. Sie sind getäuscht worden, und sie kommen, um Rache zu nehmen“, soll er in diesem Zusammenhang gesagt haben. Es wurde ihm klar, dass hier die Freiheit und das Leben zehntausender Schwarzer auf dem Spiel stand. Der Menschenfreund Louverture, der in vielen militärischen Auseinandersetzungen seine Gegner schonte, wandelte sich zu einem brutalen Militärstrategen. Er wies seine Mitstreiter an, niemanden zu schonen und er verfolgte eine Taktik der verbrannten Erde. „Es ist dringend geboten, dass das Land, das von unserem Schweiß getränkt ist, dem Feind nicht die geringste Nahrung bietet. Zerschießt die Straßen und werft tote Pferde in die Brunnen, zerstört und verbrennt alles, damit die Leute, die gekommen sind, uns zu versklaven, immer das Bild der Hölle vor Augen haben, die sie verdienen.“ Er wusste, dass er Zeit gewinnen musste. Denn er konnte sich nicht nur auf seine Soldaten verlassen, sondern auch auf die karibische Natur. Und tatsächlich entwickelte sich das Gelbfieber unter der Invasionsarmee zu deren größtem Feind.
Louverture versuchte natürlich auch den Verhandlungsweg einzuschlagen. Bei einem Treffen mit französischen Offizieren, die ihm vorher ehrenhafte Behandlung und damit freies Geleit zugesagt hatten, wurde er am 7. Juni verhaftet und unmittelbar auf ein Schiff nach Frankreich gebracht. Dort starb er unter erbärmlichen Bedingungen am 7. April 1803 im Gefängnis von Fort de Joux.
2.7 Der Weg zur Unabhängigkeit
Louverture hat sich immer als Franzose gesehen. Er hatte Frankreich immer als Garant der Freiheit gesehen. Erst nachdem er außer Landes gebracht worden war, gingen seine Nachfolger den Weg in Richtung Unabhängigkeit. Geggus nennt die zwei Jahre bis zur Unabhängigkeit die „apokalyptische Phase der Haitianischen Revolution.“ Auf beiden Seiten kam es zu entsetzlichen Gräueltaten. Hier soll auf die Einzelheiten nicht eingegangen werden. Sie werden bei Sala-Molins ausführlich beschrieben. Angesichts der Brutalität hoch gebildeter aufgeklärter französischer Offiziere gegenüber der Zivilbevölkerung stellt er gar die gesamte Aufklärung auf den Prüfstand und fragt: „Ist denken nach Saint-Domingue noch möglich?“ Leclerc, der Schwager Napoleons und Oberkommandeur der französischen Truppen in Saint-Domingue, schrieb an Bonaparte: „Es ist nicht alles, Toussaint beseitigt zu haben, dort sind noch immer zweitausend weitere Anführer, die fortgeschafft werden müssen. … Es ist notwendig, alle Schwarzen in den Bergen zu vernichten, Männer und Frauen, nur Kinder unter 12 Jahren sollen geschont werden. … Ohne dies wird die Kolonie niemals friedlich werden.“ Es entsprach der Meinung vieler in Kolonialkreisen, dass alle Schwarzen getötet werden sollten und der Wiederaufbau mit neuen Sklaven aus Afrika erfolgen sollte.
Die Franzosen schienen zunächst erheblich im Vorteil zu sein. Aber die Kämpfe zogen sich hin und die Verteidiger Saint-Domingues konnten sich immer wieder in die Bergregionen zurückziehen und die Franzosen mit Guerilla-Methoden bekämpfen. Zudem hatte Louverture in weiser Voraussicht im ganzen Land Waffenlager eingerichtet. Angesichts der Brutalität der Franzosen war es für die Schwarzen ein Kampf ums Überleben, denn Gefangene wurden nicht gemacht. Herauszuheben ist außerdem, dass sich in großem Umfang auch die Frauen an der Verteidigung des Landes und der Freiheit beteiligten. Mit Dessalines hatten die Verteidiger einen unerschrockenen Anführer, der auch die people of color hinter ich bringen konnte. Die Wiederaufnahme der Kämpfe zwischen England und Frankreich und die weitere Seeblockade führten letztlich dazu, dass sich die Invasoren nicht auf der Insel halten konnten. Und am 1. Januar 1804 erfolgte die Unabhängigkeitserklärung.
Die Unabhängigkeit war kein vorrangiges Ziel der Bewegung gewesen. Die meisten Schwarzen und hommes de couleur sahen ursprünglich ihre Interessen am besten gewahrt, wenn die Kolonie Teil Frankreichs blieb. Indem Napoleon ihnen aber die errungene Freiheit wieder nehmen wollte, war die Unabhängigkeit quasi erzwungene Folge. Im Gegensatz zu anderen Nationen steht die Unabhängigkeitserklärung Haitis daher auch nicht am Anfang des Kampfes, sondern an deren Ende.
Allein die Tatsache, dass einen Unabhängigkeitserklärung verfasst wurde, zeigt, wie sehr sich der neue Staat mit den Ideen der Aufklärung identifizierte, denn es handelt sich dabei um ein sehr modernes Stilmittel politischen Denkens. Dies gilt auch, wenn der konkrete Text selbst nicht in erster Linie auf aufklärerischen Gedanken fußt. Der eigentliche Text ist eine Abrechnung und Abgrenzung von Frankreich. Es reiche nicht aus, heißt es dort, die Barbaren vertrieben zu haben, die das Land über zweihundert Jahre mit Blut getränkt hätten. „Wir müssen mit einem letzten Akt nationaler Autorität die Herrschaft der Freiheit in unserem Geburtsland für immer sichern.“ Und im Weiteren heißt es „Friede unseren Nachbarn! Aber das soll unser Ruf sein: ‚Verflucht sei der Name Frankreichs. Ewiger Hass auf Frankreich!‘“. Überall fänden sich französische Spuren diese müssten ausgelöscht werden.
Diese möglichst vollständige Trennung von Frankreich wird auch dadurch unterstrichen, dass sich das Land von seinem französischen Namen trennte und den alten indigenen Namen des Landes wieder annahm: Haiti.
Eineinhalb Jahre später gab sich das Land eine eigene Verfassung. Auch wenn das Land sich von Frankreich trennen wollte, die Gedanken der französischen Aufklärung sind darin nicht zu übersehen. Schon in der Präambel heißt es, die Verfassungsgebung erfolge in Gegenwart des „höchsten Wesens“, vor dem alle Menschen gleich seien. Die ersten Artikel sind selbstredend:
„Artikel l. Durch diese Verfassung stimmen die Menschen, die auf der Insel Saint-Domingue leben, zu, einen freien und souveränen Staat zu gründen, unabhängig von allen anderen Mächten des Universums, unter dem Namen des Haitianischen Reiches.
Artikel 2. Die Sklaverei wird für immer abgeschafft.
Artikel 3. Die Brüderlichkeit vereint die Bürger Haitis; die Gleichheit vor dem Gesetz ist unwiderlegbar festgestellt; und es dürfen keine anderen Titel, Vorteile oder Privilegien existieren, außer denen, die notwendigerweise aus Respekt und Entschädigung für Dienste resultieren, die für Freiheit und Unabhängigkeit geleistet werden.
Artikel 4. Es gibt ein Gesetz für alle, ob es nun bestraft oder schützt.
Artikel 5. Das Gesetz kann nicht rückwirkend sein.
Artikel 6. Eigentumsrechte sind heilig; Zuwiderhandlungen werden konsequent verfolgt.“
Letzteres galt natürlich nicht für Weiße. Denn dazu heißt es:
„Artikel 12. Kein Weißer, ungeachtet seiner Nationalität, darf dieses Territorium als Herr oder Landbesitzer betreten, noch wird er jemals in der Lage sein, Eigentum zu erwerben.“
Allerdings gibt es wichtige Einschränkungen dieses Artikel. Diese werde in Artikel 13 behandelt. „Der vorangegangene Artikel bezieht sich nicht auf weiße Frauen, welche die Regierung als haitianische Bürgerinnen eingebürgert hat und ihre Kinder. Dies betrifft auch die Deutschen und Polen, welche von der Regierung eingebürgert wurden.“ Offenbar konnten Witwen weißer Pflanzer ihr Eigentum behalten, vermutlich weil sie sich auf die Seite der Revolution gestellt hatten. Die erwähnten Deutschen und Polen waren als napoleonische Soldaten nach Saint-Domingue gekommen. Große Gruppen davon waren aber zu den Schwarzen übergelaufen.
Im Gegensatz zu Louvertures Verfassung wurde die Ehescheidung wieder zugelassen und konnte auch von Frauen beantragt werden. Der Artikel 50 sicherte die Religionsfreiheit.
In vielen Punkten ging die haitianische Verfassung weit über ihre Vorbilder die französische und die amerikanische Verfassung hinaus. Sie war die radikalste ihrer Zeit.
3 Fazit
Die Haitianische Revolution ist aus mehreren Gründen ohne die Französische Revolution nicht denkbar. Das gilt schon für den Beginn des Aufstands. Die revolutionären Ereignisse im Mutterland hatten zu erheblichen Brüchen in der Führungsschicht Saint-Domingues geführt, die bürgerkriegsartige Zustände mit sich brachten. Dabei war den Eliten durchaus bewusst, dass das entstandene Chaos auch im Hinblick auf einen drohenden Sklavenaufstand gefährlich war. Sie reagierten daher mit prophylaktischer Gewalt. Diese erhöhte Unterdrückung und das Machtvakuum auf der Insel scheint der Hauptanlass für den beginnenden Aufstand gewesen zu sein.
Die Ideen der Französischen Revolution spielten schon früh eine Rolle für die sich befreienden Sklaven. Dennoch stand wohl am Anfang die Verbesserung der Bedingungen im Vordergrund. Weitere freie Tage waren ein wichtiges Ziel. Es gab auch durchaus Situationen, in denen der Aufstand zu einem frühen Ende hätte geführt werden können. Allerdings zeigten sich die Weißen zu halsstarrig, als dass sie diese Chance ergreifen wollten. Erst langsam nahm die Idee, die völlige Abschaffung der Sklaverei zum Ziel zu erklären, Gestalt an. Sicher gab es immer die Idee, die Weißen zu vernichten und dann eine Gesellschaft von Kleinbauern zu errichten. Das war das Erbe Makandals. Für die Sklaveneliten dürfte aber klar gewesen sein, dass dieses Ziel nicht erreichbar war.
Eben diese Sklaveneliten und die der hommes de couleur mit Toussaint Louverture auf der Seite der Schwarzen und André Rigaud auf der anderen Seite lernten aber aus dem, was in Frankreich geschah. Es zeigte sich, dass viele der Ideen, die in Frankreich gesponnen wurden, für die Kolonie fruchtbar gemacht werden konnten. Im Gegensatz zu den beiden anderen Sklavenführern Jean-François und Biassou formulierte Louverture früh die Idee der Freiheit für alle Sklaven. Jean-François und Biassou hingegen setzten auf die Spanier und damit auf ein weniger drückendes Sklavensystem.
Erheblichen Einfluss auf die Entwicklung nahmen auch von Frankreich gesandte republikanisch und jakobinisch ausgerichtete Funktionäre wie die Zivilkommissare Sonthonax und Polverel oder der Generalgouverneur Laveaux. Sicherlich unter erheblichem Druck dekretierte Sonthonax die Freiheit aller Sklaven und entwarf ein neues Wirtschaftssystem, das auf Plantagen und freien Landarbeitern beruhte. Damit eröffnete er ein auf den Ideen der Aufklärung basierendes Experimentierfeld des aufziehenden Kapitalismus. In Frankreich konnte man diese Entwicklung zunächst nur absegnen.
Unter Louverture und Laveaux und später auch noch einmal unter Sonthonax wurde damit begonnen, eine Zivilgesellschaft zu etablieren, die auf den Idealen der Französischen Revolution basierten. Wirtschaft, Bildung ja selbst Städtebau orientierten sich daran. Das gipfelte in der Verfassung für die Kolonie.
„Toussaint Louvertures Verfassung aus dem Jahr 1801 markiert zweifelsohne den bis dahin weitesten Fortschritt der Universalgeschichte. Sie dehnte das Prinzip der Freiheit ohne Ansehen der Rasse auf alle Menschen aus, die sich in Haiti aufhielten, was auch jene politischen Flüchtlinge einschloss, die dort vor der Sklaverei Zuflucht suchten. … Man kann die Bedeutung dieses Ereignisses, der Beendigung der Sklaverei, gar nicht genug betonen. Folter und alle anderen Formen der körperlichen Brutalität waren nun illegal.“
Es waren die Franzosen selbst und namentlich Napoleon, die diesem gesellschaftlichen Experiment ein Ende setzten. Zwar hatte Louverture mit seinem Kampf gegen die Engländer der Französischen Revolution im Koalitionskrieg den Rücken frei gehalten, aber unter dem Einfluss der Koloniallobby wurden diese Verdienste torpediert. Die Revolution wollte die alten Verhältnisse zurück.
Louverture stemmte sich gegen diese Restauration und nach seinem Tod wurde der Kampf mit erhöhter Brutalität bis zur Unabhängigkeit weiter geführt. Osterhammel bewertet die Ereignisse wie folgt: „Die Revolution der Jahre 1791 bis 1804 in Haiti war viel weniger als der 1776 beginnende nordamerikanische Unabhängigkeitskrieg ein anti-imperiales Ereignis und in einem viel höheren Maße eine soziale Revolution. Sie zerstörte ein koloniales Zwangssystem so gründlich, wie es bis zum Algerienkrieg anderthalb Jahrhunderte später fast nirgendwo mehr geschehen sollte.“
Letztlich ist die Haitianische Revolution, obwohl sie sich gegen Frankreich wendete, die erste, die die Prinzipien der Französischen Revolution übernahm und weiter entwickelte.
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- Citation du texte
- Manfred Köllner (Auteur), 2023, Vom Sklavenaufstand zur Unabhängigkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1619300