Beziehungsgestaltung als zentrale Kompetenz in der Arbeit mit Gewaltstraftätern (18-25j.)


Essay, 2010

15 Seiten


Leseprobe

Beziehungsgestaltung als zentrale Kompetenz in der Arbeit mit Gewaltstraftätern (18-25j.)

1 Wie kommt die Gewalt in die Köpfe: Einleitung

Was in der männlichen Sozialisation zu beobachten ist – ich werde gleich bei der Diskussion von Süfkes Arbeit darauf zurück kommen – ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen:

Zwar ist der mächtige, gerade der mächtig-archaische Mann ein Thema, die schwierigen, problematischen, „fraulichen“ Gefühle von Männern aber bleiben meist undiskutiert – darüber „spricht man nicht“[1]. Der Mann soll ein Mann und Übermann oder ein „Anderemänner“[2] sein, er wird in unterschiedliche Richtungen gezogen[3], selten zu sich selbst hin. Das Ergebnis sind Männer, die mit sich selbst nicht klar kommen – teilweise so schlecht, dass sie gewalttätig werden.

Bei der Diskussion um männliche Gewalt wird dies oft vergessen. Es wird oft vergessen, dass männliche Gewalt immer in einem Kontext, in einem soziohistorischen Raum stattfindet, der diese Gewalt erst ermöglicht oder sogar erwünscht[4]. Es ist hier auch bei der Begrifflichkeit aufzupassen: „Männlichkeit“ realisiert sich eben nicht im Singular, selbst im einzelnen Mann nicht, der verschiedene Muster an Männlichkeit in sich trägt[5] – das eröffnet Chancen. Dabei ist – darauf weist Kassis ausdrücklich hin – die Angst vor Unmännlichkeit ein viel größerer Risikofaktor für Gewalt als vielleicht etwas holzschnittartig ausgeführte Männlichkeitsbilder[6].

Bevor ich die Diskussion verschiedener Theorien beginne, sollte immer wieder klar sein, dass nicht nur der Mann ein Mängelwesen ist, sondern auch Frauen unter gewissen sozialisatorischen Einschränkungen zu leiden haben[7]. Sozialisation gilt dabei als wichtiger Kontrapunkt zu unseren ererbten physiologischen, aber auch psychologischen, gerade neuropsychologischen Anlagen. Wenn wir uns selbst nicht ganz so hilflos ausgeliefert sind, können wir uns – vielleicht – weiterentwickeln, dann können wir das Leiden vielleicht beenden oder zumindest verkürzen, dann sind neue Qualitäten machbar[8]. Dann ist sogar Erziehung etwas, das tatsächlich Sinn macht[9]. Ein ganz und gar optimistisches Menschenbild? Nein. Denn wo viel machbar ist, ist auch viel verkehrt zu machen:

1.1 Die männliche Sozialisation anhand der Gefühlswahrnehmung

Wichtig bei der Frage nach männlicher Sozialisation ist der Begriff des Gendering, d.h. „jene Prozesse, durch die unterschiedliche Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit sozial konstruiert werden.“ (Süfke, 2008: 34)

Diese Konstruktionen beziehen sich bei Jungen etwa auf[10] Fragen der Arbeitsteilung und des Arbeitsstils – wie teilen sich die Eltern die Arbeiten auf, was scheint „Frauensache“, was „Männersache“ zu sein, und, wo es erfahrbar ist: Wie sprechen beide von ihrer Arbeit? Wie sprechen sie ggf. zu Mitarbeitern bzw. Chefs? Was ist ihnen wichtiger – Beziehung oder Hierarchie? Wie interagieren Männer und Frauen? Darf der Lehrer monologisieren, und keiner sagt was? Als er einmal weint, spricht dagegen noch Tage später die ganze Schule davon. Die selbstbewusste Gemüsefrau gilt als der Schrecken des Marktes, aber die zarte und immer liebevoll-freundliche Blumenfrau dagegen als „Engel“.

Da viele Jungen in einem ausgesprochen männerarmen Umfeld aufwachsen, erlernen sie den Umgang mit Gefühlen eher durch eine „Identitätslüge“[11], „ex negativo“, indem sie versuchen, NICHT so zu werden wie ihre Mütter und Lehrerinnen, da sie doch in ein anderen Leben hingehören[12]. Und sie „erlernen“ Männerbilder medial. Doch sind die Helden oder Antihelden aus Werbung und Filmen nicht gerade eine gute Sozialisationshilfe, u.a. weil ein ganz wichtiger Punkt einer adäquaten Gefühlswahrnehmung die Spiegelung ist – das Gegenüber, das uns unsere eigenen Gefühle zeigt und zu deuten lernt[13]. Dazu sind mediale Männerbilder schlicht nicht realisierbar[14].

Wir Fachleute mögen da ja noch dahinter schauen – es ist evident, dass viele Verhaltensstile und Stile der Gefühlswahrnehmung sozialisiert sind. Kindern erscheinen sie als naturgegeben, als unveränderbare Realität[15], deren Abweichungen mehr oder minder streng sanktioniert werden[16]. Geschlechterrollenstereotypien werden von Jungen desto ernster genommen und wirken desto dysfunktionaler, umso kontrollierender und inkonsistenter der Erziehungsstil ist[17]. Wenn diese Stereotypien bewusst werden, verlieren sie einen Großteil ihrer Macht[18].

Süfke konstatiert, dass Männern in Kindheit und Jugend systematisch der Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen abtrainiert wurde[19]. Dadurch entwickeln Jungen nur einen mangelhaften Bezug zu ihrer eigenen Innenwelt. Erschwerend kommt hinzu, dass viele relevanten männlichen Bezugspersonen von Jungen ebenfalls gefühlsmäßig nicht anwesend sind, dies behindert die Emanzipation des Sohnes von seinen „Spiegeln“, behindert, dass er ein autonomes Gefühlsleben aufbaut[20]: „Es ist leichter, sich an personifizierte Eigenschaften zu orientieren als an idealen abstrakten Eigenschaften.“ (Oelemann, Lempert: 2001: 84)

Unterstützt wird dieser erschwerte Zugang dadurch, dass viele angenehmen Gefühle sichtbar sind, „es braucht keinen Wegweiser und keinen Reiseführer, um sie zu finden und mit ihnen zurechtzukommen.“ (Süfke, 2008: 18) Die unangenehmen Gefühle aber werden schneller verdrängt und brauchen oft spezielle Unterstützung oder ein spezielles Setting, um wahrgenommen zu werden[21]. Diese Schwierigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, muss nicht als Schwäche eines Einzelnen einzeln problematisiert werden. Es ist ein gesellschaftliches Problem, was Süfke als Grundproblem „der“ männlichen Identität an sich charakterisiert[22].

Gefühle wahrzunehmen setzt den Wahrnehmenden dabei oft in einen Zwiespalt: Einerseits will man von Gefühlen nicht überschwemmt werden, dadurch nicht hilflos und handlungsunfähig werden, andererseits soll und will man sie ja auch wahrnehmen[23]. Dies wird umso wichtiger, als der Kontakt zu seinen inneren Impulsen, seiner inneren Dynamik als wichtiger Faktor der psychischen Gesundheit gilt[24].

Studien weisen darauf hin, dass Gefühle schon kleiner Jungen nicht in dem Maße authentisch gespiegelt werden wie das bei Mädchen der Fall ist. So scheinen Mütter dazu zu neigen, negative Gefühle gewissermaßen „gefälscht“ zurückzuspiegeln – eine Weingrimasse als Lachgrimasse, ein Schrei nach Nähe als „der ist bloß überreizt“ oder „dem ist nur ein bisschen langweilig“ etc. Kleine Kinder, die so dringend auf den Spiegel ihrer Bezugspersonen angewiesen sind, erlernen so schon früh, ihre eigenen Gefühle zu missdeuten[25], zu rationalisieren und zu externalisieren[26]: „Der emotionalen Lebendigkeit und Bedürftigkeit steht eine geradezu professionelle Gefühlsabwehr gegenüber.“ (Süfke, 2008: 48) Selbstbehauptung vor Beziehungserhaltung – dieses Muster trainieren schon kleine Jungen ein, auch wenn die Selbstbehauptung von mangelnden Strategien der Beziehungserhaltung teilweise unterminiert werden[27].

Wer jedoch seine eigenen Gefühle nicht wahrzunehmen vermag, vermag auch nicht eigene Bedürfnisse wahrzunehmen – entlang der vier psychologischen Grundbedürfnisse Bindung, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Lustgewinn[28].

Ich schildere hier die Rolle der Sozialisation der männlichen Gefühlswahrnehmung als weitgehend dysfunktional, doch dem muss nicht so sein – rationale Strategien können „an der richtigen Stelle“ Männern auch helfen, einen Zugang zu den eigenen Gefühlen (auch längerfristig) zu erhalten[29]. Männer sollen und können als Männer glücklich werden, ihr Leben muss nicht zur Dauerkrise mutieren.

1.2 Beziehung als Zentrales Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung

Die gestörte Beziehung zu sich selbst, ein mangelnder Zugang zu den eigenen Tiefenschichten gilt als einer der wichtigsten Prädiktoren für spätere Gewalthandlungen[30]. Die Beziehungen (oder fehlenden Beziehungen) stehen nicht nur zu Beginn des Lebens, sondern später immer wieder an zentralen Punkten der Persönlichkeitsentwicklung. Wir alle haben ein Bedürfnis nach Beziehungen und danach, in Beziehung zu stehen[31].

Diese Beziehungen werden auch deshalb wichtig, weil Männer für Kinder oft eher als Funktionsträger denn als Beziehungswesen sichtbar werden[32]. Eine der möglichen Beziehungen ist das Therapeut-Patient-Verhältnis. Immer wieder wird darüber nachgedacht, welche Qualitäten dieses haben sollte und wie ggf. günstige Qualitäten und Situationsfaktoren zu replizieren und curricular zu fördern seien. Rogers meint hier sehr entschieden, dass es weder die guten Institute, der gute Ausbilder, sondern vor allem die beziehungsschaffenden Qualitäten des Therapeuten sind[33]. Die zwischenmenschliche Beziehung gibt den Ausschlag, nicht die Methode. Der Therapeut muss sich als Mensch ins Spiel bringen und halten - [34] hier liegt das wesentliche Erfolgskriterium für eine Therapie oder Beratung verborgen – dies legen auch empirische Befunde nahe[35].

Grundsätzlich sehen viele Experten eine emphatische Beziehung als zentrales, auch therapeutisches Mittel der Persönlichkeitsentwicklung. Es gelingt den Therapeuten mittels dieser Einfühlung, die persönliche, innere Welt des Klienten auch an den Stellen zu erspüren, an denen der Patient möglicherweise noch blind ist oder denen er sich noch nicht zu stellen wagt[36]. Diese Empathie ist nicht „einfach so da“, auch Therapeuten müssen sich diese immer wieder hart erarbeiten. Auch sie scheuen oft vor einem annehmenden Verstehen zurück, weil dies eben auch ihre Welt verändern kann, und diese Veränderungen Angst machen können[37]. Dabei zeigt sich, dass die therapeutische Beziehung nicht für sich steht, sondern ein Ausschnitt aus einer Beziehungskette mit vielen Gliedern ist.

Wozu Empathie? Zentrales Ziel ist die „Entwicklung gefühlsorientierter Lebensbewältigungsstrategien“ (Süfke, 2008: 147). Dazu brauchen wir andere.

Auch die Gefühle des Therapeuten sind erlaubt. Wenn er in Beziehung treten will bzw. Beziehungsangebote machen will, darf er nicht nur – er muss zu seinen Gefühlen kongruent sein. Er begibt sich damit in eine „unmittelbare persönliche Begegnung mit seinem Klienten“ (Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 98). Kongruenz stellt damit nach Rogers eine wesentliche Bedingung für eine fruchtbare Therapeut-Patient-Begegnung dar.

[...]


[1] Vgl. Süfke, 2008: 11, 45, 116, 117

[2] Vgl. Süfke, 2008: 64

[3] Vgl. Süfke, 2008: 62

[4] Vgl. Kassis, 2003: 69

[5] Vgl. Kassis, 2003: 144

[6] Vgl. Kassis, 2003: 164

[7] Vgl. Süfke, 2008: 14

[8] Vgl. Süfke, 2008: 31

[9] Vgl. Süfke, 2008: 31

[10] Vgl. Süfke, 2008: 34

[11] Vgl. Süfke, 2008: 73

[12] Vgl. Oelemann, Lempert: 2001: 90, Süfke, 2008: 38ff

[13] eine prägnante Schilderung, wie Gefühle gut gespiegelt werden, findet sich bei Gandhi in Rosenberg, 2007: 9

[14] Vgl. Oelemann, Lempert: 2001: 83

[15] Vgl. Süfke, 2008: 35

[16] Vgl. Süfke, 2008: 35

[17] Vgl. Kassis, 2003: 223

[18] Vgl. Süfke, 2008: 73

[19] Vgl. Süfke, 2008: 13

[20] Vgl. Süfke, 2008: 41ff

[21] Vgl. Süfke, 2008: 18

[22] Vgl. Süfke, 2008: 22, 54

[23] Vgl. Süfke, 2008: 54

[24] Vgl. Süfke, 2008: 26

[25] Vgl. Süfke, 2008: 36ff

[26] Vgl. Süfke, 2008: 46

[27] Vgl. Süfke, 2008: 125

[28] Vgl. Süfke, 2008: 23

[29] Vgl. Süfke, 2008: 126

[30] Vgl. Kassis, 2003: 229

[31] Vgl. Süfke, der sich hier auf Rogers beruft, 2008: 55

[32] Vgl. Oelemann, Lempert: 2001: 75

[33] Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 97, 107

[34] Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 119, Schulz von Thun, 1994: 256ff

[35] Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 97

[36] Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 100

[37] Vgl. Rogers in Stevens, Rogers: 2005: 101

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Details

Titel
Beziehungsgestaltung als zentrale Kompetenz in der Arbeit mit Gewaltstraftätern (18-25j.)
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V165937
ISBN (eBook)
9783640817627
ISBN (Buch)
9783640821136
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Männliche Gewalttäter, Gender, Gewalt, Beziehungsgestaltung, Kompetenz, gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg, Entstehung von Gewalt
Arbeit zitieren
Dr. phil. Kathrin Kiss-Elder (Autor), 2010, Beziehungsgestaltung als zentrale Kompetenz in der Arbeit mit Gewaltstraftätern (18-25j.), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165937

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