Die Gefahr terroristischer Anschläge und bewaffneter Aufstände, ausgeübt von extremistischen Gruppierungen ist nicht neu, allerdings offenbaren die verheerenden Anschläge von New York oder London und der erbitterte Widerstand gegen westliche Truppen in Irak und Afghanistan eine noch nie dagewesene Dimension. Religiös oder politisch motivierte Gewaltbewegungen haben sich heute oftmals von national physischen Bedrohungen zu transnational ideologischen Gefahren ausgeweitet (Wenger, Zimmermann 2007, S. 1). Angesichts dieser veränderten Gefahrenlage kommt nationalen Nachrichtendiensten und Sicherheitsapparaten eine Schlüsselrolle zu, auch wenn diese sich oftmals mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, dieser neuen Rolle nicht gerecht zu werden. Mehr als ein Jahr nach den Anschlägen von New York stellt ein Report des US Council of Foreign Relations den Sicherheitsbehörden ein erschreckend negatives Zeugnis bezüglich der Reaktionsfähigkeit auf großangelegte Terroranschläge auf amerikanischem Boden aus (Council on Foreign Relations. 2002, S. 1).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die veränderte Gefahrenlage und die Rolle der Nachrichtendienste
3. Das Spannungsfeld zwischen Ethnologie und Militär
3.1 Historische Perspektiven: Von Franz Boas bis zum Zweiten Weltkrieg
3.2 Nachkriegszeit und Kalter Krieg: Project Camelot
3.3 Renaissance des kulturellen Verständnisses im 21. Jahrhundert
4. Analyse aktueller Programme
4.1 Das Pat Roberts Intelligence Scholars Program (PRISP)
4.2 Das Human Terrain System (HTS)
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das zunehmende Engagement von Ethnologen im Dienste nationaler Sicherheitsapparate und Nachrichtendienste. Der Fokus liegt dabei auf der Analyse der ethischen Debatten innerhalb der Disziplin sowie der Wirksamkeit und Praxis von Programmen wie dem Human Terrain System, um auf die veränderte, transnational geprägte Bedrohungslage durch Terrorismus zu reagieren.
- Wandel der Bedrohungslage von nationalen zu transnationalen Gefahren.
- Historische Entwicklung der Kooperation zwischen Anthropologie und Militär.
- Kritische Auseinandersetzung mit "Cultural Intelligence".
- Analyse moderner Rekrutierungs- und Einsatzprogramme (PRISP & HTS).
- Ethische Implikationen und disziplinäre Konflikte innerhalb der Ethnologie.
Auszug aus dem Buch
Die Renaissance des kulturellen Verständnisses im 21. Jahrhundert
Nach dem Ende des Vietnamkrieges nahm die Bedeutung und die Wertschätzung ethnographischer Methoden innerhalb des amerikanischen Militärs ab, nicht zuletzt wegen der selbstauferlegten Isolation amerikanischer Ethnologen (Moos n.d.). Der zunehmende Kampf gegen terroristische Gruppen, sowie der immer öfter stattfindende Einsatz westlicher Truppen in ihnen kulturell fremden Regionen sorgt jedoch für eine Renaissance des kulturellen Verständnisses in militärstrategischen Überlegungen. Die Einsätze in Somalia und Afghanistan, besonders aber der Krieg im Irak und die nachfolgenden schweren Aufstände in den besetzten Gebieten waren ein Weckruf an die Militärs dass das Verständnis von Kultur, Werten, Sprache etc. einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg einer Mission leisten kann (McFate 2005a, S. 43). Ein Umstand der durch die Aussagen rückkehrender Offiziere und Soldaten illustriert wurde:
„I had perfect situational awareness. What I lacked was cultural awareness. I knew where every enemy tank dug in on the outskirts of Tallil. Only problem was, my soldiers had to fight fanatics charging on foot or on pick-ups and firing AK-47’s and RPGs. Great technical intelligence. Wrong enemy” (McFate 2005a, S. 43).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik terroristischer Bedrohungen und die daraus resultierende sicherheitspolitische Notwendigkeit für neues Wissen.
2. Die veränderte Gefahrenlage und die Rolle der Nachrichtendienste: Untersuchung der neuen, transnationalen Sicherheitsbedrohungen und der Erwartungshaltung an Nachrichtendienste zur Bereitstellung präziser Analysen.
3. Das Spannungsfeld zwischen Ethnologie und Militär: Historische Aufarbeitung der Kooperation zwischen Anthropologen und dem Militär sowie der daraus resultierenden ethischen und disziplininternen Konflikte.
4. Analyse aktueller Programme: Detaillierte Untersuchung von PRISP und dem Human Terrain System als konkrete Instrumente der modernen militärischen Wissensgenerierung.
5. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Betrachtung der Instrumentalisierung ethnologischer Methoden und der anhaltenden Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Wissen und militärischem Bedarf.
Schlüsselwörter
Ethnologie, Nationale Sicherheit, Terrorismusbekämpfung, Cultural Intelligence, Nachrichtendienste, Human Terrain System, PRISP, Projekt Camelot, Militärdoktrin, Sozio-kulturelle Analysen, Anthropologie, Asymmetrische Konflikte, Counter-Insurgency, Ethische Debatte, Geheimdienste.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das komplexe Verhältnis zwischen ethnologischer Forschung und der nationalen Sicherheit, insbesondere vor dem Hintergrund aktueller terroristischer Bedrohungslagen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die historische Entwicklung der militärisch-anthropologischen Zusammenarbeit, die Rolle von "Cultural Intelligence" und die Kritik an der Instrumentalisierung sozialwissenschaftlicher Methoden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu beleuchten, warum und wie Sicherheitsapparate verstärkt ethnologisches Wissen nutzen und welche ethischen und professionellen Konflikte sich daraus für die Disziplin ergeben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine Literatur- und Diskursanalyse, die auf bestehenden Berichten, akademischen Debatten und offiziellen Programmbeschreibungen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse des Verhältnisses von Wissenschaft und Militär sowie eine detaillierte Prüfung aktueller Programme wie PRISP und das HTS.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie "Security Anthropology", "Cultural Intelligence", "Counter-Insurgency" und "Ethik in der Wissenschaft" definieren.
Was unterscheidet das Human Terrain System von anderen Programmen?
Das HTS ist dadurch gekennzeichnet, dass zivile Wissenschaftler direkt als eingebettete Mitglieder in Kampfverbände an der Front integriert werden, um vor Ort sozio-kulturelles Verständnis zu liefern.
Warum gibt es innerhalb der Ethnologie so massive Vorbehalte gegen diese Zusammenarbeit?
Die Kritik basiert vor allem auf der Sorge, dass ethnologische Forschung durch die geheime Nutzung oder die Verknüpfung mit militärischen Zielen ihre Integrität verliert und Forscher in eine Spionagerolle gedrängt werden.
- Arbeit zitieren
- MSc. M.A. Robert Fiedler (Autor:in), 2009, Ethnologie im Dienste der nationalen Sicherheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163712