Sprache und Identität

Untersuchung des Einflusses von Sprache auf identitätskonstituierende Prozesse und Analyse des Galicischen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Analyse des Zusammenhangs von Sprache und Identität unter den Aspekten langue und parole
1.1. Langue – Semantische Perspektive
1.2. Parole – Interaktive Perspektive

2. Untersuchung varietätenlinguistischerEinflüsse auf die Identitätsbildung

3. Mehrsprachigkeit und Identität

4. Das Verhältnis von Sprache und Identitätam Beispiel des Galicischen
4.1 Historischer Abriss der Sprachgeschichte des Galicischen
4.2. Identität und Sprecherbewusstsein

5. Fazit und Ausblick

Bibliografie

Einleitung

„Identität durch Sprache“ – Diese Überschrift zu einem Aufsatz von Christiane Thim-Mabrey (2003, 2)beinhaltet eine Grundannahme, die in dieser Arbeit hinterfragt werden soll. Identitätskonstituierende Merkmale sind im menschlichen Umfeld vielfach gegeben, doch stellt die Sprache und die Sprachverwendung tatsächlich ein übergeordnetes Kriterium, wenn nicht das wichtigste Kriterium im Prozess der Bildung einer Identität dar, oder ist sie nur ein kleiner Faktor unter vielen?

Weiterhin stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien die Primärsprache ausgewählt wird und ob externe Faktoren und Vorgaben, wie beispielsweise politische oder subjektive Bewertungen der Sprache, einen grundlegenden Einfluss auf Sprache haben und demnach Identität geben können.

In der vorliegenden Arbeit wird zunächst der Begriff der Identität definiert und im Hinblick auf sprachliche Faktoren untersucht. Die beiden Perspektiven langue und parole stellen im ersten Teil zwei wichtige Ausgangspunkte dar. Nach der Erläuterung und Darstellung unterschiedlicher Analyseverfahren, um den generellen Zusammenhang und die Wichtigkeit von Sprache und Identität untersuchen zu können, wird das spezielle Feld der varietätenlinguistischen Einflüsse auf die Identitätsbildung untersucht. Es wird hier eine generelle Verortung des Dialekts in Bezug zur Standardsprache in Spanien versucht. Weiterführend wird die Untersuchung den Aspekt der Mehrsprachigkeit beleuchten. Darin wird die Fragestellung behandelt, inwiefern sich Bilingualismus, bzw. bilinguale Tendenzen und Einflüsse, speziell in Bezug auf Dialekte und Standardsprache, auf die Identitätsbildung auswirken: ob sie identitätsfördernd sind, ob sie plurielle Identitäten ausbilden und ob eine einheitliche Identität mit dem Einfluss mehrerer Sprachen überhaupt möglich ist. Diese generellen und theoretischen Erkenntnisse, sowie die Analyseverfahren werden im letzten Teil der Arbeit exemplarisch am spanischen Dialekt Galicisch angewandt. Für eine detaillierte Betrachtung sind hier zunächst der historische Kontext und die Sprachgeschichte wichtig, bevor danach eine Einschätzung der Stellung des Galicischen, des Einflusses auf den Identifikationsprozess der Galicier, des Zusammenhangs mit ihrer Kultur, der Politik und der Wirtschaft getätigt wird. Anhand der Untersuchungsergebnisse wird abschließend eine Prognose erstellt, wie sich das Galicische im globalen Kontext in nächster Zeit entwickeln wird und wie groß dabei der Zusammenhang von Identifikation mit der Sprache und Spracherhalt ist.

1. Analyse des Zusammenhangs von Sprache und Identität unter den Aspekten langue und parole

Bevor nun zunächst eine Untersuchung auf sprachwissenschaftlicher Ebene durchgeführt wird, ist eine Erklärung und Eingrenzung des Terminus „Identität“ erforderlich. In dieser Arbeit wird „Identität“ zum einen als „selbst erlebte innere Einheit einer Person“ (Thim-Mabrey 2003, 1) und zum anderen im Sinne einer „völligen Übereinstimmung mit jemandem, in Bezug auf etwas, Gleichheit“ (ebd., 1) verstanden. Identität wird demnach als eine höchst persönliche und individuelle Eigenschaft angesehen, die einen Menschen konstituiert und einen großen Teil seiner Persönlichkeit ausmacht. Ebenso wird Identität auch auf der höheren Ebene einer gesellschaftlichen und kulturellen Gemeinschaftals Teilmenge von gemeinsamen Interessen und Ansichten verstanden und ist als „Gruppenidentität“ (Oppenrieder/Thurmair 2003, 41) zu bezeichnen. Beide Erläuterungen zusammenfassend, ist Identität eine „einheitsstiftende Konstruktion, die es erlaubt, Verhaltensweisen und Einstellungen verstehbar zu machen.“ (ebd., 41)

Zwei zentrale Ansatzpunkte der Erforschung des Zusammenhangs von Sprache und Identität sind die Betrachtungen dieses Komplexes aus den Perspektiven langue[1] und parole[2]: Zum einen soll eine Analyse auf der Basis der langue angestellt werden, in der vor allem die semantische Perspektive einen großen Stellenwert einnehmen wird. Zum anderen soll eine interaktive Perspektive beleuchtet werden, welche aus Sicht der parole betrachtet werden soll.

1.1. Langue – Semantische Perspektive

Auf Seiten der langue, nach MartinSteguein Gebilde „fixierter, systematischer Konstruktionen“ (Stegu in Kresic 2006, 162), stehen sich die Positionen von Wilhelm von Humboldt und Leonard Bloomfield gegenüber. Humboldt vertritt den psycholinguistischen Ansatz, dass die Sprache das Denken konstituiert und formt. Jede Gemeinschaft denkt in ihrer eigenen Sprache und vermittelt dadurch ein historisches und kulturell originäres Gut, welches nicht eindeutig durch eine andere Sprache auszudrückenist. Selbst wenn es ein äquivalentes Wort in einer anderen Sprache gibt, ergeben sich gravierende bedeutungsunterscheidende Merkmale, da es in einer anderen Gesellschaft und unter anderen historischen Bedingungen entstanden ist. Nach Humboldt unterscheiden sich die unterschiedlichen Sprachen nicht nur in ihrem Klang, sondern transportieren auch eine andere Weltsicht. (vgl. Morgenthaler García 2008, 71-73)

Leonard Bloomfield vertritt dagegen eine konträre Meinung. Er sieht als Unterschied zwischen den Sprachen lediglich die externe Erscheinung als Gestalt der unterschiedlichen Wörter an. Seine These, dass jede Sprache dieselben semantischen Inhalte nur anders bezeichnet,behauptet damit, dass alle Sprachen „dieselben Realitäten“ (Bloomfield in Morgenthaler García 2008, 71) abbilden und diese nur mit unterschiedlichen Phonemen lautlich darstellen. (vgl. Morgenthaler García 2008, 71-73)

In den 1930er Jahren wurde die These von Humboldt von den LinguistenAdam Schaff, Edward Sapir und BenjaminWhorf wiederaufgenommen und weitergeführt. Demnach seien Wörter, sprich lexikalische Einheiten, nicht nur Übermittler von Nachrichten, sondern ebenfalls „Behältnisse einer Kultur.“ (Morgenthaler García 2008, 72) Durch ihre Verwendung wird diese Kultur implizit zusammen mit der expliziten Nachricht übermittelt. Damit ist die Sprache eng mit der Kultur und der Geschichte einer Gesellschaft verwoben. Sie „formt ihr eigenes Umfeld und wird zugleich von diesem in ihren Strukturen festgelegt.“ (Kalden 2007, 8) Sprachen werden somit nicht „rein funktionalistisch als Werkzeug oder Instrument der Selbstkonstitution“ (Kresic 2006, 163; vgl. auch Kalden 2007, 9-10) angesehen, sondern als kreatives Element.

1.2. Parole – Interaktive Perspektive

Die parole, als „Modus der Identitäts- und Wirklichkeitskonstruktion im Gespräch“ (Kresic 2006, 162)wird, im Gegensatz zum theoretischen kompetenzorientierten Prinzip der langue, im Zusammenhang mit dem Konzept der Identität als Interaktion bezeichnet.Bei Marjana Kresic ist zu lesen, dass „Sprache in erster Linie als Performanzphänomen eine identitätskonstituierende Rolle spielt“ (ebd., 161). Die Interaktion ist das zentrale Medium, um jedwede Form der Identität zu konstituieren. (bspw. individuelle -, kollektive -, professionelle Identität, etc.) (vgl. Morgenthaler García 2008, 78) Der Stellenwert dieses Mediums wird durch Edward E. Sampson mittels seines „dialogical turn“ (Sampson in Morgenthaler García 2008, 78) aufgezeigt. Dieser beschreibt alle menschlichen Wesen als „dialogisch und konversationell, deren Leben durch Konversationen konstituiert ist.“ (Morgenthaler García 2008, 79) Damit wird der enge Zusammenhang von Sprache und Identität gefestigt, da Sampson davon ausgeht, dass die Identität eines Menschen sich nur durch den Dialog, in Interaktion mit anderen und durch Abgrenzung von diesen bildet. Auch Oppenrieder/Thurmair bekräftigen, dass Identität auch „zur Abgrenzung gegenüber anderen Personen“ (Oppenrieder/Thurmair 2003, 40-41) dient. Allerdings ist nicht verständlich, warum der Aspekt bei diesen Autoren als negativ angeführt wird (vgl. ebd., 40), da eine Abgrenzung von anderen im Sinne der Individualität nicht pejorativ zu verstehen ist. Mit einem kommunikativen Meinungsaustausch geht gleichzeitig eine Meinungsbildung einher.Halwachs bekräftigt ebenfalls die interaktionistische These, da er davon ausgeht, dass „Identität sprachlich konstruiert wird, d.h. Resultat von Prozessen der interaktiven Teilnahme an verschiedenen Sprachspielen ist.“ (Halwachs in Kresic 2006, 182)Blas Aroyo (2005, 374) setzt sogar die Sprache wichtiger als andere extralinguistische Faktoren an, da sie eine klare Entscheidung gegenüber anderen potentiellen Sprachen darstellt. Dieser Standpunkt wird auch von dem US-Philosophen und Psychologen Herbert Mead vertreten, der im Umkehrschluss gar behauptet, dass eine Person ohne jegliche soziale Kontakte keine Möglichkeit hat, eine Identität zu entwickeln. (vgl.Mead in Morgenthaler García 2008, 79)Auch Kalden (2007, 33-34) geht davon aus, dass Identität aufgrund der „langjährigen Wechselwirkungen zwischen einer Person und dem sie umgebenden sozialen Raum“entsteht und führt den Begriff des „homo sociologicus“ an. Die Sozialisation und die Identitätsbildung eines Menschen können und müssen demnach „in seinem Umfeld“ stattfinden. In Oppenrieder/Thurmair (2003, 41) wird ein ähnlicher, jedoch ein stärker differenzierter Standpunkt vertreten. Auch hier wird von „Gruppenidentitäten“ gesprochen, jedoch wird dabei der Aspekt betont, dass sich eine solche gruppenbezogene Identität aus den individuellen Identitäten der einzelnen Mitglieder entwickelt. Es wird demnach die wechselseitige Abhängigkeit von individueller und kollektiver Identität (Gruppenidentität) herausgestellt.Kresic bezieht sich nun auf die vorrangige Wichtigkeit der parole gegenüber der langue in identitätskonstituiven Prozessen. Sie betont zwar, dass zwischen den beiden Aspekten eine reziproke Evokation herrscht, schreibt jedoch aufgrund der „sprecherspezifischen Ausprägungen“ und dem Erkennen der Identitäten der jeweiligen Gesprächspartner,der parole eine vorrangige Wichtigkeit in identitätskonstituierenden Prozessen zu. (Kresic 2006, 163)

Dieobigen Erläuterungen sollen den engen Zusammenhang und die Wichtigkeit von Sprache, vor allem im üblichen Medium der Interaktion, und Identität verdeutlichen.Es sollte darüber hinaus dargelegt werden, dass die unterschiedlichen Formen des Sprechensals „grundlegende Modi der Identitätskonstitution, als menschliche Lebensformen“ (Kresic 2006, 163) betrachtet werden müssen.

[...]


[1] Dieser Begriff wurde von EugenioCoseriu geprägt undals Sprachkompetenz, als die einzelne historische Sprache beschrieben, welche es mit dem Konzeptder Identität zu vergleichen gilt. (vgl. Morgenthaler García 2008, 69)

[2] Auch dieser Begriff wurde von Coseriu geprägt und beschreibt in Abgrenzung zur langue situationsbedingteTexte oder Diskurse. (vgl. Morgenthaler García 2008, 69)

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Sprache und Identität
Untertitel
Untersuchung des Einflusses von Sprache auf identitätskonstituierende Prozesse und Analyse des Galicischen
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Romanische Philologie)
Veranstaltung
Las lenguas de la Península Ibérica
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
28
Katalognummer
V167294
ISBN (eBook)
9783640837373
ISBN (Buch)
9783640837618
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprache und Identität, Untersuchung des Einflusses von Sprache auf identitätskonstituierende Prozesse und Analyse des Galicischen, langue, parole, Semantische Perspektive, Interaktive Perspektive, Identitätsbildung, Mehsprachigkeit, Galicisch, Das Galicische, Sprachgeschichte des Galicischen, Sprecherbewusstsein, Gruppenidentität, Sprache als Polysystem, Dynamisches Repertoire, Repertoire-Erwerb, Repertoire-Shift, high variety, low variety, Sprache als Identitätsmerkmal, Codeswitching, Doppelte Identität, Plurielle Identität, Multikulturelle Persönlichkeit, Primärkultur, Einheitliche Identität, Kooffizialität, Diglossischer Bilingusimus, Varietät, autoodio, Globale Identität, Identitätserweiterung, regalleguización, Funktionale Sprachwahl, Sozialisation
Arbeit zitieren
Carlos Steinebach (Autor), 2010, Sprache und Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167294

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