„Es war einmal (…)“ – mit diesen für das Volksmärchen typischen Worten wird "Das schwarze Schäflein" eingeleitet. Dem Volksmärchen zuordnen lässt es sich jedoch nicht, sondern der Gattung des Kunstmärchens, die sich laut dem Literaturwissenschaftler Volker Klotz um das sechzehnte Jahrhundert herum etablierte. Trotz der formalen Orientierung am Volksmärchen, zum Beispiel an seinem Motivrepertoire, deren ‚Originaltreue‘ variieren kann, unterscheiden sich Volks- und Kunstmärchen in vielerlei Hinsicht, unter anderem im Aspekt der Autorschaft. Die für das Volksmärchen charakteristische mündliche Tradierung, welche die genaue Rückverfolgung der Erzählungen zu einem einzelnen Urheber praktisch unmöglich macht, ist beim Kunstmärchen in dieser Form nicht vorhanden. Der produktive Ursprung von Das schwarze Schäflein ist bekannt, es handelt sich hierbei um die Verfasserin dieser Hausarbeit, wodurch die Kategorisierung als Volksmärchen bereits ausgeschlossen wird. Dies ist jedoch für die Unterscheidung der beiden Märchentypen nicht ausreichend. Im Vergleich zum Volksmärchen können Kunstmärchen einen höheren Grad der Komplexität aufweisen.
Inwiefern diese Komplexität mit der naiven Ästhetik seines Vorbildes, die von Klotz als „(…) das Gesetz, wonach das [Volks-]Märchen antritt (…)“ bezeichnet wurde, vereinbart werden kann, wird anhand des Beispiels von Das schwarze Schäflein untersucht. Dafür werden zunächst die Begriffe der naiven Moral und der naiven Ästhetik sowie die Merkmale des Typus Kunstmärchen in einem theoretischen Teil erklärt. Auf der Basis dieses kurzen Theorieblocks wird das Verhältnis des vorliegenden Märchens zu besagter Ästhetik im zweiten Kapitel dieser Hausarbeit, mithilfe einer narratologischen Untersuchung und einer näheren Betrachtung der typischen Märchenelemente, literaturwissenschaftlich analysiert.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Analyse von Das schwarze Schäflein
- 2.1 Narratologische Analyse nach Gérard Genette
- 2.2 Gattungsspezifische Analyse
- 3 Fazit
- 4 Literaturverzeichnis
- 5 Anhang
- 5.1 Das schwarze Schäflein
- 5.2 Zwischenergebnisse im Schreibprozess von Das schwarze Schäflein
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern die naive Ästhetik des Volksmärchens in ein Kunstmärchen integriert werden kann, welches sich von seinem Vorbild insbesondere durch seine Komplexität unterscheidet. Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie diese Integration am Beispiel des selbst verfassten Kunstmärchens „Das schwarze Schäflein“ realisiert wird.
- Die Abgrenzung von Volksmärchen und Kunstmärchen
- Die Konzepte der naiven Moral und naiven Ästhetik nach André Jolles und Volker Klotz
- Eine narratologische Analyse nach Gérard Genette
- Eine gattungsspezifische Analyse von Märchenelementen (Zahlensymbolik, Farbsymbolik, Reime)
- Die Rolle von Ironie und Übertreibung als kritische Kommentare
- Die Darstellung und Charakterisierung von Tier- und Menschenfiguren im Märchen
Auszug aus dem Buch
Einleitung
Der Begriff der „naiven Moral“ im Kontext der Gattung des Märchens wurde von dem niederländischen Kunst- und Literaturforscher André Jolles in seinem Werk Einfache Formen, Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Casus, Memmorabile, Märchen geprägt. Dort schreibt er, dass es sich bei der naiven Moral beziehungsweise der „Ethik des Geschehens“11 um die Antwort auf die Frage „wie (...) es in der Welt zugehen [müsse]“12 handle. Die Märchenwelt bilde durch ihre Erfüllung der Anforderungen an die naive Moral, also das, nach einem, was er als „Gefühlsurteil" bezeichnet, gerechte Geschehen, eine Art Gegenwelt zur Realität, die die Leser*innen erfahrungsgemäß als „ungerecht“ empfinden.13
In seinem Werk Das europäische Volksmärchen: Fünfundzwanzig Kapitel seiner Geschichte von der Renaissance bis zur Moderne ordnet Volker Klotz die naive Moral Jolles' der sogenannten „naiven Ästhetik“ unter. Diese Ästhetik zeichne sich durch die sinnliche Wahrnehmbarkeit der Märchenwelt aus,14 wodurch sie sich auf ihren etymologischen Ursprung aus dem Griechischen (aisthētós = wahrnehmbar)15 beruft. Die naive Ästhetik nach Klotz „(...) stell[e] ans Wahrgenommene die einfache Forderung nach Ebenmaß, Kongruenz, bedürfnisloser Sättigung (...)“16. Das bedeutet, dass nur das, was der Leserschaft „von außen“ vermittelt wird, das Inneren des Märchens offenlegen kann. Dabei kann es sich um abstrakte Konzepte wie Reichtum, der sich beispielsweise durch goldene Schlösser und dergleichen ausdrückt¹⁷, aber auch Emotionen wie Trauer, die durch Tränen sichtbar gemacht wird, handeln. Diese Flächenhaftigkeit ist entscheidend für die Konstruktion der Figuren des Märchens. Als Werkzeuge der Handlung sind die Märchenfiguren „(...) allein auf die Geschehensfunktionen hin verplant (...)“18 und zeigen keinerlei psychologische Tiefe.
Stefan Neuhaus zufolge verläuft die Handlung im Kunstmärchen im Gegensatz zum Volksmärchen selten linear. Ebenso gehören genauere Orts- und Zeitangaben nicht mehr zur Ausnahme. Des Weiteren sind flächenhafte Figuren, wie sie eben beschrieben wurden, eher selten vorzufinden. Stattdessen findet man in Kunstmärchen vielschichtige Figuren vor, die sich in ein komplexes Weltbild einfügen und denen häufig kein für Volksmärchen übliches „Happy End“ vorbehalten wird. Auch auf sprachlicher Ebene unterscheidet sich das Kunstmärchen vom Volksmärchen; anstelle von regelmäßigen Formeln und Simplizität wird mit Stilmitteln wie Ironie sowie einem komplexeren Vokabular gespielt. Gemeinsamkeiten der beiden Märchentypen liegen vor allem in der Aufgabe, die dem Helden beziehungsweise der Heldin gestellt wird, sowie den Motiven, welche neben den magischen Elementen auch Zahlen- und Farbsymbolik beinhalten.20
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel unterscheidet zwischen Volks- und Kunstmärchen und führt die Forschungsfrage ein, wie naive Ästhetik am Beispiel von „Das schwarze Schäflein“ in ein Kunstmärchen integriert werden kann.
2 Analyse von Das schwarze Schäflein: Dieses Kapitel analysiert das Kunstmärchen hinsichtlich seiner Erzählstruktur und gattungsspezifischer Aspekte, um die Umsetzung der naiven Ästhetik zu untersuchen.
2.1 Narratologische Analyse nach Gérard Genette: Hier wird die Erzähltheorie von Gérard Genette angewendet, um die Zeit, den Modus und die Stimme der Erzählung in „Das schwarze Schäflein“ systematisch zu untersuchen.
2.2 Gattungsspezifische Analyse: In diesem Abschnitt werden Reime, Zahlen- und Farbsymbolik sowie das Harmonieprinzip in „Das schwarze Schäflein“ betrachtet und deren Bezug zur naiven Ästhetik analysiert.
3 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und beantwortet die Forschungsfrage, indem es die oberflächliche Befolgung der naiven Ästhetik bei gleichzeitiger tieferer Kritik durch Ironie und Übertreibung hervorhebt.
4 Literaturverzeichnis: Dieses Kapitel listet alle wissenschaftlichen Quellen und Referenzen auf, die in der Arbeit zitiert wurden.
5.1 Das schwarze Schäflein: Dieser Unterabschnitt des Anhangs präsentiert den vollständigen Text des Kunstmärchens „Das schwarze Schäflein“.
5.2 Zwischenergebnisse im Schreibprozess von Das schwarze Schäflein: Hier werden Einblicke in den Entstehungsprozess des Märchens gegeben, einschließlich der Entwicklung von Figuren und Handlung sowie der bewussten Verwendung von Ironie.
Schlüsselwörter
Naive Ästhetik, Kunstmärchen, Volksmärchen, Das schwarze Schäflein, Literaturwissenschaft, Narratologie, Gérard Genette, Gattungsmerkmale, Symbolik, Farbsymbolik, Zahlensymbolik, Ironie, Märchenanalyse, Ästhetik, Tierfiguren, Moral.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Integration der naiven Ästhetik des Volksmärchens in ein Kunstmärchen und untersucht, wie dieses trotz seiner Komplexität im Einklang mit seinem Vorbild steht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Abgrenzung von Volks- und Kunstmärchen, die Konzepte der naiven Ästhetik und Moral, narratologische Analysen und die Untersuchung gattungsspezifischer Märchenelemente wie Symbolik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, anhand des Beispiels „Das schwarze Schäflein“ zu ergründen, wie die naive Ästhetik des Volksmärchens in ein Kunstmärchen, das sich durch höhere Komplexität auszeichnet, integriert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die eine narratologische Untersuchung nach Gérard Genette und eine gattungsspezifische Analyse typischer Märchenelemente umfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die detaillierte Analyse von „Das schwarze Schäflein“ bezüglich seiner Erzählstruktur (Zeit, Modus, Stimme) und spezifischer Märchenelemente wie Reime, Zahlensymbolik und Farbsymbolik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Naive Ästhetik, Kunstmärchen, Volksmärchen, Das schwarze Schäflein, Literaturwissenschaft, Narratologie und Symbolik charakterisiert.
Warum wurde „Das schwarze Schäflein“ als Untersuchungsgegenstand gewählt?
„Das schwarze Schäflein“ wurde gewählt, da es sich um einen vom Autor selbst verfassten Text handelt, was tiefe Einblicke in den kreativen Prozess und die bewusste Anwendung der untersuchten Elemente ermöglicht.
Wie wird die traditionelle Farbsymbolik im Märchen umgekehrt?
Entgegen der üblichen Konnotationen steht im „schwarzen Schäflein“ die Farbe Schwarz für positive Eigenschaften und das schwarze Schäflein wird belohnt, während die Farbe Weiß mit negativen Merkmalen assoziiert wird und die weißen Schafe bestraft werden.
Welche Rolle spielen Ironie und Übertreibung in der Analyse?
Ironie und Übertreibung werden als literarische Mittel eingesetzt, um die Muster des Volksmärchens und die naive Moral kritisch zu kommentieren und eine tiefere Reflexion über die scheinbar einfache Märchenwelt anzuregen.
Warum ist der Bauer in der Geschichte keine gerechte Instanz?
Obwohl der Bauer Macht über die Tierfiguren besitzt, widerspricht sein Handeln, das von Zufall und Eigennutz anstatt moralischer Konsequenzen geprägt ist, der Vorstellung einer gerechten Weltordnung und dient der Kritik an der naiven Moral.
- Citar trabajo
- Leonie Wagner (Autor), 2024, Naive Ästhetik in Kunstmärchen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1675529