Ein mysteriöser Mord am Walensee. Ein Symbol, das keiner kennt. Eine Organisation, die im Schatten regiert. Als Jonas Keller einem rätselhaften Todesfall nachgeht, stößt er auf ein Netz aus Macht, Manipulation und psychologischer Kontrolle. Clara, eine Malerin, malt, was andere nicht sehen wollen. David, Journalist, erkennt Verbindungen zu einer Therapiegruppe, die ihn einst an den Rand brachte.
Zwischen Nebel, Symbolen und Stimmen, die nur wenige hören, stößt Jonas Keller auf eine Wahrheit, die gefährlicher ist als jede Lüge: Kontrolle beginnt dort, wo das Denken endet. Die Wahrheit ist kein Licht – sie ist ein Abgrund. Und wer zu lange hineinblickt, wird Teil davon.
Die Stunden der Schatten – ein Thriller über Kontrolle, Erinnerung und die stille Macht des Unsichtbaren.
Auszüge aus dem Buch
Schatten über dem Walensee
Der Nebel lag schwer über dem Wasser, als das kleine Motorboot langsam auf das Dorf Quinten zusteuerte. Der Dunst erstickte jedes Geräusch des Motors, und die Uferlinie war kaum zu erkennen. Jonas Keller stand am Bug, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, die Augen auf das Grau gerichtet, das sich wie ein Vorhang über die Landschaft gelegt hatte.
Er mochte solche Orte. Abgeschieden, still, fast vergessen von der Welt. Orte, an denen die Vergangenheit nicht nur in Erinnerungen lebte, sondern in jedem Stein, jedem Baum, jedem Blick der Menschen. Orte, an denen sich die Wahrheit nicht versteckte – sondern wartete.
Am Steg stand Kommissarin Nadine Lüthi. Sie hob die Hand, kaum sichtbar, als Jonas ausstieg. Ihre Miene war ernst, die Stirn leicht gerunzelt.
„Danke, dass du gekommen bist“, sagte sie knapp.
Sie gingen schweigend die schmale Gasse entlang, vorbei an alten Steinhäusern mit verwitterten Fensterläden. Der Nebel schlich durch die Mauern wie ein lebendiges Wesen.
„Der Tote wurde heute früh gefunden“, begann Lüthi. „Ein Fischer hat ihn am Ufer entdeckt. Keine Ausweispapiere, aber wir haben ihn identifiziert: Lukas Ammann. Vierundvierzig. Lebte in Zürich, war aber seit zwei Wochen hier.“ „Urlaub?“ „Oder etwas anderes.“
Sie blieben vor einem kleinen Bootshaus stehen. Dahinter, am Kiesufer, lag der Körper. Mit einer Plane bedeckt – nur das Gesicht war sichtbar. Blass, die Augen geschlossen, der Ausdruck seltsam friedlich.
Jonas kniete sich neben den Leichnam. Vorsichtig hob er die Plane an und betrachtete den Oberarm. Dort war ein Symbol eingeritzt: ein Kreis, durchzogen von drei Linien, die sich exakt in der Mitte kreuzten.
„Das ist kein Zufall“, murmelte er. „Das Zeichen – es ist zu präzise. Kein Kratzer, keine Wunde. Es wurde mit Absicht gemacht.“ Lüthi nickte. „Wir dachten zuerst an Selbstmord. Aber es gibt keine Abschiedsnotiz, keine Hinweise. Und dann das hier.“
Sie reichte ihm einen kleinen Zettel in einer Plastikhülle. Jonas las die Worte: „Siehst du es auch?“
Er sah Lüthi an. „Wer hat das gefunden?“
Jonas stand auf und blickte auf den See. Der Nebel hatte sich etwas gelichtet, und am gegenüberliegenden Ufer war für einen Moment eine dunkle Gestalt zu erkennen. Regungslos. Beobachtend.
Er blinzelte – die Gestalt war verschwunden.
Noch immer stand er am Ufer, den Blick auf das Wasser gerichtet, als Lüthi sich räusperte. „Es gibt jemanden, den du dir ansehen solltest: Clara Meier. Sie lebt oben im alten Kloster in Wesen. Ein Dominikanerinnenkloster – ein Ort der Stille. Clara ist Künstlerin, sie restauriert Gemälde. War mit Lukas Ammann liiert – zumindest eine Zeit lang. Jetzt spricht sie kaum noch. Die Leute sagen, sie sei … eigen.“ Jonas nickte. „Eigen ist oft ein anderes Wort für verletzt.“ „Oder für gefährlich“, ergänzte Lüthi.
Sie machten sich auf den Weg. Der Pfad zum Kloster war schmal, gesäumt von feuchtem Laub und moosbewachsenen Steinen. Der Nebel lichtete sich kaum, und das Gebäude tauchte aus dem Grau auf wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.
Im Inneren war es still. Jonas folgte dem Klang eines Pinselstrichs – und fand Clara Meier.
Sie stand vor einem Gemälde, das eine Kreuzigung zeigte. Ihre Hände waren ruhig, ihr Blick konzentriert. Doch als sie Jonas bemerkte, veränderte sich etwas in ihrer Haltung. Keine Angst – eher ein inneres Zusammenziehen, wie ein Tier, das gelernt hat, sich zu verteidigen.
„Sie sind wegen Lukas hier“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Jonas trat näher. „Kannten Sie ihn?“ „Gut genug, um zu wissen, dass er sich selbst nicht kannte.“
Sie legte den Pinsel ab und drehte sich zu ihm. Ihre Augen waren groß, klar – aber da war etwas darin, das Jonas irritierte. Keine Trauer. Keine Wut. Etwas anderes. Etwas, das sich nicht benennen ließ.
„Er hat Dinge gesehen, die nicht da waren“, sagte sie. „Oder vielleicht waren sie doch da. Ich weiß es nicht mehr.“ „Und Sie? Sehen Sie auch Dinge?“ Clara lächelte. Es war kein freundliches Lächeln. „Ich sehe, was andere nicht sehen wollen.“
Jonas spürte, wie sich die Luft zwischen ihnen verdichtete. Clara war verletzlich – das war offensichtlich. Aber sie war nicht harmlos. Da war eine Schärfe in ihr, eine Tiefe, die gefährlich werden konnte, wenn man zu tief eintauchte.
„Wir können uns duzen – das macht das Gespräch einfacher“, sagte Jonas. „Ja“, erwiderte sie leise. „Wenn du etwas weißt, Clara, solltest du es sagen.“ „Und wenn ich es nicht weiß? Wenn ich es nur fühle?“ „Dann sag mir, was du fühlst.“
Sie trat ans Fenster. Der See lag still unter dem Nebel. „Ich fühle, dass etwas kommt. Etwas, das schon da war. Und dass ich nicht weiß, ob ich es aufhalten kann.“
Jonas schwieg. Er wusste, dass das Gespräch vorbei war – fürs Erste.
[...]
Die Signatur des Schmerzes
Die Nachricht kam um 4:17 Uhr: „Zürcher Journalist tot aufgefunden – Polizei rätselt über rätselhafte Kunstinstallation.“ Jonas starrte auf die Schlagzeile. Das Bild war unscharf, aber er erkannte die Farben. Die Linien. Die Wut – Clara.
Er fuhr los. Die Straßen waren leer, die Stadt still. Das Hotel lag am Rand von Zürich – ein Ort für Geschäftsreisende und diskrete Affären. Die Polizei war noch vor Ort, doch Jonas kannte die richtigen Namen. Man ließ ihn durch.
Das Zimmer war kalt. Der Körper abtransportiert. Doch das Bild hing noch: ein Mann – halb im Schatten, halb im Licht. Sein Gesicht verzerrt, als würde er gleichzeitig schreien und lächeln. Vor ihm: ein Mikrofon und ein Messer.
Jonas trat näher. Keine Signatur. Nur ein Symbol in der Ecke: ein Kreis, geöffnet wie ein Auge. Etwas in ihm zog sich zusammen. Nicht Angst. Etwas Tieferes. Eine Ahnung. Matthias war zurück.
Claras Atelier war leer. Kein Licht. Kein Pinsel. Kein Papier. Die Fenster standen offen, der Wind spielte mit einem losen Blatt auf dem Boden. Jonas durchsuchte alles. In einer Schublade fand er eine Mappe – chaotisch, überfüllt, verstörend. Skizzen. Fragmente. Gesichter, die sich auflösten. Und immer wieder: das Symbol. Doch diesmal war es aggressiver. Offener. Als würde es schreien. In einer Ecke, fast übermalt, stand: „Er spricht durch mich. Ich sehe, was kommt.“
Jonas setzte sich. Die Bilder flimmerten vor seinen Augen. Er erkannte Orte, die er besucht hatte. Menschen, die er kannte. Und dann – ein Bild, das ihn selbst zeigte. Am Rand eines Abgrunds. Die Farben: Schwarz. Rot. Weiß.
Clara war nicht mehr nur Opfer. Sie war Kanal. Werkzeug. Vielleicht sogar Prophetin.
Zwei Tage später: ein zweiter Mord. Eine Psychologin – bekannt für ihre Kritik an medialer Manipulation. Tot in ihrer Praxis. Keine Spuren. Keine Zeugen. Aber wieder ein Bild. Diesmal: ein Auge, das sich selbst ansieht. Darunter, in blutroter Schrift: „Wer die Wahrheit leugnet, verdient den Tod.“
Jonas wusste: Matthias tötete nicht nur. Er inszenierte. Jeder Mord war eine Episode. Eine Inszenierung. Eine neue Folge seiner Show – ohne Kamera, aber mit Publikum. Die Bühne war die Welt. Die Zuschauer: alle, die noch glaubten, Wahrheit sei harmlos.
Er fand Clara in einem verlassenen Theater in Bern. Die Bühne war leer, aber die Wände atmeten. Sie malte. Schnell. Manisch. Ihre Hände zitterten, ihre Augen waren leer.
„Clara“, sagte Jonas leise, „du musst aufhören.“ „Ich kann nicht“, flüsterte sie, „er ist in mir.“ „Matthias?“ fragte Jonas. „Er zeigt mir Dinge. Dinge, die passieren werden. Ich male sie, damit sie nicht geschehen. Aber sie geschehen trotzdem“, sagte Clara. „Du bist nicht verantwortlich“, sagte Jonas. „Doch. Ich bin seine Stimme. Seine Farbe. Sein Medium“, erwiderte Clara. Jonas trat näher. „Dann lass mich dich retten.“ „Du kannst mich nicht retten. Du kannst ihn nur stoppen“, sagte Clara. „Wie?“ fragte Jonas. Clara sah ihn an. Zum ersten Mal wirklich. Ihre Augen waren klar. Und voller Angst und sagte: „Du musst ihn sichtbar machen. Du musst ihn zwingen, sich selbst zu zeigen. Und dann – musst du ihn zum Schweigen bringen.“
Später, allein, erzählte Clara ihm von der ersten Begegnung. Nicht in Worten. In Bildern. In Erinnerungen.
Ein Interview. Ein Studio. Matthias war charmant. Präzise. Gefährlich. Er sprach nicht mit ihr – er sprach durch sie hindurch. Als würde er wissen, was hinter ihren Worten lag.
„Du malst, um zu entkommen“, hatte er gesagt. „Ich male, um zu erinnern“, entgegnete Clara. „Nein. Du malst, um zu kontrollieren“, erwiderte Matthias. Sie hatte geschwiegen. Aber etwas in ihr hatte genickt.
Nach dem Interview hatte er ihr geschrieben. Keine Fragen. Nur Sätze: Du bist nicht allein. Ich sehe, was du siehst. Ich kann dir zeigen, was kommt.
Sie hatte nicht geantwortet. Aber sie hatte angefangen, anders zu malen. Die Farben wurden dunkler. Die Formen verzerrter. Die Gesichter – leer.
Und dann kam das erste Bild, das sie nicht verstand. Es entstand selbst. Von ihrer Hand. Gedankeneindrücke.
Matthias tauchte wieder auf. Nicht körperlich. In Gedanken. In Träumen. In Stimmen.
Er sprach mit ihr, wenn sie allein war. Er kommentierte ihre Skizzen. Er korrigierte ihre Linien: „Nicht so. Du weißt, wie es wirklich aussieht.“
Sie begann, ihm zu glauben.
Die zweite reale Begegnung war anders. Ein leerer Raum. Ein Stuhl. Ein Licht. Matthias trat ein, setzte sich, sah sie nicht an.
„Du bist bereit“, sagte er. „Wofür?“ fragte Clara. „Für die Wahrheit“, sagte Matthias. „Welche Wahrheit?“ fragte Clara. „Die, die tötet“, antwortete Matthias.
Sie wollte gehen. Aber ihre Beine bewegten sich nicht.
Matthias sagte: „Du wirst malen, was ich dir zeige. Und du wirst verstehen.“ „Was, wenn ich nicht will?“ fragte Clara. «Dann wirst du vergessen“, sagte Matthias.
Clara begann zu malen. Jeden Tag. Jede Nacht. Die Bilder kamen wie Wellen. Sie konnte sie nicht stoppen. Sie wusste nicht, woher sie kamen. Aber sie wusste, dass sie stimmten.
Dann kam der erste Mord. Sie sah es in den Nachrichten. Das Bild war ihres. Aber sie hatte es nie veröffentlicht. Matthias hatte es genommen – oder sie hatte es ihm gegeben. Sie wusste es nicht mehr.
Sie versuchte, aufzuhören. Sie verbrannte ihre Skizzen. Sie schloss ihr Atelier. Sie floh.
Aber die Bilder kamen trotzdem. In Gedanken. In Träumen. In Blut.
Matthias sprach weiter: „Du bist mein Medium. Du bist meine Bühne. Du bist meine Wahrheit.“
Sie begann zu zweifeln. An sich. An ihm. An der Welt.
Clara stand am Rand eines Abgrunds. Nicht draußen – in ihr. Sie wusste: Wenn sie noch ein Bild malte, würde jemand sterben. Aber sie wusste auch: Wenn sie nicht malte, würde sie selbst verschwinden.
Jonas las ihr Buch. Darin: Skizzen. Sätze. Warnungen. Und am Ende – ein letzter Satz:
„Wenn ich verschwinde, bin ich nicht fort. Ich bin nur dort, wo Wahrheit und Wahnsinn dieselbe Farbe tragen.“
Jonas wusste: Clara war nicht mehr zu retten. Aber vielleicht war sie noch zu erreichen.
Und Matthias? Er war nicht nur zurück. Er war überall.
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- F. Ludin (Author), 2025, Die Stunden der Schatten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1660969