Nach der Wiedervereinigung 1990 und mit dem Ende des Kalten Krieges wurde das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und den USA ambivalenter. Deutschland konzentrierte sich stärker auf die europäische Ebene. Im Zeitalter der Globalisierung folgte Amerika hingegen den Märkten, die z.B. in Asien neue Chancen eröffneten.
Die Kontakte zu Europa blieben eng, doch die USA waren längst nicht mehr so auf Europa fixiert, wie in den Jahrzehnten des Ost-West-Konfliktes. Sicherheitspolitisch blieb das zusammenwachsende Europa auf die USA angewiesen. Die Konflikte auf dem Balkan bezeugen das eindrücklich. Die USA waren als letzte verbliebene Supermacht und „Weltpolizist“ die einzige Kraft, die genug Durchsetzungsvermögen zur Lösung solcher Konflikte hatte. Die neu geborene europäische „Großmacht“ oder, wie Hans-Peter Schwarz schreibt, „Zentralmacht“ Bundesrepublik Deutschland musste hingegen ihre neue Rolle erst allmählich finden. Die Anpassung Deutschlands und der USA an die Herausforderungen der neuen Weltlage sind ein wichtiger Aspekt, um die Entwicklung ihrer Beziehungen zu verstehen. Desweiteren erfuhren die deutsch-amerikanischen Beziehungen durch die Ereignisse nach dem World-Trade-Center-Anschlag von 2001 eine erneute Veränderung.
In den letzten 20 Jahren haben sich die Beziehungen somit weit mehr verschoben als dies im gesamten Zeitraum des Kalten Krieges denkbar war. Die Arbeit setzt sich mit dieser Veränderung auseinander und diskutiert Perspektiven und Gefährdungen für die transatlantischen Beziehungen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die zunehmende Entwicklung der EU zum "Global Player". Werden die deutsch-amerikanischen Beziehungen in Zukunft durch europäisch-amerikanische Beziehungen ersetzt? Welche Rolle spielt die "Berliner Republik" in diesem Kontext und welche strebt sie an?
Im Zeitalter rapider Globalisierung und einer starken Machtverschiebung weg vom "Westen" ist das Thema der Arbeit von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der Bundesrepublik, Europas und der USA.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Historische und theoretische Grundlagen
2.1 Historische Grundlagen der deutsch-amerikanischen Beziehungen 1945-1989
2.1.1 Deutschland und die USA nach dem Zweiten Weltkrieg
2.1.2 Von der Gründung der Bundesrepublik bis zum Ende der 1960er Jahre
2.1.3 Von der Ostpolitik bis zur Wiedervereinigung
2.2 Theoretische Entwürfe der Weltordnung nach dem Kalten Krieg
III Deutsch-amerikanische Beziehungen von der Wiedervereinigung bis zum Kosovo-Konflikt 1991-1999
3.1 Die USA und die Bundesrepublik nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes
3.1.1 Ausgangsbedingungen und außenpolitische Leitlinien der wiedervereinigten Bundesrepublik
3.1.2 Ausgangsbedingungen und außenpolitische Leitlinien der USA
3.2 Neue Krisen und Kriege und die deutsch-amerikanischen Beziehungen
3.2.1 Der Erste Irak-Krieg und die Zivilmacht Bundesrepublik
3.2.2 Der UNO-Einsatz in Somalia und das Scheitern kollektiver Sicherheit
3.2.3 Die Kriege in Jugoslawien und das Scheitern Europas
3.2.4 Bosnien und die Rückkehr der europäischen Ordnungsmacht USA
3.2.5 Der Kosovo-Krieg und die veränderte Bundesrepublik
3.3 Die Entwicklung von EU und NATO im Kontext der deutsch-amerikanischen Beziehungen
3.3.1 USA und Europa zwischen Konkurrenz und Partnerschaft
3.3.2 Die Anpassung der NATO an die neue Weltordnung: Erweiterung und Strategiewechsel
3.4 Zusammenfassung
IV Deutsch-amerikanische Beziehungen und der Krieg gegen den Terror
4.1 Deutschlands „Uneingeschränkte Solidarität“ und der amerikanische Kreuzzug
4.1.1 Der 11. September und die Folgen
4.1.2 Der Krieg in Afghanistan
4.2 Exkurs: Die Macht der Ideen: Die neue Ausrichtung der US-Außenpolitik
4.3 Der Irak-Krieg und die Krise der deutsch-amerikanischen Beziehungen
4.3.1 Entwicklung der Irak-Krise im deutschen Wahlkampf 2002
4.3.2 Der Irak-Krieg und der Streit in der UNO
4.3.3 Deutschland, die USA und der Irak - Nachbetrachtung
4.4 Die Beinahe-Spaltung Europas
4.5 Zusammenfassung
V Normalisierung der deutsch-amerikanischen Beziehungen und Ausblick
5.1 Entwicklung der Beziehungen nach dem Amtsantritt Angela Merkels
5.2 Die erweiterte EU, Deutschland und die transatlantischen Beziehungen
5.2.1 Europa als internationaler Akteur und das Verhältnis zu den USA
5.2.2 Von deutsch-amerikanischen zu europäisch-amerikanischen Beziehungen?
5.3 Der Westen - Quo vadis?
5.3.1 Ideelle und moralische Herausforderungen
5.3.2 Der Westen und die neue Weltordnung
5.4 Die USA und die Bundesrepublik: Neue Perspektiven mit Barack Obama?
5.4.1 Chancen und Risiken der Obama-Präsidentschaft
5.4.2 Partnership in Leadership? - Nagelprobe Afghanistan
VI Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit analysiert die deutsch-amerikanischen Beziehungen von der Wiedervereinigung 1990 bis 2009. Ziel ist es, die Entwicklung von einem Höhepunkt der Partnerschaft hin zu einer Vertrauenskrise während des Zweiten Irak-Krieges 2003 zu untersuchen, um Kontinuitäten und Brüche in der bilateralen Zusammenarbeit sowie die Auswirkungen internationaler Krisen aufzuzeigen.
- Die historische Transformation des deutsch-amerikanischen Verhältnisses nach dem Kalten Krieg
- Die Rolle Deutschlands als Zivilmacht im Kontext militärischer Interventionen (Irak, Jugoslawien, Afghanistan)
- Der Einfluss der EU-Integration und der NATO-Osterweiterung auf die transatlantische Stabilität
- Die Rolle der USA als globale Führungsmacht und deren Wahrnehmung durch die Bundesrepublik
- Perspektiven für die deutsch-amerikanischen Beziehungen unter der Obama-Administration
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Der Erste Irak-Krieg und die Zivilmacht Bundesrepublik
Am 2. August 1990 griffen ca. 100.000 irakische Soldaten den Kleinstaat Kuwait an, der große Ölvorkommen beherbergte. Nach dem Iran-Irak-Krieg (1980-1988) hatte der Irak massive Schulden und sah nun die Möglichkeit, diese durch Expansion zu tilgen. Die USA selber hatten den Irak in den 80er Jahren als strategischen Verbündeten gegen den Iran aufgebaut und im Iran-Irak-Krieg unterstützt. Enge wirtschaftliche und politische Verbindungen blieben bis kurz vor dem irakischen Einmarsch in Kuwait bestehen. Mit dem Einmarsch in den Nachbarstaat ging Saddam Hussein allerdings zu weit und zwang die USA zum Handeln. Irakische Truppen standen in der Folge an der Grenze zu Saudi-Arabien und bedrohten damit grundlegende politische und ökonomische Interessen der USA und des Westens.
Die Bundesrepublik lehnte konkrete Anforderungen seitens der USA, militärische Hilfe zu leisten, mit dem Verweis auf die schwierige innenpolitische Lage nach der Wiedervereinigung, die öffentliche Meinung im Ausland, die militärische Tradition der Bundesrepublik und die Beziehungen zur UdSSR ab. Deutschland kompensierte die Unwilligkeit, militärisch zu helfen, mit massiven finanziellen und materiellen Mitteln. Durch „Scheckbuchdiplomatie“ kaufte man sich frei und setzte dabei bis zu 20 Mrd. DM zur Finanzierung des Krieges ein. Diese massiven Mittel wurden dabei ohne konkrete Erwartungen oder Formulierungen von Interessen zur Verfügung gestellt. Hacke nennt den Ersten Irak-Krieg den „ersten Tiefpunkt“ in der Außenpolitik des wiedervereinigten Deutschland. Die Bundesrepublik verhielt sich tatsächlich zeitweise widersprüchlich. Dass die Bundesregierung mit 900 Transportzügen, Munitions- und Materiallieferungen und etlichen anderen Hilfsmaßnahmen zum Erfolg des Irak-Krieges maßgeblich beisteuerte, wurde der Bevölkerung verschwiegen. Indessen nahm die deutsche Regierung die Anti-Kriegs-Demonstrationen der Bevölkerung, die teils stark antiamerikanische Züge annahmen, überwiegend schweigend hin und erweckte damit den Eindruck, diese zu unterstützen.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Stellt die Motivation, die Forschungsfrage sowie den Forschungsstand zur Analyse der deutsch-amerikanischen Beziehungen seit 1990 dar.
II Historische und theoretische Grundlagen: Analysiert die historischen Wurzeln der Beziehungen seit 1945 sowie politikwissenschaftliche Theorien zur Weltordnung nach dem Kalten Krieg.
III Deutsch-amerikanische Beziehungen von der Wiedervereinigung bis zum Kosovo-Konflikt 1991-1999: Untersucht die Rolle Deutschlands und der USA in den frühen 90er Jahren, insbesondere in den Konflikten in Irak, Somalia und Jugoslawien.
IV Deutsch-amerikanische Beziehungen und der Krieg gegen den Terror: Behandelt die tiefgreifende Krise der transatlantischen Beziehungen nach dem 11. September 2001 und dem Zweiten Irak-Krieg.
V Normalisierung der deutsch-amerikanischen Beziehungen und Ausblick: Analysiert die Versuche einer Normalisierung unter Angela Merkel und wirft einen Blick auf die Ära unter Barack Obama.
VI Fazit: Fasst die Entwicklung der deutsch-amerikanischen Beziehungen zusammen und bewertet die zukünftigen Herausforderungen für beide Staaten.
Schlüsselwörter
Deutsch-amerikanische Beziehungen, Wiedervereinigung, Zivilmacht, NATO, EU-Integration, Irak-Krieg, Afghanistan-Einsatz, Multilateralismus, transatlantische Partnerschaft, Außenpolitik, Weltordnung, Krisenmanagement, Sicherheitspolitik, Angela Merkel, Barack Obama.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht die deutsch-amerikanischen Beziehungen in der Zeit von der Wiedervereinigung 1990 bis zum Jahr 2009, einer Phase, die von dramatischen weltpolitischen Umbrüchen und einer Transformation des bilateralen Verhältnisses geprägt war.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die sicherheitspolitische Interaktion, die Evolution der deutschen Außenpolitik von der "Zivilmacht" hin zur "normalen" Macht, die Krise nach 2001 sowie der Einfluss internationaler Organisationen wie UN, NATO und EU.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Kontinuitäten und Brüche im transatlantischen Verhältnis aufzuzeigen und zu analysieren, wie sich das deutsch-amerikanische Vertrauensverhältnis trotz unterschiedlicher Interessenlagen und politischer Krisen wandelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit analysiert Entwicklungsprozesse anhand von Schlüsselereignissen (Fallbeispiele wie Irak-Kriege, Jugoslawien, Afghanistan) und bettet diese in den aktuellen Forschungsstand zur deutschen und US-Außenpolitik ein.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch die Phasen nach der Wiedervereinigung: von der Zivilmacht-Tradition in den 90ern über die tiefe Krise durch den Zweiten Irak-Krieg 2003 bis hin zur versuchten Normalisierung unter Angela Merkel und der neuen Perspektive mit Obama.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Schlüsselbegriffe sind transatlantische Beziehungen, Normalisierung, Zivilmacht, internationale Krisen, sicherheitspolitische Interaktion und die Rolle der USA als globale Führungsmacht.
Warum war der Erste Irak-Krieg ein "Tiefpunkt"?
Laut Arbeit wird dieser als Tiefpunkt gewertet, da Deutschland sich widersprüchlich verhielt: Einerseits lehnte man militärische Beteiligung strikt ab, andererseits leistete man massive finanzielle Unterstützung, was das Bild der Bundesrepublik als verlässlicher Partner in der Welt beschädigte.
Welche Rolle spielt der Kosovo-Krieg für die deutsche Außenpolitik?
Der Kosovo-Krieg markiert eine "entscheidende Wegmarke" der deutschen sicherheitspolitischen Normalisierung, da Deutschland zum ersten Mal seit 1945 wieder aktiv an Kampfhandlungen innerhalb einer NATO-Operation beteiligt war.
- Citation du texte
- Christoph Chapman (Auteur), 2010, Partnerschaft und Krise - Die deutsch-amerikanischen Beziehungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162434