Zwischen Abstraktion und Realismus oder wie der EAN-Code in die Kunst kommt...

Malerei und Zeichnung von Milos Navratil


Essay, 2005
4 Seiten

Leseprobe

MONIKA SPILLER

Zwischen Abstraktion und Realismus

Malerei und Zeichnungen von Milos Navratil

Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol.

Wer unter die Oberfläche dringt,

tut es auf eigene Gefahr.

Wer das Symbol liebt,

tut es auf eigene Gefahr.

(Oscar Wilde)

Ist es nicht paradox, daß in einer trotz aller menschengemachten Umweltkatastrophen weitgehend ungebrochen technikgläubigen Gegenwart, in der virtuelle Welten nahezu gleichberechtigt neben der realen Welt stehen, die individuelle Kunstäußerung noch immer viele Menschen mehr oder weniger nachhaltig fasziniert? Vielleicht tut sie das gerade deshalb, weil sie eines der raren Refugien des ungezügelten, nicht bis ins Letzte berechenbaren, aus den Tiefen seines Wesens heraus schaffenden Menschen ist. Milos Navratils künstlerisches Tun entspringt einer solchen Quelle, will mir scheinen.

Der 1948 in Vyskov/Tschechien geborene Maler und Bildhauer lebt seit 1974 in Deutschland, studierte 1975-81 an der Hochschule der Künste in Berlin bei Ulrich Knispel und Gerhard Bergmann Malerei und bei Hans Nagel, Philip King und David Evison Bildhauerei; anschließend war er Meisterschüler bei Evison. Milos Navratil teilte über lange Jahre die Lebenswirklichkeit vieler Künstler der Gegenwart, die ihren Lebensunterhalt überwiegend mit berufsfremden Tätigkeiten sichern müssen und kam erst vor gut zehn Jahren zur Kunst zurück, genauer: nun vor allem zur Malerei. Abstrakte und gegenständliche Arbeiten entstehen parallel zueinander. Die Triebkraft zu Navratils künstlerischem Schaffen liegt, seinem eigenen Bekunden nach, in der Agape, die im Wortschatz und im Denken der Menschen des 21. Jahrhunderts sicher keinen zentralen Platz einnimmt, aber dennoch wirkt. Für ihn war es zwingend. Das ist die subjektive Seite seiner künstlerischen Arbeit, die sich den Maßstäben professioneller Kunstkritik in weiten Teilen entzieht, ja bewußt verweigert.

In der Wahl der künstlerischen Mittel beschränkt sich Navratil weitgehend auf Gouache, Farbstifte, er bevorzugt kleine Formate. Überblickt man die seither entstandenen Arbeiten, so stößt man zunächst auf die traditionellen Themen der Malerei: Landschaft, Stilleben, Porträt und Akt kommen ebenso vor wie religiöse Sujets. Existentielle Grundfragen – Leben und Tod, Mensch und Gott – werden nicht ausgespart, ja sie nehmen in Navratils Denken und damit auch in seinem künstlerischen Schaffen einen zentralen Platz ein. Das geschieht nicht vordergründig, sondern er hat in seinem Formenrepertoire dafür individuelle Zeichen und Symbole geschaffen, die sich dem Betrachter nicht auf einen ersten, flüchtigen Blick hin erschließen. Bei genauerem Hinschauen jedoch können sie schlüssig erscheinen, eine überzeugende Stringenz offenbaren.

Die Ausdrucksmittel der Malerei, deren Spielfeld die zweidimensionale Fläche ist, sind Linie, Form und Farbe. Eine Linie ist nicht einfach eine Linie; wie der Seismograph hochsensibel Bewegung aufzuzeichnen vermag, so kann sie Gefühle ausdrücken. Sie kann kraftvoll, entschieden, kühn, tänzerisch-bewegt, sicher und dabei spielerisch-leicht, aber auch behutsam tastend, gebrochen, ja verzagt sein. Formen können offen oder geschlossen, fest gefügt oder zögernd umrissen, von geometrischer Klarheit und Strenge, aber auch von nervöser, spannungsvoller Unregelmäßigkeit sein. In Milos Navratils Arbeiten begegnet man einfachen, klaren Konturen (Kreis, Quadrat), festen, raumkonstituierenden geometrischen Grundformen wie Kegel, Quader, Zylinder, die mit entschiedenen Linien in den Bildraum gesetzt werden; nie wird die Form amorph, das Zeichnerische triumphiert über das Malerische. Nicht zuletzt verrät auch das den Bildhauer, als der Milos Navratil ja seine künstlerische Laufbahn begann.

Seine Farbenskala offenbart eine starke Affinität zu Orange- und Gelbtönen, konstrastierend setzt er Rot und Grün, immer wieder auch Blau dazu. Das unterwirft seine Arbeiten einerseits der Wirkung der tradierten Farbensymbolik, schafft in den seriellen, abstrakten Zeichnungen auch eine gewisse Nähe zur konkreten Malerei – andererseits legt er auch Wert auf seine ganz individuelle Deutung. Für ihn ist das Rot Symbol für menschliches Leben in seiner Komplexität, das Schwarz steht für Tod, Verblendung, Haß, Gewalt, das Grün für vegetatives Leben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Zwischen Abstraktion und Realismus oder wie der EAN-Code in die Kunst kommt...
Untertitel
Malerei und Zeichnung von Milos Navratil
Autor
Jahr
2005
Seiten
4
Katalognummer
V166569
ISBN (eBook)
9783640829170
Dateigröße
365 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischen, abstraktion, realismus, ean-code, kunst, malerei, zeichnung, milos, navratil
Arbeit zitieren
Dipl.phil. Monika Spiller (Autor), 2005, Zwischen Abstraktion und Realismus oder wie der EAN-Code in die Kunst kommt..., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166569

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