Menschen mit Fluchterfahrung sind nicht nur durch die erlebten Traumata belastet, sondern auch durch ein Asylsystem, das oft von Unsicherheit, Kontrolle und langwierigen Verfahren geprägt ist. Diese strukturellen Bedingungen können das psychosoziale Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen, besonders dann, wenn eine posttraumatische Belastungsstörung vorliegt. Die vorliegende Arbeit widmet sich der Frage, wie sich ein unsicherer Aufenthaltsstatus auf das psychische Erleben von betroffenen Personen auswirkt und welche Möglichkeiten sich für eine traumasensible Soziale Arbeit daraus ableiten lassen. Ausgangspunkt bildet eine systematische Literaturarbeit, die das Stufenmodell der Traumabewältigung von Judith Herman und das Konzept der strukturellen Gewalt nach Johan Galtung theoretisch rahmt. Ziel ist es, ein vertieftes Verständnis für die vielschichtige Lebensrealität geflüchteter Menschen zu entwickeln und aufzuzeigen, wie Soziale Arbeit Haltung, Raum und Beziehung so gestalten kann, dass sie nicht zusätzlich belastet, sondern Orientierung, Sicherheit und partizipative Teilhabe ermöglicht. Dabei wird deutlich: Eine traumasensible Soziale Arbeit darf sich nicht nur auf individuelle Interventionen beschränken, sondern muss zugleich strukturelle Gegebenheiten mitdenken und kritisch hinterfragen.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- 1.2. Problemstellung und Relevanz aus Sicht der Sozialen Arbeit
- 1.3. Forschungsfrage und Zielsetzung der Arbeit:
- 1.4. Aufbau und Vorgehensweise
- 2. Flucht, Asyl und psychische Gesundheit – Eine Annäherung
- 2.1. Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS): Grundlagen und psychosoziale Auswirkungen
- 2.2. Geflüchtete mit unsicherem Aufenthaltsstatus: Rechtliche und soziale Rahmenbedingungen
- 2.3. Das Stufenmodell der Traumatherapie nach Judith Herman
- 2.4. Strukturelle Gewalt im Sinne Johan Galtungs
- 2.5. Zusammendenken der Modelle: Theoretische Berührungspunkte von Trauma und struktureller Gewalt
- 2.6. Soziale Arbeit im Spannungsfeld von Flucht und Trauma: Haltungen, theoretische Positionen und professionelle Rahmenbedingungen
- 3. Methodisches Vorgehen und Literaturarbeit
- 3.1. Begründung für die Wahl der Literaturarbeit: Analytische Vorgehensweise
- 3.2. Suchstrategie und Auswahlkriterien für die systematische Literaturrecherche
- 3.3. Grenzen und Reflexion des methodischen Vorgehens
- 4. Erkenntnisse aus der Literaturanalyse
- 4.1. Wirkung auf das seelische Wohlbefinden im Kontext rechtlicher Unsicherheit
- 4.2. Strukturelle Gewalt als Hindernis für Heilung: Eine analytische Perspektive
- 4.3. Ressourcen und Ansätze traumasensibler Sozialer Arbeit
- 4.4. Professionelle Herausforderungen und Spannungsfelder für Fachkräfte der Sozialen Arbeit
- 5. Diskussion
- 5.1. Rückbindung der Erkenntnisse an den wissenschaftlichen Diskurs
- 5.2. Deutung der Erkenntnisse im Kontext Flucht und Trauma
- 5.3. Strukturelle Veränderungen und politische Implikationen
- 5.4. Forschungsethische Überlegungen und kritische Selbstreflexion
- 6. Fazit
- 6.1. Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse
- 6.2. Konsequenzen für die Praxis der Sozialen Arbeit
- 6.3. Forschungsdesiderate und Ausblick
- Glossar
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht den komplexen Zusammenhang zwischen einem unsicheren Aufenthaltsstatus und dem psychosozialen Wohlbefinden bei Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Wie wirkt sich ein unsicherer Aufenthaltsstatus auf das psychosoziale Wohlbefinden bei Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen aus und wie kann Soziale Arbeit sich dazu traumasensibel verhalten?" Das übergeordnete Ziel ist es, fundierte Erkenntnisse über die Auswirkungen struktureller Unsicherheit auf traumatisierte Menschen zu gewinnen und daraus praxisnahe Impulse für die Soziale Arbeit abzuleiten, wobei Trauma als Symptom gesellschaftlicher Störungen verstanden wird.
- Analyse der Auswirkungen eines unsicheren Aufenthaltsstatus auf das psychische Wohlbefinden von Geflüchteten.
- Entwicklung traumasensibler Handlungsansätze für die Soziale Arbeit.
- Theoretische Verankerung der Arbeit im Stufenmodell der Traumatherapie nach Judith Herman und Johan Galtungs Konzept der strukturellen Gewalt.
- Identifikation struktureller Gewalt im Asylsystem und deren Einfluss auf Heilungsprozesse.
- Herausarbeitung von Aufgaben, Haltungen und Handlungsoptionen für die Soziale Arbeit zur Förderung von Orientierung, Sicherheit und partizipativer Teilhabe.
- Kritische Hinterfragung struktureller Gegebenheiten und gesellschaftlicher Ungleichheiten im Kontext von Flucht und Trauma.
Auszug aus dem Buch
2.4. Strukturelle Gewalt im Sinne Johan Galtungs
Das Konzept der strukturellen Gewalt, erstmals 1969 von Johan Galtung geprägt, stellt eine funda-mentale Erweiterung des Verständnisses von Gewalt dar, die über direkte physische Handlungen hinausgeht (Braun, 2021, S. 6). Galtung definierte Gewalt nicht nur als sichtbare, unmittelbare Schä-digung, sondern auch als jene vermeidbare Beeinträchtigung menschlicher Entfaltung, die aus der sozialen Struktur selbst resultiert (Braun, 2021, S. 10, 11). Sein umfassender Ansatz zielte darauf ab, die theoretisch signifikanten Dimensionen von Gewalt aufzuzeigen und gleichzeitig eine Basis für konkretes Handeln zur Schaffung von Frieden zu legen (Braun, 2021, S. 11).
Im Gegensatz zur personalen, also der direkten Gewalt, die an sichtbare Akteur:innen gebunden ist und manifest wirkt, ist strukturelle Gewalt systemimmanent und indirekt (Braun, 2021, S. 14). Sie bedarf keiner expliziten Täter:innen, die direkten Schaden zufügen, sondern äußert sich in unglei-chen Machtverhältnissen und Lebenschancen. Diese Form der Gewalt wirkt unterschwellig und ist oft unsichtbar, da die klare Subjekt-Objekt-Beziehung, wie sie bei direkter Gewalt vorliegt, fehlt
Galtung identifizierte in seiner Theorie verschiedene Formen struktureller Gewalt, die die Selbstent-faltung von Individuen einschränkt (Galtung, 1998, S. 347). Dazu gehören Ausbeutung, bei der be-stimmte Gruppen (Topdogs) auf Kosten anderer (Underdogs) unverhältnismäßig profitieren und ihnen grundlegende Bedürfnisse entzogen werden. Ergänzt wird dies durch Marginalisierung, die Menschen an den Rand der Gesellschaft drängt und zur Bedeutungslosigkeit verurteilt, sowie Frag-mentierung, die eine Organisierung gegen Ausbeutung und Unterdrückung verhindert. Diese Me-chanismen sind darauf ausgelegt, Bewusstseinsbildung und Mobilisierung zu unterbinden, welche für den Kampf gegen strukturelle Ungerechtigkeit jedoch notwendig wären (Galtung, 2021, S. 172, 173).
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 (Einleitung): Dieses Kapitel führt in das Thema ein, beleuchtet die Problemstellung und Relevanz der strukturellen Unsicherheit für Geflüchtete im Kontext der Sozialen Arbeit und formuliert die zentrale Forschungsfrage und Zielsetzung der Arbeit.
Kapitel 2 (Flucht, Asyl und psychische Gesundheit – Eine Annäherung): Hier werden die theoretischen Grundlagen der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), der rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen für Geflüchtete, Judith Hermans Stufenmodell der Traumatherapie und Johan Galtungs Konzept der strukturellen Gewalt detailliert dargelegt.
Kapitel 3 (Methodisches Vorgehen und Literaturarbeit): Das Kapitel beschreibt die systematische Literaturanalyse als Forschungsmethode, erläutert die Suchstrategie und Auswahlkriterien der Literatur sowie die Grenzen und Reflexionen des methodischen Vorgehens.
Kapitel 4 (Erkenntnisse aus der Literaturanalyse): Dieses Kapitel präsentiert die zentralen Ergebnisse der systematischen Literaturanalyse, insbesondere die Auswirkungen rechtlicher Unsicherheit auf das seelische Wohlbefinden, strukturelle Gewalt als Heilungshindernis, sowie Ressourcen und professionelle Herausforderungen in der traumasensiblen Sozialen Arbeit.
Kapitel 5 (Diskussion): Hier werden die gewonnenen Erkenntnisse im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs diskutiert, ihre Bedeutung im Kontext von Flucht und Trauma gedeutet, politische Implikationen abgeleitet und eine kritische Selbstreflexion vorgenommen.
Kapitel 6 (Fazit): Das abschließende Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen, formuliert konkrete Konsequenzen für die Praxis der Sozialen Arbeit und gibt einen Ausblick auf zukünftige Forschungsdesiderate.
Schlüsselwörter
Trauma, Geflüchtete, Asylsystem, Strukturelle Gewalt, Soziale Arbeit, Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), psychosoziales Wohlbefinden, Aufenthaltsstatus, Traumatherapie, Migration, Diskriminierung, Heilungsprozess, Prävention, Resilienz, Interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den komplexen Zusammenhang zwischen struktureller Unsicherheit im Asylsystem und den psychosozialen Folgen für geflüchtete Menschen, insbesondere im Hinblick auf Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS).
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die psychische Gesundheit von Geflüchteten, die Auswirkungen eines unsicheren Aufenthaltsstatus, das Konzept der strukturellen Gewalt nach Galtung, das Stufenmodell der Traumatherapie nach Herman und traumasensible Handlungsansätze in der Sozialen Arbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, fundierte Erkenntnisse über die Auswirkungen struktureller Unsicherheit auf traumatisierte Menschen zu gewinnen und praxisnahe Impulse für die Soziale Arbeit abzuleiten. Die zentrale Forschungsfrage lautet: "Wie wirkt sich ein unsicherer Aufenthaltsstatus auf das psychosoziale Wohlbefinden bei Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen aus und wie kann Soziale Arbeit sich dazu traumasensibel verhalten?"
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer systematischen Literaturanalyse (Systematic Literature Review – SLR), um bestehende wissenschaftliche Erkenntnisse zu sammeln, zu bewerten und zu synthetisieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil der Arbeit befasst sich mit den theoretischen Grundlagen von Flucht, Asyl und psychischer Gesundheit, einschließlich PTBS, dem Stufenmodell der Traumatherapie und struktureller Gewalt. Weiterhin werden die Erkenntnisse aus der Literaturanalyse zur Wirkung rechtlicher Unsicherheit und traumasensiblen Ansätzen präsentiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Trauma, Geflüchtete, Asylsystem, Strukturelle Gewalt, Soziale Arbeit, PTBS und psychosoziales Wohlbefinden.
Wie beeinflusst das Asylsystem die psychische Gesundheit von Geflüchteten?
Das Asylsystem kann durch bürokratische Hürden, eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung und die ständige Bedrohung durch Abschiebung als eine Form struktureller Gewalt wirken, die Lebensbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten von Geflüchteten kontinuierlich einschränkt und ihre psychische Gesundheit erheblich belastet.
Welche Rolle spielt das Stufenmodell der Traumatherapie von Judith Herman in dieser Analyse?
Das Stufenmodell von Judith Herman dient als theoretischer Rahmen, um Heilungsprozesse bei traumatisierten Menschen zu verstehen. Die Analyse zeigt, dass strukturelle Unsicherheit die für die erste Phase der Traumatherapie (Sicherheit und Stabilisierung) notwendigen Voraussetzungen untergräbt.
Warum ist traumasensible Soziale Arbeit nicht auf individuelle Interventionen beschränkt?
Traumasensible Soziale Arbeit muss über individuelle Interventionen hinausgehen, da Trauma nicht nur ein individuelles, sondern auch ein strukturelles Problem darstellt. Sie erfordert, dass strukturelle Gegebenheiten mitgedacht und kritisch hinterfragt werden, um nachhaltige Stabilisierung und Heilung zu ermöglichen.
Welche Herausforderungen ergeben sich für Fachkräfte der Sozialen Arbeit im Umgang mit traumatisierten Geflüchteten?
Fachkräfte sind einem hohen Risiko sekundärer Traumatisierung ausgesetzt und müssen innerhalb restriktiver staatlicher Systeme agieren. Sie stehen im Spannungsfeld zwischen einem helfenden Berufsethos und der Notwendigkeit, strukturelle Barrieren anzusprechen und zu überwinden, die die Versorgung erschweren.
- Citar trabajo
- Anonym (Autor), 2025, Strukturelle Unsicherheit und psychosoziale Folgen für Geflüchtete, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1670831