Vielen Menschen in Deutschland steht täglich ein Auto zur Verfügung. Ohne Auto lässt sich der alltägliche Tagesablauf, die Fahrt zur Arbeit, zum Discounter oder zu Freunden nicht bewältigen. Ohne Auto lässt sich ein Haushalt mit Kindern nicht führen: Das ist ein verbreitetes Denkmuster.
In den Großstädten verfügen jedoch bis zu vierzig und mehr Prozent der Haushalte über keinen Pkw. Trotzdem ertragen auch (und vor allem) diese Haushalte täglich die Nachteile des Autoverkehrs: Erhöhte Lärmbelästigung, Luftverschmutzung und begrenzende Parkreihen vor der Haustüre, anstatt die Vorteile autofreien Wohnens wie eine ruhige, kinderfreundliche und sichere Umgebung zu genießen. Der Pkw als bequemes Verkehrsmittel hat seine Vorteile auf der Nutzerseite, die Nachteile trägt hauptsächlich die Allgemeinheit.
Wichtig soll in dieser Arbeit die Herausstellung von Kostentransparenz unter ökonomischen Gesichtspunkten auf verschiedenen Ebenen sein. Dazu zählen Kosten, die durch Unfälle im Straßenverkehr für die Allgemeinheit entstehen, die Stellplatzkosten für den Einzelnen oder der Flächenverbrauch auf Mikro- und Makroebene.
Während der Hinleitung zum Hauptteil soll mittels beispielhafter Alltagsbeschreibungen auf die Wahrnehmung des bisherigen Mobilitätsverständnisses aufmerksam gemacht werden. Auch wird auf psychologische Aspekte der Verkehrsmittelwahl eingegangen werden. Somit geht es in dieser Arbeit nicht nur um die Darlegung verschiedener Aspekte autofreien Wohnens, sondern als dessen Konsequenz muss es auch um das (veränderte) Verkehrsverhalten seiner Bewohner gehen.
Als Untersuchungsgegenstand wurden konkret zwei bereits bewohnte autofreie Siedlungen in Nordrhein-Westfalen ausgewählt. Die Weißenburgsiedlung in Münster beherbergt seine Bewohner bereits seit 2001. Ins so genannte Stellwerk 60 in Köln sind 2007 die ersten Bewohner eingezogen. Mittels einer in jedem Quartier durchgeführten Umfrage soll festgestellt werden, wie sich der Lebensstil und die Mobilität der dort wohnenden Menschen untereinander und von „Nicht-Autofreien“ unterscheiden. Es wird ein vom Autor entwickeltes, auf autofreie Quartiere zugeschnittenes Standortfaktoranalysemodell vorgestellt, um Investoren ein Instrument für die weitere Konzeption autofreier Siedlungen in die Hand zu geben. Schließlich folgt eine zusammenfassende Analyse und ein Ausblick, der die Zukunftsfähigkeit autofreier Stadtviertel auf Basis der in der Arbeit herausgearbeiteten Schlussfolgerungen beschreiben soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Stadtplanung im Zeichen des Autoverkehrs
2.1 Kurzer Abriss der Stadtverkehrsentwicklung
2.2 (Externe) Kosten des Autoverkehrs
2.2.1 Verkehrsunfälle
2.2.2 Verkehrslärm
2.2.3 Autoschadstoffe
2.2.4 Energieverbrauch
2.2.5 Pkw-Entsorgung
2.2.6 Bilanzierung der (externen) Kosten
2.3 Stadtgestaltung in den Industrieländern
2.4 Gründe der Autofixierung
2.5 Politische und gesellschaftliche Barrieren
2.6 Neue Planungskulturen
3. Verkehrsmittel und Verkehrsverhalten im Stadtverkehr
3.1 Das Fahrrad im Stadtverkehr
3.2 ÖP(N)V
3.3 Fußgänger als Qualitätsmerkmal einer Stadt
3.4 Mobilitäts(miss)erfolge autogerechter Siedlungsstrukturen
3.5 Gesamtverkehrsmittelaufkommen der einzelnen Verkehrsträger
3.6 Verkehrsverhalten unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen
3.7 Berufs-, Wirtschafts-, Einkaufs-, Ausbildungs- und Freizeitverkehr
4. Erfordernisse autofreier Lebensführung
4.1 Stellplatzkosten/Parkraumbewirtschaftung
4.2 Alltag autofreier Menschen: Arbeitswege, Einkaufen, sonstige Fahrten
4.3 Car-Sharing
4.4 Bring- und Lieferdienste
5. Autofreie Stadtviertel: Konsequente Umsetzung autofreien Lebens
5.1 Standortkriterien
5.2 Juristische Parkraumausgestaltung auf Bewohnerebene
5.3 Juristische Parkraumausgestaltung auf Wohnviertelebene
6. Beispiele autofreier Wohnkonzepte
6.1 Weißenburgsiedlung Münster
6.1.1 Initiierung/Vereinsgründung/Besitzverhältnisse
6.1.2 Grundstücksgröße/-schnitt/Neubau
6.1.3 Bewohnerschaft/Nutzungskonflikte
6.1.4 Rechtslage/Bewohnerverein
6.1.5 Kommunalpolitische Situation/Verwaltung
6.1.6 Bauliche Besonderheiten/Außenwirkung der Siedlung
6.1.7 Verkehrsanbindung
6.2 Siedlung Stellwerk 60/Köln
6.2.1 Initiierung/Besitzverhältnisse/Grundstücksgröße/-schnitt
6.2.2 Rechtslage
6.2.3 Bauliche Besonderheiten
6.2.4 Nutzungskonflikte
6.2.5 Verkehrsanbindung
6.2.6 Kommunalpolitische Situation/Verwaltung
6.2.7 Bewohnerschaft/Nachfrage
6.2.8 Infrastruktur/Bewohnerverein
6.3 Umfrageskizzierung
6.3.1 Umfragedurchführung
6.3.2 Deskriptive Auswertung der Datenerhebung
6.3.3 Zufallskritische Auswertung
6.3.4 Teildiskussion der Ergebnisse
6.4 Standortfaktoranalyse der Weißenburgsiedlung/Stellwerk 60
6.4.1 Standortfaktorbeschreibung
6.4.2 Standortfaktorbewertung und Darstellung
6.5 Bewertung eines Stadthauses im Stellwerk 60
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Konzept autofreier Stadtviertel unter Berücksichtigung von Planung, Finanzierung und Realisierung aus den Blickwinkeln von Bewohnern, Investoren und Stadtplanern. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich Lebensstil und Mobilität in solchen Quartieren verändern und welche Rolle Kostentransparenz und politische Rahmenbedingungen spielen.
- Analyse externer Kosten des motorisierten Individualverkehrs
- Vergleich des Verkehrsverhaltens verschiedener Bevölkerungsgruppen
- Standortfaktoren und Erfolgsfaktoren für autofreie Siedlungsprojekte
- Empirische Untersuchung zweier Siedlungsbeispiele (Weißenburgsiedlung Münster und Stellwerk 60 Köln)
- Bewertung der Zukunftsfähigkeit autofreier Stadtviertel
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Verkehrsunfälle
Der Leser kann sich mit folgenden Denkanstößen selbst ein Bild über die unterschiedlichen Risiken der einzelnen Verkehrsträger machen: Wem ist schon jemand bekannt, der bei einem Schiffsunglück verletzt wurde oder gar ums Leben kam? Wer kennt jemanden persönlich, der sein Leben bei einem Flugzeugabsturz lassen musste? Und wer kennt jemanden, der bei einer Bahnfahrt verletzt wurde oder dabei sein Leben lassen musste? Man kennt sogar kaum jemanden, der sein Ziel mit dem Bus aufgrund eines Unfalls nicht erreichte. Aber viele kennen jemanden, der einen Pkw-Unfall hatte, dabei verletzt oder sogar getötet wurde. Vielleicht war man auch schon selbst in einen Autounfall verwickelt. Wenn von einem Verkehrsunfall die Rede ist, wird dies unverzüglich mit einem Autounfall assoziiert, obwohl hier genauso gut ein Bahn- oder Flugzeugunglück gemeint sein könnte. Auch wenn ein Getöter mit dem Fahrrad unterwegs war, so ist doch fast immer ein Pkw in diesen tödlichen Unfall involviert. In beinahe jeder Nachbarschaft kennt man Menschen, die ein Auto nicht unbeschadet verlassen haben.
Dies ist jedoch nicht zwangsläufig hinzunehmen. Man kann sein Mobilitätsverhalten durchaus selbst gestalten und ist für die Konsequenzen verantwortlich. Dafür sollte aus der Sicht des Autors ein Bewusstsein geschaffen werden und 5.000 Tote und 430.000 Verletzte pro Jahr sollten nicht einfach als eine unabänderbare Konsequenz der Mobilität hingenommen werden.
Oft werden im Straßenverkehr Rücksichtslosigkeit und Fahrlässigkeit als Unfallursache angesehen, der Fehler wird also im Gegensatz zu Unfällen bei öffentlichen Verkehrsmitteln individualisiert („Ich war zu schnell“, „Er hatte was getrunken“, „Es war glatt“). Allerdings liegen auch beim Individualverkehr die Fehler im System: Hat man beispielsweise einmal die Führerscheinprüfung bestanden, gilt man erstmal ohne weiteres als lebenslang fahrtüchtig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die starke Abhängigkeit vom Pkw in Deutschland und stellt die Forschungsfrage nach den versteckten Kosten sowie den Möglichkeiten eines autofreien Lebensstils.
2. Stadtplanung im Zeichen des Autoverkehrs: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der Stadtverkehrsplanung nach, diskutiert die hohen externen Kosten des Autoverkehrs und erörtert politische sowie gesellschaftliche Barrieren für eine Verkehrswende.
3. Verkehrsmittel und Verkehrsverhalten im Stadtverkehr: Es wird analysiert, wie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sich fortbewegen, wobei die Rolle des Fahrrads und des ÖP(N)V kritisch hinterfragt wird.
4. Erfordernisse autofreier Lebensführung: Der Fokus liegt hier auf den praktischen Bedingungen autofreier Lebensweise, einschließlich Parkraumbewirtschaftung, Car-Sharing und Lieferdiensten.
5. Autofreie Stadtviertel: Konsequente Umsetzung autofreien Lebens: Hier wird ein Modell zur Standortfaktoranalyse entwickelt, um Investoren bei der Planung autofreier Siedlungen zu unterstützen, ergänzt durch rechtliche Ausgestaltungen zur Sicherstellung der Autofreiheit.
6. Beispiele autofreier Wohnkonzepte: Anhand der Weißenburgsiedlung in Münster und der Siedlung Stellwerk 60 in Köln werden zwei konkrete Praxisbeispiele detailliert untersucht und durch Umfragedaten ausgewertet.
7. Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen, betont das Potenzial autofreier Viertel als Lebensraum und als Investitionsmöglichkeit und gibt einen Ausblick auf die zukünftige Bedeutung dieses Modells in der Stadtentwicklung.
Schlüsselwörter
Autofreie Stadtviertel, Mobilitätsverhalten, Pkw-Verkehr, Stadtplanung, Verkehrswende, Car-Sharing, Standortfaktoren, Lebensstil, Wohnungsbau, externe Kosten, Nachhaltigkeit, Siedlungskonzepte, Bewohnerverein, Verkehrsaufkommen, Infrastruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept von autofreien Stadtvierteln in Deutschland, ihre Planung, Finanzierung und die Lebenswirklichkeit der Bewohner in solchen Siedlungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themen umfassen die Kosten des Autoverkehrs, stadtplanerische Strategien, alternative Mobilitätskonzepte wie Car-Sharing und die empirische Analyse von Bewohnerbedürfnissen in Siedlungsprojekten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, autofreie Siedlungen als lebenswerte Alternative zu konventionellen Wohnformen aufzuzeigen und ein Modell für Investoren und Stadtplaner zu liefern, um solche Viertel erfolgreich zu konzipieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Der Autor stützt sich auf eine Literaturanalyse, eigene Umfragen unter Bewohnern sowie Experteninterviews in den untersuchten Siedlungen, ergänzt durch statistische Auswertungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Rolle des Autoverkehrs, die Erfordernisse für autofreie Lebensstile, die Standortfaktoren für die Realisierung solcher Projekte und vergleicht diese detailliert mit den Beispielen "Weißenburgsiedlung" und "Stellwerk 60".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Autofreie Stadtviertel, Mobilitätsverhalten, Stadtplanung, Car-Sharing, Standortfaktoren und Nachhaltigkeit.
Warum unterscheidet sich die "Weißenburgsiedlung" von "Stellwerk 60"?
Die Siedlungen unterscheiden sich in ihrer Genese, der Bewohnerstruktur und der baulichen Umsetzung; während Münster eher durch sozialen Wohnungsbau und eine durchmischte Struktur geprägt ist, zeigt Köln ein anderes Profil hinsichtlich Finanzierung und technischer Infrastruktur.
Welche Rolle spielt der Bewohnerverein in den Projekten?
Der Bewohnerverein fungiert als zentrales Bindeglied zwischen den Bewohnern, dem Investor und der Verwaltung und ist für die langfristige Sicherstellung der Autofreiheit sowie die soziale Kontrolle innerhalb der Siedlung unerlässlich.
- Citation du texte
- Fabian Mantau (Auteur), 2010, Autofreie Stadtviertel - Planung, Finanzierung und Realisierung aus der Perspektive der Bewohner, Investoren und Stadtplaner, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165491