Geschlechtsrollenstereotype, denen Rollenklischees zugrunde liegen, sind kollektive Vorstellungen einer sozialen Gemeinschaft, welches Verhalten für einen Mann oder eine Frau als angemessen, also zu erwartend gilt, und welches eben nicht. Wer sich deutlich außerhalb dieser Rollenerwartungen bewegt läuft Gefahr, sich oben beschriebener Etikettierung, oft genug gar einer Stigmatisierung ausgesetzt zu sehen.
Niemand kann von sich behaupten er/sie sei frei von derartigen Vorstellungen, Ansichten und Erwartungen.
Welche äußeren Faktoren bedingen diese Geschlechterrollenstereotype, wie und wann werden sie konstituiert und weshalb sind die damit verbundenen Erwartungshaltungen so schwer aufzubrechen? Im Kindergarten bekomme ich von Eltern immer wieder die Rückmeldung, wie toll es doch sei, wenigstens einen männlichen Erzieher im Kindergarten zu wissen.
Würden Mädchen und Jungen davon profitieren, wenn mehr männliche Fachkräfte in Kindergärten tätig wären oder nur die Jungen? Welchen Einfluß hat die Anwesenheit oder das Fehlen von Männern in diesem Arbeitsbereich für die Entwicklung der Geschlechtsidentität der Kinder – könnten Rollenstereotype aufgebrochen werden oder fände deren Reproduktion schlicht eine männliche Ergänzung?
Im Rahmen dieser Bachelor-Abschlußarbeit beleuchte ich diese Fragestellungen im theoretischen Teil (Teil A) mit Hilfe entsprechender Fachliteratur zu folgenden Themenkomplexen:
Zunächst lege ich die übergeordnete Strategie des Gender Mainstreaming kurz dar und schildere die Aktualität der Gesamtdebatte bezogen auf den Bereich Kindergarten. Im Anschluß daran folgt eine deskriptive Darstellung geschlechtsbezogenen Verhaltens von Mädchen und Jungen sowie eine ausführliche Analyse der Entwicklung von Geschlechtsidentität im Kindergartenalter.
Komplettiert wird die theoretische Ausarbeitung durch eine Betrachtung genderbezogener Anteile in der Erzieherinnenausbildung und die Darstellung der Aspekte geschlechtsdifferenzierter Pädagogik im Kindergarten.
Die beiden empirischen Teile (Teil B+C) dienen dazu, mich den Antworten auf folgende Fragen zu nähern:
Wie wird das Verhalten von Mädchen und Jungen im Kindergarten von Erzieherinnen wahrgenommmen und hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen interpretiert?
Inwieweit setzen sich die pädagogischen Fachkräfte mit ihren eigenen geschlechtsbezogenen Sozialisationserfahrungen auseinander und sind sich der Subjektivität ihrer Wahrnehmung von Mädchen und Jungen bewußt?
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
TEIL A: DIE GENDER-THEMATIK IM KINDERGARTEN
1 DIE STRATEGIE DES GENDER MAINSTREAMING
1.1 DEFINITION
1.2 HERKUNFT UND GESETZLICHE GRUNDLAGEN
2 AKTUALITÄT DES GENDER MAINSTREAMING IM KINDERGARTEN
3 DIE WAHRNEHMUNG DES VERHALTENS VON MÄDCHEN UND JUNGEN
3.1 KONFLIKTVERHALTEN UND AGGRESSIONEN
3.2 SPIELVERHALTEN UND INTERESSENLAGEN
3.3 DIE INTERAKTION MIT DEN ERZIEHERINNEN
4 DIE ENTWICKLUNG DER GESCHLECHTSIDENTITÄT
4.1 DEFINITION
4.2 BIOLOGISCHE FAKTOREN
4.3 ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGISCHE KONZEPTE
4.3.1 Lerntheorien
4.3.2 Modelle von Piaget und Kohlberg
4.4 DIE ENTWICKLUNG VON GESCHLECHTSIDENTITÄT ALS SOZIALISATIONSPROZEß
4.4.1 Die Bedeutung von Vater und Mutter
4.4.2 Die Bedeutung von Frauen und Männern im Kindergarten
4.4.2.1 Frauen im Arbeitsfeld Kindergarten
4.4.2.2 Männer im Arbeitsfeld Kindergarten
4.5 FAZIT
5 DIE AUSBILDUNG ZUR ERZIEHERIN
5.1 TÄTIGE PERSONEN IM BEREICH KINDERGARTEN
5.2 GENDERKOMPETENZ
5.2.1 Definition
5.2.2 Die Ausbildung zur Erzieherin unter dem Aspekt der Gender-Thematik
5.3 BIOGRAFIEARBEIT UND SELBSTREFLEXION IN DER ERZIEHERAUSBILDUNG
5.4 FORT- UND WEITERBILDUNGEN
5.5 FAZIT
6 GESCHLECHTSDIFFERENZIERTE PÄDAGOGIK IM KINDERGARTEN
6.1 WAS ZEICHNET GESCHLECHTSDIFFERENZIERTE PÄDAGOGIK AUS?
6.2 KONKRETE MÖGLICHKEITEN DER UMSETZUNG
6.3 DIE ZUSAMMENARBEIT IM TEAM
6.3.1 Männer und Frauen im Kindergartenteam
6.3.2 Die gesellschaftliche Anerkennung des Erziehers und der Erzieherin
7 ZUSAMMENFASSUNG DES THEORETISCHEN TEILS
TEIL B: PLANUNG UND DURCHFÜHRUNG DER UNTERSUCHUNG
1 DAS FORSCHUNGSANLIEGEN
2 DARSTELLUNG DER UNTERSUCHUNGSMETHODE
2.1 DER FRAGEBOGEN ALS UNTERSUCHUNGSINSTRUMENT
2.2 AUFBAU UND KONSTRUKTION DES FRAGEBOGENS
2.2.1 Wahrnehmung geschlechtsspezifischer Stereotype bei Kindern im Kindergartenalter (Fragen 0-5)
2.2.2 Erfahrungen mit Biographiearbeit bezogen auf die Gender-Thematik (Fragen 6-11)
2.2.3 Die pädagogischen Handlungsfelder im Fokus der Gender-Thematik
3 DIE DURCHFÜHRUNG DER UNTERSUCHUNG
3.1 AUSWAHL DER TEILNEHMENDEN EINRICHTUNGEN
3.2 VERTEILUNG UND ABHOLUNG DER FRAGEBÖGEN
3.3 RÜCKLAUFQOUTE
3.4 QUALITATIVE RESONANZ UND BESONDERHEITEN
TEIL C: AUSWERTUNGSVERFAHREN UND ERGEBNISSE
1 AUSWERTUNGSMETHODIK
2 GESAMTHEIT DER ERHEBUNG
3 AUSWERTUNGSBEREICHE
3.1 WAHRNEHMUNG GESCHLECHTSSPEZIFISCHER STEREOTYPE (FRAGEN 0-5)
3.2 ERFAHRUNGEN MIT BIOGRAFIEARBEIT UND SELBSTREFLEXION BEZOGEN AUF DIE GENDER-THEMATIK (FRAGEN 6-11)
3.3 MÄNNER IM ARBEITSFELD KINDERGARTEN (FRAGEN 12-17)
3.4 DIE PÄDAGOGISCHEN HANDLUNGSFELDER IM FOKUS DER GENDER-THEMATIK
4 ZUSAMMENFASSUNG DES EMPIRISCHEN TEILS
5 FAZIT UND AUSBLICK
6 KRITISCHE REFLEXION
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Relevanz geschlechtsdifferenzierter Pädagogik in Kindergärten, die überwiegend von weiblichen Teams geprägt sind. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert darauf, ob eine geschlechtsspezifische Erziehung unter der Bedingung der quasi Geschlechtshomogenität der pädagogischen Teams möglich ist und welche Bedeutung dabei der Genderkompetenz sowie der biografischen Selbstreflexion der Erzieherinnen zukommt.
- Strategien des Gender Mainstreaming im frühkindlichen Bildungsbereich
- Einfluss von Geschlechterrollenstereotypen auf die Identitätsentwicklung von Kindern
- Die Rolle von Geschlecht und Genderkompetenz in der Ausbildung von Erzieherinnen
- Empirische Untersuchung zur Wahrnehmung von geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen im Kindergartenalltag
Auszug aus dem Buch
3.1 Konfliktverhalten und Aggressionen
Von Erzieherinnen wird oft berichtet, daß Mädchen Konflikte eher auf verbaler Ebene zu lösen versuchen, dabei jedoch nicht selten verletzend und herablassend werden können. Zudem würden sie schneller bei Erwachsenen Unterstützung suchen und Konflikte auf diese Art öffentlich machen.
Jungen hingegen werden eher laute und körperlich aggressive Konfliktlösestrategien nachgesagt, bei denen auf Schwächere kaum Rücksicht genommen wird. Hinzu käme eine deutliche Eskalationsbereitschaft, die eine „gütliche“ Einigung mit den Konfliktpartnern ab einem bestimmten Punkt nur noch schwer möglich erscheinen lasse.
Bei beiden Geschlechtern gleichermaßen beliebt scheinen „Wenn-dann-Strategien“ zu sein (die Kinder sich vermutlich von den Erwachsenen abgeschaut haben). Auch hier könnte man sagen, daß mehrheitlich Mädchen bei der Anwendung dieser Strategie ihrem Kontrahenten (und sich selbst) eine Art Notausgang aufzeigen, ihren „Erpressungsversuch“ quasi mit einem Bonbon als Lockangebot garnieren; dadurch hat das Gegenüber zumindest die Illusion eine Wahl zu haben und die Möglichkeit sein Gesicht zu wahren. Die Deeskalation kann so oft vermieden werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 DIE STRATEGIE DES GENDER MAINSTREAMING: Einführung in das Konzept des Gender Mainstreaming als gleichstellungspolitische Strategie und dessen Übertragung auf den gesellschaftlichen Kontext.
2 AKTUALITÄT DES GENDER MAINSTREAMING IM KINDERGARTEN: Diskussion der Bedeutung von Geschlechtergerechtigkeit in der zunehmend institutionalisierten frühkindlichen Bildung.
3 DIE WAHRNEHMUNG DES VERHALTENS VON MÄDCHEN UND JUNGEN: Deskriptive Analyse geschlechtsspezifischer Verhaltensmuster und deren Interaktion mit pädagogischen Bezugspersonen.
4 DIE ENTWICKLUNG DER GESCHLECHTSIDENTITÄT: Theoretische Auseinandersetzung mit biologischen, kognitiven und sozialisationsbasierten Faktoren der Identitätsbildung im Kindesalter.
5 DIE AUSBILDUNG ZUR ERZIEHERIN: Betrachtung der aktuellen Qualifikationsanforderungen, insbesondere hinsichtlich Genderkompetenz und biografischer Selbstreflexion im Rahmen der Ausbildung.
6 GESCHLECHTSDIFFERENZIERTE PÄDAGOGIK IM KINDERGARTEN: Konkrete Ansätze und Herausforderungen bei der Umsetzung geschlechtsbewusster Pädagogik unter Berücksichtigung der Teamdynamik.
Schlüsselwörter
Gender Mainstreaming, Geschlechtsidentität, Kindergartenpädagogik, Genderkompetenz, Sozialisation, Erzieherausbildung, Rollenstereotype, Biografische Selbstreflexion, Geschlechtergerechtigkeit, pädagogische Fachkräfte, Konfliktverhalten, Identitätsbildung, männliche Erzieher, Geschlechtsdifferenzierung, frühkindliche Erziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit beleuchtet die geschlechtsspezifische Pädagogik im Kindergarten und hinterfragt, wie das meist rein weibliche Personal auf die Identitätsentwicklung von Mädchen und Jungen einwirkt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Schwerpunkten gehören Gender Mainstreaming, die Entwicklung der Geschlechtsidentität, die Rolle der Erzieherinnenausbildung sowie die Bedeutung von männlichen Vorbildern im Kindergarten.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob eine geschlechtsspezifische Förderung trotz homogener (weiblicher) Teams möglich ist und welche Rolle die Reflexion eigener Sozialisationserfahrungen dabei spielt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor führt eine quantitative Befragung mittels Fragebögen bei Erzieherinnen und Erziehern in verschiedenen Kindergärten durch, um Daten über die praktische Umsetzung gender-orientierter Ansätze zu gewinnen.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Konzepte zur Geschlechtsentwicklung als auch eine empirische Auswertung vorgenommen, die zeigt, wie Fachkräfte Stereotype wahrnehmen und mit Gender-Themen im Alltag umgehen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren das Werk?
Die Arbeit lässt sich vor allem mit den Begriffen Gender Mainstreaming, Geschlechtsidentität, Genderkompetenz, Rollenstereotype und Biografische Selbstreflexion beschreiben.
Wie bewerten die befragten Erzieherinnen die Bedeutung männlicher Fachkräfte?
Die große Mehrheit der Befragten (ca. 95%) befürwortet den Einsatz männlicher Fachkräfte, da diese für Kinder wichtige alternative Orientierungsfiguren darstellen könnten.
Welches Fazit zieht der Autor zur geschlechtsdifferenzierten Pädagogik?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass geschlechtsdifferenzierte Pädagogik auch in rein weiblichen Teams möglich ist, sofern die Fachkräfte über die notwendige Genderkompetenz und Reflexionsfähigkeit verfügen.
- Citar trabajo
- Rainer Wolff (Autor), 2010, Erziehung ist Frauensache: Geschlechtsdifferenzierte Pädagogik im Kindergarten durch geschlechtshomogene Teams? , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164038