Über die Verfassungsform des frühen Christentums gibt es vor allem im außerwissenschaftlichen Bereich bis heute eine ganze Reihe von eher romantisch geprägten Vorstellungen. Die ersten Christen sollen in fast schon ,sozialistisch′ geprägten Kollektiven zusammengelebt, alles miteinander geteilt haben und in ihren Strukturen frei von hierarchischen Macht gewesen sein. Diese Vorstellung einer gleichberechtigten Gemeinschaft werden im deutlichen Widerspruch zur Organisation der heutigen Kirche gesehen, die sich gerade durch klare Machtstrukturen auszeichnet. Auch diese Strukturen finden oft ihre Legitimierung im Hinweis auf die frühe Kirche. Die Bischöfe werden in der katholischen Lehre als die unmittelbaren Nachfolger der Apostel bezeichnet1, die Vorrangstellung des Papstes -die uns hier aber nicht weiter beschäftigen soll - durch den besonderen Auftrag des Petrus gerechtfertigt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die Jerusalemer Urgemeinde
Die Paulinischen Gemeinden
Die Episkopen von Philippi
Apostel, Prophet und Bischof in der Didache
Bischof und Presbyter in den Pastoralbriefen
Bischof und Presbyter im 1. Klemensbrief
Das Monepiskopat in den Briefen des Ignatius von Antiochien
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der Gemeindeverfassungen im frühen Christentum bis ins frühe 2. Jahrhundert. Ziel ist es, anhand einschlägiger Quellen die historischen und theologischen Prozesse nachzuzeichnen, die zur Entstehung hierarchischer Strukturen und schließlich zur Etablierung des monarchischen Episkopats führten.
- Wandel von charismatischer Führung hin zu ortsansässigen Ämtern
- Die Rolle der jüdischen Tradition bei der Gemeindebildung
- Der Einfluss von Abwehrstrategien gegen Irrlehren auf die Amtsstruktur
- Vergleich der verschiedenen Verfassungsmodelle in den untersuchten Quellen
Auszug aus dem Buch
Die Paulinischen Gemeinden
Widersprechen die Briefe des Paulus bereits im Hinblick auf die Jerusalemer Urgemeinde den Angaben der Apostelgeschichte, so wird der Unterschied noch eklatanter, wenn man seine Beschreibungen der von ihm gegründeten Gemeinden betrachtet.
Paulus bietet uns vor allem in seinem ersten Brief an die Korinther einen Einblick in das Leben der Paulinischen Gemeinden, dass in besonderem Maße von charismatischer Leitung geprägt war. Ämter in einem bürokratischen Sinne gab es nicht, sondern ‚Geistgaben’ die unterschiedlich unter den Gemeindemitgliedern verteilt waren (1 Kor 12,4-6). Alle Gemeindemitglieder sollten je nach ihren Fähigkeiten Dienste und Funktionen übernehmen, so dass sie wie die unterschiedlichen Glieder und Organe eines Leibes zusammenwirken (1 Kor 12,12ff ). Es gab unter den Geistgaben so etwas wie eine Rangordnung, an deren Spitze die Apostel, Propheten und Lehrer standen (1 Kor 12,28). Nimmt man das Bild des Leibes ernst, so lässt sich auf keinen Fall von einer starken Hierarchie zwischen den unterschiedlichen Geistgaben und damit Funktionen sprechen. Hinzu kommt noch, dass grundsätzlich jedes Gemeindemitglied z.B. zum Propheten werden konnte, wenn es die Gaben von Gott dazu erhalten hat. Paulus wünschte sich geradezu, dass alle Gemeindemitglieder prophetische Gaben entwickeln (1 Kor 14,1.5.24).
Auffällig ist auch, dass die an oberster Stelle genannten Apostel, Propheten und Lehrer ja eigentlich keine an die Gemeinde gebundenen Funktionen waren. Sie alle zogen durch das Land und übten ihre Tätigkeit – maßgeblich die Mission - in verschiedenen Gemeinden aus.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Diskrepanz zwischen romantisierten Vorstellungen einer herrschaftsfreien Urkirche und der historisch belegbaren Entwicklung fester Machtstrukturen.
Die Jerusalemer Urgemeinde: Dieses Kapitel zeigt die starke Orientierung der ersten christlichen Gemeinde an jüdischen Vorbildern, wie sie sich in einer Presbyterverfassung und der Ausrichtung auf den Tempel niederschlägt.
Die Paulinischen Gemeinden: Es wird die charismatische Struktur der paulinischen Gemeinden hervorgehoben, in denen der Dienstbegriff den Ämterbegriff dominiert.
Die Episkopen von Philippi: Die Untersuchung dieses Kapitels deutet auf die Entstehung von Ämtern hin, die jedoch noch nicht mit dem später üblichen, monarchischen Bischofsbild gleichzusetzen sind.
Apostel, Prophet und Bischof in der Didache: Die Didache dokumentiert den Übergang von charismatisch legitimierten Wandermissionaren hin zu ersten, von der Gemeinde gewählten ortsansässigen Funktionsträgern.
Bischof und Presbyter in den Pastoralbriefen: Die Pastoralbriefe dienen dem Autor als Versuch, unterschiedliche Gemeindeverfassungen durch den Fokus auf die Bewahrung der apostolischen Lehre zu harmonisieren.
Bischof und Presbyter im 1. Klemensbrief: Hier wird erstmals die Sukzession der Amtsinhaber betont, um die Autorität der Gemeindeleiter gegenüber internen Aufständen zu legitimieren.
Das Monepiskopat in den Briefen des Ignatius von Antiochien: Ignatius entwirft ein Modell, in dem der Bischof als zentrale Instanz für Eucharistie und Einheit die Funktion eines monarchischen Leiters einnimmt.
Zusammenfassung: Das letzte Kapitel resümiert die Heterogenität der frühen Gemeindeformen und betont, dass die hierarchische Triade ein historisches Ergebnis der Auseinandersetzung mit Irrlehren darstellt.
Schlüsselwörter
Frühes Christentum, Gemeindeverfassung, Bischofsamt, Presbyterat, Didache, Pastoralbriefe, Ignatius von Antiochien, Monarchischer Episkopat, Apostolische Sukzession, Charismatische Leitung, Kirchengeschichte, Amtsentwicklung, Gemeindeordnungen, Frühchristliche Ämter, Eucharistiefeier.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Verfassungsgeschichte des frühen Christentums und der Entwicklung der Ämterstrukturen in den ersten zwei Jahrhunderten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Transformation von charismatischen Leitungsformen hin zu festen, hierarchischen Ämtern sowie der Einfluss jüdischer Traditionen und theologischer Notwendigkeiten auf diese Entwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die heute bekannte hierarchische Ordnung der Kirche kein von Anfang an gegebenes Modell ist, sondern das Ergebnis eines komplexen historischen Anpassungsprozesses.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine quellenkritische Untersuchung, die neutestamentarische Briefe, die Apostelgeschichte sowie frühchristliche Schriften wie die Didache, den 1. Klemensbrief und die Briefe des Ignatius analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die verschiedenen Gemeindeformen – von der Urgemeinde über die paulinischen Gemeinden bis hin zum ausgebildeten Monepiskopat bei Ignatius.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie "Monepiskopat", "Frühchristliche Gemeindeverfassung", "Apostolische Sukzession" und "Charismatische Leitung" definiert.
Warum spielt die Abwehr von Irrlehren eine so zentrale Rolle für die Entstehung der Ämter?
Die Notwendigkeit, eine verbindliche "reine Lehre" und den ordnungsgemäßen Kultus (Eucharistie) gegen umherziehende Wandercharismatiker zu schützen, führte dazu, dass Gemeinden Leitungsbefugnisse in den Händen einer einzelnen Person, des Bischofs, konzentrierten.
Wie unterscheidet sich das Bischofsamt bei Ignatius von Antiochien von früheren Erwähnungen?
Während frühere Quellen den Bischof oft als Teil eines Kollegiums oder in unklarer Funktion beschreiben, etabliert Ignatius den Bischof als unumstrittene, zentrale Instanz, die analog zur himmlischen Hierarchie als alleiniger Leiter der Gemeinde fungiert.
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- Jost Wagner (Author), 2001, Von Aposteln, Presbytern, Bischöfen und Diakonen - Die Gemeindeverfassungen im frühen Christentum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1668