Worin besteht der Anspruch von Erich Kästners Kinderromanen?

Eine pädagogische / erziehungswissenschaftliche Betrachtung mit Hilfe der Kinderromane "Emil und die Detektive" und "Pünktchen und Anton"


Hausarbeit, 2006
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1. Vorwort

2. Inhalte und Themen der Kinderromane
2.1. Die Großstadt Berlin
2.2. Die Kinderfiguren
2.2.1. Kinder als Helden / Vorbilder oder Antipathieträger
2.2.2. Die zwischenmenschlichen Beziehungen und die familiären Gegebenheiten

3. Ein Erziehungsverständnis und –ansatz im Zeichen von Rousseau
3.1. Ein kurzer Einblick in das Erziehungskonzept von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778)
3.2. Die Parallelen zwischen Kästner und Rousseau

4. Zusammenfassung und Schlussfolgerung

5. Quellen

1. Vorwort

Mit Hilfe dieser Arbeit möchte ich mich der Frage stellen, welcher pädagogische Anspruch den Kinderbüchern von Erich Kästner (1899-1974) zu entnehmen ist und welche Auffassung von Erziehung in diesen ersichtlich wird.

Hierbei werde ich mich auf zwei Kinderromane beziehen, die der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen sind.

Zum einen handelt es sich um „Emil und die Detektive“ (1929), indem die Hauptfigur Emil, während einer Zugfahrt nach Berlin von einem Mann bestohlen wird. Um seine Mutter nicht zu verärgern bzw. zu enttäuschen, beschließt er den Täter zu verfolgen. Aufgrund einiger Bekanntschaften mit anderen Jungen verläuft die Verfolgungsjagd durch die Großstadt schließlich erfolgreich und er erhält das Geld, welches für die Großmutter gedacht war, zurück und zusätzlich noch eine Belohnung.

Das andere Werk „Pünktchen und Anton“ (1930) thematisiert die Freundschaft zwischen einem aus armen Verhältnissen stammenden Jungen und einem Mädchen, dessen Familie vermögend ist. Pünktchen wird von ihrem Kindermädchen nachts heimlich mit zum Betteln genommen, denn die Kinderdame Fräulein Andacht und ihr Verlobter sind auf finanziellen Wohlstand aus und planen deshalb die Familie (Pogge) von Pünktchen zu bestehlen. Als Held fungiert hier Anton und dies aus zweierlei Hinsicht. Als ein Junge namens Gottfried Klepperbein Pünktchen bzw. ihre nächtlichen Aktivitäten auffliegen lassen will, verhindert Anton dies. Seine zweite Tat besteht darin, dass er das Komplott des Kindermädchens auflöst und die Haushälterin der Familie Pogge vor dem Dieb warnen kann.

Anhand der Figuren, deren Konstellationen und ihren Beziehungen miteinander, als auch durch die dargestellten Probleme / Thematiken möchte ich aufzeigen, dass Kästner mit seinen Büchern eine Lebenshilfe für die Kinder schaffen wollte und ihnen ihm wichtige (bürgerliche) Ideale näher bringen wollte.

Hierbei liegt der Schwerpunkt auf der intentionalen Betrachtung der Werke, wobei gezeigt werden soll, dass Kästner ein aufklärerisches Verständnis von Erziehung und Kindheit hatte und somit an erziehungswissenschaftliche Traditionen anknüpfte. Die dahinter steckende Aufwertung der Kinder und der Kindheitsphase begründet die Aktualität und die Beliebtheit der Kinderbücher.

2.1. Die Großstadt Berlin

Anhand der zwei Kinderbücher bietet sich die Möglichkeit an die Stadt Berlin zu analysieren bzw. kurz darzustellen, denn in beiden Werken wurde sie als Schauplatz gewählt.

In „Emil und Detektive“ wird ein umfassenderes Bild der Stadt geliefert, welches sich auf das Tages- und das Nachtgeschehen bezieht. Allerdings überwiegen die Beschreibungen des täglichen Geschehens, was darauf zurückzuführen ist, dass die Verfolgungsjagd von Emil und den anderen Jungen tagsüber durchgeführt wird.

Die erste Beschreibung der Stadt erfolgt auf der Grundlage eines Gesprächs zwischen Emil und einem Herrn, den er während seiner Fahrt nach Berlin im Zug kennen lernt und der sich als Herr Grundeis vorstellt. Allerdings führt er Emil durch seine Äußerungen an der Nase herum. Nur die Aussage

„In Berlin gibt es neuerdings Häuser, die sind hundert Stockwerke hoch und die Dächer hat man am Himmel festbinden müssen, damit sie nicht fortwehen …“

kann man in einem gewissen Grad ernst nehmen, denn aus dieser wird ersichtlich, welche Größe Berlin aufweist und welcher Entwicklungsgrad dort vorherrscht.[1]

Gleichzeitig scheint diese Beschreibung Emil unbewusst zu beschäftigen und ihm Angst einzujagen, denn während er später, während der Zugfahrt einschläft, träumt er von einer Verfolgungsjagd durch einen von Pferden gezogenen Zug, der ihn sogar bis auf den 200. Stock eines Hauses verfolgt.[2]

Im sechsten Kapitel des Buches erfolgt die erste nennenswerte „Begegnung“ zwischen Emil und der Stadt. In diesem Abschnitt hat er bereits die Verfolgung des vermeidlichen Diebes seines Geldes aufgenommen und ist ihm bis in eine Straßenbahn der Linie 177 gefolgt. Während der Fahrt überfluten ihn scheinbar die Eindrücke der Stadt und es lässt sich die Vermutung anstellen, dass er von der Stadt eingeschüchtert ist. Hierfür lassen sich drei geeignete Textstellen ausfindig machen:

„Diese Autos! Sie drängten sich hastig an der Straßenbahn vorbei; hupten, quiekten, streckten rote Zeiger links und rechts heraus, bogen um die Ecke; andere Autos schoben sich nach. So ein Krach! Und die vielen Menschen auf den Fußsteigen! Und von allen Seiten Straßenbahnen, Fuhrwerke, zweistöckige Autobusse! Zeitungsverkäufer an allen Ecken. Wunderbare Schaufenster mit Blumen, Früchten, Büchern, goldenen Uhren, Kleidern und seidener Wäsche. Und hohe, hohe Häuser. Das war also Berlin.“[3]

„Er sah sich die Leute an, die neben ihm standen. […] Ach, die Menschen hatten so ernste Gesichter!“[4]

„Die Stadt war so groß. Und Emil war so klein. Und kein Mensch wollte wissen, warum er kein Geld hatte und warum er nicht wusste, wo er aussteigen sollte. Vier Millionen Menschen lebten in Berlin, und keiner interessierte sich für Emil Tischbein.“[5]

Da Emil in einer Kleinstadt aufwächst und bisher wenig bzw. kaum Kontakt mit Hochbauten, Technik und der Hektik einer Großstadt und deren Menschen kennen gelernt hat, sind seine ersten Eindrücke umfangreich und nicht unbedingt positiv. Es entsteht der Eindruck, dass er sich fremd und einsam fühlt. Zu dieser Erkenntnis kommt auch Susanne Haywood in ihrem Untersuchungspunkt „Moderne und Märchen. Die fiktionale Wirklichkeitsdimension in Kästners Kinderromanen“. Hier schreibt sie, dass sich Emil bedroht und isoliert fühlt.[6] Gleichzeitig schreibt sie diese Gemütsregung und die Gegenüberstellung der Handlungsorte Berlin und Neustedt, Emils (vertraute) Heimat, der Gegenüberstellung von Moderne und Tradition zu, so dass man Kästner als einen Vertreter der Übergangszeit schildern kann, der diese auch verarbeitet und schildert.[7]

Dennoch ist die Stadt nicht unbedingt als negativ zu bewerten, denn Emil beweist schließlich Mut und stellt sich den Herausforderungen. Schließlich kann man die sich entwickelnden Freundschaften mit der Jugendbande als eine positive Gegebenheit in Berlin sehen, denn durch die Hilfsbereitschaft und die „Wärme“ der Berliner Kinder entwickelt sich die Stadt von einem Angstfaktor zu einem Abenteuer, welches die Kinder und Emil meistern. Das von Kästner geschaffene Berlin wirkt fortan nicht mehr bedrohlich, was selbst während der Nacht anhält.

„Es war schon dunkel geworden. Überall flammten Lichtreklamen auf. Die Hochbahn donnerte vorüber. Die Untergrundbahn dröhnte. Straßenbahnen und Autobusse, Autos und Fahrräder vollführten ein tolles Konzert. Im Café Woerz wurde Tanzmusik gespielt. Die Kinos, die am Nollendorfplatz liegen, begannen mit der letzten Vorstellung. Und viele Menschen drängten hinein.“[8]

[...]


[1] Kästner, Erich: Emil und die Detektive. Ein Roman für Kinder von Erich Kästner. Zürich 1935. S. 44.

[2] Vgl. hierzu: Kästner 1935. S. 54f.

[3] Kästner 1935. S. 67.

[4] Kästner 1935. S. 68.

[5] Kästner 1935. S. 71.

[6] Vgl. hierzu: Haywood, Susanne: Kinderliteratur und Zeitdokument. Alltagsnormalität der Weimarer Republik in Erich Kästners Kinderromanen. Frankfurt am Main; Berlin; Bern; New York, Paris, Wien, Lang 1998. S. 114f.

[7] Vgl. hierzu: Haywood 1998. S. 119ff.

[8] Kästner 1935. S. 109.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Worin besteht der Anspruch von Erich Kästners Kinderromanen?
Untertitel
Eine pädagogische / erziehungswissenschaftliche Betrachtung mit Hilfe der Kinderromane "Emil und die Detektive" und "Pünktchen und Anton"
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V166176
ISBN (eBook)
9783640819003
ISBN (Buch)
9783640822317
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
worin, anspruch, erich, kästners, kinderromanen, eine, betrachtung, hilfe, kinderromane, emil, detektive, pünktchen, anton
Arbeit zitieren
Marlen Berg (Autor), 2006, Worin besteht der Anspruch von Erich Kästners Kinderromanen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166176

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