Ein Mensch ist tot, oder "Ganztod"

Was bleibt nach dem Tod?


Essay, 2010

8 Seiten


Leseprobe

Einleitung

Der Tod. Nicht nur der Mensch stirbt und ist, ganz simpel und einfach ausgesprochen, am Ende seines individuellen Daseins, „mit Leib und Seele(?)“, tot. Auch Pflanzen, wie zum Beispiel die Kastanie in unserem Hof, ist geschaffen durch Gott. Und auch sie ist eines Tages tot. Was ist tot? Und wie kann man Ganztod definieren? Und vorausblickend die Frage, ob der Tod das tatsächliche Ende bedeuten kann? Kann man demzufolge überhaupt von einem Ganztod reden? - Ob man auf all diese Fragen; die von so bedeutungsvoller und eminenter Wichtigkeit sind, in Bezug darauf, ob man die Seele vom Leib trennen kann, oder ob Leib und Seele zusammengehörig sind (von den allermeisten Menschen wohl eher verdrängt als sensible und beängstigende Fragen); eine für jeden Einzelnen zufriedenstellende Antwort geben kann ist wohl eher zu bezweifeln. - Im Folgenden möchte ich jedoch versuchen, die Ganztodtheorie in Verbindung mit einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 20./21. November 2010, Nr. 269, Seite 3, unter der Überschrift „Was Bleibt“ von Evelyn Roll, zu verbinden und versuche hier eine Antwort zu finden. Ein Ziel meiner Überlegungen ist es, die Angst vom Tod zu nehmen - die Angst, nicht mehr in Gottes Barmherzigkeit zu existieren und den Tod als ein durch Gott bestimmtes Ende in seiner eigenen Form zu sehen. Als ein weiteres, wohl mir bewusstes und schwieriges Ziel möchte ich zeigen, dass Leib und Seele im Tod doch trennbar zu sein scheinen. Auch wenn die Ganztodtheorie dieses letztlich eher verneint. Hintergrund meiner Abwandlung der Ganztodtheorie ist es, die Bedeutung des menschlichen Todes als eine Zwischenstufe zu sehen. Weil jeder Mensch, in einem glücklichen und liebevollen Leben mit Gott, dazu gehört auch der Tod, seine individuelle Aufgabe / Funktion seines individuell gelebten Lebens in der Gemeinschaft Gottes sehen kann. Dass sein eigener Tod guten Samen für neues Leben bringen wird. Und mit dieser positiven Nachricht „Da ist ja doch noch etwas nach dem Tod!“, jeder Mensch sein eigenes Leben bewusst und zielgerichtet leben kann.

Was bleibt nach dem Tod?

Um Eines gleich vorweg zu nehmen, die Ganztodtheorie hat viele Befürworter, aber auch viele Gegner und Abwandler. Die Theorie vom Ganztod, welche den Menschen als ein Wesen in ständiger Beziehung in dreierlei Hinsicht ansieht (Beziehung im Selbstsein, Beziehung mit dem direkten Lebensraum und vor allem aber die Beziehung zu Gott), hat sich in der evangelischen Theologie im 20. Jahrhundert durchgesetzt. Zu den Hauptvertretern gehören Karl Barth oder Werner Elert, vor allem aber Eberhard Jüngel und Wolfhart Pannenberg. Von Eberhard Jüngel stammt die bekannteste Darstellung vom Ganztod. Er sieht den Menschen als ein einheitliches Wesen. Für ihn würden Leib und Seele eine Einheit bilden. Und genau diese Einheit stehe in ständigen Beziehungen. Die Beziehung zu Gott nehme hier die wichtigste Rolle ein. Der Tod würde bei ihm bedeuten, dass der Mensch sich in eine Beziehungslosigkeit begebe und diese aufgrund der Trennung von Gott durch Sünde, den Abbruch aller Beziehungen bedeute. Dieser Abbruch wiederum hätte als Folge, dass Leib und Seele zusammen nicht überleben und vor allem die Seele nicht individuell weiter existieren könnten. Für ihn ist „Der Tote Mensch in seinem Gott für immer entfremdet. Und ohne Gott wird alles verhältnislos“[1]. Bestritten ist die Ganztodtheorie vor allem bei römisch­katholischen Theologen. Aber auch einige evangelische Theologen wie Wilfried Härle, Friedrich Beißer oder Kirsten Huxel widersprechen dieser Theorie ganz oder können nur in Teilen dieser Theorie zustimmen. Manche haben die Ganztodtheorie abgewandelt. So zum Beispiel Wilfried Härle. Er änderte die von Jüngel aufgestellte Ganztodthese an für ihn nicht vertretbaren Positionen ab. Härle hinterfragt die Beziehung Mensch Gott kritisch. Und stellt für sich selbst fest, dass er der vollkommenen Beziehungslosigkeit des Menschen zu Gott, zu seinem Umfeld und zu sich Selbst nicht zustimmen könne. Denn für ihn wäre der Mensch dann vollkommen erloschen, mit all seinen Beziehungen. Seine eigenen Beziehungen, die Beziehungen zum Umfeld und die Beziehungen zu Gott. Und Gott könne den toten Menschen (mit Leib und Seele) am Jüngsten Tag dann nicht wieder auferwecken. Deshalb hat er einen Zusatz zur Ganztodtheorie. Er bringt die aktive und die passive Beziehungsebene des Menschen ein. Aktiv könne der Mensch am Ende seines Lebens mit Gott tot sein, aber passiv bleibe eine Bezogenheit erhalten. Sei es durch Bräuche im ehemaligen Lebensumfeld des toten Menschen. Besonders hebt er die Beziehung Gottes zur gestorbenen Person hervor, hier sieht er die Treue und Identität zu Gott gewahrt. Aber auch diese Ansicht sei nicht problemlos. Aus Gründen der Gnadenlehre. Denn wie solle Gott unterscheiden zwischen Sünder und Sünde. Wie könne er dann die Sündhaftigkeit beenden bzw. wie solle die Unsterblichkeit des Menschen dann gedeutet werden. Diese Überlegungen, von Härle der eine Abwandlung der Ganztodtheorie modifiziert, aber auch von Jüngel als Vertreter der Ganztodtheorie, sollen hier beispielhaft aufzeigen, welche Probleme oder Schwierigkeiten die Frage nach dem Ganztod mit sich bringt. Vielleicht kann ein Zeitungsartikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 20./21. November 2010 in Bezug auf die Frage nach dem Ganztod weiterhelfen. Und vielleicht ist hier ein Bezug auf den Ganztod erkennbar, oder bleibt die Frage „Was bleibt nach dem Tod?“ im Raum stehen. Im Artikel von Evelyn Roll geht es um das Krematorium in Berlin Baumschulenweg. Wie es funktioniert und welche Aufgaben es zu bewerkstelligen bzw. zu erfüllen hat. Sie schreibt über Trauergäste, aber auch von Besuchern die sich für das Krematorium interessieren und über ihre Reaktionen. Nachdenklich wird man an mehreren Textstellen. Zum Beispiel die Folgende, „Der Einäscherer hilft beim Entladen des Sarges [...] ein Etikett mit Strichcode und Nummer: 63687 [,..]“[2]. Hier ist ein erster Moment des Innewerdens. Und man stellt sich die Frage, war das alles? Ein verstorbener Mensch, ein Leib soll nur noch ein Strichcode gar eine Nummer sein. Ein paar Sätze später noch so eine Stelle, „Aus dem Nebenraum hört man ein krächzendes Tatütata [. ]. Dann ein kalter Lufthauch. Die Türen [...] sich automatisch öffnen und schließen“.[3] Als wäre ein eben noch lebender Mensch, jetzt nur noch eine Nummer(!), nicht mehr da(!), tot(!).

An einer weiteren Stelle braucht man auch wieder etwas Zeit um Luft zu holen. „55 Minuten“ - „Ausbrennkammer.“ - „Dann Aschekühlung.“ - „Dauert vier Stunden,“ - „bis die Urne abgefüllt ist“.[4] Aus dem toten Leib wird also in kürzester Zeit Asche. Und wo ist nun des Menschen Seele? Was ist mit ihr geschehen? An dieser Stelle möchte ich die Gedanken von Friedrich Hermanni zur Ganztodtheorie aufnehmen. Hermanni distanziert sich vom Leib-Seele-Dualismus. Er erklärt den Tod als Ganztod, weil der Mensch keine vom Körper trennbare Seele habe. - Keine Seele die unabhängig vom Körper wirkt? Er begründet seine Kritik damit, dass ein physikalischer Vorgang im menschlichen Körper, nur durch einen anderen physikalischen Vorgang funktionieren könne. Und somit ein Dualismus aus empirischer Sicht nicht akzeptabel sei.

Kann man also den Tod vom Leib gleichsetzen mit dem Tod der Seele des Menschen? Ich glaube nicht. Hierzu ein einfaches Argument wie ich finde. Die erwähnte Kastanie in unserem Hof. Sie ist noch da. Aber eines Tages wird sie auch sterben. Und ihr Saft im Innern wird nicht mehr fließen. Sie wird tot sein. Doch da. Es gibt einen entscheidenden Vorgang in der Natur. Diese Kastanie, so wie die meisten anderen Kastanien auch, hat Früchte als Samen auf den Erdboden fallen lassen. Und siehe, es ist (und wird wieder und wieder geschehen) ein Schöpfungsakt vollzogen. Aus diesem Samen sprießt ein neues Pflänzchen. Ein neuer Kastanienbaum wird entstehen. Er wird wachsen und gedeihen. Und auch er wird zahlreiche Früchte, Samen, Nachkommen haben können. Dieses Ereignis ist im Alten Testament in der Schöpfungsgeschichte beschrieben. Mit diesem Schöpfungsereignis des Kastanienbaumes kann man eine Verbindung zum Menschen herleiten. Denn auch der Mensch vermehrt sich. Doch genau diese Vermehrung in der Natur ist für mich der entscheidende Punkt zu sagen, dass Leib und Seele zu trennen sind. Somit ein Dualismus von Leib und Seele wenigstens zum Teil stattfindet. Denn alle Lebewesen, so auch der Mensch, haben Erbinformationen im genetischen Code, die eine Bezogenheit darstellt. Diese Bezogenheit wird über alle Generationen hinweg weitergegeben. Könnte es also nicht sein, dass dieser genetische Code genau die Bezogenheit der Seele impliziert? Wahrscheinlich ist aus medizinischer Sicht dieser Standpunkt nicht eindeutig zu belegen. Der Ganztod aber wäre damit eigentlich widerlegt. Denn die Seele lebt weiter, in der Bezogenheit mit, zu und in den Nachkommen durch eben diese Schöpfungstat. Gott hat es schließlich so geschehen lassen. Um die Verbindung zum Zeitungsartikel von Evelyn Roll herzustellen und zu zeigen, dass da doch noch etwas nach dem Tod bleibt, könnte man aus der Bibel folgende Textstellen heranziehen: Nach der Schöpfungsgeschichte wird vom Paradies erzählt. Dort findet man den Vers:

[...]


[1] JÜNGEL, Ebehard, Tod, 99-100

[2] Roll, Evelyn, Was bleibt, Seite 3, Spaltei

[3] ebd.

[4] A.a.O., Spalte 2

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Ein Mensch ist tot, oder "Ganztod"
Untertitel
Was bleibt nach dem Tod?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Systematische Theologie)
Veranstaltung
PS Eschatologie
Autor
Jahr
2010
Seiten
8
Katalognummer
V163812
ISBN (eBook)
9783640784271
ISBN (Buch)
9783640784295
Dateigröße
351 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ganztod, Tot, Eschatologie, Tod, Himmel und Hölle, Leben, Beerdigung, Geburt, Sterben, Gott, Lucifer, Teufel
Arbeit zitieren
stud. theol. Markus Weggen (Autor), 2010, Ein Mensch ist tot, oder "Ganztod", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163812

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