Darstellung zweier Therapieansätze für stotternde Kinder


Hausarbeit, 2008

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 KIDS – Kinder dürfen Stottern
2.1 Therapieansatz
2.2 Indikation
2.3 Ziele
2.4 Therapiebereiche
2.4.1 Stottersymptomatik
2.4.2 Psychische Reaktionen
2.4.3 Risikofaktoren
2.4.4 Bezugspersonen
2.5 Therapieende und Nachsorge
2.6 Methoden und Techniken
2.7 Allgemeine Therapieprinzipien

3 Sprach- und Kommunikationstherapie mit unflüssig sprechenden (Vor-) Schulkindern
3.1 Therapieansatz
3.2 Indikation
3.3 Ziele
3.4 Therapiebausteine
3.4.1 Kontaktaufnahme und Beziehungsaufbau
3.4.2 Begriffe begreifen können
3.4.3 Weiches, leichtes und langsameres Sprechen
3.4.4 Ausdehnung und Automatisierung der flüssigen Sprechanteile
3.4.5 Konkrete und offene Auseinandersetzung mit Unflüssigkeiten und Stottern
3.4.6 Stimme, Atmung und Entspannung
3.4.7 Selbstaktualisierung und Kreativität
3.4.8 Einstellungen und Selbstkonzept
3.4.9 Frustrationstoleranz
3.4.10 Reduzierung der kommunikativen Verantwortung
3.4.11 Aufgreifen weiterer (Sprach-) Entwicklungsrückstände
3.4.12 Transfer
3.4.13 Nachsorge und Ende der Therapie

4 Abschließende Bemerkung

5 Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Im Folgenden werden zwei Therapiekonzepte für Kinder mit Sprechunflüssigkeiten bzw. Stottern vorgestellt.

Der direkte Therapieansatz KIDS[1] nach Sandrieser und Schneider ist für die Behandlung von stotternden Kindern im Alter zwischen zwei und sechs Jahren (und auch für ältere Kinder) geeignet. Das Ziel dieses Ansatzes ist die Remission[2] zu erhöhen. Sollte keine Remission erfolgen, sollen mindestens die Begleitsymptome vermindert bzw. vollständig abgebaut werden und ein lockeres, an-strengungsfreies Stottern möglich sein. Der Ansatz ist denen der Stottermodifikation zuzuordnen. Die kontinuierliche Einbeziehung der Eltern ist ein wesentlicher Bestandteil (Sandrieser, 2003, S. 14).

Das Therapiekonzept nach Hansen und Iven basiert auf einem systemisch-konstruktiven Menschenbild. Die Integration verschiedener Methoden[3] steht im Mittelpunkt des Konzeptes, welches aus verschiedenen Therapiebausteinen besteht. Diese sind entwicklungspsychologisch begründet und werden individuell für jedes Kind ausgewählt (Hansen/Iven, 2002, S. 1-2). Die Einbeziehung der Eltern ist hierbei ebenfalls entscheidend. Ziel dieses Ansatzes ist die „Entlastung des Kindes und seiner Kommunikationspartner durch die Reduktion unterbrechender Faktoren und das gezielte Angebot von Strukturen, in denen flüssiges Sprechen oder flüssigeres Stottern ermöglicht wird“ (Hansen/Iven, 2002, S. 68-69). Zudem sollen den Kindern im Spiel Erfahrungen mit flüssigerem Sprechen ermöglicht und dafür Sorge getragen werden, dass möglichst oft sprechflüssigkeitsfördernde Bedingungen herrschen (Hansen/Iven, 2002, S. 49).

Dieser Ansatz ist auf Grund des Konzeptes der Methodenintegration weder dem Prinzip des fluency-shaping noch dem non-avoidance (stutteringmanagement) Ansatz eindeutig zuzuordnen.

Auf andere Therapieansätze sowie die Behandlung des Stotterns bei Erwachsenen wird in dieser Arbeit nicht weiter eingegangen. Auch werden keine Diagnoseverfahren, Methoden oder weitere Hypothesen zur Ätiologie des Stotterns vorgestellt.

2 KIDS – Kinder dürfen Stottern

2.1 Therapieansatz

Der direkte Therapieansatz KIDS (Kinder dürfen stottern) hat seinen Ursprung in der Erwachsenen-Therapie (nach van Riper). Karl Dell entwickelte, basierend auf dem van Riper Konzept, eine Therapie für Schulkinder. Er begründete dies mit der Notwendigkeit, stotternde Kinder möglichst früh zu behandeln (Sandrieser/Schneider, 2003, S. 97).

Sandrieser und Schneider entwickelten diesen ersten Ansatz für die Therapie von stotternden Kindern und Jugendlichen weiter und modifizierten ihn. Es entstand der Therapieansatz KIDS. Dieser lässt sich noch einmal unterteilen in einen Ansatz für jüngere Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren (Mini-KIDS) und einen Ansatz für Schulkinder (Schul-KIDS).

‚Kinder dürfen stottern‘ ist eine der grundlegenden Ideen des KIDS-Ansatzes. Zudem sollen die Kinder durch die Therapie die Möglichkeit erhalten „selbstbewusst und in leichter, nicht angestrengter Art und Weise zu stottern“ (ebd.). Durch diesen Therapieansatz soll zudem „die Wahrscheinlichkeit einer Remission erhöht werden“ (ebd.).

KIDS ist ein direkter Therapieansatz, in dem das Stottern von Beginn an offen thematisiert wird.

Im Folgenden wird veranschaulicht, welche Therapiebereiche und Inhalte in diesem Ansatz berücksichtig werden und wie der Ablauf der Therapie aussieht. Auch wird ein kurzer Überblick über Methoden und Voraussetzungen für diese Therapie gegeben.

2.2 Indikation

Eine Therapie bzw. der Ansatz KIDS sollte angewendet werden, wenn ein Kind stottert[4]. Wenn ein Kind Unflüssigkeiten und zusätzlich motorische oder psychische Reaktionen zeigt, und/oder wenn das soziale Umfeld verunsichert ist und/oder weitere Risikofaktoren (z.B. eine Sprachentwicklungsstörung) zu beobachten sind, liegt eine Indikation zur Therapie vor.

Hierbei spielt es keine Rolle, wie lange die Symptome schon zu beobachten sind. Auch ist es nicht entscheidend, in welcher Ausprägung die Symptome auftreten. Eine Therapie ist bei auftretendem Stottern und einem der o.g. weiteren Faktoren in jedem Fall indiziert (ebd., S. 98).

2.3 Ziele

Das oberste Ziel des KIDS-Ansatzes ist die Erhöhung der Chance für eine Remission. Sollte keine Remission erfolgen, ist das Ziel ein akzeptables Stottern zu erreichen. Zudem sollen die Kinder einen kompetenten Umgang mit dem Stottern erlernen und in ihrer normalen Entwicklung der Sprecherkompetenz unterstützt und gefördert werden (ebd., S. 83; 97).

2.4 Therapiebereiche

In der folgenden Grafik werden die verschiedenen Therapiebereiche sowie der Ablauf der Therapie schematisch dargestellt. Im Anschluss werden die einzelnen Bereiche und Phasen näher erläutert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4.1 Stottersymptomatik

Die Ziele im Therapiebereich ‚Stottersymptomatik‘ sind: Reduzierung der Begleitsymptome, lockeres und anstrengungsfreies Stottern von Kernsymptomen und Erreichen einer spontanen Sprechflüssigkeit[5]. Sollte dies nicht erreicht werden können, ist das Ziel ein ‚stotterfreies Sprechen‘ (kontrollierte Sprechflüssigkeit). Hier soll die Sprechflüssigkeit mit Hilfe des Einsatzes von Techniken beibehalten werden. Ist auch dieses Ziel, z.B. auf Grund von schweren Stottersymptomen oder einer hohen psychischen Belastung nicht erreichbar, sollte versucht werden ein ‚akzeptables Stottern‘ zu erzielen. Das ‚akzeptable Stottern‘ ist durch kurzes und anstrengungsfreies Stottern ohne negative Emotionen oder Gedanken sowie ohne Vermeideverhalten gekennzeichnet.

Wie bereits in Abbildung 1 dargestellt, gliedert sich der Therapiebereich ‚Stottersymptomatik‘ in vier Phasen.

2.4.1.1 Desensibilisierung

In dieser Phase soll das Kind gegen Kernsymptome des Stotterns desensibilisiert werden. Nicht nur zwischen Therapeut und Kind soll das Stottern enttabuisiert werden, sondern auch im sozialen Umfeld des Kindes (Familie, Freunde, Kindergarten, Schule, etc.). Es soll offen über das Stottern gesprochen werden können. Das Kind soll in dieser ersten Phase auch das Pseudostottern[6] erlernen und gegen einen möglichen Kontrollverlust während eines Stotterereignisses, den möglichen Zeitverlust beim Sprechen und gegen negative Zuhörerreaktionen abgehärtet werden (ebd., S. 107-109).

Der Therapeut und auch die direkte Bezugsperson (zumeist die Mutter) dienen als Modell für kurze, unangestrengte Stotterereignisse (Modelllernen)[7].

In dieser Phase sollten Spiele, „die der Spielentwicklung des Kindes entsprechen“ (ebd., S. 133) und ihm bekannt sind gespielt werden und darin das Pseudostottern möglichst häufig eingebaut werden. Auch die Methode des Correctiv Feedback kommt hier zum Einsatz[8].

Bei älteren Kindern können kindgerechte Begriffe[9] zur Beschreibung der Stotterereignisse verwendet werden. In der Phase der Desensibilisierung wird das Kind auch immer wieder auf seine echten Stottersymptome angesprochen und aufmerksam gemacht. Die Autoren weisen hier auch noch einmal darauf hin „neben den kindgerechten Begriffen das Wort „Stottern“ [zu verwenden,] um den Eindruck zu vermeiden, das Thema zu tabuisieren“ (ebd., S. 135).

2.4.1.2 Identifikation

Die Phase der Identifikation schließt sich an die Phase der Desensibilisierung an. Sie wird jedoch nur mit den älteren Kindern[10] durchgeführt, da diese bereits über ausreichende kognitive und auditive Fähigkeiten verfügen (ebd., S. 137).

Hier soll das Kind nun in verschiedenen Situationen eigene Symptome erkennen können. Es soll lernen Kernsymptome (Wiederholungen, Dehnungen, Blockierungen) zu benennen und beim Therapeuten (im Pseudostottern) zu erkennen. Das Kind soll ebenfalls lernen, diese (echten) Kernsymptome bei sich selbst zu erkennen.

Das Pseudostottern soll auch im Alltag angewendet werden. Hier wird dann auch die Methode des In-Vivo-Trainings[11] eingeführt.

Die Bezugspersonen werden auch in dieser Phase mit in die Therapie einbezogen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Identifikation ist eine „ausreichende Desensibilisierung des Kindes“ (ebd., S. 137).

2.4.1.3 Modifikation

Hier geht es darum, die Sprechweise so zu verändern (zu modifizieren), dass Stottersymptome gar nicht, bzw. nur noch sehr selten und kontrolliert auftreten. Diese Phase der Modifikation des Stotterns wird in der Regel erst bei Kindern ab dem vierten Lebensjahr eingeführt. Bei jüngeren Kindern wird davon ausgegangen, dass diese das korrekte Modell des Therapeuten und der Eltern[12] in ihre Sprechweise übernehmen und keine direkte Modifikation notwendig wird. Es findet dann keine bewusste Steuerung der Symptome statt (ebd., S. 138).

Bei den älteren Kindern und wenn die Kinder das lockere, anstrengungsfreie Stottern nicht in den Alltag übernehmen ‚können‘, sollten ggf. Symptomlösetechniken (SLT) eingeführt werden. Diese beruhen auf der SLT nach van Riper (genannt ‚Pullout‘[13] ). Voraussetzung für den Einsatz dieser SLT ist, „dass das Kind ausreichend desensibilisiert ist und dass es motorisch und auditiv in der Lage ist, sein Symptom zu erkennen und die nötigen sprechmotorischen Abläufe zu steuern“ (ebd., S. 139).

Wichtig ist es hierbei immer auf die Reaktionen des Kindes zu achten und die Auswirkungen auf das Stottern zu beobachten. Auch in dieser Phase werden In-Vivo-Übungen eingesetzt.

2.4.1.4 Generalisierung

In der Phase der Generalisierung geht es um die Umsetzung des Gelernten in den Alltag. Es wird davon ausgegangen, dass die Kinder ‚wie von alleine‘ das einsetzen und anwenden, was ihnen gut tut (ebd., S. 142).

Auch jetzt haben die Eltern wieder eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit ihnen wird geplant, wie das Modell des lockeren, anstrengungsfreien Stotterns weiter im Alltag eingesetzt werden kann und wie möglicherweise auch weitere Bezugspersonen als positives Modell mit einbezogen werden können.

Sollte die Generalisierung nicht ‚wie von alleine‘ verlaufen, ist eine strukturierte Durchführung notwendig. Häufig ist auch eine erneute bzw. weiterführende Desensibilisierung gegen den Zeitverlust und gegen die Auffälligkeit einer veränderten Sprechweise erforderlich.

Der Einsatz der Symptomlösetechniken bei den vier bis sechs Jahre alten Kindern sollte wie folgt verlaufen:

Nachdem die Techniken gut erklärt und geübt wurden, sollten sie zunehmend in alltagsrelevanten Situationen und im Alltag eingesetzt werden. Hierbei können die Eltern das Kind unterstützen. Als Voraussetzung für eine erfolgreiche Generalisierung wird die In-Vivo-Arbeit in den vorausgegangenen Therapiephasen genannt.

Die Symptomlösetechniken haben jedoch auch Grenzen. Kinder denken nicht immer daran die Techniken einzusetzen. Sie haben auch weiterhin das Recht einfach „‚drauf los zu stottern‘ ohne ermahnt zu werden“ (ebd., S. 142). Auch müssen sie vor einem möglicherweise übertriebenen Ehrgeiz (der Eltern) geschützt werden.

[...]


[1] KIDS kann unterteilt werden in ‚Mini-KIDS‘ und ‚Schul-KIDS‘. Hierdurch ergeben sich für unterschiedliche Altersstrukturen entsprechend unterschiedliche Methoden, die jedoch eine gemeinsame Basis haben.

[2] Unter Remission versteht man eine vorübergehende oder dauerhafte Rückbildung von ‚Krankheitssymptomen‘.

[3] Das Therapiekonzept kann weder der direkten noch der indirekten Therapie zugeordnet werden, da die Autoren Methoden aus beiden Bereichen in ihrem Konzept integrieren (Hansen/Iven, 2002, S. 49-58).

[4] Eine genaue Definition, was die Autoren unter ‚Stottern‘ verstehen findet sich in Sandrieser/Schneider, 2003, S. 1ff.

[5] Spontane Sprechflüssigkeit meint hier, mit angemessener Flüssigkeit, Kontinuität sowie mentaler und motorischer Leichtigkeit, ähnlich einem ‚Normal-Sprecher‘, reden zu können.

[6] „Pseudostottern bedeutet, dass mit Absicht gestottert wird“ (Sandrieser/Schneider, 2003, S. 109).

[7] Hierzu ist es notwendig, dass die Mutter, vor allem aber der behandelnde Therapeut dieses kurze, unangestrengte Stottern frei von negativen Emotionen oder Gedanken ausführen kann (Sandrieser/Schneider, 2003, S. 110).

[8] Stottert das Kind z.B. angestrengt und lange, kann der Therapeut dieses, vom Kind gezeigte Stotter-ereignis seinerseits aufgreifen und selbst locker und anstrengungsfrei stottern (Correctiv Feedback) (Sandrieser/Schneider, 2003, S. 111).

[9] „Froschwörter“, „Schlangenwörter“, „Pu-Wörter“ (Sandrieser/Schneider, 2003, S. 135)

[10] „Bei jüngeren Kindern beschränkt sich die Identifikation darauf, dass die Mutter lernt, Stotterereignisse ihres Kindes sicher zu identifizieren und zu benennen“ (Sandrieser/Schneider, 2003, S. 137).

[11] Hier werden Pseudostotterelemente in Alltagssituationen angewendet. Eine gute Vorbereitung dieser In-Vivo-Arbeit ist unabdingbar.

[12] An dieser Stelle wird von den Autoren darauf hingewiesen, dass die Mutter ausreichend desensibilisiert sein muss und sich sicher genug im Umgang mit dem (Pseudo-) Stottern fühlen muss (Sandrieser/Schneider, 2003, S. 138).

[13] Der Pullout besteht aus zwei Schritten: 1. Den Sprechversuch in der Blockierung stoppen. 2. Die Artikulationsbewegung verlangsamt weitersteuern (Sandrieser/Schneider, 2003, S. 115).

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Darstellung zweier Therapieansätze für stotternde Kinder
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Neurologie/ Neurolinguistik)
Veranstaltung
Seminar Redeflusstörungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V166703
ISBN (eBook)
9783640833672
ISBN (Buch)
9783640833948
Dateigröße
1635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Therapie, Stottern, Kinder, Logopädie
Arbeit zitieren
B.Sc. Simon Friede (Autor), 2008, Darstellung zweier Therapieansätze für stotternde Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166703

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