Die Bedeutung eines vorgelesenen Märchens für ein Kind entdecken lernen


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vorlesen
2.1 Die Vorlesesituation
2.2 Bedeutung des Vorlesens und Situation des Vorlesens im Kinderalltag in Deutschland

3. Märchen
3.1 Allgemeine Struktur und Wesen eines Märchens
3.1.1 Unabhängigkeit von Zeit und Raum
3.1.2 Vereinfachung von Abläufen, Situationen und Charakteren
3.1.4 Verhältnis von realen und nicht wirklichen Elementen
3.1.5 Formelhafte Sprache
3.2 Bedeutung eines Märchens

4. Vorgelesene Märchen

5. Literatur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„A Märchen is a tale of some length involving a succession of motifs or episodes. It moves in an unreal world without definite locality or definite characters and is filled with the marvelous. In this never-never land humble heroes kill adverseries, succeed to kingdoms, and marry princesses.” 1

Ein klassischen Märchenende: die Hochzeit von Prinz und Prinzessin. Dieses glückliche Ende zeigt das Foto, das während der Disneyparade der Märchenprinzessinnen entstand. Es zeigt Dornröschen und ihren Prinzen, wie sie glücklich zusammen leben. Das Foto stellt, wie die ganze Parade, das gute Ende für die Märchenhelden dar. Es wird nicht der Verlauf der Geschichte erzählt, nicht von dem Wunsch des Königs und der Königin, die gerne ein Kind hätten, oder von dem Frosch, der ihnen eine Tochter prophezeit, nicht von dem bösen Fluch der dreizehnten weisen Frau, nicht von Dornröschen, das sich an der Spindel sticht und in einen hundertjährigen Schlaf verfällt, nicht vom schlafenden Hofstaat, den schlafenden Tauben und Hunden oder der wuchernden Dornenhecke. Das Foto bzw. die Parade zeigt das glückliche Ende, welches das Märchen durch den Kuss des Prinzen nimmt: „und da wurde Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende“2. Die Märchenhochzeit – ein glückliches Ende, in dem Kindheit entdeckt werden kann.

Kinder lieben Märchen. Märchen erzählen von Prinzessinnen und Prinzen. Märchen nehmen ein gutes Ende. Selbst wenn viele unglaubliche, aufregende und sogar furchtbare Dinge im Märchen geschehen, führt meist alles zu einem „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“: Not wird überwunden, arme Menschen werden reich, Träume und Wünsche werden erfüllt, die Gerechtigkeit siegt über das Böse, Prinzessinnen heiraten Prinzen. Diese Zuversicht, auf ein glückliches Ende, macht es den Kindern möglich, die Probleme und Widrigkeiten, welche die Helden auf sich nehmen müssen, zu ertragen. Der gute Ausgang der Geschichte, der das Märchen von Anfang an bestimmt, ist neben anderen Merkmalen ausschlaggebend für den besonderen Wert und die Bedeutung eines Märchens.

Märchen sind meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil von Kindheit. Vor allem im Kindergartenalter helfen Märchen Kindern bei der Lebensbewältigung, wobei dem glücklich Schluss, der ein Märchen nimmt, eine ganz besondere Rolle zukommt. Trotz aller Schwierigkeiten vermittelt er Zuversicht und Hoffnung. Die Bedeutung die ein Märchen auf ein Kind hat zu erleben, bedeutet gleichzeitig Kindheit zu entdecken.

1. Einleitung

Märchen verzaubern Menschen jeden Alters überall auf der Welt und besitzen eine erstaunliche Anziehungskraft. Vor allem Kinder können sich für Märchen begeistern. Selbst nach mehrfachem Vorlesen und Erzählen, werden sie der zauberhaften Geschichten nicht überdrüssig. Wer schon einmal eine Vorlesestunde erlebt hat, in der Kinder im Kindergartenalter ein Märchen vorgelesen bekommen, kennt die gebannten Gesichter, die zusammen mit dem Vorleser die Abenteuer der Helden und Heldinnen verfolgen. In dieser Situation, in der man sieht, wie Kinder von Märchengeschichten und Märchenfiguren fasziniert sind, spürt man, dass es dabei nicht nur um Unterhaltung geht, sondern dass das Märchen für Kinder eine tiefere Bedeutung zu besitzen scheint.

Die meisten Menschen kennen Märchen aus ihrer Kindheit. Die typische Situation ist eine von einem Erwachsenen vorgelesene oder erzählte Märchengeschichte aus einem Märchenbuch. Heutzutage ist das Märchen nicht mehr auf das Buch begrenzt, sondern in allen Medien wie Hörbüchern und Märchenfilmen zu finden. Ich möchte mich in dieser Ausarbeitung ausschließlich mit dem vorgelesenen Märchen beschäftigen, da sich meiner Meinung nach, die Bedeutung, die ein Märchen auf ein Kind haben kann, besonders in der Vorlesesituation finden lässt. Anders als bei einem Märchenfilm oder einem Hörspiel spielt hier neben der eigentlichen Geschichte auch die Interaktion von Vorleser und Kind eine große Rolle.

Ich möchte mit dieser Arbeit einen Beitrag dazu leisten, die Bedeutung eines vorgelesenen Märchens für ein Kind entdecken zu lernen, indem die Intervention Märchenvorlesen näher betrachtet wird. Dazu beziehe ich mich vor allem auf Kinder im Kindergartenalter, welche die häufigste Adressatengruppe von Märchenvorlesungen sind. Zunächst werden Merkmale und Struktur einer Vorlesesituation erarbeitet und welche Bedeutung das Vorlesen für Kinder in diesem Alter allgemein hat. Hierzu werden die Ergebnisse der Studie „Vorlesen im Kinderalltag – Deutschland“ von der Stiftung Lesen, der Deutschen Bahn AG und der Wochenzeitung „Die Zeit“ herangezogen. Anschließend wird betrachtet, warum sich die Gattung der Märchen zum Vorlesen gut eignet. Es werden die typische Märchenstruktur, die bestimmten Merkmale und die Figuren des Märchens näher betrachtet. Dabei wird auf die allgemeine und zentrale Bedeutung von Märchen eingegangen und nicht die Bedeutung einzelner konkreter Märchen bestimmt. Zum Abschluss folgt eine zusammenfassende Auseinandersetzung mit der Bedeutung eines vorgelesen Märchens für Kinder.

2. Vorlesen

2.1 Die Vorlesesituation

Die typische Vorlesesituation gestaltet sich dadurch, dass es einen Vorleser gibt, dem der Text zugrundeliegt, welchen es vorzulesen gilt. Neben dem Vorleser, gibt es die Zuhörer, das Publikum, das die Worte des Lesenden aufnimmt. Im Kinderalltag gestaltet sich die Situation meist so, dass das Kind, das noch nicht lesen kann, von einem Erwachsenen, den Eltern, Großeltern oder Erziehern vorgelesen bekommt.

Liessmann beschreibt in seiner Vorlesung über die Vorlesung, dass das Vorlesen bei Zuhörern, die nicht oder noch nicht lesen können, wie es bei Kindern im Kindergartenalter der Fall ist, immer etwas mit dem „Geheimnis und Wunder zu tun hat, daß jemand in Zeichen, die man selbst nur als ornamentales Muster wahrnehmen kann, Bedeutung zu erkennen weiß und diese zu artikulieren versteht“3. Dieses Geheimnis und Wunder versetzt Kinder, denen vorgelesen wird, in Erstaunen darüber, dass aus Buchstaben eine Welt und eine Geschichte gezaubert werden kann. Dem Kind sind die Zeichen und Symbole der geschriebenen Worte und Sätze nicht bekannt, erst über die Stimme des Vorlesers kann es diese erfassen.

Die Stimme dient beim Akt des Vorlesens als Medium, welches den geschriebenen Buchstaben Leben einhaucht. Dabei kann ein Text niemals auf die gleiche Weise vorgelesen werden. Jeder Vorleser verleiht dem Text eine individuelle Note, indem er „ein jenseits der Subjekte fixiertes System von Zeichen mit einem Signum von Individualität schlechthin – der Stimme – verbindet“4. Dadurch verliert der Text verliert seine objektive Gestalt. Vorlesen ist lebendige Kommunikation.5

Der Zuhörer muss die Fähigkeit und die Bereitschaft zum Zuhören haben und der Vorleser muss Reaktionen der Hörer wahrnehmen und gegebenenfalls darauf reagieren. Der Vorleser braucht sein Publikum und die Zuhörer sind auf den Vorleser angewiesen. Diese sind dem Lesenden voll und ganz ausgeliefert, da sie dessen Vorgelesenes hören und dieses nicht anhand des Textes überprüfen können. Sie werden vom Vorleser durch die Geschichte geführt.6 Vorlesen ist demnach eine Interaktion, die sich durch ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis auszeichnet. Kinder, die noch nicht selbst Lesen können, sind auf den Vorleser und dessen Worte angewiesen. Durch ihn und mit ihm erleben sie die Geschichte. Dadurch kann das Vorlesen zu einer persönlichen Begegnung werden, „bei der zwischen Vorlesendem und Kind eine vertraute Beziehung entsteht“7.

2.2 Bedeutung des Vorlesens und Situation des Vorlesens im Kinderalltag in Deutschland

2007, 2008 und 2009 führten die Stiftung Lesen, die Deutsche Bahn AG und die Wochenzeitung „Die Zeit“ Studien zum Thema Vorlesen im Kinderalltag in Deutschland durch, um die Vorlesesituation Deutschlands aufzuweisen. Ziel dieser Studien war es, auf die Wichtigkeit des Vorlesens und dessen Situation in Deutschland aufmerksam zu machen. Die Studie von 2007 stellte die Eltern in den Mittelpunkt der Befragung, wohingegen 2008 ausschließlich Kinder zum Thema Vorlesen befragt wurden. Der Vergleich beider Perspektiven sollte ein umfassendes Bild des Vorlesealltags in Deutschland liefern.8 Im Mittelpunkt der Studie von 2009 standen die Väter, die laut Befragung deutlich weniger vorlesen als die Mütter der Kinder.

Zentrale Ergebnisse der Studien waren, dass 42% aller Eltern mit Kindern bis 10 Jahren gar nicht oder nur unregelmäßig vorlesen. 18% der Eltern mit Kindern dieser Altersgruppe lesen gar nicht vor. Auffällig war, dass nur 18% der Eltern angaben, ihren Kindern nie vorzulesen, jedoch 37% der befragten Kinder behaupteten, niemals vorgelesen zu bekommen, weder zu Hause noch in einer Kindertageseinrichtung oder in der Schule. Die Studie unterstellt aus diesem Grund, dass sich einige Eltern als Vorleser ausgaben, ohne es in Wirklichkeit zu sein. Nach Auffassung der Initiatoren wird an den Ergebnissen der Studien deutlich, dass dem Vorlesen im deutschen Kinderalltag zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Ziel der Studien war es auf die Wichtigkeit des Vorlesens im Kinderalltag aufmerksam zu machen. Die Initiatoren verwiesen aus diesem Grund mehrmals auf die wesentliche Bedeutung des Vorlesens für Kinder. Laut der Studie sei eine lebendige Vorlesekultur das Fundament des Bildungssystems, indem es neuronale Strukturen für Spracherwerb und Lernfähigkeit legt, Sprach- und Ausdrucksfähigkeit fördere und Motivation zum Selbstlesen liefere.9 Des Weiteren stärke es die Sozialkompetenz und schaffe Geborgenheit und Nähe.10 Zum einen kann Vorlesen demnach die Bindung des Kindes und der vorlesenden Person stärken, da diese sich beim Vorlesen Zeit für das Kind nimmt. Vorlesen bedeutet ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen Vorleser und Kind. Dem Kind wird durch das Vorlesen eines Textes gezeigt, dass der Vorleser diesen Text und die darin behandelten Probleme ernst nimmt. Das Kind kann sich demnach sicher sein, dass der Mensch der Geschichte vorliest, mit den Bildern und Gefühlen der Geschichte einverstanden ist.

Zum anderen wird Vorlesen als Schlüsselqualifikation in der Leseentwicklung angesehen.11 Dabei gilt die Vorlesesituation nach Wieler als eine „der ersten literarischen Kommunikationsformen im Elternhaus“12. Durch ein dialogisch orientiertes Vorlesen, das sich durch Nachfragen und Wiederholen des Vorgelesenen auszeichnet, wird dem Kind durch bestimmte Strukturprinzipien der Zugang zur literarischen Welt eröffnet, um es auf den Erwerb der Techniken Lesen, Schreiben und Erzählen vorzubereiten.13 Ein wichtiges Kriterium dabei ist ebenfalls die Erweiterung des Wortschatzes durch das Anhören vorgelesener Texte.14

Die Hauptgründe, die 70% der Kinder im Vorschulalter angaben, warum für sie das Vorlesen wichtig sei waren, dass Vorlesen schön und spannend sei, man mit den Eltern sprechen könne und sich in die Geschichten hineinversetzen könne.15 Entscheidend für eine Vorlesesituation für Kinder ist demnach eine unterhaltende Geschichte, Kontakt zu einer Bezugsperson und Geschichten zum Miterleben und Nachvollziehen.

Märchen scheinen diese Voraussetzungen für eine wünschenswerte Vorlesesituation zu erfüllen. Um nachvollziehen zu können, was ein Märchen so geeignet zum Vorlesen macht, muss man sich damit auseinandersetzen, was das Wesen und die Struktur eines Märchens auszeichnet, was es für Kinder so spannend gestaltet, um sich in die Geschichte hineinzuversetzen, und welche Wirkung die Begegnung mit einem Märchen mit sich bringt. Bruno Bettelheim behandelt in seinem Werk „Kinder brauchen Märchen“ diese Themen. Im Folgenden werden Struktur, Wesen und Wirkung des Märchens betrachtet, wobei an vielen Stellen Bettelheims Thesen mit einbezogen werden.

[...]


1 Thompson zitiert nach Lüthi, M. (1990), S. 3.

2 Brüder Grimm (1966), S. 309.

3 Liessmann, K. P. (1993), S. 23.

4 Ebd., S. 30.

5 Vgl. Ebd., S. 49.

6 Vgl. Ebd., S. 32.

7 Özdemir, C. (2003), S. 69.

8 Vgl. Vorlesen im Kinderalltag 2008, S.8.

9 Vgl. Vorlesen in Deutschland 2007, S.4.

10 Vgl. Vorlesen im Kinderalltag 2008, S.4.

11 Vgl. Wieler, P. (1997), S. 5.

12 Ebd., S. 25.

13 Vgl. Wieler, P. (1997), S. 23ff.

14 Vgl. Özdemir, C. (2003), S. 28f.

15 Vgl. Vorlesen im Kinderalltag 2008, S.24.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung eines vorgelesenen Märchens für ein Kind entdecken lernen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Kindheitserfahrungen – schicksalhaft oder passager?
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V162191
ISBN (eBook)
9783640767786
ISBN (Buch)
9783640768080
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Märchens, Kind
Arbeit zitieren
Lisa Sipos (Autor), 2010, Die Bedeutung eines vorgelesenen Märchens für ein Kind entdecken lernen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162191

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