Die Kritische Erziehungswissenschaft in ihrer heutigen sehr differenzierten
Ausprägung ist nicht alleine von der Kritischen Theorie beeinflußt worden. Sie ist
keinesfalls nur „Pädagogik der Kritischen Theorie“1, widerspricht deren
wissenschaftlichem und gesellschaftlichem Verständnis sogar in einigen Punkten. Um
ein vollständiges Bild der theoretischen Bezüge Kritischer Erziehungswissenschaft zu zeichnen, müßte also nicht nur deren Bezugnahme auf die Kritische Theorie, sondern
z.B. auch die Selbstkritik der Geisteswissenschaftlichen Erziehungswissenschaft in
Betracht gezogen werden, die die Kritische Erziehungswissenschaft ebenso stark
beeinflusst hat.2
Die Gemeinsamkeiten zwischen Kritischer Theorie und Erziehungswissenschaft
liegen jedoch trotz allem nicht nur im Namen, die Beeinflussung durch die Kritische
Theorie vor allem Habermas´ ist deutlich erkennbar.3
In der vorliegenden Arbeit werde ich also die Gemeinsamkeiten beider Theorien
darstellen, ohne dabei auf ihre Unterschiede einzugehen. Ich werde zuerst auf die
Kritische Theorie, ihre theoretischen Bezüge, ihr Wissenschaftsverständnis und ihre
Methodik eingehen. Anschließend werde ich die Hauptthesen der Kritischen
Erziehungswissenschaft skizzieren und abschließend herausarbeiten, in welchen
Punkten die Kritische Erziehungswissenschaft der Kritischen Theorie entspricht und
inwiefern sie deren Thesen in ihr Wissenschaftsverständnis mit eingebaut hat.
1 Keckeisen, W. „Kritische Erziehungswissenschaft.“ In: Theorien und Grundbegriffe der Erziehung
und Bildung. D. Lenzen und K. Mollenhauer (Hrsg.). 118.
2 Vgl. Krüger, Heinz-H. Einführung in Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. 58.
3 Vgl. Groothoff, Hans-H. „Erziehung zur Mündigkeit bei Adorno und Habermas.“ In: Kritische
Theorie und Pädagogik der Gegenwart. F. Hartmut P. (Hrsg.). 76.
Gliederung
1. Einleitung
2. Die Kritische Theorie
2.1. Zu den Hauptthesen
2.1.1. Gesellschaftsbild und Ziele
2.1.2. Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft
2.1.3. Verhältnis von Theorie und Praxis
2.2 Zur Methodik
2.2.1 Ideologiekritik
2.2.2. Diskursethik
3. Die Kritische Erziehungswissenschaft
3.1. Zu den Hauptthesen
3.1.1 Das Emanzipationspostulat
3.1.2 Verhältnis von Erziehungswissenschaft und Gesellschaft
3.1.3. Verhältnis von erziehungswissenschaftlicher Theorie und Praxis
3.2. Zur Methodik
3.2.1 Ideologiekritik
3.2.2 Handlungsforschung
4. Zusammenfassung
5. Literaturangaben
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen und methodischen Gemeinsamkeiten zwischen der Kritischen Theorie und der Kritischen Erziehungswissenschaft. Ziel ist es, aufzuzeigen, inwieweit erziehungswissenschaftliche Ansätze das Verständnis der Kritischen Theorie, insbesondere im Hinblick auf Emanzipation und gesellschaftliche Verantwortung, in ihr eigenes Wissenschaftsverständnis integriert haben.
- Grundlagen der Kritischen Theorie (Gesellschaftsbild, Wissenschaftsverständnis)
- Emanzipationspostulat in der Erziehungswissenschaft
- Verhältnis von Theorie und Praxis in beiden Disziplinen
- Methodische Ansätze: Ideologiekritik und Handlungsforschung
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Gesellschaftsbild und Ziele
Ziel der frühen Kritischen Theorie war es, einen Zusammenhang aufzuzeigen zwischen den wirtschaftlichen Vorgängen in der Gesellschaft, Veränderungen im kulturellen Bereich und der psychischen Entwicklung des Einzelnen.
Ihrem Selbstverständnis nach ist die Kritische Theorie eine Weiterentwicklung der Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie Marx´, eine Neuinterpretation seiner Überlegungen unter philosophischen, historischen und psychoanalytischen Gesichtspunkten.
Im Gesellschaftsverständnis der Kritischen Theorie lebt der Mensch heute unter einem kapitalistischen Herrschaftssystem, von dem er unterdrückt und von sich selbst entfremdet wird. Dieses System wird unterstützt durch Ideologien, „von Herrschaftsinteresse gesteuerten Rechtfertigungslehren“, die über Medien, Erziehung, Kunst und Werbung zum Teil unbewußt weitergegeben werden und das unterdrückerische System festigen und bestätigen. Während traditionelle Theorie durch das Postulat der Wertfreiheit gesellschaftliche Verhältnisse nur reproduziert und unverändert läßt, sieht sich die Kritische Theorie aufgrund der Erkenntnis, Teil der Gesellschaft zu sein, in gesellschaftlicher Verantwortung. Ihr Ziel ist es deshalb, die Gesellschaft zu einer herrschaftsfreien, gerechten und aufgeklärten „Gemeinschaft freier Menschen“ zu verändern. Das Erkennen der herrschenden Unterdrückung soll den einzelnen Menschen emanzipieren und so zur Emanzipation der gesamten Gesellschaft führen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zur Fragestellung und Abgrenzung des Themas hinsichtlich der Beeinflussung der Erziehungswissenschaft durch die Kritische Theorie.
2. Die Kritische Theorie: Darstellung der theoretischen Bezüge, des Gesellschaftsbildes sowie der methodischen Grundlagen der frühen Kritischen Theorie und der Weiterentwicklung durch Habermas.
3. Die Kritische Erziehungswissenschaft: Analyse der Hauptthesen wie das Emanzipationspostulat und Übertragung der Methoden wie Ideologiekritik und Handlungsforschung auf den erziehungswissenschaftlichen Kontext.
4. Zusammenfassung: Resümee der wechselseitigen Beeinflussung und Erkenntnis, dass die Kritische Theorie einen wesentlichen, aber nicht ausschließlichen Bezugspunkt für die Kritische Erziehungswissenschaft darstellt.
Schlüsselwörter
Kritische Theorie, Kritische Erziehungswissenschaft, Emanzipation, Mündigkeit, Ideologiekritik, Handlungsforschung, Gesellschaftskritik, Wissenschaftsverständnis, Jürgen Habermas, Herrschaftssystem, Theorie und Praxis, Pädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die inhaltlichen und methodischen Verbindungen zwischen der Kritischen Theorie und der daraus inspirierten Kritischen Erziehungswissenschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das Verständnis von Wissenschaft, das Ziel der Emanzipation, die Rolle der Ideologiekritik sowie das Verhältnis zwischen gesellschaftlicher Theorie und pädagogischer Praxis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Identifikation der Punkte, an denen die Kritische Erziehungswissenschaft die Thesen der Kritischen Theorie übernimmt und in ihr eigenes Verständnis integriert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden behandelt?
Die Arbeit analysiert insbesondere die Ideologiekritik als gemeinsames Instrument zur Aufdeckung verdeckter Herrschaftsstrukturen sowie das Konzept der Handlungsforschung.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Kritischen Theorie einerseits und die Anwendung dieser Prinzipien innerhalb der erziehungswissenschaftlichen Disziplin andererseits.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Emanzipation, Mündigkeit, Ideologiekritik, Diskursethik, Herrschaftssysteme und das Verhältnis von Theorie und Praxis.
Welche Rolle spielt die Diskursethik von Habermas für die Pädagogik?
Habermas' Diskursethik beeinflusst die pädagogische Praxis maßgeblich, indem sie den Forschenden dazu anhält, seine eigene Interdependenz zur Gesellschaft im Forschungsprozess zu reflektieren.
Wie unterscheidet sich die Kritische Erziehungswissenschaft vom Primat der Praxis?
Im Gegensatz zur Geisteswissenschaftlichen Erziehungswissenschaft, die das Primat der Praxis fordert, sieht die Kritische Erziehungswissenschaft Theorie und Praxis als gleichberechtigt und wechselseitig voneinander abhängig an.
- Citar trabajo
- Marion Klotz (Autor), 2003, In welchen Punkten bezieht sich die Kritische Erziehungswissenschaft auf die Kritische Theorie?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16735