Arthur Schnitzlers Traumnovelle, die 1926 veröffentlicht wurde, kreist um die Frage, ob sich der Wunsch nach sexueller Erfüllung mit den Konventionen der bürgerlichen Ehe decken kann. Die Eheleute Fridolin und Albertine geraten nach dem wechselseitigen Geständnis
außerehelicher erotischer Wünsche in eine Krise, finden jedoch zum Schluss wieder zueinander. Der Autor spielt in der Erzählung auf verschiedenen Ebenen mit dem Verschwimmen von Traum, Wachtraum und Realität. Stanley Kubrick versetzte die Traumnovelle vom Wien der 20er ins New York der 90er Jahre. Seine filmische Umsetzung bleibt trotz dieser entscheidenden Änderung nah an der literarischen Vorlage, angefangen von Inhalt und Struktur über die Darstellung der Figuren
bis hin zu wichtigen Dialogen. Trotz dieser Nähe ist der Film keine Illustration des Buches, sondern nach Kreutzer eine – von der Kritik ebenso gelobte wie kritisierte – interpretierende Transformation.
Diese Arbeit fokussiert beim Vergleich von literarischer Vorlage und Film auf die Frage, wie der Traum Albertines im jeweiligen Medium dargestellt wird, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede festgestellt werden können und warum an bestimmten Stellen literarische
Vorlage und Film übereinstimmen oder voneinander abweichen. Die charakteristischen Darstellungsformen des jeweiligen Mediums werden in diesem Rahmen ebenfalls berücksichtigt. Um die Fragestellung in einen größeren Zusammenhang einbetten zu können, werden die Figuren Albertine und Alice vor der Untersuchung des Traums in ihrer
Gesamtheit miteinander verglichen, unter anderem in Bezug auf die verschiedenen Epochen und Schauplätze. Zum Schluss werden wichtige Aussagen zur Deutung des Traums diskutiert, die auf den Theorien Freuds zur Traumdeutung basieren. An dieser Stelle schließt sich die Frage nach der, möglicherweise verschiedenen, Bedeutung des Traums in Buch und Film an.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 ARTHUR SCHNITZLERS TRAUMNOVELLE
2.1 Kontextualisierung der Novelle
3 STANLEY KUBRICKS EYES WIDE SHUT
3.1 Kontextualisierung des Films
4 BUCH UND FILM IM VERGLEICH
4.1 Allgemeiner Vergleich der Figuren Albertine und Alice
4.2 Darstellung des Traums in Buch und Film
4.3 Deutung des Traumes
5 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den vergleichenden Umgang mit den Träumen der Protagonistinnen Albertine (in Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“) und Alice (in Stanley Kubricks „Eyes wide shut“), um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung sowie deren Bedeutung vor dem Hintergrund der jeweiligen Epoche und Gesellschaftsstruktur aufzuzeigen.
- Analyse der Figurenkonstellationen von Albertine und Alice
- Gegenüberstellung der Traumnarrative in literarischer Vorlage und Film
- Untersuchung der psychologischen Dimension und Traumdeutung
- Reflektion über den Einfluss von Epoche und Schauplatz auf die Interpretation
Auszug aus dem Buch
4.2 Darstellung des Traums in Buch und Film
Der wesentliche Inhalt des Traums wird im Film der literarischen Vorlage gemäß übernommen. Die Elemente des Märchens, das Albertine und Fridolin ihrer Tochter vorlesen und die in Albertines Traum wieder auftauchen wie Galeerensklaven, orientalische Gewänder, Fridolins Kleidung als orientalischer Prinz etc., fehlen, da Kubrick den Beginn der Novelle nicht übernommen hat. Damit fehlt zugleich der gesamte Beginn des Traums, in dem Albertine sich und Fridolin noch als Einheit wahrnimmt, wohingegen in Alices Traum die Entfremdung zwischen ihr und Bill von Anfang an vorhanden ist.
Ein weiteres wichtiges Detail ist die fehlende Umsetzung von Fridolins Geständnis der Begegnung mit dem jungen Mädchen am Strand, das in Albertines Traum als Fürstin, die Fridolin begnadigen will, wenn er ihr Geliebter werde, wiederkehrt. Hier wird im Buch einerseits die Analogie zu Fridolins Erlebnis im Urlaub erkennbar, andererseits muss die Beschreibung für Fridolin den Gedanken an die kürzlich erlebte Begegnung mit der Unbekannten, die sich auf der Orgie für ihn opferte, hervorrufen. Durch das Fehlen eines Geständnisses von Bill wird das Gefälle zwischen ihm und Alice größer als zwischen Fridolin und Albertine. Bill arbeitet verzweifelt darauf hin, irgendetwas von dem zu erleben, was ihm seine Frau, zuerst durch ihr Geständnis, dann durch ihren Traum, offenbart, und scheitert kläglich. Fridolin ist nicht so stark unterlegen wie Bill: Er hat den „sexuellen Vorsprung“ durch seine vor der Ehe erlebten Abenteuer und ist durch die Gegenseitigkeit des Geständnisses seiner Frau ebenbürtiger.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der „Traumnovelle“ und deren Adaption sowie Formulierung der Forschungsfrage hinsichtlich der Darstellung des Traums.
2 ARTHUR SCHNITZLERS TRAUMNOVELLE: Untersuchung des Werkes unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Entstehungsgeschichte und psychologischen Aspekte.
3 STANLEY KUBRICKS EYES WIDE SHUT: Kontextualisierung der filmischen Umsetzung und Analyse des Spiels mit visueller Wahrnehmung und Voyeurismus.
4 BUCH UND FILM IM VERGLEICH: Detaillierte Gegenüberstellung der Protagonistinnen sowie Analyse der Traumszenen und deren tiefenpsychologischer Deutung.
5 FAZIT: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse unter Hervorhebung der veränderten gesellschaftlichen Kontextualisierung im Film.
Schlüsselwörter
Traumnovelle, Eyes Wide Shut, Arthur Schnitzler, Stanley Kubrick, Traumdeutung, Literaturverfilmung, Psychoanalyse, Fridolin, Albertine, Bill Harford, Alice Harford, Ehekrise, Fin de Siècle, Identität, Geschlechterrollen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie das zentrale Motiv des Traums bei Arthur Schnitzler und in der filmischen Adaption von Stanley Kubrick umgesetzt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen das Verschwimmen von Traum und Realität, die Rolle der Ehefrau in unterschiedlichen Epochen und die psychologische Bedeutung der Träume.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Untersuchung?
Es wird untersucht, wie der Traum der weiblichen Hauptfigur in Buch und Film dargestellt wird und welche Auswirkungen der Epochenwechsel auf die inhaltliche Aussage hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt den komparativen Vergleich zwischen literarischer Vorlage und Film unter Einbeziehung tiefenpsychologischer Deutungstheorien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung der Werke, einen Vergleich der Protagonistinnen und eine detaillierte Analyse der Traumszenen und deren Deutung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören: Traumnovelle, Eyes Wide Shut, Psychoanalyse, Geschlechterrollen, Traumdeutung und Literaturverfilmung.
Inwiefern unterscheidet sich der psychologische Status von Albertine im Vergleich zu Alice?
Während Albertine den Traum als kathartische Befreiung erfährt, reagiert Alice im Film stärker mit Scham und Entsetzen, was auf den veränderten gesellschaftlichen Kontext zurückzuführen ist.
Warum spielt die Wahl des Schauplatzes und der Epoche eine so große Rolle für die Interpretation des Traums?
Der Transfer ins New York der 90er Jahre nimmt dem Traum viel von seiner gesellschaftlichen Brisanz, da Alice weniger den konservativen Zwängen unterliegt, die Albertine im Wien der 20er Jahre noch massiv einschränkten.
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- Kendra Hirnstein (Author), 2008, Wie wird der Traum von Albertine und Alice in Buch und Film dargestellt?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165222