Thema dieser Arbeit ist ein gewiss etwas ungewöhnlich anmutender Vergleich. Es sollen hier der Staatsbürgerkundeunterricht der DDR und aus der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule abzuleitende Konzeptionen für die Politische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland miteinander in Beziehung gesetzt werden. Die Ausgangsvermutung besteht darin, dass zentrale Gedanken der Kritischen Theorie, angewendet auf die Politisch Bildung diese zu einem Weltanschauungsunterricht im Geiste der Staatsbürgerkunde der DDR verformen könnten. Dies mag insbesondere Befürwortern von Kernideen der Kritischen Theorie als absurd erscheinen, erweist sich allerdings bei genauerer Betrachtung von Diskussionen der siebziger Jahre als keineswegs banal oder abwegig. Selbst Kritiker der Implementierung von Gedanken der Kritischen Theorie in die Politische Bildung sahen sich zuweilen geneigt, diese vor allzu undifferenzierter Kritik in Schutz zu nehmen, um zu verhindern, dass „das Rad der didaktischen Entwicklung“ zurückgedreht werden könnte. Anlass zu Kritik an den Ideen der Anhänger der Kritischen Theorie gab es in den Jahren nach 1968 genug.
Da sich die Frankfurter Schule mit ihren Ideen von dem angenommenen Wertrelativismus Kants und dem Individualismus des bürgerlichen Bildungsideals zugunsten einer Bildungskonzeption, die „Verantwortung für das gesellschaftliche Ganze“ in den Blick nahm, abzugrenzen versuchte, gab sie zugleich, angewendet auf die Politische Bildung, den Anspruch einer bloßen pragmatisch-objektiven Didaktik auf. Der Verdacht, dass das Prinzip der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, der das Individuum zugeführt werden soll, übertrieben werden könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Der Vergleich mit der Staatsbürgerkunde in der DDR, die als Extrembeispiel einer auf Bevormundung und Unterordnung ausgerichteten Gemeinschaftserziehung verstanden werden kann, soll also dazu dienen, Charakteristika sowohl der Kritischen Theorie als auch des Staatsbürgerkundeunterrichts herauszuarbeiten und gewissermaßen den äußersten Rahmen für eine kritische Auseinandersetzung mit den auf die Politische Bildung angewendeten Gedanken der Frankfurter Schule abzustecken.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Über die Staatsbürgerkunde in der DDR
2.1 Zur Entwicklung des Faches
2.2 Über die Wirkung und den Charakter des Staatsbürgerkundeunterrichts.
3. Die Kritische Theorie
3.1 Die Kritische Theorie und ihre politikdidaktischen Implikationen
3.2 Die Rezeption der Kritischen Theorie in der Politische Bildung
4. Fazit: Abgrenzung von Kritischer Theorie und Staatsbürgerkunde
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die kritische Vermutung, ob zentrale Gedanken der Kritischen Theorie, angewendet auf die politische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland, diese in einen einseitigen Weltanschauungsunterricht transformieren könnten, der dem Staatsbürgerkundeunterricht der DDR in seinem Anspruch auf Bevormundung nahekommt. Ziel ist es, durch einen Vergleich dieser beiden unterschiedlichen Konzepte die jeweilige theoretische Grundlage und die praktischen Implikationen für die Erziehung zur Mündigkeit zu schärfen.
- Historische Entwicklung und Wirkungsweise der Staatsbürgerkunde in der DDR.
- Kerngedanken der Kritischen Theorie und deren Implikationen für die politische Bildung.
- Die Debatte um Mündigkeit und die Rolle der Lehrkraft im politischen Unterricht.
- Untersuchung der Parallelen und Unterschiede zwischen ideologischem Dogmatismus und kritischer Bildung.
- Abgrenzung der Konzepte mittels des Beutelsbacher Konsenses.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Kritische Theorie und ihre politikdidaktischen Implikationen
Im folgenden sollen Kerngedanken der Kritische Theorie kurz erläutert werden, mit besonderem Augenmerk auf ihre Schlussfolgerungen für die politische Bildung. Ausgangspunkt der Kritischen Theorie der „Frankfurter Schule“, zu deren wichtigsten Vertretern Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gezählt werden, ist gewissermaßen die Aufarbeitung des von Kant ausgerufenen „Zeitalters der Aufklärung“ und dessen aus Sicht der Kritischen Theoretiker offensichtliches Scheitern, sichtbar an den massiven Verwerfungen der Neuzeit, die in den Gaskammern von Auschwitz ihren Tiefpunkt fanden. Ursache für die Verwerfungen sei die alles durchdringende instrumentelle Vernunft, die sich historisch zwangsläufig aus dem Aufklärungsprozess ergebe.
Adorno definiert Mündigkeit in diesem Sinn als „selbständige, bewusste Entscheidung jedes einzelnen Menschen“ (1971, S.112). Erziehung zu Mündigkeit sei abzugrenzen gegen „Heteronomie“, also die autoritäre Lenkung nach äußerlich bestimmten Gesetzen (die „Menschenformung“), aber auch gegen „bloße Wissensvermittlung“ (ebd.). Diese Mündigkeit zu verwirklichen, war nach Adorno bislang unmöglich, da die dafür notwendigen Voraussetzungen an allen Stellen der Gesellschaft fehlten. Die Entwicklung hin zur Mündigkeit nach Maßgabe der Kritischen Theorie könne nur dort beginnen, wo Potential „zum Widerspruch und zum Widerstand“ vorhanden ist. Seiner Ansicht nach sei dies nur in der Schule, im Besonderen in der Oberstufe der Fall (ebd., S.153).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit stellt die Ausgangsvermutung auf, dass die Übertragung der Kritischen Theorie auf die politische Bildung zu einer Form von Weltanschauungsunterricht führen könnte, der in seiner Struktur dem Staatsbürgerkundeunterricht der DDR ähnelt.
2. Über die Staatsbürgerkunde in der DDR: Dieses Kapitel zeichnet die vier Entwicklungsphasen des DDR-Faches nach, von der Anfangsphase bis zur Verkrustung, und beleuchtet dessen autoritären Charakter sowie die Wirkung auf die Schüler.
3. Die Kritische Theorie: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Frankfurter Schule und deren Einfluss auf die westdeutsche politische Bildungsdebatte sowie das Konzept der Mündigkeit erörtert.
4. Fazit: Abgrenzung von Kritischer Theorie und Staatsbürgerkunde: Das Fazit stellt die beiden Konzepte gegenüber und arbeitet heraus, dass trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten im marxistischen Kontext fundamentale Unterschiede in der Lehr- und Lernpraxis bestehen.
Schlüsselwörter
Staatsbürgerkunde, DDR, Kritische Theorie, Frankfurter Schule, Politische Bildung, Mündigkeit, Erziehung, Marxismus, Beutelsbacher Konsens, Didaktik, Indoktrination, Gesellschaftliche Verantwortung, Autonomie, Wertrelativismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht einen ungewöhnlichen Vergleich: den DDR-Staatsbürgerkundeunterricht und die Konzeptionen der Kritischen Theorie im Bereich der westdeutschen politischen Bildung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die historische Entwicklung des DDR-Fachunterrichts, die Kernthesen von Horkheimer und Adorno sowie die praktische Anwendung dieser Theorien im Schulalltag.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, zu prüfen, ob die Kritische Theorie durch eine dogmatische Anwendung zu einem Unterdrückungsinstrument werden könnte, das dem der DDR-Staatsbürgerkunde gleicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt ein theoretisches Gedankenexperiment durch, um das idealtypische Konstrukt der Kritischen Theorie mit der realen, historisch gewachsenen Praxis der Staatsbürgerkunde in Beziehung zu setzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung und den Charakter des DDR-Staatsbürgerkundeunterrichts und stellt diesem das Konzept der Mündigkeit gemäß der Kritischen Theorie gegenüber.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Mündigkeit, Staatsbürgerkunde, Politische Bildung, Kritische Theorie und die Abgrenzung von Indoktrination durch den Beutelsbacher Konsens.
Wie unterscheidet sich die Rolle der Lehrkraft zwischen den Systemen?
In der DDR war die Lehrkraft ein Vermittler staatlicher Doktrin mit Anpassungsdruck, während sie nach dem Beutelsbacher Konsens angehalten ist, das Überwältigungsverbot zu achten und Kontroversität zuzulassen.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt der Autor im Fazit?
Der Autor schlussfolgert, dass trotz zeitgeschichtlich bedingter Berührungspunkte in der Argumentation der Anspruch auf Mündigkeit in der Kritischen Theorie einen fundamentalen Gegensatz zur Bevormundung im Staatsbürgerkundeunterricht darstellt.
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- Erik Pester (Author), 2010, Dialektik der Kritischen Theorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165449