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"Gute Arbeit" trotz Prekarisierung?

Eine theoretische Rekonstruktion normativer Erwartungen an Erwerbsarbeit unter Bedingungen unsicherer Beschäftigung

Titre: "Gute Arbeit" trotz Prekarisierung?

Dossier / Travail , 2025 , 18 Pages , Note: 1,3

Autor:in: Catharina Henning (Auteur)

Sciences Sociales générales
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Résumé Extrait Résumé des informations

Das Leitbild „Gute Arbeit“ ist seit Jahrzehnten ein zentraler Bezugspunkt arbeits- und sozialpolitischer Debatten in Deutschland. Es steht für Arbeitsverhältnisse, die über materielle Absicherung hinaus auch Autonomie, Anerkennung sowie gesundheitliche und soziale Teilhabe gewährleisten. Ursprünglich eng verknüpft mit dem fordistischen Normalarbeitsverhältnis – tarifgebunden, sozialversichert, mit klaren Arbeitszeiten und kollektiver Interessenvertretung bildete „Gute Arbeit“ lange Zeit ein normatives Fundament individueller Lebensplanung und gesellschaftlicher Integration.

Seit den 1980er-Jahren ist dieses Fundament jedoch tiefgreifend erodiert. Deregulierung, Flexibilisierung und die Ausweitung atypischer Beschäftigungsformen haben institutionelle Sicherheiten geschwächt und zu erhöhter Prekarisierung geführt. Erwerbsarbeit, die vormals vor allem soziale Stabilität versprach, ist zunehmend von Unsicherheit und Risiken geprägt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich normative Erwartungen an „Gute Arbeit“ unter den Bedingungen von Prekarisierung und gesellschaftlichem Strukturwandel verändern.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

  • 1. Einleitung
  • 2. Der „Neue Geist des Kapitalismus“
    • 2.1 Strukturwandel der Arbeit
  • 3. Normative Grundlagen moderner Erwerbsarbeit
    • 3.1 „Gute Arbeit“ als normatives Leitbild
    • 3.2 Prekarisierung als Disziplinierungsmechanismus
    • 3.3 Anerkennung und der Arbeitskraftunternehmer
  • 4. Stabilität und Wandel des Leitbildes „Gute Arbeit“
    • 4.1 Normative Persistenz trotz Erosion
    • 4.2 Perspektiven für „Gute Arbeit“ in der modernen Arbeitswelt
  • 5. Fazit
  • 6. Literaturverzeichnis

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit befasst sich mit der zentralen Frage, wie sich normative Erwartungen an „Gute Arbeit“ unter den Bedingungen von Prekarisierung und gesellschaftlichem Strukturwandel verändern. Insbesondere wird untersucht, inwiefern traditionelle Werte wie Anerkennung, Selbstverwirklichung und soziale Absicherung in Spannung zu flexibilisierten Arbeitsverhältnissen geraten und wie Beschäftigte subjektiv damit umgehen.

  • Das Leitbild „Gute Arbeit“ und seine Erosion
  • Prekarisierung und unsichere Beschäftigungsverhältnisse
  • Der „Neue Geist des Kapitalismus“ und seine Auswirkungen auf die Arbeitswelt
  • Anerkennung, Selbstverwirklichung und soziale Absicherung als zentrale Werte
  • Der Typus des „Arbeitskraftunternehmers“
  • Strukturwandel der Arbeit und Digitalisierung

Auszug aus dem Buch

3.2 Prekarisierung als Disziplinierungsmechanismus

Der Begriff Prekarisierung bezeichnet die Zunahme unsicherer, ungeschützter und häufig schlecht entlohnter Arbeitsverhältnisse, die unterhalb eines gesellschaftlich definierten Existenzminimums liegen und damit Anerkennung, Teilhabe und Lebensplanung erheblich einschränken. Prekarisierung ist kein Randphänomen, das nur marginalisierte Gruppen betrifft. Es seit laut Dörre aber auch: „(...) kein Kampfbegriff, sondern ein analytisches Konzept, das Veränderungen an der Schnittstelle von Erwerbsarbeit, Wohlfahrtsstaat und Demokratie beschreibt. [...] Ihre analytische Stärke zeigt sich, wenn Prekarität nicht nur als soziale Lage, sondern als Macht-, Kontroll- und Disziplinarregime verstanden wird, das Arbeitsgesellschaften als Ganze beeinflusst und verändert." (Dörre 2021: 271)

Während in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Mehrheit der Erwerbstätigen in stabilen Beschäftigungsverhältnissen stand, verschiebt sich die Grenze zwischen gesicherter und unsicherer Arbeit seit den 1980er-Jahren zunehmend zugunsten prekärer Formen (vgl. Pries 2018: 453f.). Dies destabilisiert nicht nur individuelle Erwerbsbiografien, sondern auch gesellschaftliche Integrationsmechanismen. Befristete Verträge, Leiharbeit und Werkverträge erhöhen die Unsicherheit; niedrige Löhne und eingeschränkter Zugang zu Sozialleistungen verstärken sie zusätzlich. Beschäftigte in prekären Arbeitsverhältnissen haben zudem geringere Chancen auf berufliche Weiterentwicklung, was soziale Ungleichheiten vertieft (vgl. Tünte 2023: 120f.). Klaus Dörre (2021) betont, dass Prekarisierung kein Randphänomen, sondern ein Strukturmerkmal der gesamten Arbeitsgesellschaft ist: „Ein nach strukturellen Merkmalen prekäres Arbeits- und Beschäftigungsverhältnis konstituiert eine erwerbs-biographische Problemlage, die aktiv bearbeitet wird. Dabei beeinflussen der Neigungswinkel der Erwerbsbiographie, individuelle Qualifikationen und Kompetenzen, Konstruktionen von Geschlecht, Nationalität und Ethnie sowie das Lebensalter die Art der Auseinandersetzung mit und die Bewertung von prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen.“ (Dörre 2021: 258)

Prekarisierung verweist somit nicht auf eine klar abgrenzbare „Randgruppe“, sondern auf ein umfassendes Unsicherheitsregime, das in viele Arbeitskontexte hineinwirkt (vgl. ebd.). Unsichere Beschäftigungsformen wie Teilzeit- oder Projektarbeit werden zwar oft als Chance zur Selbstgestaltung dargestellt, bedeuten in der Praxis jedoch für viele vor allem Instabilität. Auch Beschäftigte mit unbefristeten Verträgen können betroffen sein – etwa durch Arbeitsintensivierung, ständige Reorganisation und die Angst vor Arbeitsplatzverlust. Die Rhetorik von Selbstverwirklichung und Flexibilität verschleiert so reale Risiken (vgl. Böhle 2018: 171f.). Selbst die vermeintlich „gesicherte Mitte“ wird durch Verlustängste und Sanktionsdrohungen diszipliniert: Eigenschaften wie Ortsgebundenheit, Firmentreue und Verlässlichkeit, die früher positiv bewertet waren, werden nun zu Nachteilen (vgl. Boltanski/Chiapello in Kocyba & Voswinkel 2008: 51). Viele Betroffene reagieren mit Resignation und Rückzug. Schultheis (2021) zeigt, dass Menschen, die zwischen prekären Jobs, Erwerbslosigkeit und Grundsicherung wechseln, ihrer gesellschaftlichen Anerkennung nicht mehr sicher sind (vgl. Schultheis 2021: 399f.). Anerkennung bleibt damit eine zentrale Ressource sozialer Integration. Ob sie ihre selbstwertstabilisierende Wirkung entfalten kann, hängt jedoch entscheidend davon ab, ob sie kollektiv abgesichert bleibt – oder ob sie dem Wettbewerb am Arbeitsmarkt zum Opfer fällt. Auf diese Verbindung von Prekarisierung, Subjektivierung und Anerkennung wird im folgenden Abschnitt eingegangen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Debatte um „Gute Arbeit“ als zentrales Leitbild ein und beschreibt, wie dieses durch Deregulierung, Flexibilisierung und gesellschaftlichen Strukturwandel zunehmend erodiert ist, wodurch normative Erwartungen unter Bedingungen unsicherer Beschäftigung neu verhandelt werden.

2. Der „Neue Geist des Kapitalismus“: Das Kapitel diskutiert, wie der „Neue Geist des Kapitalismus“ nach Boltanski und Chiapello den ideologischen Wandel seit den 1970er-Jahren prägt, indem er Kritik am Fordismus selektiv integriert und Autonomie sowie Kreativität in unternehmerische Selbstverantwortung umdeutet.

2.1 Strukturwandel der Arbeit: Dieser Abschnitt beschreibt, wie der Kapitalismus auf Legitimationskrisen reagiert hat, indem er die „Künstlerkritik“ nach Selbstbestimmung integrierte und Autonomie sowie Kreativität als individuelle Pflichten zur flexiblen Arbeitskraftnutzung neu interpretierte.

3. Normative Grundlagen moderner Erwerbsarbeit: Hier wird erläutert, wie „Gute Arbeit“ trotz struktureller Umbrüche normativ fortbesteht, aber zugleich ideologisch transformiert und disziplinierend wirkt, indem Werte wie Anerkennung und Selbstverwirklichung in Spannung zu flexibilisierten Arbeitsverhältnissen geraten.

3.1 „Gute Arbeit“ als normatives Leitbild: Das Kapitel definiert „Gute Arbeit“ als ein uneinheitlich genutztes Konzept, das in arbeits- und sozialpolitischen Debatten sowohl materielle Absicherung als auch immaterielle Dimensionen wie Anerkennung, Sinn und Autonomie umfasst.

3.2 Prekarisierung als Disziplinierungsmechanismus: Dieser Abschnitt beleuchtet Prekarisierung als die Zunahme unsicherer, ungeschützter Arbeitsverhältnisse, die als umfassendes Unsicherheitsregime die gesamte Arbeitsgesellschaft beeinflusst und nicht nur marginalisierte Gruppen betrifft.

3.3 Anerkennung und der Arbeitskraftunternehmer: Hier wird der Typus des „Arbeitskraftunternehmers“ vorgestellt, der beschreibt, wie Individuen ihre Arbeitskraft als Unternehmen managen und Anerkennung zunehmend an individuelle Leistungs- und Anpassungsfähigkeit gekoppelt wird.

4. Stabilität und Wandel des Leitbildes „Gute Arbeit“: Das Kapitel analysiert die Persistenz des Leitbildes „Gute Arbeit“ trotz Erosion seiner institutionellen Grundlagen und untersucht, wie Flexibilität und Eigenverantwortung zwar Autonomie suggerieren, in der Praxis jedoch oft zu Überlastung und Burnout führen.

4.1 Normative Persistenz trotz Erosion: Dieser Unterabschnitt erörtert, dass „Gute Arbeit“ auch unter Strukturwandel normativ wirksam bleibt, indem sie Beschäftigte zu erhöhter Disziplin und Verfügbarkeit anhält, obwohl soziale Absicherung fehlt und Selbstausbeutung droht.

4.2 Perspektiven für „Gute Arbeit“ in der modernen Arbeitswelt: Das Kapitel fordert eine Neufassung von „Gute Arbeit“, die materielle Sicherung, kollektive Teilhabe und institutionell abgesicherte Anerkennungszugänge verbindlich garantiert, um der „Brasilianisierung des Westens“ entgegenzuwirken und die emanzipatorische Substanz des Leitbildes zurückzugewinnen.

5. Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass sich das Leitbild „Gute Arbeit“ unter Prekarisierung und Subjektivierung transformiert hat, normativ wirksam bleibt, aber seine Schutzfunktion verliert und Anerkennung zunehmend konditional an individuelle Leistungsfähigkeit und Selbstoptimierung gebunden ist.

Schlüsselwörter

Gute Arbeit, Prekarisierung, Arbeitskraftunternehmer, Neuer Geist des Kapitalismus, Anerkennung, Selbstverwirklichung, Unsichere Beschäftigung, Soziale Absicherung, Flexibilität, Digitalisierung, Moralische Ökonomie, Disziplinierungsmechanismus, Strukturwandel der Arbeit, Postfordismus, Sozialstaat.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, wie sich das normative Leitbild der „Guten Arbeit“ unter den Bedingungen von Prekarisierung und gesellschaftlichem Strukturwandel verändert und welche Auswirkungen dies auf die Erwartungen an Erwerbsarbeit hat.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themenfelder sind das Konzept der „Guten Arbeit“, die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen, der „Neue Geist des Kapitalismus“ und dessen Einfluss auf normative Erwartungen sowie die Bedeutung von Anerkennung und Selbstverwirklichung in der modernen Arbeitswelt.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es zu beleuchten, wie das Leitbild „Gute Arbeit“ unter den Bedingungen von Prekarisierung und Subjektivierung stabilisiert, umgedeutet oder infrage gestellt wird, und inwiefern zentrale Werte wie Anerkennung, Selbstverwirklichung und soziale Absicherung in Konflikt mit flexibilisierten Beschäftigungsformen geraten.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit verfolgt eine theoretische Rekonstruktion und Analyse von Konzepten und Argumenten aus der arbeitssoziologischen und kapitalismuskritischen Forschung.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden die theoretischen Konzepte des „Neuen Geistes des Kapitalismus“, „Guter Arbeit“ und des „Arbeitskraftunternehmers“ diskutiert sowie die Stabilität und der Wandel des Leitbildes „Gute Arbeit“ unter den Bedingungen von Prekarisierung untersucht.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Gute Arbeit, Prekarisierung, Arbeitskraftunternehmer, Neuer Geist des Kapitalismus, Anerkennung, Selbstverwirklichung und flexible Beschäftigung.

Wie verändert der „Neue Geist des Kapitalismus“ das Verständnis von Arbeit?

Der „Neue Geist des Kapitalismus“ integriert die Kritik am Fordismus, indem er Autonomie, Selbstverwirklichung und Kreativität zu individuellen Pflichten der Arbeitskraft macht, die eigene Arbeitskraft flexibel einzusetzen, Risiken zu managen und sich fortlaufend zu optimieren.

Was ist unter dem Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“ zu verstehen?

Der „Arbeitskraftunternehmer“ ist ein Typus, der die Subjektivierung von Arbeit beschreibt, bei der Individuen ihre eigene Arbeitskraft wie ein Unternehmen managen, Verantwortung für Qualifikationen und Leistung tragen und Anerkennung an individuelle Anpassungsfähigkeit gekoppelt ist.

Inwiefern wird Anerkennung in der modernen Arbeitswelt zu einem Disziplinierungsmechanismus?

Anerkennung verlagert sich von kollektiven Standards auf individuelle Leistungsbewährung und wird konditional an Flexibilität, Resilienz und ständige Selbstoptimierung geknüpft, wodurch sie zur moralischen Verpflichtung und einem Disziplinierungsinstrument wird.

Welche konkreten Vorschläge werden gemacht, um „Gute Arbeit“ zukunftsfähig zu gestalten?

Um „Gute Arbeit“ zukunftsfähig zu gestalten, werden vier Punkte genannt: die Demokratisierung betrieblicher Entscheidungen, die Stärkung kollektiver Schutzrechte, die Verknüpfung von Flexibilität und Sicherheit („Flexicurity“) und eine Neudefinition von Anerkennung jenseits marktförmiger Leistungsbewertung.

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Résumé des informations

Titre
"Gute Arbeit" trotz Prekarisierung?
Sous-titre
Eine theoretische Rekonstruktion normativer Erwartungen an Erwerbsarbeit unter Bedingungen unsicherer Beschäftigung
Université
University of Hagen  (Institut für Soziologie)
Cours
Gesellschaft und Ökonomie
Note
1,3
Auteur
Catharina Henning (Auteur)
Année de publication
2025
Pages
18
N° de catalogue
V1667885
ISBN (PDF)
9783389161456
ISBN (Livre)
9783389161463
Langue
allemand
mots-clé
Prekarisierung Arbeitslosigkeit Gute Arbeit
Sécurité des produits
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Citation du texte
Catharina Henning (Auteur), 2025, "Gute Arbeit" trotz Prekarisierung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1667885
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Extrait de  18  pages
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