Identitätsfindung muslimischer Jungen in Deutschland - Voraussetzung für Bildung und Integration


Bachelorarbeit, 2010
47 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 ZielgruppenDefinition
2.1 Muslime in Deutschland
2.2 Muslimische Jungen in Deutschland am Beispiel der MJD und der Salaf

3 Die Situation muslimischer Jungen in Deutschland
3.1 Das stereotypische Männlichkeitsbild muslimischer Jungen türkischer Herkunft
3.2 Muslimische Jungen als Risikogruppe und die daraus resultierende Etikettierung und Desintegration

4 Die Identitätsfindung muslimischer Jungen
4.1 Identität: Begriffsklärung und Definition
4.2 Die Bikulturelle Identität als Ressource für Bildung und Integration
4.3 Ansätze zur Herausbildung einer gelungenen- und Gründe einer nicht gelungenen Identität

5 Lebensweltorientierte Soziale Arbeit mit muslimischen Jungen
5.1 Lebensweltorientierte Soziale Arbeit
5.2 Kompetenzen Sozialer Fachkräfte und die Öffnung sozialer Einrichtungen für eine Lebensweltorientierte Soziale Arbeit

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Bachelor-Thesis mit dem Thema „Identitätsfindung muslimischer Jungen in Deutschland – Voraussetzung für Bildung und Integration“ wurde am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster betreut.

Aufgrund der Aktualität des Themas Integration in Deutschland und der heterogenen Ansichten zu dem Integrationsverständnis habe ich mir zur Aufgabe dieser Bachelor-Thesis gemacht, was für einen Einfluss der Integrationsbegriff, aus der Sicht des Alltags der Muslime in Deutschland, auf die Identitätsfindung in Bezug auf Bildung und Integration hat. Dieses habe ich anhand der Thesen von Hans Thiersch zur „Lebensweltorientierung“ und anhand der von Tarek Badawia, die sich unter dem Stichwort „bikulturelle Identität“ zusammenfassen lassen, erforscht. Ein Ziel dieser Abhandlung bestand darin, die zahlreichen Missverständnisse in Bezug auf die in Deutschland lebenden muslimischen Jugendlichen zu korrigieren und ein realistisches Bild des Alltags wiederzugeben, so dass der Leser erkennt, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt und wo die Unterschiede sind. Der momentane Forschungsstand über die Muslime ist, besonders nach dem Anschlag vom 11.09.2001, sehr groß und breitgefächert. Seitdem haben sich sämtliche Studien und Forschungen, die sich zuvor überwiegend mit den weiblichen Muslimas beschäftigt haben, den männlichen Muslimen gewidmet. Daran erkennt man das Interesse, die Brisanz und Aktualität in diesem Bereich. Da ich selber in einer Migrantenfamilie meine Wurzeln habe, und mit dem Thema groß geworden bin, denke ich, dass ich von der Perspektive meines eigenen Alltags ausgehend, ein anderes Verständnis für die muslimischen Jugendlichen habe. Oft fällt es diesen Jugendlichen schwer, ihre Anliegen, Wünsche, Ziele und Träume nach außen hin zu artikulieren, da ihnen das Sprachrohr fehlt. Daher habe ich versucht, diese Gelegenheit stellvertretend in dieser Bachelorarbeit zu nutzen.

Als Leitfaden dieser Arbeit dient die Fragestellung: Was für eine Rolle spielen die Bildung und eine gelungene Identität muslimischer Jungen in Bezug auf das Gelingen einer funktionierenden Integration, mit dem richtigen Verständnis des Integrationsbegriffes, und wie begründet man deren Scheitern?

Die Bachelorarbeit ist nach vier Gliederungspunkten strukturiert. Das erste Kapitel beschreibt die, für die Arbeit relevante, Zielgruppe. Dort wird zunächst einmal ein allgemeiner Überblick über die Muslime in Deutschland gewährt. Im weiteren werden die facettenreichen muslimischen Jugendkulturen vorgestellt, wobei ich mein Augenmerk auf islamisch motivierte Jugendgruppen, wie z.B. die Muslimische Jugend Deutschland (MJD) oder die Salaf, richten werde.

Im zweiten Kapitel wird dem Leser die Situation der in Deutschland lebenden muslimischen Jungen nahgebracht. Dabei handelt es sich um zwei problembehaftete Beispiele. Das erste Beispiel, das Männlichkeitsbild und das Ehrverständnis muslimischer Jungen, ist ein Problem, welches von traditioneller Natur ist. Das zweite Beispiel beschäftigt sich mit der Etikettierung muslimischer Jungen von Seiten der Medien und Teilen der Mehrheitsgesellschaft.

Im dritten Kapitel mit der Überschrift „ Die bikulturelle Identitätsfindung als Ressource für Bildung und Integration“ wird zunächst einmal der inflationäre Begriff Identität definiert. Im Vordergrund dieses Abschnittes steht die Theorie der bikulturellen Identitätsfindung, welche im Kontext von Bildung und Integration beleuchtet wird. Sowohl Bildung als auch Integration sind Begriffe, die viele Definitionsmöglichkeiten bieten.

Im vierten und somit letzten Kapitel dieser Bachelor-Thesis soll zunächst einmal der Alltag junger Migranten bzw. Muslime anhand des Paradigmas Lebensweltorientierung von Hans Thiersch veranschaulicht werden. Danach werden die für eine identitäts- und integrationsfördernde Zusammenarbeit mit Migranten bzw. Muslimen benötigten Kompetenzen sozialer Fachkräfte und sozialer Einrichtungen vorgestellt und ausgeführt.

Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, mit dieser Abhandlung ein realistisches Bild des Alltags der muslimischen Jungen wiederzugeben, und dass der Leser am Ende der Arbeit das Gefühl hat, die Träume, Hoffnungen, Ängste und Ziele der muslimischen Jungen besser zu verstehen und zu dem Ergebnis kommt, dass sie wie die einheimischen Jugendlichen auch ganz normale Heranwachsende sind, mit ähnlichen Schnittmengen, aber auch Unterschieden.

2 Zielgruppendefinition

Wenn man über die Muslime in Deutschland sprechen möchte, ist es notwendig vorher einen kurzen Exkurs über die verschiedenen Gruppen bzw. Ansichten zu machen. Denn man kann nicht über die Sozialisation jugendlicher Muslime in Deutschland sprechen, ohne sich vorher über diese Tatsache bewusst zu sein, dass es „die Muslime“ in Deutschland nicht als homogene Gruppe gibt.

2.1 Muslime in Deutschland

Wirft man einen Blick in die Geschichtsbücher, so stellt man fest, dass bereits das damalige Preußen und der Islam im Rahmen von diplomatischen, militärischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit einander in Berührung gekommen sind (vgl. Öztürk 2007, S. 80).

Nach dem 2. Weltkrieg und dem damit verbundenen Wiederaufbau bemühte sich die Bundesrepublik Deutschland um Arbeitskräfte aus dem Ausland, die sogenannten „Gastarbeiter“. Das erste Anwerben von ausländischen Arbeitskräften aus islamisch geprägten Ländern fand mit der Türkei im Jahre 1961 statt. Es folgten weitere Anwerberabkommen mit Marokko 1963 und Tunesien 1965 (vgl. Birsl 2003, S. 56). Durch den Verbleib der sogenannten „Gastarbeiter“ im Aufnahmeland und die da­raus resultierende Zusammenführung der Familien ist die islamische Community

„…nach der katholischen und evangelischen…“ (Öztürk 2007, S. 20)

zur drittgrößten Religionsgemeinschaft der Bundesrepublik Deutschland herange­wachsen (vgl. Öztürk 2007, S. 20).

Nach der aktuellsten Studie „ Muslimisches Leben in Deutschland “ vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF 2009), wird die Einwohnerzahl von Muslimen in Deutschland auf 3,8 bis 4,3 Millionen geschätzt. Das ergibt bei einer Gesamtbe­völkerungszahl von ca. 82 Millionen einen Anteil von ca. 4,6 bis 5,2 Prozent. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass 45 Prozent der muslimischen Migranten die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Die restlichen 55 Prozent sind weiterhin im Besitz einer „ausländischen“ Nationalität (vgl. BAMF 2009, S. 11).

Die Studie hat weiterhin zum Vorschein gebracht, dass es sich bei der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland bezüglich ihrer Herkunft als auch ihrer Glaubensrichtung nicht um eine homogene Gruppe handelt. Die türkischen Mitmenschen bilden mit einer Einwohnerzahl von ca. 2,5 bis 2,7 Millionen die stärkste Gruppe. Dieses macht einen Gesamtanteil von 63,2 Prozent, der in Deutschland lebenden Muslime, aus. Die zweitgrößte Gruppe bilden, mit 13,6 Prozent, Muslime aus Südosteuropa. Gefolgt werden diese von den Muslimen aus dem Nahen Osten mit 8,1 Prozent. Die Nord­afrikaner sind mit 6,9 Prozent die viertstärkste Bevölkerungsgruppe unter den Mus­limen in Deutschland. Die restlichen neun Prozent verteilen sich auf Iraner, Süd-/Südostasiaten, Zentralasiaten und Zuwanderern aus dem sonstigen Afrika (vgl. BAMF 2009, S. 96).

Abbildung 1 : Muslime nach ihrer Herkunftsregion (nach BAMF 2009, S. 96).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Betrachtet man die Konfessionszugehörigkeit, so wird deutlich, dass die dem sunnitischen Islam angehörige Bevölkerungs­gruppe mit 74,1 Prozent am stärksten vertreten ist. Die Aleviten stellen mit ca. 13 Prozent die zweitgrößte Gruppe dar. 7,1 Prozent stellen die aus dem Iran stammenden Menschen, welche der schiitischen Glaubensrichtung zugehörig sind, dar. Was die anderen Gruppen betrifft, so besagt die Studie folgendes:

„Angehörige kleinerer Glaubensrichtungen wie Ahmadi, Sufi/Mystiker oder Ibaditen…“ (BAMF 2009, S. 98)

bilden die klare Minderheit.

„Ihr Anteil umfasst zusammen weniger als 3 Prozent“ (BAMF 2009, S. 98).

Die restlichen 4 Prozent der Muslime gehören einer Glaubensrichtung an, die im Rahmen dieser Studie nicht genauer beleuchtet wurden.

Abbildung 2 : Muslime nach Glaubensrichtung (nach BAMF 2009, S. 98).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein weiterer interessanter Aspekt dieser Studie ist die Geschlechts- und Altersstruk­tur. Der männliche Anteil der muslimischen Gemeinschaft liegt bei 52,5 Pro­zent. Dieser Wert ist im Vergleich zur deutschen Gesamtbevölkerung relativ hoch. Die weiblichen Muslimas kommen im Geschlechterverhältnis auf 47,5 Prozent und liegen damit unter dem Wert der weiblichen Gesamtbevölkerung deutscher Herkunft (vgl. BAMF 2009, S. 100).

Die im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz (DIK) erstellte Studie besagt bezüglich der Altersstruktur der Muslime folgendes:

„Vergleicht man die Altersstruktur der untersuchten Population der Muslime mit der Gesamtbevölkerung in Deutschland…[so]…wird deutlich, dass es sich um eine junge Bevölkerungsgruppe handelt. Insbesondere der Anteil an Kin­dern und Jugendlichen sowie jungen Erwachsenen von unter 25 Jahren ist bei Perso­nen mit Migrationshintergrund deutlich höher als bei der Allgemeinbevölkerung“ (BAMF 2009, S. 103).

Der Tenor der Statistiken ist, dass die Muslime in Deutschland, was ihre Glaubensrichtung und ihre Herkunft betrifft, eine heterogene Gruppe sind. Daher gilt es zu beachten, wenn wir über Identität, Bildung und Integration sprechen, dass diese Begriffe bei den unterschiedlichen Gruppierungen, individuell beleuchtet werden müssen. Es gibt also keine stereotypische Einheitslösung, die für alle das Erfolgsversprechen gibt. Bedenkt man dazu noch das Technologiedefizit, welches bei der Arbeit mit Menschen immer gegeben ist, so wird man erkennen, dass diese Thematik genauer und detaillierter aus der Lebenswelt heraus definiert werden muss, damit man von gelungener Bildung, Identität und Integration sprechen kann.

2.2 Muslimische Jungen in Deutschland am Beispiel der MJD und der Salaf

Mit dem Begriff „junge Muslime“ sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene beider Geschlechter gemeint, die die zweite oder dritte Generation der in Deutschland lebenden muslimischen Migrantenfamilien repräsentieren (vgl. Wensierski 2007, S. 9). Im Rahmen dieser Arbeit werden allerdings ausschließlich muslimische Jungen berücksichtigt.

Studien bzw. Forschungen, die sich explizit mit Jugendkulturen muslimischer Jungen in Deutschland auseinander setzen, waren in der Vergangenheit rar. Wenn es Studien zu dieser Zielgruppe gab, dann oft über türkischstämmige Jugendliche im Zusammenhang zur identitätsstiftenden Hip Hop-Kultur, oder zur Delinquenz von ethnischen Jugendszenen. Mittlerweile hat sich der Forschungstand bezüglich muslimischer Jugendkulturen- und Stile erweitert und sich in der Wissenschaft etabliert (vgl. Lübcke 2007, S. 285).

Halit Öztürk kritisierte diesen empirischen Forschungsstand wie folgt:

„Ferner weist die empirische Jugendforschung in Bezug auf muslimische Jugendli­che ernsthafte Defizite auf. Denn bislang wurden die religiösen Orientierungen die­ser Jugendlichen ausgeblendet. Dies liegt daran, dass sozial-und migrationswissen­schaftliche Publikationen der 1970er und 1980er Jahre mehrheitlich den türkischen Mitbürgern im Allgemeinen gewidmet waren, nicht aber die Muslime ins Zentrum ihres Fokus gerückt haben.“ (Öztürk 2007, S. 23).

Die jungen männlichen Muslime sind nach neuesten Erkenntnissen genauso wie die Gesamtbevölkerung der Muslime keineswegs homogen. Vielmehr bilden diese in der postmodernen Gesellschaft eine Vielschichtige jugendkulturelle Landschaft. Ihre spezifischen Gruppen- und Freizeitstile haben auf den ersten Blick keine großen Differenzen zu den kommerziellen Jugendkulturen. Wensierski macht in seiner Dissertation auf zwei wesentliche Merkmale aufmerksam, welche muslimische Jugendgruppen von anderen unterscheidet. Er weist darauf hin, dass neben den traditionellen Familienstrukturen auch die Bindung an religiöse Normen und Werte ein wesentliches Merkmal dieser Sub­kultur ist (vgl. Wensierski 2007, S. 55).

Der Autor Tarek Badawia bringt in seiner Dissertation „ Thesen zur Förderung gesellschaftlicher Partizipation von muslimischen Kindern und Jugendlichen “ die Jugendkulturelle Pluralität der muslimischen Jungen wie folgt auf den Punkt:

„Muslimische Jugendliche haben selbstverständlich viele Facetten und Ausprä­gungen. Eine etwas genauere Definition ist daher sehr wichtig.]…[Die Orientierungsmuster von aus­ländischen Jugendlichen variieren stark zwischen subkultureller (delinquente Grup­pen, Gangs, subkulturelle Gruppen), freizeitkultureller (Musik-, Theater-und Kaba­rett-Gruppen), politisch-gesellschaftlicher (politische Parteien, Studentenvereine und Teilnahme an poltischen Programmen von etablierten Parteien), ethnisch-nationa­listischer (nationalistische und ideologische Organisationen) und islamischer Orientie­rung (Islamische Jugendbewegung, Bund muslimischer Pfadfinder, Junge Muslime, Muslimische Jugend in Deutschland)“ (Badawia 2005a, S. 168).

Der Islam als Religion und kulturelles System, nimmt für viele muslimische Jugendliche eine prägende und strukturierende Rolle in ihrem Alltag ein. Im Laufe ihrer Sozialisation entwickelt sich ein „muslimischer Habitus“, welcher sich in den verschiedensten Prägungen in der Lebenswelt dieser jungen Menschen wiederspiegelt. Für diese Abhandlung wurde die 13. Shell-Jugendstudie herangezogen, weil diese im Gegensatz zur der Heitmeyer-Studie oder den Türkeistudien, sich auf die Religionszugehörigkeit und nicht nur auf den ethnischen Hintergrund konzentriert hat. Diese qualitative Studie hat sich mit der Religiosität muslimischer Jungen beschäftigt, und gezeigt, dass die Anbindung und Identifikation der Jugendlichen zum Islam auffällig groß ist. In der Jugendstudie wird sichtbar, dass die Religiosität – hier anhand des Gebets – wichtig für die muslimische Jugend ist. Dort wird deutlich, dass 49% der muslimischen Jungen das Gebet für wichtig halten, der Wert bei katholischen Jungen, liegt im Vergleich bei 26% (vgl. 13. Shell-Jugendstudie 2000, S. 158).

Die Religiosität muslimischer Jungen ist auch Gegenstand der Studie von Nikola Tietze. Die Sozialforscherin hat sich in ihrer Arbeit mit muslimischen Jungen aus Frankreich und Deutschland, welche in gleichen sozialen Bedingungen leben, auseinandergesetzt. In ihrer Abhandlung wurden vier verschiedene Typen islamischer Religiosität erforscht und kategorisiert. Im Folgenden werden diese kurz beschrieben:

1. Typ (Ethisierung)

Der Glaube des Subjekts wird zur Handlungsanleitung. Ethnische, nationale und kulturelle Dimensionen verlieren an Wert. Hallal (islm. erlaubt) und Haram (islm. Verbot), bilden das moralische Gefüge.

2. Typ (Ideologisierung)

Hierbei wird die Zugehörigkeit zum Islam betont, mit dem Ziel der Schaffung einer Gemeinschaft im sozialen Raum. Das Individuum vermischt Religiöses mit sozialem und politischem Denken. Dadurch bildet sich eine Gemeinschaft, welche sich von der Mehrheitsgesellschaft differenziert.

3. Typ (Utopisierung)

Durch die Aneignung theologischen Wissens erlebt man ein Gefühl der Wahrheit, welches die gesamte Lebensführung bestimmt. Die Ausübung der Religion ist eine persönliche Herausforderung, mit dem Ziel der Selbstreinigung. Durch die Erinnerung an den Qur´an, die Tradition (arab. Sunna) und die Gelehrten, wird eine Unterscheidung zur Kultur gemacht. Dieser Glaube an einen universalistischen Islam lässt soziale Barrieren schwinden und befähigt das Individuum trotz Problemen im öffentlichen Raum zu agieren.

4. Typ (Kulturalisierung)

Die Religiosität wird durch die Zugehörigkeit zu einer Kultur „vererbt“. Der Islam nimmt eine Nebenrolle ein, er dient lediglich als Integrationsinstrument zu einem bestimmten Milieu. Dabei wird die Religion stark mit kulturellen Traditionen vermischt, so dass eine Unterscheidung nicht möglich ist. Somit wird die „Religion“ mit der Lebenswelt verhandelbar (Tietze 2001, S. 157).

Aufgrund der Diaspora und der postindustriellen Moderne nehmen, im Gegensatz zu den traditionellen Muslime, die vier Dimensionen der Religiosität eine bedeutsame Rolle für die Identitätsfindung der in Deutschland lebenden jungen Muslime ein. Nur durch einer dieser Typen, so Tietze, kann der Islam seine subjektive Bedeutung bekommen. Diese Dimensionen sind allerdings nicht isoliert zu betrachten, sondern immer in einer stetigen Verbindung, auch wenn diese nur schwach ist. Da dieser Zustand keinen starren, sondern einen prozesshaften Charakter hat, besteht die Möglichkeit für die Individuen zwischen den Dimensionen zu zirkulieren. Tietze fährt diesbezüglich fort:

„Ein Muslim kann die Religiosität in einer Lebensphase »ethisieren«, in einer anderen Situation, bei einem anderen Gesprächspartner oder in einer anderen politischen Konstellation »utopisieren«, »kulturalisieren« oder »ideologisieren«“ (Tietze 2001, S. 160).

Abschließend hält Tietze in ihrer Dissertationsarbeit fest, dass gerade der Islam den jungen Muslime im Zeitalter der Globalisierung und der damit zusammenhängenden Individualisierung und Schwächung des Wertesystems, die Möglichkeit bietet, an ihrer Biografie zu arbeiten. Die pluralen und flexiblen Identifikationsformen junger Muslime mit dem Islam sind somit eine entscheidende Ressource für die individuelle Emanzipation und Teilhabe an der Gesellschaft (vgl. Tietze 2001, S. 227).

Im Weiteren wird nun das Augenmerk auf islamisch motivierte Jugendgruppen in Deutschland gerichtet, in diesem Fall auf die Muslimische Jugend Deutschland (MJD) und die Salaf. In der Abhandlung von Arne Schäfer wird der Begriff Salaf wie folgt definiert:

„Natürlich ist der Islam definitionsgemäß universell, aber seit der Zeit des Propheten und seiner Gefährten (Salaf) war er immer in bestimmten Kulturen verwurzelt (…). Für Fundamentalisten, und auch für manche Liberale, bieten diese Kulturen nichts, worauf man stolz sein könnte, weil sie die ursprüngliche Botschaft des Islam entstellt hätten. Die Globalisierung ist daher eine gute Gelegenheit, den Islam von jeder be­stimmten Kultur abzulösen und ein Modell zu entwerfen, das jenseits der Kultur funktioniert“ (Schäfer 2010, S. 89).

Die Mehrheit der muslimischen Jugendlichen, die sowohl in der MJD als auch bei den Salaf aktiv sind, stammen überwiegend aus türkischen bzw. arabischen Familien ab. Allerdings sind diese Jugendgruppen auch oftmals multinational zusammengesetzt und haben auch Jugendliche, die zum Islam konvertiert sind in ihren Reihen integriert (vgl. von Wensierski/Lübcke 2010, S. 167).

Die MJD und die Salaf, die von Autoren wie Gerlach, Nordbruch, Wensierski und Lübcke mit den Begriffen „Pop-Muslime“, „Reborn Muslime“ oder „Neo-Muslimas“ betitelt werden, sind nahezu zeitgleich in den 90er Jahren in die Öffentlichkeit getreten bzw. entstanden. Der Be­griff Pop-Islam, so Gerlach, soll die Vermischung „Remix“ der Lebensstile Islam und westlich moderne Welt charakterisieren, welches sich in erster Linie die MJD zu eigen gemacht hat. Durch diesen Jugendstiel, erhofft sich die Jugendorganisation mehr Zulauf von islamisch geprägten bzw. motivierten Jugendlichen. Unterstützung bekommt die MJD z.B. vom Mode Label „Styleislam.com“, die trendbewusste Kleidung und Acces­soires mit Slogans wie „I Love my Prophet“, „Muslim by nature“ oder „Hijab: My right, my choice, my life“ produzieren und verkaufen. Diese identitätsstiftende Kleidung steht gerade bei den muslimischen Jugendlichen die sich mit der MJD identifizieren hoch im Kurs. Desweiteren hat die MJD wie andere Jugendkulturen ihre eigenen szenen­typischen Stars. Die bekanntesten unter ihnen sind die Musiker Sami Jusuf und Jusuf Islam der auch besser bekannt ist unter dem Namen Cat Stevens (vgl. Wensierski/Lübcke 2010, S. 164/ Nordbruch 2009, S. 361/ Gerlach 2006, S. 140).

Der Rapper Milkias Kedebe alias „Ammar114“, ist in der deutschen Hip-Hop Szene kein unbekannter. Auch er hat unter anderem dazu beigetragen, dass die MJD an Popularität unter den muslimischen Jugendlichen gewonnen hat. Seine Texte sind frei von obszönen Ausdrücken, politisch und zugleich kritisch gegen über der deutschen Gesellschaft. Sogar bei konservativ ausgerichteten Jugendlichen die der Salaf angehören und – die Musik aus islamischer Sicht nicht für gut heißen – hat er zum Teil Anerkennung für sein Engagement bekommen. Der Künstler, der 1999 den Islam angenommen hat, hat sich zur Aufgabe gemacht, sowohl muslimische als auch nicht muslimische Jugendliche mit seiner Musik zu erreichen und zu sensibilisieren, mit dem Ziel, ihnen ein anderes Bild über den Islam zu vermitteln. In einem Songs, den er der MJD gewidmet hat, heißt es:

„Du siehst hier viele verschiedene Nationen zusammen kommen -und zwar in Frieden. Wir haben uns nur das Beste vorgenommen. Der Islam ist das, was unsere Herzen vereint. Wir sind in Deutschland daheim und wir setzen uns ein. Für wen? Für Allah, für die Jugend, für den Islam. Wir wollen Brücken bauen; wir wollen dass jeder sehen kann, dass wir für Frieden stehen und den Weg der Mitte gehen. Wir bringen Würze ins Leben - wir bringen neue Ideen. Die MJ sie wächst und gedeiht mit dir. MJD-das bist du, das bin ich, das sind wir. Pack mit an, damit auch dein Kind irgendwann den Islam auf diese schöne Weise miterleben kann“ (http://www.mjd-net.de/node/2440. Zugriff: 12.05.2010).

Besonders nach den Anschlägen des 11.09.2001 haben beide Jugendkulturen an Zulauf gewonnen. Viele junge Muslime mussten nach den Terroranschlägen von New York, Madrid und London oder bei emotional aufgeladenen Themen wie Ehrenmord und Zwangsheirat, die in den Medien immer im gleichen Atemzug mit dem Islam erwähnt werden, viele Fragen von Mitschülern, Freunden, Nachbarn ja sogar Lehrern beantworten. So beschreibt ein Jugendlicher, welcher von Julia Gerlach inter­viewt wurde, die Situation wie folgt:

[...]

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Identitätsfindung muslimischer Jungen in Deutschland - Voraussetzung für Bildung und Integration
Hochschule
Fachhochschule Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
47
Katalognummer
V162896
ISBN (eBook)
9783640777969
ISBN (Buch)
9783640777785
Dateigröße
1193 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identitätsfindung, Jungen, Deutschland, Voraussetzung, Bildung, Integration
Arbeit zitieren
Adnan Ouled (Autor), 2010, Identitätsfindung muslimischer Jungen in Deutschland - Voraussetzung für Bildung und Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162896

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Identitätsfindung muslimischer Jungen in Deutschland - Voraussetzung für Bildung und Integration


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden