Die Bundestagswahl 2017 markierte mit dem Einzug der AfD in den Bundestag eine politische Zäsur, die in der Politikwissenschaft intensive Diskussionen über die Einordnung dieser Partei auslöste. Neben einem generellen Stimmenverlust der Volksparteien zeigte sich insbesondere bei jungen Wählerinnen und Wählern eine starke Fragmentierung des Parteienspektrums. Diese Entwicklung wird im Kontext langfristiger gesellschaftlicher Transformationsprozesse wie Individualisierung, Wertewandel und Bildungsexpansion betrachtet.
Von besonderer Relevanz ist dabei die politische Orientierung von Auszubildenden, die sich in der Phase beruflicher und gesellschaftlicher Sozialisation befinden und deren Stimmengewicht in der Demokratie zunimmt. Angesichts aktueller Herausforderungen wie Migration und Populismus stellt sich die Frage, ob sich politische Einstellungen zwischen verschiedenen Ausbildungsgruppen unterscheiden. Die Arbeit untersucht deshalb die politischen Orientierungen niedersächsischer Auszubildender in kaufmännisch-verwaltenden sowie handwerklich-technischen Berufen.
Die Ergebnisse sollen nicht nur zum Verständnis von Jugend und Politik beitragen, sondern auch Ansatzpunkte für die politische Bildung an berufsbildenden Schulen liefern. Perspektivisch können Handlungsempfehlungen für Lehrkräfte entwickelt werden, um Unterrichtskonzepte gezielt an die heterogenen Schülerschaften anzupassen und demokratiefördernd zu wirken.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 1.1 Problemstellung
- 1.2 Vorgehensweise
- 2 Konzeptioneller Rahmen
- 2.1 Politisch theoretische Aspekte der politischen Orientierung
- 2.1.1 Dimensionen der politischen Orientierung
- 2.1.1.1 Strukturelle Dimensionen in der politischen Identität
- 2.1.1.2 Inhaltliche Dimensionen in der politischen Identität
- 2.1.2 Modelle zur Bestimmung der politischen Orientierung
- 2.1.2.1 Das Links-Rechts-Schema
- 2.1.2.2 Der politische Kompass
- 2.1.2.3 Politische Milieus.
- 2.1.3 Stereotypische politische Orientierungen von Parteien
- 2.1.1 Dimensionen der politischen Orientierung
- 2.2 Das deutsche duale Ausbildungssystem
- 2.2.1 Das Ausbildungswesen in Deutschland
- 2.2.2 Berufsorientierung
- 2.3 Das Verhältnis von politischer Einstellung und der Ausbildung
- 2.3.1 Zusammenhang von politischer Orientierung und Ausbildung
- 2.3.2 Politische Mündigkeit als Grundlage zur Beförderung beruflicher Handlungskompetenz
- 2.4 Bisherige empirische Forschungen
- 2.1 Politisch theoretische Aspekte der politischen Orientierung
- 3 Empirischer Befund
- 3.1 Untersuchungsdesign und Hypothesenaufstellung
- 3.2 Erhebungsinstrument
- 3.3 Pretest
- 3.4 Stichprobenziehung
- 3.5 Gütekriterien
- 3.6 Auswertungsmethode
- 4 Empirische Ergebnisse
- 4.1 Ergebnisdarstellung
- 4.2 Interpretation der empirischen Ergebnisse
- 5 Schlussbetrachtung
- Literaturverzeichnis
- Anhangsverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die politischen Orientierungen von kaufmännisch-verwaltenden und handwerklich-technischen Auszubildenden in Niedersachsen. Sie zielt darauf ab, mögliche Unterschiede in deren politischen Einstellungen zu identifizieren und die Relevanz dieser Befunde für die politische Bildung im dualen Ausbildungssystem herauszuarbeiten. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Inwiefern unterscheiden sich niedersächsische Auszubildende in kaufmännisch-verwaltenden und handwerklich-technischen Berufen in ihren politischen Orientierungen?“
- Erfassung und Analyse der politischen Orientierungen von Auszubildenden.
- Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Berufswahl und politischer Einstellung.
- Beleuchtung des deutschen dualen Ausbildungssystems und dessen Einfluss auf politische Identitäten.
- Betrachtung von Modellen zur Bestimmung politischer Orientierungen (z.B. Links-Rechts-Schema, Politischer Kompass).
- Analyse des Vertrauens in staatliche und nichtstaatliche Institutionen.
- Ableitung von Handlungsempfehlungen für die politische Bildung in Berufsschulen.
Auszug aus dem Buch
Strukturelle Dimensionen in der politischen Identität
Politische Orientierung ist die übergeordnete Bezeichnung für Wissen, Erkenntnisse, Gefühle, Einstellungen, sowie Werte und Normen, die in Bezug auf politische und soziale Objekte gesetzt werden (vgl. Easton & Dennis 1969, S. 5). In einer näheren Betrachtung der politischen Orientierung eignen sich Parteien als Ankerpunkte, sollten aber nicht fundamental als Richtwerte angesehen werden, da sie regelmäßig ihr Programm ändern und damit auch ihre politische Einstellung. Vielmehr sind politische Orientierungen ein Zusammenschnitt subjektiver Gründe und theoretischer Überlegungen zu gesellschaftlichen Verhältnissen in denen sich der/die Auszubildende befindet, beziehungsweise mit denen er/sie sich konfrontiert (vgl. Held, Horn & Marvakis 1996, S. 23)
Die politische Orientierung, oder auch politische Einstellung, äußert sich insbesondere in den Medien des Öfteren negativ, wenn Ablehnungen seitens der Bevölkerung gegenüber den Politiker formuliert werden. Schlagwörter wie „Wutbürger“ oder „Politikverdrossenheit" weisen dabei auf eine negative Bewertung der Politik hin. Dabei ist der Gegenstand politischer Einstellungen wesentlich diverser. Von der Bewertung einzelner Regierungs- und Parlamentsbeschlüsse (z.B. Gesetz zur Gleichgeschlechtlichen Ehe), über Vorschläge gesellschaftlicher Probleme durch Parteien und Gewerkschaften (z.B. Migrationspolitik), Eindrücke zu einer Partei im Allgemeinen (z.B. hinsichtlich ihrer politischen Aktivitäten in der Vergangenheit) bis zu Einstellungen darüber, wie Entscheidungen in der Politik getroffen werden (z.B. unzureichende Berücksichtigung der Wählermeinung im politischen Alltag der repräsentativen Demokratie), umfasst die politische Orientierung eine große Anzahl von Dimensionen, die die Einstellung des Individuum beeinflussen (vgl. Gille, Krüger & de Rijke 2000, S. 206). In der Literatur wurde in der Vergangenheit zumeist versucht, die Gesamtheit der Politik in Einstellungen zu klassifizieren. Dabei wurde der Begriff „politische Kultur“ von Almond und Verba (1965, S. 4ff.) konstruiert, welcher die Summe der politischen Orientierungen in Bezug auf den bestehenden politischen Objekten beschreibt.
In einer umfassenderen Beschreibung lässt sich die Orientierung in sechs verschiedene Dimensionen, oder auch Orientierungsobjekte, untergliedern (vgl. Niedermayer 2005, S.16). Fünf davon sind struktureller Natur, beziehen sich also auf die politische Partizipation und die Art und Weise des Politischen. Zu den strukturellen Dimensionen gehört zum einen die eigene politische Rolle, die vor allem das politische Interesse und das staatsbürgerliche Selbstverständnis innehat. Die Identifizierung mit dem politischen Führungspersonal ist ein weiterer Unterpunkt innerhalb der politischen Orientierung. Des Weiteren ist die Einstellung gegenüber politischen Institutionen, wie zum Beispiel Verfassungsorganen, Gerichten und der Verwaltung ein Aspekt der politischen Orientierung. Die Einstellung des Subjekts gegenüber demokratischen Verfahren, dem Grundgesetz und der politischen Ordnung kann als vierte Dimension der politischen Orientierung gesehen werden. Die fünfte Dimension der politischen Orientierung gilt dem Verhältnis des Individuums zur politischen Gemeinschaft, wozu die Haltung gegenüber Mitbürgern, Medien und dem Staat erläutert werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problemstellung ein, beleuchtet die politische Heterogenität junger Wähler und den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien wie der AfD, woraus die Forschungsfrage der Arbeit abgeleitet wird.
2 Konzeptioneller Rahmen: Hier werden die theoretischen Grundlagen der politischen Orientierung dargelegt, einschließlich ihrer Dimensionen, relevanter Modelle (Links-Rechts-Schema, Politischer Kompass, Milieus) sowie das deutsche duale Ausbildungssystem und bisherige empirische Forschungen in diesem Kontext.
3 Empirischer Befund: Das Kapitel beschreibt das methodische Vorgehen der Studie, inklusive des Untersuchungsdesigns, der Hypothesenbildung, des verwendeten standardisierten Fragebogens, der Durchführung von Pretests, der Stichprobenziehung sowie der geprüften Gütekriterien.
4 Empirische Ergebnisse: Dieses Kapitel präsentiert die Ergebnisse der quantitativen Erhebung und interpretiert diese. Dabei werden insbesondere die Unterschiede in den politischen Orientierungen zwischen kaufmännisch-verwaltenden und handwerklich-technischen Auszubildenden analysiert und statistisch bewertet.
5 Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der zentralen Forschungsergebnisse, einer Diskussion der Implikationen für die politische Bildung in Berufsschulen und dem Aufzeigen von zukünftigem Forschungsbedarf und möglichen Handlungsempfehlungen.
Schlüsselwörter
Politische Orientierung, Auszubildende, Berufszweige, Empirische Untersuchung, Politische Identität, Rechtsextremismus, AfD, Duales Ausbildungssystem, Politische Bildung, Niedersachsen, Links-Rechts-Schema, Institutionenvertrauen, Soziodemographischer Hintergrund, Urteilsfähigkeit, Populismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die politischen Orientierungen von Auszubildenden in kaufmännisch-verwaltenden und handwerklich-technischen Berufen in Niedersachsen, um festzustellen, ob es signifikante Unterschiede zwischen diesen Gruppen gibt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind politische Orientierung, politische Identität, das duale Ausbildungssystem in Deutschland, der Einfluss von Bildung und Beruf auf politische Einstellungen sowie die Analyse von rechtsextremen Tendenzen und die Haltung zur AfD unter jungen Erwachsenen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Unterschiede in den politischen Einstellungen der beiden Ausbildungsgruppen zu identifizieren. Die Forschungsfrage lautet: „Inwiefern unterscheiden sich niedersächsische Auszubildende in kaufmännisch-verwaltenden und handwerklich-technischen Berufen in ihren politischen Orientierungen?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine quantitative empirische Studie mittels eines standardisierten Fragebogens durchgeführt, basierend auf einer Primäranalyse von selbst erhobenen Daten in Form einer Querschnittsstudie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt das Untersuchungsdesign, die Hypothesenaufstellung, das Erhebungsinstrument, die Durchführung eines Pretests, die Stichprobenziehung, die Gütekriterien und die Auswertungsmethode, gefolgt von der Darstellung und Interpretation der empirischen Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Politische Orientierung, Auszubildende, Berufszweige, Empirische Untersuchung, Politische Identität, Rechtsextremismus, AfD, Duales Ausbildungssystem, Politische Bildung, Niedersachsen, Links-Rechts-Schema, Institutionenvertrauen.
Warum werden gerade kaufmännisch-verwaltende und handwerklich-technische Auszubildende untersucht?
Diese beiden Berufsgruppen stellen die zahlenmäßig größten Gruppen im Ausbildungswesen dar und sind daher besonders relevant für eine Untersuchung politischer Orientierungen im Kontext der beruflichen Bildung.
Welche Rolle spielt der Bildungsabschluss bei der politischen Orientierung?
Die Studie konstatiert, dass ein niedrigerer Bildungsabschluss eher mit einer Ausbildung im Handwerk und häufiger mit rechtsextremen Orientierungen korreliert, während höhere Bildungsabschlüsse eher zu kaufmännischen Berufen und seltener zu rechtsextremen Einstellungen führen.
Inwiefern unterscheiden sich die beiden Gruppen bezüglich ihres Vertrauens in Institutionen?
Statistisch signifikante Unterschiede konnten im Vertrauen in die Bundesregierung und in Gewerkschaften festgestellt werden: Kaufmännische Auszubildende vertrauen der Bundesregierung mehr, während handwerklich-technische Auszubildende ein höheres Vertrauen in Gewerkschaften aufweisen.
Welche Handlungsempfehlungen ergeben sich aus den Studienergebnissen für die politische Bildung?
Angesichts der Ergebnisse, insbesondere der AfD-Affinität bei handwerklich-technischen Auszubildenden, wird Handlungsbedarf für Schulen und Unternehmen formuliert, um durch gezielte politische Bildung (z.B. Projekte gegen Rechtspopulismus) die Urteilsfähigkeit junger Menschen zu fördern und demokratiefeindlichen Einstellungen entgegenzuwirken.
- Citar trabajo
- Ansgar Geers (Autor), 2018, Berufszweige und ihre politischen Identitäten. Eine empirische Untersuchung der politischen Orientierungen von kaufmännisch-verwaltenden und handwerklich-technischen Auszubildenden, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1642021