Die argentinische Militärdiktatur (1976–1983) zählt zu den dunkelsten Kapiteln der lateinamerikanischen Geschichte. Tausende Menschen wurden „verschwinden“ gelassen und Opfer eines Regimes, das politische Kontrolle durch Terror und Schweigen sicherte. Im Zentrum dieser Arbeit steht die Frage, wie sich gesellschaftliche Aufarbeitung und Demokratisierung in einem solchen Kontext entfalten können. Anhand der Bewegung Madres de Plaza de Mayo wird exemplarisch gezeigt, dass die Zivilgesellschaft nicht nur Objekt, sondern Trägerin von Transitional Justice sein kann.
Die Studie verbindet geschlechtertheoretische, sozialwissenschaftliche und erinnerungspolitische Ansätze, um den exklusiv mütterlichen Protest als politische Intervention zu begreifen. Sie analysiert, wie die Madres durch die öffentliche Aneignung traditioneller Rollenbilder und die Sichtbarmachung des privaten Verlusts eine neue Form von Handlungsmacht entwickelten. Dadurch transformierten sie Mutterschaft in ein Symbol kollektiver Widerständigkeit – und schufen einen bis heute wirksamen erinnerungspolitischen Diskursraum.
Im theoretischen Teil werden die zentralen Instrumente von Transitional Justice – von Wahrheitskommissionen über juristische Aufarbeitung bis hin zu Erinnerungskulturen – systematisch diskutiert und kritisch auf ihre Reichweite geprüft. Die Untersuchung zeigt, dass der argentinische Demokratisierungsprozess bereits vor der Etablierung des Forschungsfeldes Transitional Justice wesentliche Impulse setzte und als Pionierfall internationaler Vergangenheitsbewältigung gilt.
Besonderes Augenmerk gilt der Wechselwirkung zwischen staatlich gelenkter Aufarbeitung und zivilgesellschaftlicher Partizipation: Die Madres de Plaza de Mayo prägten durch ihre unermüdliche Präsenz und symbolische Kraft nicht nur die politische Öffentlichkeit Argentiniens, sondern auch die globalen Diskurse über Menschenrechte, Wahrheit und Gerechtigkeit.
Diese Arbeit liefert damit einen vielschichtigen Beitrag zum Verständnis von Erinnerungspolitik, sozialer Bewegung und Geschlechterrollen in postdiktatorischen Gesellschaften – und zeigt, dass die Herstellung von Wahrheit stets auch ein Akt politischer und moralischer Selbstvergewisserung ist.
Inhaltsverzeichnis
- 1) Einleitung
- 1.1) Thematische Hinführung
- 1.2) Struktur der Arbeit
- 1.3) Methodisches Vorgehen, Forschungsstand, Begründung der Literatur- und Quellenauswahl
- 2) Theorien, Phänomene und Definitionen
- 2.1) Erzwungenes Verschwindenlassen (Desaparición Forzada)
- 2.2) Geschlechterspezifische Phänomene
- 2.2.1) Machismo
- 2.2.2) Marianismo
- 2.2.3) Die Dualität des (sozialen) Raumes
- 2.2.4) Political Motherhood
- 2.2.5) Practical and Strategic Gender Interests
- 2.3) Transitional Justice
- 2.3.1) Notwendigkeit und Zielsetzung
- 2.3.2) Maßnahmen und Instrumente
- 2.3.3) Interessenkonflikte in Bezug auf eine „umfassende Aufarbeitung"
- 2.3.4) Wahrheit, Subjektivität und politische Macht
- 3) Die argentinische Militärdiktatur (1976-1983)
- 3.1) Der Weg zur Diktatur
- 3.2) Der Charakter der militärischen Gewaltherrschaft
- 3.3) Die Suche nach den Verschwundenen: Die Mobilisierung und Protestdynamik der Madres de Plaza de Mayo während der Diktatur
- 3.4) Das Ende der Diktatur
- 4) Die Madres de Plaza de Mayo und die argentinische Transitional-Justice-Politik
- 4.1) Die argentinische Re-Demokratisierung unter Raúl Alfonsín: Die Vergangenheitsbewältigung „im Rahmen des Möglichen“
- 4.2) Die argentinische Postdiktatur unter Carlos Menem: Die Politik des Vergebens und Vergessens
- 5) Fazit und Ausblick
- Literatur- und Quellenverzeichnis
- Verwendete Literatur
- Verwendete Internetquellen und aufgerufene Websites
- Abbildungsverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Masterarbeit untersucht die Rolle der Madres de Plaza de Mayo im Prozess der Überwindung der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Dabei wird analysiert, inwiefern die Bewegung der Mütter die staatlich gesteuerte Transitional-Justice-Politik in ihrem Sinngehalt erweiterte und somit als Katalysator für eine "von unten" gesteuerte Demokratisierung fungierte.
- Die Praxis des erzwungenen Verschwindenlassens (Desaparición Forzada) als Instrument politischer Gewalt und deren Auswirkungen auf Angehörige.
- Geschlechterspezifische Phänomene wie Machismo, Marianismo und Political Motherhood im Kontext repressiver Gesellschaften.
- Die theoretische Verankerung und praktische Anwendung von Transitional Justice in Lateinamerika, einschließlich Maßnahmen, Ziele und Interessenkonflikte.
- Die Protestdynamik und Mobilisierung der Madres de Plaza de Mayo während und nach der argentinischen Militärdiktatur.
- Die Einflussnahme zivilgesellschaftlicher Kräfte auf die staatliche Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungspolitik in Argentinien.
Auszug aus dem Buch
2.1) Erzwungenes Verschwindenlassen (Desaparición forzada)
Das erzwungene Verschwindenlassen stellt eine Maßnahme staatlich organisierter Repression dar, bei der die anvisierten Personen im Zuge einer verdeckten Operation verschleppt, gefoltert und anschließend ermordet werden. Dabei ist es die Klandestinität des Vorgehens, die die Rekonstruktion des Tathergangs erschwert. Das Unterdrückungsinstrument richtet sich primär gegen die politische Opposition eines autoritären Regimes. Jener Praxis können unter willkürlichen Vorzeichen jedoch auch Teile der Zivilgesellschaft zum Opfer fallen, die die bestehenden Strukturen gar nicht anfechten. Während der Ursprung dieses Mechanismus im Dritten Reich verortet wird, prägte sich der Eigenbegriff Desaparecido als Bezeichnung für diejenigen Personen ein, die der Anwendung jenes Unterdrückungsinstrumentes durch die lateinamerikanischen Militärregierungen der 1970er- und 1980er-Jahre zum Opfer fielen.
Neben dem hohen Maß an Systematik, das den Gebrauch jenes Instrumentes politischer Gewalt kennzeichnet, sticht insbesondere der entmenschlichende Diskurs derjenigen Akteure hervor, die sich dieser Praxis annahmen. Die bei einer Pressekonferenz 1979 getätigte Aussage des argentinischen (Ex-)Juntachefs Rafael Videla verdeutlicht den genannten Aspekt: „Er ist eine unbekannte Größe, [...] ein Körperloser. Er existiert nicht, weder tot noch lebendig. Er ist verschwunden.“ Auch Veronica Abrego sieht im Zusammenhang mit dem Verschwindenlassen durch die argentinischen (Para-)Militärs einen diskursiven Charakter von Diskriminierung, durch die den Opfern ihr Sein abgesprochen werde. Die Praxis sei in diesem Zusammenhang außerdem als Gegensatz zur Identitätsbildung zu begreifen: „Hier wurde der Eigenname vom Körper getrennt, die persönliche Lebensgeschichte der familiären Genealogie entrissen, das Individuum aus dem Kollektiv des Staates geworfen."
Deutlich wird, dass jene Maßnahme sich nicht bloß durch das Vorhaben definiert, diejenigen Personen physisch aus Staat und Gesellschaft zu entfernen, die den propagierten Leitbildern nicht entsprechen. Der Umstand, dass das Stadium des Verschwundenseins so lange anhält, bis der Körper des Toten als greifbarer Beweis auftaucht, ist auf der einen Seite zwar mit der Idee einer systematischen Spurenverwischung verbunden: Gewalteinwirkungen durch systemnahe Täter*innen werden durch das Regime aktiv geleugnet und verschleiert. Die Tatsache, dass der vergangene Tathergang bis zum Fund der Leiche nicht rekonstruiert werden kann, lenkt den Blick der Untersuchungen darüber hinaus jedoch auf eine zusätzliche Ebene an Akteur*innen. Das Repressionsinstrument zeichnete sich insbesondere durch Folgewirkungen für die Angehörigen der Verschwundenen, demnach durch die Beeinflussung des Verbliebenen aus. Die Betrachtung eben jener Gruppe verweist dabei auf die psychologische Kriegsführung, die insbesondere in den diktatorischen Gesellschaften Lateinamerikas im 20. Jahrhundert praktiziert wurde: Dadurch, dass die Angehörigen nichts über den tatsächlichen und aktuellen Aufenthaltsort ihrer verschwundenen Familienmitglieder wussten und keinerlei Auskünfte von staatlichen Instanzen erhielten, sollten diese zivilgesellschaftlichen Mitspieler*innen nachhaltig demoralisiert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Dieses Kapitel führt thematisch in die Arbeit ein, erläutert ihre Struktur und begründet das methodische Vorgehen sowie die Literatur- und Quellenauswahl.
2) Theorien, Phänomene und Definitionen: Hier werden zentrale Begriffe wie das erzwungene Verschwindenlassen und geschlechterspezifische Phänomene (Machismo, Marianismo, Political Motherhood) sowie das Konzept der Transitional Justice theoretisch gefasst und analysiert.
3) Die argentinische Militärdiktatur (1976-1983): Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Kontext der Diktatur, ihren Charakter, die Suche nach den Verschwundenen durch die Madres de Plaza de Mayo und die Umstände ihres Endes.
4) Die Madres de Plaza de Mayo und die argentinische Transitional-Justice-Politik: Hier wird der Einfluss der Madres auf die argentinische Politik der Vergangenheitsbewältigung unter den Regierungen Alfonsín und Menem detailliert untersucht.
5) Fazit und Ausblick: Das Schlusskapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und bietet einen Ausblick auf die nachhaltige Bedeutung des Protests der Madres de Plaza de Mayo und die zukünftige Forschung zur Transitional Justice.
Schlüsselwörter
Femininer Protest, Transitional Justice, Madres de Plaza de Mayo, argentinische Militärdiktatur, Verschwindenlassen, Menschenrechte, Geschlechterrollen, Erinnerungskultur, Vergangenheitsbewältigung, Zivilgesellschaft, Political Motherhood, Desaparecidos, Marianismo, Machismo, Impunidad
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rolle des femininen Protests, insbesondere der Madres de Plaza de Mayo, als Katalysator für die Aufarbeitung der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) und die Entwicklung der Transitional Justice.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind das erzwungene Verschwindenlassen, geschlechterspezifische Phänomene in repressiven Gesellschaften, Transitional Justice, die argentinische Militärdiktatur und die Politik der Vergangenheitsbewältigung in der Postdiktatur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach der Rolle der Madres de Plaza de Mayo im Prozess der Überwindung der argentinischen Militärdiktatur und inwiefern sie die staatlich gesteuerte Transitional-Justice-Politik erweiterten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt ein interdisziplinäres Vorgehen, das Elemente der Gewaltforschung, Diktaturforschung und Sozialen Bewegungsforschung kombiniert, wobei Gender als zentrale Analysekategorie dient.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des Verschwindenlassens und der Transitional Justice, die Merkmale der argentinischen Militärdiktatur sowie die Mobilisierung und den Einfluss der Madres de Plaza de Mayo auf die staatliche Vergangenheitsbewältigung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Femininer Protest, Transitional Justice, Madres de Plaza de Mayo, argentinische Militärdiktatur, Verschwindenlassen und Erinnerungskultur charakterisiert.
Warum durften sich die Madres de Plaza de Mayo während der Diktatur mobilisieren, während andere Proteste unterdrückt wurden?
Ihr Protest wurde geduldet, weil er auf ihrer apolitisch konnotierten Genderrolle als Mütter basierte und ihre gewaltfreien Aktionen die Diktatur nicht direkt konfrontierten, was als "List" gegenüber dem patriarchalen System diente.
Wie beeinflussten die Madres de Plaza de Mayo die offizielle Geschichtsschreibung, insbesondere in Bezug auf die „Theorie der zwei Dämonen“?
Die Madres lehnten die "Theorie der zwei Dämonen" ab, die den Terror von linker und rechter Seite gleichsetzte, und trugen durch eigene Publikationen und Proteste dazu bei, ihre alternative Version der Wahrheit über die Menschenrechtsverletzungen im kollektiven Gedächtnis zu verankern.
Welche spezifischen Symbole nutzten die Madres in ihrem Protest und welche Bedeutung hatten diese?
Ein zentrales Symbol waren die weißen Kopftücher ("Pañuelos"), auf denen die Namen und Verschwindedaten ihrer Kinder vermerkt waren. Dies diente als stilistisches Gegenstück zur Praxis des Verschwindenlassens, die den Opfern ihre Identität raubte, und sollte die persönliche Biografie jedes Verschwundenen sichtbar machen.
Welche Auswirkungen hatte der „Scilingo-Effekt“ auf den Transitional-Justice-Prozess in Argentinien?
Das Geständnis des Korvettenkapitäns Adolfo Scilingo über die "Todesflüge" stärkte die moralische Delegitimierung des Militärs und reaktivierte das öffentliche Interesse am Kampf der Madres für Wahrheit und Gerechtigkeit, insbesondere der Forderung nach Beendigung der Straflosigkeit.
- Citation du texte
- Ecem Temürtürkan (Auteur), 2019, Femininer Protest als Katalysator für Transitional Justice, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1669804