„Können neugeborene Kinder rechnen?“
Die diesbezügliche Forschung, die versucht, die numerische Kompetenz von Säuglingen empirisch zu ermitteln, hat sich erst in den letzten 25 Jahren entwickelt. Bis zu dieser Zeit wurde der Diskurs von dem theoretischen Ansatz des Konstruktivismus bestimmt. Der Begründer des Konstruktivismus, Jean Piaget, stützte seine Theorie auf Versuche, die er in den 1930er Jahren mit Kindern durchgeführt hatte, u. a. um Einsicht in die Entwicklung des Zahlbegriffs zu erhalten. Piaget verwendete beispielsweise Eins-zu-Eins-Zuordnungen von Gläsern und Flaschen, Blumen und Vasen, Eiern und Eierbechern, Pfennigen und Dingen sowie spontane Eins-zu-Eins-Zuordnungen zwischen Plättchen.
Das Denken unterliegt in all seinen Inhaltsbereichen altersabhängigen Einschränkungen. Die Regelhaftigkeiten dieser Einschränkungen wurden von Piaget als eine Reihe von aufeinander aufbauenden Stufen des Denkens in seiner Theorie der Piagetschen Stufen zusammengetragen. Das Erreichen der einzelnen Stufen laufe laut Piaget stets gleich ab, wodurch zu frühe Konfrontation von Kindern mit mathematischen Vorgängen für diese schädlich sei. Diesen Forschungsergebnissen wird in der vorliegenden Hausarbeit nachgegangen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wahrnehmung der Anzahl bei Säuglingen
3 Zum Abstraktionsvermögen von Säuglingen
4 Können Säuglinge zählen?
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die numerische Kompetenz von Säuglingen und hinterfragt die konstruktivistische Annahme, dass mathematische Fähigkeiten erst durch langjährige Erfahrung mit der Umwelt erworben werden. Dabei wird analysiert, ob bereits Kleinkinder über ein abstraktes Zahlkonzept verfügen oder einfache arithmetische Operationen durchführen können.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Theorie von Jean Piaget
- Empirische Nachweise zur frühen Wahrnehmung von Mengen
- Untersuchung der auditiven und visuellen Abstraktionsfähigkeit
- Analyse von Versuchsreihen zum frühkindlichen Rechnen (Addition/Subtraktion)
- Die Rolle der Fixationszeit als messbare psychologische Reaktionsgröße
Auszug aus dem Buch
4 Können Säuglinge zählen?
Genau der Frage, die diesem Kapitel als Überschrift dient, ging Karen Wynn Anfang der 1990er Jahre nach und entwickelte zu diesem Zweck ein einfaches, aber geniales Experiment (vgl. Dehaene 1999, 66). Forscher hatten bei früheren Experimenten festgestellt, dass Säuglinge signifikant anders darauf reagieren, wenn in einem Versuch Gesetze der Physik verletzt werden. In solchen anormalen Situationen zeigen sie sich überrascht und ihre Fixationszeit des betreffenden Vorgangs ist deutlich länger als bei normalen und physikalisch korrekten Vorgängen (vgl. Klaudt 2000, o.S.). Wynn nutzte diese Erkenntnis, um dadurch zu überprüfen, ob die Probanden erwarten, dass 1 + 1 = 2 und 2 - 1 = 1 ist.
Sie führte ihren Versuch mit Säuglingen im Alter von fünf Monaten durch, die im Labor auf eine kleine Bühne schauten, die einen klappbaren Schirm besaß. Zu Beginn des Versuchs schiebt eine menschliche Hand eine Mickeymaus-Figur gut sichtbar auf die Bühne, verlässt den Bereich, woraufhin der Schirm hochgeklappt wird (Versuchsablauf siehe Abb. 6). Danach schiebt die Hand erneut eine Mickeymaus auf die Bühne und hinter den Schirm und wird wieder leer zurückgezogen, womit ein einfacher Aufbau der Additionsaufgabe 1 + 1 = 2 gegeben ist. Um die Erwartung der Probanden zu testen, wird der Schirm daraufhin runtergeklappt: Nur eine Mickeymaus-Figur ist zu sehen, da die zweite heimlich und vom Schirm verdeckt über eine Falltür entfernt wurde (siehe Abb. 7). Bei diesem „unmöglichen“ Ereignis (1 + 1 = 1) reagieren die Säuglinge durchaus überrascht, was durch einen Kontrolldurchgang mit dem richtigen Ereignis (1 + 1 = 2), bei dem ihre Fixationszeit stets geringer war, belegt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage ein und erläutert den wissenschaftlichen Kontext, insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Konstruktivismus nach Piaget.
2 Wahrnehmung der Anzahl bei Säuglingen: Dieses Kapitel stellt empirische Untersuchungen vor, die belegen, dass Säuglinge bereits frühzeitig Unterschiede in Form, Farbe und Anzahl von Objekten wahrnehmen können.
3 Zum Abstraktionsvermögen von Säuglingen: Es wird untersucht, ob Säuglinge Anzahlen nicht nur visuell, sondern auch in anderen Modalitäten wie bei Bewegungsabfolgen oder Tonfolgen abstrahieren können.
4 Können Säuglinge zählen?: Anhand der Experimente von Karen Wynn und weiteren Forschern wird die Frage erörtert, ob Säuglinge einfache arithmetische Operationen verstehen und physikalische Unmöglichkeiten erkennen.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Säuglinge über grundlegende mathematische Kompetenzen verfügen, die weit über das konstruktivistische Bild eines „unbeschriebenen Blattes“ hinausgehen.
Schlüsselwörter
Säuglinge, Zahlensinn, Konstruktivismus, Jean Piaget, Fixationszeit, numerische Kompetenz, Abstraktionsvermögen, Objektpermanenz, mathematisches Denken, additive Kompetenz, frühe Kindheit, Entwicklungspsychologie, kognitive Konzepte, Rechnen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, ob Säuglinge bereits mathematische Fähigkeiten besitzen, und widerlegt die klassische Sichtweise, dass solche Kompetenzen erst durch jahrelange Erfahrung erlernt werden müssen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die frühkindliche kognitive Entwicklung, die empirische Erforschung mathematischer Basiskompetenzen und die kritische Würdigung der Piagetschen Entwicklungstheorie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, dass Säuglinge über ein angeborenes oder sehr früh erworbenes, abstraktes Verständnis für Mengen und grundlegende arithmetische Zusammenhänge verfügen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse empirischer Studien, insbesondere auf Versuche, die das Phänomen der Fixationszeit nutzen, um kognitive Prozesse bei Säuglingen messbar zu machen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene Experimente, wie das Aufdecken von Objektpermanenz, das Erfassen von Mengenänderungen bei Objekten und das Erkennen von unmöglichen arithmetischen Ergebnissen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben „Säuglinge“ und „Zahlensinn“ insbesondere „Fixationszeit“, „Konstruktivismus“ und „numerische Kompetenz“.
Warum spielt die Fixationszeit eine so wichtige Rolle in den Experimenten?
Die Fixationszeit dient als Indikator für das Interesse und die Erwartungshaltung des Kindes; eine längere Betrachtungsdauer bei „unmöglichen“ Ereignissen lässt auf ein Verständnis für korrekte physikalische oder mathematische Zusammenhänge schließen.
Was unterscheidet die Forschung von Karen Wynn von der klassischen Sichtweise Piagets?
Während Piaget davon ausging, dass Kinder erst nach einer langen Phase der sensomotorischen Interaktion rechnen lernen, konnte Wynn nachweisen, dass bereits fünf Monate alte Säuglinge einfache Additionen und Subtraktionen logisch verarbeiten können.
- Citation du texte
- M.Ed. Georg Rabe (Auteur), 2008, Mathematischer Erstunterricht: „Können Säuglinge zählen?“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163231