Vollzeitschulische Berufsbildung in Europa

Strukturen und Probleme am Beispiel Frankreichs und Österreichs


Hausarbeit, 2009
33 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Das österreichische Berufsbildungssystem
2.1 Historischer Hintergrund
2.2 Die Struktur des österreichischen Bildungswesens
2.3 Die berufliche Erstausbildung in Österreich
2.3.1 Allgemeiner Überblick
2.3.2 Vollzeitschulische Ausbildung
2.4 Probleme des österreichischen Ausbildungssystems
2.4.1 Ist die Qualifikation der BMS tatsächlich derjenigen der dualen Ausbildung ebenbürtig?
2.4.2 Die Gefahr der Über- und Fehlqualifikation
2.4.3 Durchlässigkeit im beruflichen Bildungssystem und das Problem der Abwertung bestimmter Bildungsgänge
2.4.4 Zwischen Diversifizierung und Spezifizierung

3. Das Französische Berufsbildungssystem
3.1 Historischer Hintergrund
3.2 Die Struktur des französischen Bildungswesens
3.3 Die berufliche Erstausbildung in Frankreich
3.3.1 Allgemeiner Überblick
3.3.2 Vollzeitschulische Ausbildung
3.4 Probleme des französischen Berufsbildungssystems
3.4.1 Die meritokratische Logik: Wenn die Vergangenheit bis in die Gegenwart reicht
3.4.2 Frankreichs Berufsbildungssystem: Abschottung & Patchwork
3.4.3 Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich

4. Gegenüberstellung des österreichischen und des französischen vollzeitschulisch berufsbildenden Schulsystems

5. Schlussbetrachtung

6. Quellenverzeichnis

7. Anhang

1. Problemstellung

Die zunehmende Globalisierung sowie eine daraus resultierende dynamische Wirtschaft füh-ren zu stetig steigenden Anforderungen, beispielsweise Flexibilität, von Seiten des Arbeits-marktes. Entsprechend steigt die Nachfrage nach höheren Bildungsabschlüssen einerseits, andererseits wird die Kluft zwischen den verschiedenen Schichten der Bildungsnachfrager immer größer und daher sollen die Integration dieser Jugendlichen sowie die Chancen-gleichheit aller ebenfalls sichergestellt werden1. Zusätzlich rückten länderübergreifend aner-kannte Qualifikationen ins Zentrum des Interesses, dem die Maastrichter Erklärung im De-zember 2004 mit dem Europäischen Qualifikationsrahmen nachkam: Der EQR verfolgt die „Vorstellung eines einheitlichen europäischen Bildungsraums mit uneingeschränkten Mög-lichkeiten der Mobilität von Personen auf freien Arbeits- und Bildungsmärkten.2 “ Aktuell ist Ähnliches im Rahmen des Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR) im Gespräch3.

Betrachtet man die Länder Deutschland, Österreich und Frankreich, so findet man heute nicht nur ähnliche, aber auch ganz unterschiedliche Qualifikationswege und Zertifikate, son-dern es fällt auf, dass sich alle drei Bildungssysteme aufgrund von historischen Entwicklun-gen herausgebildet haben. Vor diesem Hintergrund ist es gar nicht möglich „uneingeschränk-te Mobilität“ zu erreichen: Gerade die Bildungsgeschichte und Mentalität der Franzosen ge-gen- über den Österreichern oder auch Deutschen ist so unterschiedlich, dass beispielswei-se das duale System, wie es in Deutschland besteht, in Frankreich noch nicht implementiert werden konnte. Gleichzeitig bleibt fraglich, ob eine Vereinheitlichung überhaupt wünschens-wert ist.

Diese Arbeit soll weniger auf die kritische Betrachtung der verschiedenen Qualifikationsrahmen eingehen, als vielmehr vor diesem aktuellen Hintergrund grundsätzlich die Möglichkeiten aber auch Grenzen des österreichischen wie auch französischen vollzeitschulischen Berufsbildungssystems darstellen. Solch eine Gegenüberstellung ist ebenfalls nützlich um die Vorzüge aber auch Baustellen des eigenen Berufsbildungssystems kritischer zu reflektieren und nicht Gefahr zu laufen, jedem „Trend“ nachkommen zu wollen.

Im Folgenden wird daher nach Beschreibung der historischen Entwicklung des jeweiligen Bildungssystems zuerst kurz auf das gesamte, im besonderen das berufsbildende Bildungssystem eingegangen, um darin anschließend die vollzeitschulische Berufsbildung der beiden Länder im einzelnen zu platzieren. Nachfolgend werden die beiden Bildungssysteme anhand spezifischer Faktoren einander sowie Deutschland gegenüber gestellt.

2. Das österreichische Berufsbildungssystem

2.1 Historischer Hintergrund

Die Ursprünge der Lehre, und somit letztendlich auch der beruflichen Ausbildung, gehen bis auf das Zunftwesen im Mittelalter zurück: Die Lehre wurde in den handwerklichen Betrieben entwickelt um den Nachwuchs im (Familien-)Betrieb zu sichern4. Während der Industrialisierung Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Zünfte von Genossenschaften ersetzt und mit der damit einhergehenden Gewerbefreiheit abgeschafft5.

Mit der Schaffung der „K.k. Commerical Zeichnungsakademie“ wurde 1758 die erste berufs-bildende Schule in Wien gegründet6. 1770 wurde mit der „K.k. Real-Handlungs-Academie“ durch Kaiserin Maria Theresia das kaufmännische Bildungswesen ins Leben gerufen7. Die Idee für eine realistischer ausgerichtete Bildung stammte vom Mathematiker Johann Georg, der allerdings bei der Ausführung seines Vorhabens zuvor zweimal gescheitert war8. Nur vier Jahre später wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt und folglich auch das öffentliche Schulwesen9. 1857 errichteten Großkaufleute und Industrielle spezielle höhere Schulen „in denen deren Söhne, fallweise auch andere fähige junge Menschen, zur Führung von Groß-handelsbetrieben und kaufmännischen Leitung von Industriebetrieben herangebildet werden sollten.10 “ Bis dahin war der Besuch der höheren Schule ein kostspieliges Unterfangen oder schlichtweg nicht möglich, da Familien ihre Söhne zur beruflichen höheren Bildung nur nach Paris (1830) und Leipzig (1831) auf elitäre Schulen schicken konnten11. Die noch heute teil-weise existierenden Privatschulen gehen also ebenfalls auf die Geschichte und die Initiativen von Interessenkreisen zurück. Anschließend, 1869, entwickelte Freiherr von Dumreicher ein Konzept für ein berufsbildendes Schulwesen, welches bereits viele der heutigen Aspekte enthielt12.

Bis nach dem ersten Weltkrieg hatten sich zwar im kaufmännischen Bereich weitere Schulen entwickelt, allerdings befanden sich viele noch in privaten Händen13 und waren zudem als Weiterbildungsmaßnahme von Arbeitstätigen und daher in Form von Teilzeitschulen organi-siert14. Erst nach dem zweiten Weltkrieg machte das berufsbildende Schulwesen Fortschritte in Richtung der Struktur, wie wir sie heute kennen: Bei den „ „Ischgler Tagungen“ wurde die Dreigliederung der nun möglichen Ausbildung - Allgemeinbildung und damit allgemeiner Uni- versitätszugang, fachtheoretische Ausbildung und fachpraktische Ausbildung in praxisge-rechten schulischen Werkstätten15 “ beschlossen. Zudem wurden viele neue Schulen gegrün-det und bereits bestehende Schulen vom Bund, vor allem im gewerblich-technischen Be-reich, übernommen16. Es waren die sogenannten „Bregenzer Empfehlungen“, bei welchen 1954 zum ersten Mal „Landesschulinspektoren, Fachinspektoren und Direktoren der Han-delsakademien, Handelsschulen und kaufmännischen Berufsschulen17 “ zusammen kamen und Änderungsvorschläge zur Verbesserung des Schulsystems erarbeiteten. Die hier entwi-ckelten Konzepte wirkten sich auf das 1962 formulierte Schulorganisationsgesetz aus18: Zum einen schrieb die Verordnung eine einheitliche Ausbildung, die bis dahin noch nicht geregelt und daher nach individuellen Lehrplänen stattgefunden hatte, in ganz Österreich vor, zum anderen diente sie dem Abbau von „Bildungssackgassen“ und der Gestaltung der Durchläs-sigkeit von den Hauptschulen zu den mittleren und höheren berufsbildenden Schulen19. Im gleichen Jahr wurde mit dem Privatschulgesetz eine „Rechtsgrundlagen für die Errichtung und Erhaltung privater Unterrichtsanstalten“ geschaffen20. „1988 hatten die Reifeprüfungs-zahlen der BHS die der AHS (=allgemeinbildende Schulen oder Gymnasien) egalisiert.21 “ Eine Reform im Jahr 1994 betonte neben der fachlichen auch die Bedeutung der sozialen und methodischen Kompetenzen, integrierte die EDV, wenn auch noch ohne Internet, und rief die Durchführung von Übungsfirmen ins Schulleben22. 2003 erschienen erneut neue Lehrpläne mit beispielsweise „IT-Bezug“, d.h. wieder mit entsprechender Anpassung an die Veränderungen der Zeit. Die letzte Anpassung des Schulorganisationsgesetzes von 1962 an die moderne Lebenswelt fand im Jahre 2008 statt23.

2.2 Die Struktur des österreichischen Bildungswesens

Mit dem Alter von sechs Jahren beginnt in Österreich eine neunjährige Schulpflicht24, die in den ersten acht Jahren durch den Besuch allgemeinbildender] Schulen erfüllt wird: Nach vier-jähriger Volksschule besteht die Wahlmöglichkeit zwischen der Hauptschule und der allge-meinbildenden höheren Schule (AHS)25. Nach dem Besuch der vierjährigen Hauptschule, die hier anders als in Deutschland keine „Restschule26 “ sondern eine Regelschule darstellt, oder nach vierjährigem Besuch der AHS besteht zum ersten Mal die Möglichkeit einen beruflichen Bildungsweg einzuschlagen27. Derzeit ermöglicht auch die Neue Mittelschule (NMS) die vier- jährige Sekundarstufe I (die in Österreich die Schuljahre 5 bis 8, in Deutschland hingegen die Schuljahre 5 bis 9 umfasst28 ) erfolgreich zu absolvieren; der Modellversuch soll die frühe Trennung von Kindern hinsichtlich ihrer Berufskarriere vermeiden29. Für das Erfüllen der nun noch einjährig verbleibenden Schulpflicht, vorausgesetzt der Schüler hat bisher kein Schul-jahr wiederholen müssen, bestehen nun mehrere Möglichkeiten: Das verbleibende Jahr kann durch den Besuch einer Polytechnischen Schule oder einem einjährigen Besuch einer be-rufsbildenden mittleren Schule absolviert werden um anschließend eine duale Ausbildung zu beginnen. Gleichzeitig besteht natürlich auch die Möglichkeit über die Schulpflicht hinaus eine weiterführende Schule zu besuchen: Das österreichische Bildungssystem weist eine „4+4+4(5)-Grundstruktur“ auf30. Es existieren keine Realschulen, die eine mittlere Reife, wie beispielsweise in Deutschland, zertifizieren31. (Eine detaillierte Darstellung des Österreichi-schen Bildungssystems befindet sich im Anhang, Abbildung 1.)

Für das allgemeine wie auch das berufliche Bildungssystem gilt eine Differenzierung der Zu-ständigkeiten: Zwar liegt die Kompetenz für die Gesetzgebung und die Verwaltung des Bil-dungssystems grundsätzlich beim Bund, allerdings liegen in der Praxis auch viele Kompe-tenzen bei den Ländern32. Für die Lehrabschlussprüfung sind beispielsweise die Landes-kammern zuständig. Außerdem scheint insgesamt eine enge Zusammenarbeit mit den ver-schiedenen Unternehmen zu bestehen, welche aus beidseitigem (schulischem und betriebli-chem) Interesse beruht.

2.3 Die berufliche Erstausbildung in Österreich

2.3.1 Allgemeiner Überblick

Die oben bereits kurz erwähnte Polytechnische Schule dauert ein Jahr und ist als „Binde-glied“ zwischen der Sekundarstufe I und der dualen Ausbildung gedacht33. Die Schüler wer-den hier durch Allgemeinbildung, Berufsorientierung und Berufsgrundbildung auf das Berufs-leben vorbereitet34. Einen positiven Abschluss dieser Schule können sich die betroffenen Schüler an der mittleren Schule anrechnen lassen und damit dort ohne Zeitverlust in die zweite Klasse der entsprechenden Fachrichtung einsteigen. Ebenfalls entfällt die Aufnahme-prüfung um Zugang zu einer berufsbildenden höheren Schule zu erhalten35. Allerdings wird diese Bildungsoption, ähnlich wie das BVJ in Deutschland, eher als „Sammelbecken“ für leis- tungsschwache Schüler betrachtet, da deren Zugang keinen erfolgreichen Abschluss und auch keine Aufnahmeprüfung voraussetzt36. Selbst wenn daher im Anschluss an die Schul-pflicht eine berufliche Ausbildung im dualen System angestrebt wird, so bevorzugen die El-tern trotzdem ihre Kinder für ein Jahr auf eine mittlere oder höhere berufsbildende Schule zu schicken37.

Die beruflichen Vollzeitschulen, die im Folgenden noch ausführlicher betrachtet werden, tre-ten vor allem in Konkurrenz zur dualen Ausbildung, der Verknüpfung der beiden Lernorte Betrieb und Schule. Zwar teilen Deutschland und Österreich das Entstehen der Lehre aus dem Handwerk38, trotzdem weisen die beiden Länder in der dualen Ausbildung bemerkens-werte Unterschiede auf: Während in Deutschland Ausbildungsberufe wie Bankkaufmann/-frau oder Versicherungskaufmann/-frau größtenteils von Abiturienten wahrgenommen wer-den, ist eine Lehre für einen Hochschulberechtigten in Österreich mit 1 % (zum Vergleich Deutschland: 15 %) völlig unüblich39. In Deutschland beträgt der Anteil des dualen Systems 67 % am gesamten Ausbildungsmarkt, wohl auch wegen der fehlenden Alternative, in Öster-reich dagegen fällt dieser mit nur 40 % wesentlich geringer aus40. In Österreich ist das duale System vergleichsweise einer großen Konkurrenz durch die berufsbildenden Vollzeitschulen ausgesetzt, die unter anderem ebenfalls rechtliche, den Lehrausbildungen gleichgestellte, Abschlüsse ermöglicht41.

Im Anschluss an die Sekundarstufe II ermöglichen verschiedene Wege, sei es direkt nach der berufsbildenden Schule durch eine Hochschulreife oder beispielsweise nach einer Berufsreifeprüfung, in ein Studium überzugehen. Universitäten und seit den 90iger Jahren auch Fachhochschulen oder Kollegs bieten eine Vielzahl von attraktiven Weiterbildungsmöglichkeiten und Studiengängen42.

2.3.2 Vollzeitschulische Ausbildung

Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Österreich ein positiv herausragendes, in sich gegliedertes Berufsbildungssystem, welches technische, gewerbliche und kunstgewerbliche sowie kaufmännische Schulen, humanberufliche Schulen als auch land- und forstwirschaftli-che Schulen umfasst43. Die jeweiligen Abschlüsse der mittleren und höheren Schulen schlie-ßen mehrere Ausbildungsberufe ein, beispielsweise entspricht der Abschluss einer techni-schen Berufsschule mehreren Ausbildungsabschlüssen der Handwerkliste44. Die in vielerlei Hinsicht differenzierte Gestaltung des (vollzeitschulischen) Berufsbildungssystems trifft, auch

im Vergleich zum allgemeinbildenden Gymnasium, auf entsprechende Resonanz bei den Jugendlichen: Die berufliche Sekundarausbildung wird von 80% aller Schüler und Schülerinnen wahrgenommen, davon entscheiden sich 43% für eine vollzeitschulische Ausbildung: Der Besuch einer Vollzeitschule scheint somit auch attraktiver als eine duale Ausbildung (37%)45. Innerhalb der beruflichen Vollzeitschulen wiederum entscheiden sich rund 60% für die wirtschaftliche und 40% für die technisch-gewerbliche Sparte46.

Die Option der beruflichen Vollzeitschule eröffnet beispielsweise für einen Schüler aus der Hauptschule die Möglichkeit das neunte Schuljahr in einer berufsbildenden höheren Schule zu absolvieren sowie viele weitere Karrierechancen: Nach dem Absolvieren der BHS kann der Schüler zwischen einem Studium oder einem Direkteinstieg in die Arbeitswelt wählen47. Sollte sich der Besuch der berufsbildenden höheren Schule als nicht erfolgreich erweisen, kann der Schüler in den ersten drei Jahren ohne Zeitverlust, da die Schulen inhaltlich sehr ähnliche Lehrpläne verfolgen, auf eine berufsbildende mittlere Schule wechseln48. Hierzu muss er meist seine gewohnte Schulumgebung nicht verlassen, da die beiden Schulen häu-fig an einem gemeinsamen Standort angesiedelt sind. Möchte der Schüler dagegen eine duale Ausbildung beginnen, so kann er auch direkt die berufsbildende mittlere Schule besu-chen und hat, verglichen mit dem polytechnischen Bildungsgang, bessere Voraussetzun-gen49.

Nach dem Absolvieren der AHS Unterstufe oder der Hauptschule eröffnen sich den Jugend-lichen damit drei berufsorientierte Wege: Neben der Lehre im dualen System besteht die Möglichkeit einer Berufsausbildung in einer vollzeitschulischen berufsbildenden mittleren Schule oder einer berufsbildenden höheren Schule, hier in Kombination mit dem Abitur50.

2.3.2.1 Vollzeitschulische Berufsbildung ohne Hochschulzugangsberechtigung

Die berufsbildenden mittleren Schulen (BMS) dauern ein- bis vier Jahre51: Eine Ausbildungs-dauer von ein- bzw. zwei Jahren vermittelt eine teilweise Berufsausbildung, eine Ausbil-dungsdauer von drei bzw. vier Jahren eine abgeschlossene Qualifikation52. Die vollzeitschu-lische abgeschlossene Ausbildung einer BMS steht mit der Lehre zu einem Facharbeiter bzw. einem mittleren Angestellten53 auf einer gemeinsamen Stufe; allerdings ist die vollzeit-schulische Ausbildung wesentlich breiter gefächert und daher auf ganze Berufsgruppen aus-gerichtet, wohingegen die Lehre fachlich enger ausgerichtet ist54. BMS gibt es unter anderem in den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik, Glas sowie Handel oder sie ermöglichen die Kombination zweier Bereiche, beispielsweise Hauswirtschaft mit einem kaufmännischen Be-ruf55.

Vollqualifizierte Absolventen der BMS haben die Möglichkeit die Meisterprüfung abzulegen oder anhand von Aufbaulehrgängen das Bildungsziel der nächsthöher gelegenen Stufe, der berufsbildenden höheren Schule, zu erreichen56: Ein zweijähriger Aufbaulehrgang am Kolleg ermöglicht dem BMS Absolventen nach bestandener Reifeprüfung das Erreichen des Bil-dungsstandes der BHS57.

Grundsätzlich existieren seit 1997 keine Aufnahmeprüfungen mehr für den Besuch einer BMS58. Allerdings müssen Schüler bei Bildungsgängen mit besonderen Anforderungen im künstlerischen oder sportlichen Bereich eine Eignungsprüfung sowie Schüler der schwächsten Leistungsgruppe der Hauptschule eine Aufnahmeprüfung in den Fächern Deutsch, Englisch oder Mathematik ablegen um Zugang zu den BMS zu erhalten59.

2.3.2.2 Vollzeitschulische Berufsbildung mit Hochschulzugangsberechtigung

Die berufsbildende höhere Schule (BHS) gilt in Österreich laut einer Presseumfrage als der beliebteste Bildungsgang der Sekundarstufe II60. Die Gründe hierfür liegen offensichtlich an der polyvalenten Ausrichtung des Bildungsganges und der damit einhergehenden Aussicht auf eine zu erlangende Doppelqualifikation.

Mit „polyvalent“ ist die Kombination aus allgemeiner und berufsbezogener Bildung gemeint: „die integrierte Vermittlung einer umfassenden Allgemeinbildung und einer höheren kauf-männischen Bildung, die sowohl zur Ausübung von Berufen in allen Zweigen der Wirtschaft und Verwaltung als auch zum Studium an Akademien, Fachhochschulen und Universitäten befähigt.61 “ Dementsprechend schreibt der Pflichtlehrplan für die Schulpraxis ungefähr 40% berufsorientierte und 60% allgemeinbildende Unterrichtsinhalte vor62. Gleichzeitig zielt die obige Definition auch bereits auf die Doppelqualifikation ab: Die Jugendlichen nehmen ge-rne eine um ein Jahr längere Schulzeit (4+4+5 statt 4+4+4) in Kauf um anschließend eine arbeitsrechtlich facheinschlägige abgeschlossene berufliche Lehrausbildung und gleichzeitig eine uneingeschränkte Hochschulreife zu besitzen63. Damit unterscheidet sich Österreich deutlich von Deutschland: Das BHS tritt in starke Konkurrenz zu dem dualen Ausbildungs- system wohingegen in Deutschland derzeit noch keine Möglichkeit zur Erlangung einer sol- chen staatlich anerkannten Doppelqualifikation besteht64.

Die Doppelqualifikation ermöglicht entweder einen Direkteinstieg in die Arbeitswelt oder ein anschließendes Studium. Sie bietet daher gerade bildungsferneren Schichten die Möglichkeit einen hohen Bildungsgrad zu erreichen ohne unbedingt die schwer kalkulierbaren Kosten eines Studiums fürchten zu müssen65, die nach einem allgemeinen gymnasialen Bildungs-gang gewöhnlich anfallen. In Deutschland ist es nicht unüblich, dass man mit einer Hoch-schulzugangsqualifikation eine duale Ausbildung absolviert; in Österreich ist dies jedoch ex-trem untypisch und ein zwanzigjähriger Auszubildender käme sich eher deplatziert vor66. Wie jedoch gerade ausführlich beschrieben, bietet Österreich mit der Doppelqualifikation hier auch ganz andere und zeitlich knappere Möglichkeiten. Seit kurzem besteht sogar die Mög-lichkeit mit einem Abschluss auf BHS Niveau an Kollegs den Bachelor in kürzerer Zeit zu erlangen67.

Aufnahmeprüfungen sind grundsätzlich für Schüler der unteren Leistungsstufe sowie der mittleren Leistungsstufe der Hauptschule, bei weniger herausragenden Leistungen, verpflichtend; im gewerblichen Bereich müssen Befähigungsnachweisprüfungen entsprechend den Regelungen erbracht werden68.

Die Erstausbildungsmöglichkeiten sowie die große Vielfalt an Weiterbildungsmöglichkeiten und die, vergleichen mit Frankreich, bereits verhältnismäßig gut ausgebaute vertikale und horizontale Durchlässigkeit des österreichischen Bildungssystems, schlägt sich in einer generell sehr niedrigen Arbeitslosenquote von in diesem Jahr lediglich 4,5 % (siehe Anhang, Abb. 2) nieder. Österreich steht damit an zweitletzter Stelle vor den Niederlanden. Auch die Jugendarbeitslosigkeit ist mit 9,5 % im Jahr 2004 (siehe Anhang, Abb. 5) relativ gering.

2.4 Probleme des österreichischen Ausbildungssystems

Bei der Strukturierung des österreichischen Schulsystems spielt die Historie eine wichtige Rolle (siehe Kapitel 2.1). Wie in anderen Ländern auch, stellen verschiedene Interessens-gruppen unterschiedliche Anforderungen an das Bildungssystem und somit auch an den Bildungskanon. Staat und Wirtschaft sind nur zwei der großen Interessensgruppen, nicht jedoch zu vergessen die Schüler, die möglichst alle nach der Schulpflicht den Anreizen der Weiterbildung erliegen sollten um hohe Arbeitslosenraten in der Zukunft zu vermeiden. So-zialisation, Allgemeinbildung, Berufsvorbereitung sowie Berufsbildung stellen nur eine gerin-ge Auswahl der vielfältigen Anforderungen an ein Bildungssystem dar. Das österreichische Berufsbildungssystem hält durch seine starke Differenzierung bereits verschiedene Möglich- keiten zur Integration der verschiedenen Bedürfnisse bereit, besonders gekennzeichnet durch die BHS, deren Abschluss eine Doppelqualifikation verspricht.

[...]


1 Koch (1998), S. 14f

2 Deißinger (2009), S. 1

3 Hanf/ Rein (2007), S. 1ff

4 Rothe (2001), S. 221

5 ebenda, S. 141, 221

6 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 20-A

7 Schermaier (1999), S. 113

8 ebenda

9 Rothe (2001), S. 222

10 Schermaier (1999), S. 116

11 ebenda; Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 20-A

12 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 20-A

13 Schermaier (1999), S. 108

14 ebenda, S. 28

15 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 21-A

16 ebenda; Schermaier (1999), S. 106

17 Schermaier (1999), S. 107f

18 ebenda

19 ebenda, S. 130

20 ebenda, S. 25f

21 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 21-A

22 Gramlinger (2005), S.97

23 BM:UKK (2008/ 2009), Bundesgesetz vom 25. Juli 1962 über die Schulorganisation

24 Gramlinger (2005), S. 80

25 ebenda

26 Schneider (1997), S. 5

27 Lassnig (1998), S. 81

28 Gramlinger (2005), S. 80

29 BM:UKK (2008/ 2009), Modellversuche Neue Mittelschule

30 Aff (2006), S. 125

31 ebenda

32 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. A-13

33 BM:UKK (2008/2009), Polytechnische Schule

34 ebenda

35 BM:UKK (2008/2009), Polytechnische Schule

36 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S, A-27; Rothe (2001), S. 157

37 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. A-27

38 Gramlinger (2005), S. 82

39 Schneider (1997), S. 3, 7

40 Aff (2006), S. 136; Gramlinger (2005), S. 85

41 Rothe (2001), S. 160; Schneider (1997), S. 7

42 Rothe (2001), S. 164

43 Gramlinger (2005), S. 85; Rothe (2001), S. 421

44 Schneider (1997), S. 7

45 Aff (2006), S. 126

46 ebenda

47 Gramlinger (2005), S. 87

48 ebenda

49 Lassnig (1998), S. 104f

50 Rothe (2001), S. 162

51 ebenda, S. 421

52 BM:UKK (2008/2009), Berufsbildende Mittlere Schulen

53 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 38-A

54 Gramlinger (2005), S. 85f; Rothe (2001), S. 158, 161, 285ff 6

55 Dorninger/ Lauterbach/ Neubert (2003), S. 39-A

56 Rothe (2001), S. 161

57 Schermaier (1999), S. 14f

58 ebenda, S. 159

59 BM:UKK (2008/2009), Berufsbildende Mittlere Schulen

60 Rothe (2001), S. 277

61 BGBl. (1994), S. 6583, in: Schneider (1997), S. 13

62 Schneider (1997), S. 13

63 Gramlinger (2005), S. 86; Schneider (1997), S. 6 7

64 Aff (2006), S. 127

65 ebenda, S. 133f

66 Schneider (1997), S. 17

67 Rothe (2001), S. 163

68 BM:UKK (2008/2009), Berufsbildende Höhere Schulen 8

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Vollzeitschulische Berufsbildung in Europa
Untertitel
Strukturen und Probleme am Beispiel Frankreichs und Österreichs
Hochschule
Universität Konstanz
Autor
Jahr
2009
Seiten
33
Katalognummer
V165177
ISBN (eBook)
9783640807659
ISBN (Buch)
9783640807727
Dateigröße
1348 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vollzeitschulische, berufsbildung, europa, strukturen, probleme, beispiel, frankreichs
Arbeit zitieren
Susanne Metzger (Autor), 2009, Vollzeitschulische Berufsbildung in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165177

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