In der heutigen Leistungsgesellschaft stellt Bildung einen der wichtigsten Faktoren zur Garan-tie gewisser Lebensstandards dar. Wer beruflichen Erfolg haben möchte, muss auch einen entsprechenden Bildungsabschluss nachweisen können. Finanzielle und materielle Ressourcen sind notwendig, um am Bildungswesen teil zu haben. Vor allem Menschen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“ (im folgenden Text durch „MH“ abgekürzt) haben verminderte Chancen effektiv in das deutsche Bildungssystem integriert zu werden. Dies liegt vor allem an den meistens geringen Kenntnissen der deutschen Sprache. Von Lehrkräften wird dies häufig als grundsätzlicher Mangel und Defizit wahrgenommen, was häufig hoffnungslose Überforde-rung nach sich zieht. Eine ausreichende Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer mit Hinblick auf Multikulturalität ist in Deutschland ganz und gar nicht die Regel.
Das deutsche Bildungssystem stellt eine gesonderte Herausforderung. Ähnlich dem System der Schweiz und dem von Liechtenstein, finden sich im deutschen Bildungssystem, nach dem Verlassen der Grundschule, drei Bildungswege, für die es sich zu entscheiden gilt. Eltern und Lehrer stehen in der Verantwortung, möglichst objektiv und gerecht den Leistungsstand des Kindes zu beurteilen, und den weiteren Bildungsweg zu determinieren. Schon hier prallen eine Vielzahl an Problemen und Fragen aufeinander: Ist es nicht zu früh, nach dem vierten Schuljahr den Leistungsstand des Kindes zu beurteilen? Wer rechtfertigt die Tatsache, dass ein Aufstieg aus „niederen Bildungswegen“ durch institutionelle Strukturen kaum möglich ist? Bei so einem selektiv strukturierten Bildungssystem kann von Bildungsgleichheit kaum die Rede sein, denn sozial benachteiligte Gruppen werden geradezu systematisch in bestimmte Rollen gesteckt. Gerade für „Migrantenkinder“ wird dieses Leistungsorientierte Bildungssys-tem zum Hürdenlauf: Ausreichende Kenntnisse über die Landessprache sei die Hauptkompetenz, die für eine effiziente Integration in die Berufs- und Lebenswelt des Einwanderungslan-des notwendig sei. Statt jedoch die Sprachausbildung für Migranten mithilfe von mutter-sprachlichem Unterricht zu verbessern, wird vielmehr gemäß den Sprachdefiziten die Leis-tungsfähigkeit der Kinder bewertet.
Mithilfe der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen zu klären, ob die fehlenden Sprach-kompetenzen der Schüler/innen bzw. der Kinder mit Migrationshintergrund tatsächlich die Ursache für eine fehlerhafte Integration in Deutschland sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Bildungsbeteiligung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen
2.1 Trends in der Bildungsbeteiligung – einige empirische Erkenntnisse
2.2 Ursachen der Benachteiligung
Außerschulische Aspekte
Innerschulische Aspekte
Dysfunktionalität der Schule – Georg Auernheimer
3 Integration durch Sprache?
3.1 Sprachentwicklung und Schulerfolg zweisprachiger Kinder
3.2 Mehrsprachigkeit im multikulturellen und reflexiven Schulkonzepten
Multikulturelle Schulen und Mehrsprachigkeit
Institutionelle Selbst-Reflexion
4 Schweden als Vorreiterland für integrative Schulsysteme?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob mangelnde Deutschkenntnisse tatsächlich die alleinige Ursache für Bildungsbenachteiligungen von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland sind oder ob tiefgreifende strukturelle Faktoren innerhalb des Bildungssystems eine größere Rolle spielen.
- Analyse der Bildungsbeteiligung und statistischer Trends in Deutschland
- Untersuchung außerschulischer und innerschulischer Benachteiligungsfaktoren
- Kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen dreigliedrigen Schulsystem
- Potenziale von Mehrsprachigkeit und interkultureller Pädagogik
- Vergleich des deutschen Systems mit dem schwedischen Ansatz
Auszug aus dem Buch
Dysfunktionalität der Schule – Georg Auernheimer
In seiner Arbeit „Unser Schulsystem – für die Einwanderungsgesellschaft dysfunktional“ vertritt Georg Auernheimer den Standpunkt, dass die veraltete dreigliedrige Struktur des deutschen Bildungssystems Schuld ist an den geringen Bildungserfolgschancen für Schüler/innen und Schüler mit MH.
Ein erstes Problem sei die frühe Laufbahnentscheidung. Auernheimer fordert gewissermaßen eine zeitliche Verlagerung dieser Laufbahnentscheidung und ein Ganztagsschulsystem, da der tägliche Zeitrahmen für schulische Intervention ausgedehnt werden müsse und benachteiligte Kinder so eher eine Chance bekämen, bildungstechnische und kulturelle, u.U. auch sprachliche Defizite zu beseitigen. Bisweilen blieben Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Milieus und/oder mit MH nachmittags eher sich selbst oder der Hilfe ihrer Familien überlassen.
Außerdem würde durch die starke Differenzierung der Bildungswege die Illusion einer Homogenität innerhalb der jeweiligen Bildungswege erzeugt. Da sich ähnliche Leistungsniveaus jeweils an Hoch-, Realschule und Gymnasium gewissermaßen konzentrieren, werden Lehrer würden nicht auf eine Leistungsheterogenität vorbereitet und leistungsschwächere Schüler können immer in die „niederen“ Bildungswege „abgeschoben“ werden. Dies ist ein großes Problem, da sich so leistungsschwächere und leistungsstärkere Schüler/innen und Schüler zumeist kaum austauschen und gegenseitig anregen können, was sich leistungsmindernd aus wirkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Herausforderungen von Kindern mit Migrationshintergrund im selektiven deutschen Bildungssystem und stellt die Forschungsfrage nach den Ursachen für Benachteiligung.
2 Bildungsbeteiligung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen: Dieses Kapitel analysiert empirische Daten zur Bildungsbenachteiligung und diskutiert außerschulische sowie innerschulische Ursachen für den geringen Schulerfolg.
3 Integration durch Sprache?: Der Abschnitt kritisiert die Reduzierung der Integrationsproblematik auf rein sprachliche Defizite und plädiert für die Förderung von Mehrsprachigkeit sowie eine reflexive Schulpädagogik.
4 Schweden als Vorreiterland für integrative Schulsysteme?: Das Kapitel stellt das schwedische Bildungssystem als Vergleichsmodell vor, das durch frühe integrative Ansätze und eine geringere Selektion überzeugt.
Schlüsselwörter
Bildungsungleichheit, Migrationshintergrund, deutsche Schulen, Integration, Sprache, Mehrsprachigkeit, Selektion, Bildungsbeteiligung, Schulerfolg, Interkulturelle Pädagogik, Bildungssystem, Schweden, Chancengleichheit, institutionelle Diskriminierung, Auernheimer.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ursachen für Bildungsungleichheit bei Kindern mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen und hinterfragt, inwieweit das Bildungssystem selbst zur Benachteiligung beiträgt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Bildungsbeteiligung, die Auswirkungen des selektiven Schulsystems, der Zusammenhang zwischen Sprache und Integration sowie die Bedeutung interkultureller Pädagogik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu klären, ob fehlende Sprachkompetenzen allein für die fehlerhafte Integration verantwortlich sind oder ob strukturelle Hürden des deutschen Systems eine größere Rolle spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Aufarbeitung bestehender Literatur, empirischer Daten von Studien wie PISA sowie einen komparativen Blick auf das schwedische Schulsystem.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Ursachen für Benachteiligungen (außer- und innerschulisch), die Rolle der Mehrsprachigkeit und die Kritik an der Selektivität des deutschen Bildungswesens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bildungsungleichheit, Migrationshintergrund, institutionelle Diskriminierung und integrative Schulsysteme.
Welche Rolle spielt die „frühe Laufbahnentscheidung“ im deutschen System?
Sie wird als kritisches Problem identifiziert, da Kinder bereits nach der vierten Klasse auf Bildungswege sortiert werden, was Kindern aus benachteiligten Milieus kaum Chancen lässt, Rückstände aufzuholen.
Was macht das schwedische System laut der Autorin anders?
Schweden verzichtet weitgehend auf eine frühe Selektion nach Leistung und integriert Mehrsprachigkeitskonzepte bereits in der Vorschule, um Kinder ganzheitlich zu fördern.
- Citation du texte
- Tabea Rissler (Auteur), 2010, Bildungsungleichheit für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165857