Scham- damit assoziiere ich ein durchweg unangenehmes Gefühl, aufsteigende Wärme in meinem Körper und ein knallrotes Gesicht. Das sind gute Gründe, um Situationen, die Scham auslösen könnten, stets von vornherein aus dem Weg zu gehen. Und da würden mir unendliche viele Möglichkeiten einfallen, „Scham ist allgegenwärtig“ (Kalbe 2002: 19). Und genau diese Mannigfaltigkeit dieser Emotion hat gerade in den letzen Jahren viele Autoren dazu bewegt, sich der Thematik intensiver zu widmen. Die Tendenz ist deswegen so auffällig, da die Scham als wissenschaftlicher Gegenstand viele Jahrzehnte lang so gut wie unbeachtet blieb. Ich bin im Rahmen des Seminars „Das Phänomen der Höflichkeit. Funktion und Soziogenese“, für welches diese Arbeit geschrieben wurde, auf die Besonderheiten des Schamgefühls aufmerksam geworden. Aufgrund der Begebenheiten konnte dieser Sachverhalt leider nur oberflächlich bearbeitet werden. Die für mich interessanteste Frage blieb dabei leider offen. Woher kommt Scham? Was ist ihre Ursache? Im Seminar wurden zwei Thesen kurz angesprochen und diskutiert. Zum einen ist da die Position Scham wäre angeboren. Andere behaupten, dass sie ein Resultat der Erziehung darstellt. Ist dieses Gefühl tief in uns Menschen verankert, sprich Bestandteil unserer Gene oder unvermeidbare Folge der Entwicklung des Höflichkeitsempfindens? Eine eindeutige und wissenschaftlich gültige Antwort auf diese Fragestellungen ist mir nicht bekannt. Im Kontext der Literaturrecherche zu dieser Arbeit bin ich auf ein aussagekräftiges Zitat gestoßen. Der Ausspruch „Je mehr ein Mensch sich schämt, desto anständiger ist er.“ von George Bernard Shaw aus seiner Komödie „Man and Superman“ von 1903 hat mich verstärkt zur Untersuchung dieser Problematik angeregt. Ist es wahr, dass sich ein Mensch umso öfter und intensiver schämt, je besser er erzogen ist? Das gilt meine Arbeit zu klären. Festzuhalten ist jedenfalls, dass sich kein anderes Wesen außer dem Menschen schämt. „Scham ist ein zentrales Merkmal, durch das sich der Mensch auszeichnet und das ihn von anderen Lebewesen unterscheidet.“ (Lietzmann 2003: 7)
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Eine soziologische Begriffsbestimmung der Scham
2.1 Abgrenzung des Begriffs
2.2 Körperliche Reaktionen der Scham
3 Eine erzieherische Perspektive:
Norbert Elias Zivilisationstheorie
3.1 Der Prozess der Zivilisation
3.2 Scham im Zivilisationsprozess
3.3 Resümee
4 Genetische Perspektiven
4.1 Hans Peter Duerrs Mythos vom Zivilisationsprozess
4.2 Georg Simmels Psychologie der Scham
4.2.1 Anlässe von Schamgefühlen
4.2.2 Bedingungen der Entstehung von Scham
4.2.3 Resümee
4.3 Aktueller Forschungsstand der Humangenetik
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die grundlegende soziologische Fragestellung, ob das Schamgefühl eine angeborene menschliche Eigenschaft oder ein Resultat gesellschaftlicher Erziehungsprozesse darstellt, wobei insbesondere die Theorien von Elias, Duerr und Simmel gegenübergestellt werden.
- Soziologische Differenzierung der Begriffe Scham, Peinlichkeit und Verlegenheit
- Analyse der Zivilisationstheorie nach Norbert Elias in Bezug auf Scham
- Kritische Auseinandersetzung mit der Theorie von Hans Peter Duerr
- Untersuchung der Psychologie der Scham bei Georg Simmel
- Bewertung des aktuellen Stands der Humangenetik zur Scham-Problematik
Auszug aus dem Buch
3.2 Scham im Zivilisationsprozess
Im Mittelalter kannte man nur äußerst elementare Sittenregeln, was Elias darauf zurückführt, dass die geringe Dichte gesellschaftlicher Verflechtungen keine Veranlassung zum Aufbau habitueller oder mentaler Distanzierungen ergab. Den modernen Mensch hingegen erfüllen eine Vielzahl an Situationen ganz selbstverständlich mit Scham. Das Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle, was mit der Renaissance einsetzte, stellt den wohl verlässlichsten Indikator der fortschreitenden Zivilisation dar. „Die Art und Weise nämlich, in der bestimmte Verhaltensweisen in einer Gesellschaft mit Scham oder Peinlichkeit belegt werden, gibt für Elias am genauesten darüber Auskunft, welches Maß an Zurückhaltung die Menschen voneinander erwarten, wie stark die Empfindsamkeit gegenüber eigenen wie fremden Triebäußerungen sowie die Neigung schon entwickelt ist, sich und andere in Erscheinung und Verhalten zu beobachten. All dies sind typische Merkmale dessen, was Elias unter Zivilisation versteht.“ (ebd.: 125)
Aufgrund wachsender Interdependenzen wächst im Laufe der Jahrhunderte der Druck auf die Menschen sich gegenüber Anderen angemessen zu verhalten. Die zeitgenössisch geltenden Verhaltensregen, welche in Manierenbüchern festgehalten wurden, stellten mehr oder minder allgemeinverbindliche, traditionelle Sittengesetze dar. Mit den beständigen Verweisen darauf, was Andere von einem denken könnten, wurden die Maxime guten Verhaltens zum Ausdruck des Wesens einer Person erklärt, wodurch sich die Legitimität ihrer sozialen Stellung offenbarte. Man tat die Dinge nun immer öfter um seiner selbst willen. Elias beschreibt dies als Zwang zur Selbstkontrolle bzw. Selbstüberwachung durch eine differenziertere und festere ÜBER-ICH-Apparatur.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die subjektive Wahrnehmung von Scham ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der angeborenen oder anerzogenen Natur dieses Gefühls vor.
2 Eine soziologische Begriffsbestimmung der Scham: Dieses Kapitel definiert Scham soziologisch, grenzt sie von verwandten Gefühlen wie Peinlichkeit und Schüchternheit ab und beschreibt ihre körperlichen Manifestationen.
3 Eine erzieherische Perspektive: Norbert Elias Zivilisationstheorie: Das Kapitel erläutert die Theorie von Norbert Elias, wonach Scham durch zunehmende soziale Interdependenzen und gesellschaftliche Verfeinerungsprozesse erlernt wird.
4 Genetische Perspektiven: Dieser Abschnitt kontrastiert die erzieherische Perspektive mit Theorien von Duerr und Simmel, die auf eine genetische Anlage der Scham hindeuten, und beleuchtet den aktuellen Stand der Humangenetik.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, räumt die Unmöglichkeit einer abschließenden Beantwortung der Frage ein und plädiert für ein Zusammenspiel von biologischer Anlage und erzieherischer Modifikation.
Schlüsselwörter
Scham, Zivilisation, Soziogenese, Psychogenese, Elias, Duerr, Simmel, Erziehung, Triebkontrolle, Interdependenz, Humangenetik, Normverletzung, Affektkontrolle, Sozialisation, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Debatte, ob Scham ein angeborener biologischer Instinkt oder ein durch gesellschaftliche Prozesse und Erziehung erworbenes Gefühl ist.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die zentralen Felder umfassen die soziologische Begriffsabgrenzung, die Zivilisationstheorie von Elias, kulturhistorische Gegenentwürfe von Duerr sowie die Psychologie der Scham nach Simmel.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage nach der Ursache von Schamgefühlen anhand der unterschiedlichen theoretischen Ansätze der genannten Soziologen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse und den theoretischen Vergleich, um verschiedene soziologische Modelle kritisch gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die soziologische Begriffsbestimmung, die Zivilisationstheorie von Elias, die genetischen Perspektiven von Duerr und Simmel sowie den aktuellen Stand der Humangenetik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Scham, Zivilisation, Sozialisation, Triebkontrolle, Interdependenz und Individualisierung charakterisiert.
Wie unterscheidet Norbert Elias den Prozess der Zivilisation?
Elias versteht Zivilisation als langfristigen Prozess der Herausbildung von Verhaltensstandards und Affektkontrolle, der durch steigende soziale Interdependenzen vorangetrieben wird.
Was kritisiert Hans Peter Duerr an der Zivilisationstheorie?
Duerr kritisiert, dass Scham keine Erfindung der Neuzeit sei und legt dar, dass Schamgefühle in verschiedenen Kulturen und Zeiten unabhängig von einem spezifischen Zivilisationsprozess existieren.
- Quote paper
- Sarah Trenkmann (Author), 2010, Scham - angeboren oder anerzogen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164462