Seit der Komposition der Sonaten und Partiten für Violine solo lassen sich beinahe 300 Jahre zählen. Das Werk weist außer den hohen künstlerischen Qualitäten auch praktischmethodische Inhalte vor. Als solches brachte es in der Geschichte einige Kontroversen hervor und wurde zum Thema in mehreren theoretischen und wissenschaftlichen Analysen und Diskussionen. Heutzutage ist das Werk aus dem Konzertleben nicht mehr wegzudenken.
Wegen seiner hohen geigerischen Ansprüche wird es aber auch als Bestandteil verschiedener Prüfungen, Probespiele und Violin-Wettbewerbe genutzt. Leider setzen sich viele Studenten mit der Komposition nur in diesem Zusammenhang auseinander.
Es ist nicht direkt nachzuweisen, warum Johann Sebastian seinen großen Violinzyklus schrieb. Es wurde von ihm kein Vorwort, keine „Gebrauchsanweisung“ hinterlassen. Wenn man Bachs Persönlichkeit so betrachtet, wie sie viele seiner Zeitgenossen beschrieben, erscheint die Theorie einer autodidaktischen Schaffensarbeit als sehr wahrscheinlich.
In den ersten Kapiteln meiner Arbeit versuche ich Bachs Leben bis hin zur Köthener Zeit zu schildern. Daraus ergibt sich, dass Bach in den Lehrjahren ein scharfsinniger Schüler und später ein fleißiger Autodidakt war. Es ist also denkbar, dass Bach seine Sonaten und Partiten schrieb, um damit die geschmackvolle Umsetzung des Kontrapunkts auf einem Melodieinstrument auszuloten.
Was ist das Besondere an diesem Werk? Warum sind die Violinisten der vielen zurück greifenden Generationen begierig das Werk immer wieder zur Aufführung zu bringen? Mit den Sonaten und Partiten übergibt Bach jedem Geiger ein Werk von überzeugender Geschlossenheit, dessen Aufführung eine technische Voraussetzung auf professionellem Niveau erfordert. Ebenso wichtig ist aber auch eine gründliche musiktheoretische und musikgeschichtliche Grundlage zu besitzen, die das Werk im Kontext der Entstehungszeit zeigt.
Nach dem Vorbild von Carl Philipp Emanuel Bach fasse ich in der vorliegenden Diplomarbeit diese erforderliche Zusammenwirkung vom geigerischen Können auf möglicht höchstem Niveau mit theoretischen und geschichtlichen Kenntnissen unter dem Begriff „die wahre Art Violine zu spielen“ zusammen.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Teil I. HISTORISCHER HINTERGRUND
1. Bachs Werdegang zum Musiker und die ersten Anstellungen
1.1 Bach als Schüler
1.2 Lüneburg
1.3 Arnstadt
1.4 Mühlhausen
1.5 Weimar
1.6 Köthen
2. Bachs Bildung und musikalische Fertigkeiten im Spiegel der Zeit
2.1 Gelehrsamkeit des rechten Kapellmeisters
2.2 Septem artes liberales
2.2.1 Trivium – Wortwissenschaften
2.2.1.1 Grammatik
2.2.1.2 Rhetorik und Poetik
2.2.1.3 Dialektik
2.2.2 Quadrivium – Zahlenwissenschaften
2.2.2.1 Musik und Mathematik
2.2.2.2 Astronomie
2.2.2.3 Logik
2.3 Bach als Geiger und Organist
Teil II. AUFFÜHRUNGSPRAKTISCHE GESICHTSPUNKTE EINER INTERPRETATION
3. Glaubwürdige Quellen als Grundlage zur verständnisvollen Wiedergabe
3.1 Was ist Aufführungspraxis?
3.2 Probleme der Notation
3.3 Bachs Autograph und andere Manuskripte
3.4 Erst- und Neudrucke
3.4.1 Ausgabe Johann Joachims vom Jahr 1908
4. Wichtige Merkmale der Musizierpraxis im 17. und 18. Jahrhundert
4.1 Musik als Fremdsprache
4.2 Takthierarchie
4.3 Zur Tongebung
4.4 Zur Artikulation
4.4.1 Bindebögen
4.4.2 Staccato und spiccato
4.4.3 Passagen
4.5 Instrumentarium
4.6 Abstrichregel
Teil III. PRAKTISCHE ANWEISUNGEN UND EMPFEHLUNGEN ZU AUSGEWÄHLTEN PASSAGEN
5. Partita E-Dur als Beispiel pars pro toto
6. Beschreibung der Tanzcharaktere und daraus resultierende Hilfe zur Interpretation
6.1 Tempo, Stil und Charakter
6.2 Tanzcharaktere im Einzelnen
6.2.1 Preludium
6.2.2 Loure
6.2.3 Gavotte en Rondeau
6.2.4 Menuett
6.2.5 Bourée
6.2.6 Gigue
7. Detaillierte Betrachtung einiger wichtiger Prinzipien und Klangeffekte für die Musizierpraxis
7.1 inégal-Spiel
7.2 Bindebögen
7.3 Arpeggio
7.4 Besonderheiten und Klangeffekte
7.5 Vibrato
Postskriptum
Zielsetzung & Themen
Diese Diplomarbeit untersucht die Sonaten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach als ein Lehrbuch der Violintechnik. Das primäre Ziel ist es, ein Verständnis für die aufführungspraktischen Aspekte der Barockmusik zu schaffen, indem historische Quellen, theoretische Schriften und der biographische Hintergrund von Bach analysiert werden, um eine fundierte Basis für eine moderne Interpretation zu bieten.
- Bachs biographischer Werdegang bis zur Köthener Zeit
- Die Bedeutung der „septem artes liberales“ für Bachs musikalische Bildung
- Aufführungspraktische Prinzipien des 17. und 18. Jahrhunderts (z.B. Artikulation, Tongebung)
- Analyse der Tanzcharaktere der Partita E-Dur als interpretatorische Hilfestellung
- Die Rolle historischer Notation und Quellen für das moderne Musikverständnis
Auszug aus dem Buch
3.1 Was ist Aufführungspraxis?
Die Entstehung der Sonaten und Partiten für Violine, liegt nun mehr als 290 Jahre zurück. Selbstverständlich wurden uns keine klanglichen Aufnahmen aus dem 18. Jahrhundert überliefert. Es wurde auch keine schriftliche Anweisung oder ein kritisches Vorwort Johann Sebastian Bachs gefunden, die uns über sein Anliegen eine Nachricht geben würden. Es sind nur die dicht mit Hand beschriebenen Notenblätter, die das Bachsche Meisterwerk der Willkür nachfolgender Generationen preisgeben.
Die Musik der barocken Epoche wird häufig wegen ihrer wohlklingenden Harmonien für einfach und oft sogar einfältig gehalten, was jedoch bedeutet, dass sie heute missverstanden und deswegen auch unterschätzt wird. Um solche Musik der früheren Datierungen verständnisvoll zu interpretieren, ist es unentbehrlich ihr gerecht vorzugehen und ihren Inhalt nach den Prinzipien der „Werktreue“ zu entdecken. Das bedeutet, wie Nikolaus Harnoncourt sagt, die historische Musik nicht in unsere Zeit hereinzuholen, sondern sich selbst in die Vergangenheit, in die Zeit ihres Entstehens, zu versetzen.
Ähnliche Aufforderung zu einer möglichst bedachtsamen Widergabe der Musik lesen wir schon bei Johann Mattheson. Für die Praxis eines Musikers sei notwendig: „(...) Daß man (...) einen vorgängigen Unterricht von dem Wesen der Ton Lehre haben, und: Daß der Klang, nach seiner Natur untersuchet werden müsse. Daß es dabey nöthig sey, die Geschichte der Music einzusehen; Ihren Gebrauch und Nutzen im gemeinen Wesen, Die dazu erforderlich Leibes-Stellungen, Die Intervalle, nach ihrer Maasse oder Gestalt, Die Zeichen der Klänge, Die Ton- und Die Schreib-Arten der Setz-Kunst wol zu verstehen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Bachs Werdegang zum Musiker und die ersten Anstellungen: Detaillierte Schilderung von Bachs frühen Lebensjahren und seiner beruflichen Entwicklung bis zur Zeit in Köthen.
2. Bachs Bildung und musikalische Fertigkeiten im Spiegel der Zeit: Erläuterung der Bedeutung der „sieben freien Künste“ und theoretischer musikalischer Disziplinen für Bachs Werdegang.
3. Glaubwürdige Quellen als Grundlage zur verständnisvollen Wiedergabe: Untersuchung der historischen Quellenlage der Sonaten und Partiten und die kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Ausgaben.
4. Wichtige Merkmale der Musizierpraxis im 17. und 18. Jahrhundert: Analyse zentraler historischer Spieltechniken wie Artikulation, Takthierarchie und Tongebung.
5. Partita E-Dur als Beispiel pars pro toto: Praktische Anwendung der gewonnenen theoretischen Erkenntnisse am Beispiel der Partita III in E-Dur.
6. Beschreibung der Tanzcharaktere und daraus resultierende Hilfe zur Interpretation: Analyse der Spezifika der in den Partiten verwendeten Tänze und deren Einfluss auf die musikalische Gestaltung.
7. Detaillierte Betrachtung einiger wichtiger Prinzipien und Klangeffekte für die Musizierpraxis: Vertiefende Auseinandersetzung mit technischen Details wie inégal-Spiel, Bindebögen, Arpeggio und Vibrato.
Schlüsselwörter
Johann Sebastian Bach, Sonaten und Partiten, Aufführungspraxis, Violintechnik, Barockmusik, historische Quellen, Tanzcharaktere, Rhetorik, Artikulation, inégal-Spiel, Bindebögen, Arpeggio, Klangeffekte, Musizierpraxis, Werktreue
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Sonaten und Partiten von J.S. Bach unter dem Aspekt der historischen Aufführungspraxis, um dem heutigen Interpreten ein tieferes Verständnis für die technische und gestalterische Umsetzung zu vermitteln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der biographische Hintergrund, die Bedeutung der historischen Schulbildung im Kontext der "sieben freien Künste", sowie die spezifischen spieltechnischen Anforderungen der Barockzeit.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, durch die Einbeziehung historischer Traktate und Quellen eine fundierte Basis zu schaffen, damit Musiker das Werk abseits heutiger Konventionen werkgetreu interpretieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert biographische Forschung mit der Analyse zeitgenössischer musiktheoretischer Schriften von Autoren wie Mattheson, Werckmeister und Quantz, um daraus praktische Anweisungen für die Aufführung abzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden aufführungspraktische Grundlagen wie Artikulation, Takthierarchie und Instrumentenkunde diskutiert sowie exemplarisch auf die Tanzsätze der Partita E-Dur angewendet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit dreht sich primär um die Begriffe J.S. Bach, aufführungspraktische Spielweisen, historische Notation, Rhetorik in der Musik und die spezifische Auslegung von Tanzcharakteren.
Wie bewertet die Autorin moderne Notenausgaben?
Die Autorin steht revidierten Ausgaben kritisch gegenüber, da diese häufig durch Bearbeitungen des 19. Jahrhunderts den ursprünglichen Notentext verfälschen und die lebendige Interpretation einschränken.
Was ist das „inégal-Spiel“ und warum ist es wichtig?
Es handelt sich um eine französische Spielweise, bei der gleich notierte Noten ungleichmäßig ausgeführt werden, um die Musik lebendiger und affektvoller zu gestalten, was für eine werkgerechte Interpretation essenziell ist.
- Citar trabajo
- Adela Misonova (Autor), 2010, Versuch über die wahre Art Violine zu spielen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164204