Diese Arbeit untersucht das sensible Spannungsfeld von Nähe und Distanz in Mentoringbeziehungen des Projekts „Balu und Du“. Auf Grundlage einer qualitativen Gruppendiskussion mit aktiven und ehemaligen Mentorinnen („Balus“) werden zentrale Herausforderungen sichtbar: die Unsicherheit über die eigene Rolle, die Schwierigkeit, persönliche Grenzen zu wahren, Erwartungen auszubalancieren und gleichzeitig eine vertrauensvolle Beziehung zu den Kindern („Moglis“) aufzubauen. Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig Reflexion, klare Rollenbilder und professionelles pädagogisches Handeln sind, um Kindern stabile Beziehungen zu ermöglichen und Mentorinnen in ihrer Kompetenzentwicklung zu stärken.
Diese Studie bietet wertvolle Einblicke für pädagogische Fachkräfte, Studierende, Mentoringorganisationen und alle, die ehrenamtliche Beziehungsarbeit professionell gestalten möchten.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung und Zielsetzung
- 1 Das Mentoringprogramm „Balu und Du“
- 1.1 Aufbau und Ziele
- 1.2 Formen des Kompetenzerwerbs im Projekt
- 2 Theoretische Grundlagen – Der Aushandlungsprozess zwischen Nähe und Distanz
- 2.1 Klärung des Begriffspaares Nähe und Distanz
- 2.2 Bedürfnisse von Kindern in sozialen Beziehungen
- 2.3 Die Ausgestaltung der eigenen Rolle – eine Herausforderung für Balu?
- 3 Qualitative Studie – Gruppendiskussion mit den Balus
- 3.1 Begründung des Gruppendiskussionsverfahrens und Vorstellung der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring
- 3.2 Datenerhebung und Erläuterung des Verfahrens
- 3.3 Transkriptionsregeln
- 4 Auswertung des Datenmaterials
- 4.1 Anwendung des Verfahrens
- 4.2 Zentrale Ergebnisse & Diskussion
- 4.3 Überprüfung der Gütekriterien qualitativer Forschung
- 5 Fazit & Ausblick
- 6 Eigenreflexion
- Literaturverzeichnis
- Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Herausforderungen, denen Mentor*innen im Rahmen des Projekts „Balu und Du“ begegnen, wenn sie das Spannungsfeld von Nähe und Distanz in ihren Mentoringbeziehungen austarieren müssen. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, wie Mentor*innen mit der Ambivalenz des Nähe-Distanz-Begriffs umgehen und welche Implikationen dies für ihre pädagogische Rolle hat, um so Handlungsmöglichkeiten und Lösungsstrategien für die Praxis zu entwickeln.
- Darstellung des Mentoringprogramms „Balu und Du“ mit seinen Zielen und Strukturen.
- Analyse theoretischer Konzepte von Nähe und Distanz in pädagogischen Beziehungen.
- Betrachtung der Bedürfnisse von Kindern in sozialen Beziehungen und deren Einfluss auf Mentoring.
- Erforschung der Rollenausgestaltung von Mentor*innen und den damit verbundenen Herausforderungen.
- Einsatz qualitativer Forschungsmethoden, insbesondere Gruppendiskussionen mit „Balus“.
- Diskussion der zentralen Ergebnisse bezüglich des Nähe-Distanz-Spannungsfelds aus der Mentor*innenperspektive.
Auszug aus dem Buch
2.1 Klärung des Begriffspaares Nähe und Distanz
Eine erste Betrachtung der Begrifflichkeiten findet sich zunächst in der Literatur hinsichtlich typischer Verhaltensweisen und Handlungen des Menschen im Bereich der Psychologie wieder. In dem sogenannten Riemann-Thomann-Modell von Fleisch (2020), werden vier Grundstrebungen des Menschen darlegt, welche auf jene Verhaltensweisen eingehen: Dauer und Wechsel auf der vertikalen Achse der Berechenbarkeit und Nähe und Distanz auf der horizontalen Achse der Abgegrenztheit (vgl. S. 22). Relevant für die vorliegende Arbeit ist Letztere, da sie das Verhältnis zwischen dem Streben nach vertrautem Kontakt und dem Streben nach Abgrenzung darstellt, welches in der Zweier-Beziehung von Balu und Mogli austariert werden muss.
Die Nähestrebung beschreibt der Autor als einen „Wunsch nach vertrautem Nahkontakt“ (Fleisch, 2020, S. 23). Das Bedürfnis, emotionale Bindungen aufzubauen, Zwischenmenschlichkeit zu erfahren sowie gemeinsame soziale Interessen zu verfolgen stehen dabei im Fokus (vgl. ebd.). Auch die Sehnsucht „lieben zu können und geliebt zu werden" (ebd.) findet sich auf dieser Achse wieder und ist gekoppelt mit den Bedürfnissen nach Zärtlichkeit, Geborgenheit und Harmonie sowie Vertrauen und Mitgefühl (vgl. ebd.). Am anderen Ende der Achse steht die Distanzstrebung, in welcher sich der „Wunsch nach Abgrenzung von anderen Menschen, um ein eigenständiges [...] Individuum sein zu können" (ebd.) äußert. Wenn ein solches Verlangen besteht, spielen Bedürfnisse der Einmaligkeit, Unabhängigkeit und der Wunsch nach dem Erlangen eines Freiheitsgefühls im Sinne von Autonomie eine signifikante Rolle, wobei auch der Wunsch nach Respekt für die eigenen Leistungen bestehen kann (vgl. ebd.).
Dörr und Müller (2012) erläutern, dass es sich bei den Begriffen Nähe und Distanz um eine metaphorische „Bewegung im Raum (und in der Zeit)“ (S. 7) handelt. Gemeint ist eine „Annäherung an oder Distanzierung von andere(n) Menschen“ (ebd.), welche durch konkrete Vorstellungen eines Menschen geprägt sind und in Interaktionsprozessen zum Vorschein kommen (vgl. ebd.). Übertragen auf das Verhältnis zwischen Balu und Mogli, handelt es sich demnach um subjektiv empfundene Erfahrungen im Raum, die stetig veränderbar sind und von beiden Seiten des Tandem-Gespanns unterschiedlich interpretiert werden können. Der Fokus liegt dementsprechend darauf, „ein jeweils als,richtigʻ empfundenes Maß von Nähe und Distanz“ (Dörr & Müller, 2012, S. 7) herzustellen.
Ferner stellen die Autor*innen eine körperliche Nähe- und Distanzwahrnehmung dar. Es wird davon ausgegangen, dass in sozialen Kontexten jeder Mensch mit seinem leiblichen Dasein in einem eigenen Erfahrungsraum steht und mit diesem Kontakt zur äußeren Welt schaffen kann (vgl. ebd.). Dieser Kontakt lässt den Menschen zwischen „Innen und Außen, Nahem und Fernen“ (ebd.) entscheiden und gibt darüber Auskunft, welche Berührungen, Handlungen oder Interaktionen – die in diesem äußeren Bereich stattfinden – im Inneren als (un)angenehm empfunden werden. Je nachdem, welche Erfahrungen der/die Balu oder Mogli mit körperlicher Nähe oder Distanz in der Vergangenheit gemacht hat, können unterschiedliche Erwartungshaltungen auftreten. Manche*r Mentee empfindet beispielsweise ein angenehmes Gefühl, wenn sich zur Begrüßung umarmt wird, wohingegen andere zufrieden mit einer Begrüßung sind, die keinen körperlichen Kontakt fordert. Auf Seiten der Mentor*innen sind diese Empfindungen selbstverständlich gleichermaßen zu berücksichtigen und sollten stets innerhalb des Tandem-Gespanns kommuniziert werden. Wenn dies nicht erfolgt, können Unsicherheiten und/oder Vermeidungsverhalten entstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung und Zielsetzung: Die Einleitung führt in die Komplexität ehrenamtlicher Mentoringbeziehungen ein und beleuchtet die Herausforderungen, denen Mentor*innen im Projekt „Balu und Du“ begegnen, insbesondere im Spannungsfeld von Nähe und Distanz.
1 Das Mentoringprogramm „Balu und Du“: Dieses Kapitel stellt das Mentoringprogramm „Balu und Du“ vor, erläutert dessen Aufbau, Ziele und die Formen des Kompetenzerwerbs innerhalb des Projekts für Mentor*innen und Mentees.
2 Theoretische Grundlagen – Der Aushandlungsprozess zwischen Nähe und Distanz: Hier werden die theoretischen Konzepte von Nähe und Distanz in pädagogischen Beziehungen erörtert, einschließlich kindlicher Bedürfnisse und der Rollenausgestaltung der Mentor*innen.
3 Qualitative Studie – Gruppendiskussion mit den Balus: Das Kapitel begründet die Wahl der Gruppendiskussion als qualitative Forschungsmethode und stellt die Durchführung sowie die Transkriptionsregeln vor, um kollektive Erfahrungen zu erfassen.
4 Auswertung des Datenmaterials: Dieses Kapitel präsentiert die Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse der Gruppendiskussionen, strukturiert in Kategorien zu den Herausforderungen der Mentor*innen bezüglich des Spannungsfeldes von Nähe und Distanz.
5 Fazit & Ausblick: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen, dass Mentor*innen zwischen professioneller Distanz und dem Bedürfnis nach Nähe abwägen müssen, und gibt einen Ausblick auf zukünftige Forschungsfragen.
6 Eigenreflexion: In diesem Kapitel reflektiert die Autorin den eigenen Forschungsprozess, die gewählte Methodik und die Limitationen der Studie, insbesondere hinsichtlich der Auswahl des Impulses für die Gruppendiskussion.
Schlüsselwörter
Mentoringbeziehungen, Nähe und Distanz, Balu und Du, ehrenamtliche Arbeit, pädagogische Professionalität, Rollenverständnis, Kinder, soziale Beziehungen, qualitative Forschung, Gruppendiskussion, Inhaltsanalyse Mayring, Herausforderungen, Beziehungsgestaltung, Grenzsetzung, informelles Lernen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit befasst sich mit dem Spannungsfeld von Nähe und Distanz in ehrenamtlichen Mentoringbeziehungen, insbesondere im Projekt „Balu und Du“, und untersucht die Herausforderungen, denen Mentor*innen dabei begegnen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind das Mentoringprogramm „Balu und Du“, theoretische Grundlagen von Nähe und Distanz, die Bedürfnisse von Kindern in sozialen Beziehungen, die Rollengestaltung der Mentor*innen und die Ergebnisse einer qualitativen Studie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, herauszustellen, vor welchen Herausforderungen Mentor*innen stehen, wenn sie der Ambivalenz des Nähe-Distanz-Begriffs in ihrer Mentoringbeziehung im Projekt „Balu und Du“ begegnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine qualitative Forschungsmethode angewendet, konkret Gruppendiskussionen mit Balu-Mentor*innen, deren Daten mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des Nähe-Distanz-Verhältnisses, die Methodik der Gruppendiskussion sowie die detaillierte Auswertung und Diskussion der gesammelten Daten, strukturiert in thematische Kategorien der Herausforderungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Mentoringbeziehungen, Nähe und Distanz, „Balu und Du“, Ehrenamt, pädagogische Professionalität, Rollenverständnis, Kinder und qualitative Forschung.
Warum wird der Freundschaftsbegriff im Kontext von Mentoringbeziehungen im Projekt „Balu und Du“ kritisch diskutiert?
Der Freundschaftsbegriff wird kritisch diskutiert, da die Mentor*innen eine professionelle Distanz wahren möchten und die Beziehung durch Faktoren wie Altersunterschied, zeitliche Begrenzung des Projekts und die zugewiesene Rolle als Mentor*in als andersartig als eine „echte“ Freundschaft wahrnehmen.
Welche Rolle spielt die zeitliche Begrenzung des Projekts für die Beziehungsgestaltung zwischen Balu und Mogli?
Die zeitliche Begrenzung des einjährigen Projekts und die wöchentlichen Treffen werden von den Balus als Schwierigkeit für eine positive Beziehungsgestaltung wahrgenommen, da sie befürchten, dass ein zu enger emotionaler Bezug nach Projektende für die Mentees enttäuschend sein könnte.
Wie gehen die Mentor*innen mit dem Aushandlungsprozess von Nähe und Distanz um, insbesondere in Bezug auf persönliche Informationen und familiäre Probleme der Mentees?
Die Mentor*innen versuchen, eine professionelle Distanz zu wahren und setzen persönliche Grenzen, insbesondere wenn es um das Teilen privater Details oder die Einbeziehung in familiäre Probleme der Mentees geht, um eine Überforderung zu vermeiden.
Welche Unsicherheiten bestehen bei den Mentor*innen hinsichtlich ihrer Rollenzuweisung im Projekt?
Es besteht Unsicherheit darüber, ob sie sich als Freund*in, große Schwester/Bruder, Student*in, Vertrauensperson oder Pädagog*in definieren sollen, was auf ein Antinomieerleben zwischen gewünschter Nähe und notwendiger Distanz hinweist.
- Citation du texte
- Lena Jüdt (Auteur), 2024, Das Spannungsfeld von Nähe und Distanz in Mentoringbeziehungen im Projekt "Balu und Du", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1674511