Transnationale Migrationsprozesse in der srilankisch-tamilischen Migrationslandschaft der 2. Generation in Deutschland


Magisterarbeit, 2010
199 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

I. ALLGEMEINER TEIL
1.1 Einleitung
1.2 Migration und ihre unterschiedlichen Ausprägungen
1.2.1 Migration
1.2.2 Transnationale Migration
1.2.2.1 Transnationalität - Begriffserläuterung
1.2.2.1.1 Transnationale soziale Räume
1.2.2.1.2 (Transnationale) Soziale Netzwerke
1.2.2.1.3 (Transnationale) Moralische Ökonomie
1.2.3 Zusammenfassend: Migrationstypen
1.2.3.1 Immigranten
1.2.3.2 Rückkehrmigranten
1.2.3.3 Diasporamigranten
1.2.3.4 Transmigranten
1.3 Hintergrundinformationen zu Sri Lanka und zu den Sri Lanka-Tamilen
1.3.1 Sri Lanka - Land und Bevölkerung
1.3.2 Ethnischer Konflikt in Sri Lanka
1.3.3 Entstehung der srilankisch-tamilischen Diaspora
1.3.4 Tamilen in der Bundesrepublik Deutschland
1.3.4.1 Migrationsgeschichte
1.3.4.2 Soziodemografische Daten und Siedlungsstruktur
1.3.4.3 Tamilische Religiosität - Hamm und Kevelaer
1.3.4.4 Sozio-kulturelle Vereine und Organisationen
1.3.4.5 Medien und politische Haltung
1.3.4.6 Tamilische Volksidentität
1.3.4.7 Zweite Generation

II. EMPIRISCHER TEIL
2.1 Fragestellung
2.2 Forschungsdesign
2.2.1 Erhebungsmethoden
2.2.1.1 Fragebogen
2.2.1.2 Biografisch-narratives Interview
2.2.2 Auswertungsmethode
2.2.2.1 Auswertungsmethode: Grounded Theory
2.3 Auswahl der Interviewpersonen und befragten Personen
2.4 Erster Empirischer Teil: Fragebögen
2.4.1 Befragte Personen
2.4.1.1 Kontakt- und Erhebungsphase
2.4.1.2 Überblick über die befragten Personen
2.4.2 Analyse
2.4.2.1 Linguistische Dimension
2.4.2.2 Räumliche Dimension
2.4.2.3 Soziale Dimension
2.4.2.3.1 Übersicht über Familien-, Verwandten- und Freundschaftsstrukturen in Sri Lanka
2.4.2.3.2 Übersicht über Familien-, Verwandten- und Freundschaftsstrukturen im übrigem Ausland
2.4.2.3.3 Vernetzung durch Kommunikationsmedien
2.4.2.3.4 Bezug zum Heimatland Sri Lanka
a) Verbundenheit mit Sri Lanka 61 Exkurs: TBV - Tamilische Bildungsvereinigung e.V. 2 Exkurs: TYO - Tamil Youth Organisation Germany
b) Politisches Geschehen und mediale Vernetzung der Befragten66 Exkurs: Tamilische Medien
c) Beziehung zur tamilischen Kultur und zur Religion
2.4.2.3.5 Zukunftsorientierung
2.4.2.3.6 Beeinflussung durch die transnationalen Beziehungen
2.4.3 Zwischenfazit
2.5 Zweiter Empirischer Teil: Interviews
2.5.1 Interviewte Personen
2.5.1.1 Kontakt- und Erhebungsphase
2.5.1.2 Biografische Rahmendaten der Interviewpersonen
2.5.2 Analyse
2.5.2.1 Erstes Interview: Jananie
2.5.2.1.1 Konzepte
(1) Allgemeine Daten und Aspekte
(2) Herkunftsland - Sri Lanka
a) Familien- und Verwandtschaftsstrukturen
b) Ablehnung einer Migration nach Sri Lanka
c) Verbundenheit mit Sri Lanka
a. Politik
b. Wichtigkeit der tamilische Kultur
c. „ Zweisprachig aufgewachsen
d. Religion
e. Kein tamilisches Gemeinschaftsgefühl
(3) Übriges Ausland
a) Familien- und Verwandtschaftsstrukturen
(4) Deutschland
a) Intraethnische Kontakte
a. Verwandte, Freunde und Bekannte
b. Tamilisches Sportfest
c. Studivz - Erkennen der tamilischen Welt in Deutschland
d. „ Samethiyavidhu “ - als Ort der Begegnung und des Austausches
e. Tempel in Hamm - Entfremdung als „tamilische Loveparde“
b) Interethnische Kontakte
c) Partielles Wohlfühlen in Deutschland
d) Fremd- und Selbstzuschreibung als Ausländerin und als Deutsche
(5) Einfluss durch die sozialen Beziehungen im Ausland
a) Orientierung an deren Werte- und Moralvorstellungen
b) Wahrung der Ehre
c) Einfluss auf Studien- und Berufswahl
d) Leistungsdruck und Push-Faktoren
e) Unterstützungsleistungen: Potenzielle „Wohnorte“
und Informationsquelle
f) Kulturtransfer
g) Austausch von (Kultur-) Gütern
h) Vergleich mit anderen
i) Arrangieren von Ehen
j) Sprachförderung
k) Transnational ausgerichtete Zukunftsorientierung
2.5.2.2 Zweites Interview: Keerthi
2.5.2.2.1 Konzepte
(1) Allgemeine Aspekte - Deutscher Bildungsweg
(2) Herkunftsland - Sri Lanka
a) Erster Kontakt - Enttäuschung
b) Familien- und Verwandtschaftsstrukturen
c) Ablehnung einer Migration nach Sri Lanka
d) Verbundenheit - Heimat
a. Politik
b. Religion und Hinduismus
c. Tamilische Kultur
(3) Übriges Ausland
a) Familien- und Verwandtschaftsstrukturen
(4) Deutschland
a) Interethnische Freundschaften und Bekanntschaften
b) Intraethnische Kontakte
a. Familien- und Verwandtschaftsstrukturen
b. Freundschaften und Bekanntschaften
c. Mitarbeit in „Tamilalayam“
d. Tamilische Musikschule
e. „ Samethiyavidhu “ - als Ort der Begegnung
f. Hamm (-Theer) - Ort des Betens und
des sozialen Treffpunkts
g. Kevelaer - „ wichtiger Treffpunkt für Jugendliche “
c) Tamilisches Zugehörigkeitsgefühl
(5) Einfluss durch die sozialen Beziehungen im Ausland
a) „ ich würde nicht sagen, dass sie mein Leben beeinflussen“
b) Vergleich mit anderen
c) Eingeschränkte transnational ausgerichtete Zukunftsorientierung

III. AUSWERTUNG
3.1 Vorhandensein von transnationalen Strukturen?
3.2 Transnationale moralische Ökonomie
3.3 Transnationale Netzwerke
3.4 Einfluss auf die Biografie der jungen Tamilen und Tamilinnen

IV. SCHLUSSBETRACHTUNG

V. ANHANG
Anhang 150: Fragebogen
Anhang 151: Interviewleitfaden
Anhang 159: Interview mit Jananie
Anhang 160: Interview mit Keerthi

VI. LITERATURVERZEICHNIS

Verzeichnis der Abbildungen

Abb. 1: Altersstruktur der Befragten

Abb. 2: Berufliche Tätigkeit der Befragten

Abb. 3: Gesprochene Sprachen der Befragten

Abb. 4: Verwandte, Bekannte und Freunde in Sri Lanka

Abb. 5: Verwandte, Bekannte und Freunde im Ausland, exklusive Deutschland und Srilanka

Abb. 5: Anzahl der Länder, zu denen ein Bezug vorhanden ist (exklusive Sri Lanka)

Abb. 6: Länder, in denen soziale Strukturen vorhanden sind

Abb. 7: Soziale Strukturen in Sri Lanka

Abb. 8: Soziale Strukturen im Ausland

Abb. 9: Genutzte Medien zur Kontaktpflege der sozialen Beziehungen in Sri Lanka

Abb. 10: Genutzte Medien zur Kontaktpflege der sozialen Beziehungen im Ausland

Abb. 10: Verbundenheitsgefühl mit Sri Lanka

Abb. 11: Anzahl der Befragten, die ein bestimmtes Medien nutzen

Abb. 12: Grad der Wichtigkeit der tamilischen Kultur

Abb. 13: Konfessionszugehörigkeit der Befragten

Abb. 14: Grad der Wichtigkeit der Religion

Abb. 15: Migration bzw. Weitermigration zur Verbesserung des Bildungsstatus‘

Abb. 16: Migration bzw. Weitermigration aufgrund von Arbeitsmöglichkeiten

Abb. 17: Migration bzw. Weitermigration aufgrund von transnationalen Eheschließungen

Abb. 18: Einfluss auf das Alltagsleben

Abb. 19: Aktuelle transnationale soziale Räume von Jananie

Abb. 22: Aktuelle transnationale soziale Räume von Keerthi

I. ALLGEMEINER TEIL

1.1 Einleitung

„ Internationalität ist entscheidend “ 1. „ Euro-Jugend diskutiertüber Globalisierung “ 2. „ Volkswirtschaft. Internationalität zählt “ 3. Diese drei Schlagzeilen aus den Zeitungen ‚Handelsblatt‘, ‚FNP‘ und ‚Die Zeit‘ sind nur einige Beispiele dafür, dass Begriffe wie „Internationalität“ und „Globalisierung“ heute nicht mehr aus unserem Sprachgebrauch weg zu denken sind.

Diese Phänomene durchdringen unser Leben, ohne dass wir sie bewusst als solche erkennen. Die kühle Cola im Café, der Cheeseburger aus dem McDonalds und die hippe Blue Jeans, die man trägt, all diese Dinge, die zum Alltag eines jeden gehören, symbolisieren globale „Marken“. Sie tragen dazu bei, dass die Welt zu einem kleinen bekannten Dorf wird, indem man überall bekannte und gewohnte Dinge erkennt.

Nicht nur ökonomische Marken werden weltweit konsumiert, sondern auch kulturelle und soziale Güter werden zu globalen „Marken“. Die einzelnen Nationalstaaten sind geprägt durch Pluralität auf den Ebenen des Sozialen, der Kultur, der Sprache, der Religion, der Ökonomie sowie der Politik. Die internationale Migration ist in großem Maße an diesen Prozessen beteiligt.

Internationale Migrationsströme] haben seit der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts enorm zugenommen. Auch Deutschland ist unübersehbar davon betroffen. War die BRD bis 1890 noch überwiegend ein Emigrationsland, fand seit der Wende zum 20. Jahrhundert zunehmend eine Entwicklung hin zu einem der wichtigsten Immigrationsländer in Europa statt. Allein im Jahr 2007 wurden in Deutschland 15.411.000 Personen mit Migrationshintergrund gezählt. Dies entspricht rund 19% der Gesamtbevölkerung (vgl. Mecheril 2004: 27; Radtke 2009: 45; Statistisches Bundesamt 2009: 48).

Jedoch stellte Dr. E. Grünheid in seinem Forschungsbericht über „Die demographische Lage in Deutschland 2008“ auch eine Zunahme grenzüberschreitender Wanderungen der Deutschen fest. Nach den Untersuchungen des Statistischen Bundesamts übertrafen sogar 2009 die Fortzüge der Deutschen die Zuwanderungszahlen der BRD. Demnach wurde ein Wanderungsdefizit von 13.000 Personen festgestellt.4 Nach den Angaben von Dr. E. Grünheid würden allerdings neue Untersuchungen zeigen, dass die Fortzüge nicht zwangsläufig zu einer dauerhaften Auswanderung führen, sondern Pendelbewegungen entstehen (vgl. Grünheid 2008: 2, 10). Grenzüberschreitende Wanderungen dieser Art, die in der Migrationsforschung seit den 90er Jahren unter „ Transnationale Migration “ (Fürstenau 2008: 207) zusammengefasst werden, stehen im Mittelpunkt dieser Arbeit.

Bei der „Transnationalen Migration“ spielen nicht nur konkrete Pendelbewegungen von Menschen eine zentrale Rolle. Vielmehr stellen auch komplexe Vernetzungen einen wichtigen Aspekt im Transnationalismus dar. Hierbei können Menschen, Netzwerke sowie Organisationen in mehreren Ländern über die jeweiligen Nationalgrenzen hinweg verbunden werden. Dabei kann es sich um grenzüberschreitende Beziehungen sowohl ökonomischer, politischer als auch kultureller Natur handeln (vgl. Mittag/ Unfried 2008: 10,15; Radtke 2009: 15). Somit richten transnationale Ansätze „ ihre Aufmerksamkeit auf „ Ströme “ [ … ] und auf Netzwerke, die diese Ströme transportieren “ (Mittag/ Unfried 2008: 15).

Dieses Migrationsphänomen soll anhand der srilankisch-tamilischen Migrationslandschaft der zweiten Generation in Deutschland betrachtet werden.

Die srilankisch-tamilische Exilgemeinschaft in Deutschland repräsentiert eine von den großen asiatischen Migrantengruppen in der BRD. Des Weiteren leben in Kontinentaleuropa die meisten Sri Lanka-TamilInnen5, die als Flüchtlinge aus Sri Lanka kamen, in Deutschland. Rund 65.000 Personen srilankischer Abstammung, die mehrheitlich der tamilischen Ethnie angehören, sind in Deutschland ansässig (vgl. Baumann 2000: 11; Salentin 2002: 67).

Die Magisterarbeit soll unter anderem Einblick in die Lebens- und Organisationsweise der Sri Lanka-TamilInnen geben und insbesondere die zweite Generation der Migrantengruppe in den Blick nehmen. Hierbei stehen, wie schon erwähnt, grenzüberschreitende Prozesse im Mittelpunkt der Arbeit. Es soll ergründet werden, ob ein srilankisch-tamilischer Transnationalismus der zweiten Generation in Deutschland vorliegt und wie dieser die jungen Tamilen und Tamilinnen beeinflusst.

Das Interesse gilt somit den transnationalen Strukturen, Prozessen und Netzwerken und deren Einflüsse auf die Biografie der jungen Erwachsenen. Diese Zielsetzungen bestimmen den Aufbau dieser Arbeit.

Der erste allgemeine Abschnitt führt in den Gegenstand der Untersuchung ein. Zum einen werden Merkmale der Migration bzw. der „Transnationalen Migration“ und ihre Charakteristiken vorgestellt. Zum anderen werden Informationen zu Sri Lanka und den TamilInnen in Deutschland zusammengetragen.

Als Grundlage für die Einführung in die Thematik dienen verschiedene Konzepte zur Transnationalität. Zuerst werden zentrale Merkmale der Transnationalität und der transnationalen sozialen Räume anhand der Theorien von Ludger Pries erläutert. Danach werden auch Konzepte zu „(Transnationalen) Sozialen Netzwerken“ und zur „(Transnationalen) Moralischen Ökonomie“ vorgestellt. Am Schluss dieses Abschnitts werden noch einmal zusammenfassend die unterschiedlichen existierenden Migrationstypen dargestellt.

Der zweite Teil des ersten allgemeinen Abschnitts beschäftigt sich mit Sri Lanka und den TamilInnen. Hierzu werden allgemeine Informationen zu Sri Lanka, zum dortigen ethnischen Konflikt, zur Entstehung der srilankisch-tamilischen Diaspora und zur Lebens- und Organisationsstruktur der TamilInnen in Deutschland zusammengetragen.

Der zweite Abschnitt ist der empirische und der umfangreichste Teil der Arbeit. Zunächst wird die Fragestellung der Arbeit vorgestellt, danach das methodische Forschungsdesign. Des Weiteren gliedert sich dieser zweite Abschnitt in zwei empirische Forschungsbereiche auf. Der erste Forschungsteil analysiert anhand von Fragebögen die Ausgangsfragestellung nach transnationalen Strukturen und Prozessen. Hierzu werden in einem Zwischenfazit die Ergebnisse der Untersuchung bereits festgehalten. Der zweite Teil ergründet anhand von zwei biografisch-narrativen Interviews schwerpunktmäßig den inneren Aufbau der transnationalen Strukturen und die Einflüsse durch den tamilischen Transnationalismus auf die Biografie. Dieser wird als Ergänzung zum ersten Teil hinzugezogen.

Dazu werden die Interviews zunächst einzeln im Rahmen der Grounded Theory offen kodiert, um danach im dritten Abschnitt der vorliegenden Magisterarbeit, der Auswertung, teils vergleichend und teils ergänzend wichtige Merkmale tamilischer transnationaler sozialer Räume herauszustellen. An diesen Abschnitt folgt die Schlussbetrachtung, die noch einmal die Ergebnisse der empirischen Untersuchungen kurz zusammenfasst.

1.2 Migration und ihre unterschiedlichen Ausprägungen

1.2.1 Migration

Die Form des Wanderns, lat. migrare, existiert nicht nur seit der Völkerwanderungszeit, sondern existiert auf allen Erdteilen seit alters her. Die Motivationen zur Wanderung sind sehr verschieden und können entweder auf Freiwilligkeit oder auf einer erzwungenen Notwendigkeit basieren. Nicht die Sesshaftigkeit, sondern die ständige Bewegung von einem Ort zum anderen ist ein Wesenszug des Menschen und stellt somit kein neues Phänomen dar (vgl. Breuer 2005: 99; De la Hoz 2004: 5).

Doch erst in den letzten 500 Jahren erfolgte eine Zunahme an Migrationen. Verursacht wurden diese durch den Kolonialismus, durch die Versklavung, durch die aufkeimende Industrialisierung, durch das Bevölkerungswachstum und durch die Herausbildung von Nationalstaaten (vgl. Breuer 2005: 100).

Eine zweite Steigerung der bisherigen Migrationsströme begann ab Mitte des 20. Jahrhunderts. „ Die Rolle, die der Staat seit dem Ersten Weltkrieg gespielt hat “ , ändert sich und es begann eine „ neue Ä ra “ (Sassen 1996: 173, zit. nach Breuer 2005: 110). Seit dieser Zeit spricht man von einem „ Zeitalter der Migration “ (Breuer 2005: 100). Beispielsweise zählte die ‚UN Population Division‘ für das Jahr 2005 insgesamt 190.633.564 Menschen, damit 3% der Weltbevölkerung, die sich zu diesem Zeitpunkt nicht in ihrem Geburtsland aufhielten; 1960 lag sie noch bei 75.463.352 MigrantInnen (vgl. United Nations Population Division).

Diese internationalen Wanderungsbewegungen, die seit dem Ende des 2. Weltkrieges enorm zugenommen haben, werden komplexer. Die Komplexität drückt sich beispielsweise in der vermehrten Anzahl an saisonalen Arbeitskräften, Zuwanderern mit der Perspektive eines langfristigen Wechsels des Landes, Familienangehörigen, die ihren Verwandten nachfolgen, oder auch an MigrantInnen und an Migrantenfamilien, die zwischen mehreren Ländern und Regionen pendeln, aus. Die ausschlaggebenden Faktoren für den Anstieg der internationalen Migration waren bzw. sind beispielsweise die Entwicklung eines kapitalistischen Weltmarktes, verschiedene Entwicklungsprozesse der OSZE-Staaten, Auswirkungen des Falles des Eisernen Vorhangs, neue Reisemöglichkeiten und Technologien, Umweltveränderungen, nationale Migrations- und Integrationsregelungen innerhalb der EU und das Mitwirken von illegalen Schleppernetzen. Hinzu kommen auch noch Projekte, die MigrantInnen selbst nach eigenen Zielen und Interessen entwickeln (vgl. Breuer 2005: 100; De la Hoz 2004: 5f.).

Für die Beschreibung dieser neuen Migrationsstrukturen und -formen reichen die bisherigen Definitionen aus der Migrationsforschung nicht mehr aus, daher entwickelt sich ein neuer Zweig, der sich mit der ‘neuen’ Form der Migration beschäftigt.

Im Folgenden soll nur auf die ‘neue’ Form der Migration, die man unter dem Begriff “Transnationale Migration“ oder „Transnationalität“ fassen kann, eingegangen werden, danach sollen zusammenfassend die bekannten Migrationstypen kurz dargestellt werden.

1.2.2 Transnationale Migration

1.2.2.1 Transnationalität - Begriffserläuterung

Bislang richteten die sozialwissenschaftlichen Migrationstheorien ihr Augenmerk auf die Analyse der Push-Faktoren in den Herkunftsregionen und auf Pull-Faktoren in den Ankunftsregionen. Beispielsweise beschäftigt sich Hoffmann-Nowotny in den 70er Jahren mit Migrationsphänomenen, die er unter dem Aspekt der sozialen und strukturellen Spannungen betrachtet; in den 80er Jahren fragt Hartmut Esser unter anderem nach den Bedingungen für erfolgreiche kognitive, identifikative, soziale und strukturelle Assimilation von MigrantInnen und Friedrich Heckmann widmet sich in den 80er und 90er Jahren dem Prozess der Herausbildung ethnischer Minderheiten im Migrationskontext (vgl. Pries 1998: 70f.).

Erst seit den neunziger Jahren werden sowohl Herkunftsland als auch das Aufnahmeland gemeinsam betrachtet und die sozialen Felder der MigrantInnen, die innerhalb dieser zwei Länder bestehen und entstehen, in das Forschungsblickfeld genommen. Diese Prozesse und Phänomene werden mit den Konzepten „Transnationale Migration“, „Transmigration“ oder „Transnationalität“ definiert (vgl. Fürstenau 2008: 207; Pries 1998: 73).

Durch diese Konzepte, die nicht von sesshaften Menschen ausgehen, sondern von Menschen, deren Lebenswirklichkeit von hoher Flexibilität und Mobilität geprägt ist, versucht man die Dimensionen aktueller Migration, die im Zusammenhang mit der Globalisierung stehen, zu erfassen (vgl. Fürstenau 2008: 207).

In der Definition von Glick Schiller, Basch und Szanton Blanc wird Transnationalismus als Prozess beschrieben, in welchem MigrantInnen soziale Felder schaffen, um ihr Herkunftsland und das Land ihrer Niederlassung miteinander zu verbinden. Diesen Ansatz erweitert Ong mit dem Zusatz der kulturellen Verflechtung. Folglich ist die Vielfalt an Beziehungen und an Bindungen, die MigrantInnen sowohl im Aufnahmeland als auch im Herkunftsland pflegen, ein wesentliches Merkmal von Transnationalität (vgl. Apitzsch 2007: 11f.; De la Hoz 2004: 8).

Pries definiert Transnationalität folgendermaßen: "In einem sehr weit gefa ß ten Begriffsverständnis bezieht sich transnationalism auf Zugehörigkeitsgefühle, kulturelle Gemeinsamkeiten, Kommunikationsverflechtungen, Arbeitszusammenhänge und alltägliche Lebenspraxis sowie hierauf bezogene gesellschaftliche Ordnungen und Regulierungen, die die Grenzen von Nationalstaatenüberschreiten. In einer engen Fassung des transnationalism-Begriffs werden damit nur sehr dauerhafte, massive und strukturierte bzw. institutionalisierte Beziehungen bezeichnet, die pluri-lokalüber nationalgesellschaftliche Grenzen hinweg existieren" (Pries 2002: 3, zit. nach Homfeldt/ Schweppe/ Schröer 2006: 11f).

Mit ‘transnational’ werden somit in dem weit gefassten Verständnis grenzüberschreitende Interaktionen von Subjekten “ imökonomischen, politischen, kulturellen und sozialen Bereich sowie die hierauf bezogenen Organisationsformen, die gesellschaftliche Formationen hervorbringen ” (Homfeldt/ Schweppe/ Schröer 2006: 7), bezeichnet. Diese unterschiedlichen Bereiche bzw. Dimensionen können sich auch wiederum untereinander bedingen. Dadurch dass die Wissens- und Handlungsformen grenzüberschreitend verlaufen, erweitern bzw. verlieren transnationale Prozesse und Strukturen ihren geografischen und sozialräumlichen nationalen Referenzrahmen. Transnationalität ist somit geprägt von ständiger Bewegung von Menschen und durch Austausch von Waren, Geld, Symbolen, Ideen und kulturellen Praktiken. Jedoch verweist die Begriffsdefinition von Pries in einem engeren Verständnis, dass nicht jede Aktivität und dass ein einmaliges Überschreiten der Grenze nicht automatisch als transnationaler Prozess gesehen wird. Man kann es als hinreichend betrachten, aber notwendig ist hierzu eine bestimmte Verdichtung. Quantitativ wird sie charakterisiert durch eine bestimmte Frequenz und qualitativ durch eine bestimmte Enge und Intensität der Interaktionen (vgl. Homfeldt/ Schweppe/ Schröer 2006: 12f.; Mau 2007: 39).

In der Definition von Portes bezieht sich ‘transnational’ auf grenzüberschreitende Verbindungen zwischen Privatpersonen, aus denen Netzwerke sich ergeben, die als "Transnationale Räume" bezeichnet werden (vgl. De la Hoz 2004: 8).

Diese neu geknüpften Netzwerke verbinden die Heimat dauerhaft mit vielen anderen Ländern. In der Ausführung kann dies so aussehen, dass Devisen für zurückgebliebene Verwandte transferiert werden, Geschäfte nach dem Prinzip des ‚ethnic business‘ gemacht werden, Heiraten entlang dieser Netzwerke erfolgen und/oder aus der Ferne politische Teilhabe in der Heimat formell oder informell erfolgen kann (vgl. Breuer 2005: 111).

Im Zusammenhang mit der Begriffserläuterung von “Transnationalität” fiel der Begriff „Transnationale Räume“. Auf diesen soll im Folgenden noch einmal genauer eingegangen werden.

1.2.2.1.1 Transnationale soziale Räume

Durch die ‘neue’ Form der internationalen Migration entstehen neue "soziale Verflechtungszusammenhänge “ (Elias 1986, zit. nach Pries 1998: 74f.). Diese definiert Pries als “transnationale soziale Räume“, die „ geographisch diffus bzw. multi-lokal sind und gleichzeitig einen nicht nur transitorischen sozialen Raum konstituieren, der sowohl eine wichtige Referenzstruktur sozialer Positionen und Positionierungen ist, als auch die alltagsweltliche Lebenspraxis, (erwerbs-) biographischen Projekte und Identitäten der Menschen bestimmt und zugleichüber den Sozialzusammenhang von Nationalgesellschaften hinausweist “ (Pries 1997: 34, zit. nach Fürstenau 2008: 207).

Laut Faist überschreiten diese sozialen Räume, die er „transstaatliche Räume“ nennt, in denen soziale, ökonomische, kulturelle Beziehungen gegeben sind, die Grenzen von souveränen Staaten. Sowohl Pries als auch Faist verweisen darauf, dass sie mit den Begriffen „transnationale Räume“ und „transstaatliche Räume“ auch Austauschprozesse zwischen den agierenden Personen bezeichnen. Hierbei würden qualitativ neue soziale Wirklichkeiten jenseits der gewohnten sozialen Räume entstehen, jedoch betont Pries auch die Wichtigkeit der Existenz durchlässiger Grenzen für die Entstehung pluri- lokaler Wirklichkeiten (vgl. De la Hoz 2004: 8f.; Homfeldt/ Schweppe/ Schröer 2006: 12f; Mau 2007: 41).

Die Begriffe „transnationaler Raum“ und „transstaatlicher Raum“ beschreiben keinen statischen Raum, sondern elastische, meist nicht homogene Beziehungsgeflechte, die nicht an Raum und Zeit gebunden sind. Die Heterogenität drückt sich in der Zusammensetzung, der Reichweite, der Dauer und in der Intensität der Kontakte aus (vgl. De la Hoz 2004: 9, 25).

Meistens sind die transnationalen Räume ethnisch definiert, denn sie bestehen meistens aus Personen derselben Herkunft. Diese Netzwerke, die über die Migrantenfamilien hinausreichen, bauen nämlich oft auf Verwandtschaftsbeziehungen auf. Dennoch handelt es sich dabei aber nicht um ethnisch geschlossene Räume. Solche ethnischen Gemeinden ermöglichen lediglich stabile transnationale Räume (vgl. De la Hoz 2004: 7ff., 25).

Pries beschreibt „Transnationale Soziale Räume“ anhand dem ‚Politisch-legalen Rahmen‘, der ‚Materialen Infrastruktur‘, der ‚Sozialen Strukturen und Institutionen‘ und der ‚Identitäten und Lebensprojekten‘ (vgl. Pries 1998: 76-79). Diese vier analytischen Dimensionen lassen sich folgendermaßen darlegen:

Politisch-legaler Rahmen

Der politisch-legale Rahmen eines Staates bestimmt maßgeblich die Gestalt von transnationalen sozialen Räumen. Er kann dabei seinen Blick z.B. auf eine einseitige oder beidseitige aktive Förderung, auf Toleranz oder auf einer Verhinderungsstrategie gegenüber grenzüberschreitender Migration richten. Doch neuerdings entdecken viele Staaten “ "ihre" Arbeitsmigranten in anderen Ländern als wichtiges politisches Kapital ” und das “Interesse der Nationalstaaten an der Kontrolle und der Instrumentalisierung neuer transnationaler Verflechtungen” (Pries 1998: 76) steigt immer mehr an. Des Weiteren gewinnen bi- oder multilaterale Organisationen, Komitees und NROs an Bedeutung (vgl. Pries 1998: 76).

Materiale Infrastruktur

Unter dieser Dimension betont Pries die Präsenz und Bedeutung schneller, direkter und indirekter Kommunikationsmedien wie beispielsweise Telefon, Telegraphie und Fernsehen. Diese begünstigen einen regen Austausch zwischen den MigrantInnen im Ankunftsland und ihren Hinterbliebenen im Herkunftsland. Außerdem ermöglichen formelle und informelle Transportmedien Finanzhilfen, Besuche und Austausch von Waren. Dadurch kann die Beibehaltung von Kulturgewohnheiten aus dem Herkunftsland gewährleistet werden. Durch Import und Export von beispielsweise Nahrungsmitteln und von Musik ist die “kulturelle Präsenz” aus dem Herkunftsland im Ankunftsland möglich (vgl. Pries 1998: 78).

Jedoch können die schnellen und verbesserten Transportmedien auch dazu führen, dass sich soziale Netze und professionelle Organisationen herausbilden, die beispielsweise illegale Grenzüberquerungen unterstützen (vgl. Pries 1998: 76f.).

Soziale Strukturen und Institutionen

Laut Pries bildet sich in den transnationalen Räumen ein eigenständiges System der sozialen Positionierung heraus, in denen sich die TransmigrantInnen „ selbst gleichzeitig im System sozialer Ungleichheit ihrer Herkunftsgemeinde und in Sozialstruktur ihrer Ankunftsgemeinde verorten “ (Pries 1998: 78).

In den transnationalen Räumen entwickle der Migrant bzw. die Migrantin eine neue "hybride" Lebensweise, die die Wohnform, die Essgewohnheit und die Freizeitaktivitäten prägt. Außerdem strukturiere sie die Lebens- und Erwerbsverläufe der Menschen wesentlich mit. In diesem Zusammenhang würden ‚transnationale Familien‘ entstehen, deren Identität und Zusammenhalt durch Flexibilität und Mobilität bestimmt seien, da sie nicht an einen Ort gebunden sind (vgl. Pries 1998: 78f.).

Identitäten und Lebensprojekte

Als vierte Dimension betont Pries, dass transnationale soziale Räume durch “segmentierte Identitäten” gekennzeichnet seien. Diese würden sich beispielsweise aus lokalen, ethnischen, nationalen und kosmopolitanen Identitäten zusammensetzen (vgl. Pries 1998: 79).

Innerhalb der transnationalen sozialen Räume bzw. Netzwerke werden die

„ Transmigranten [ … ] initiativ, fällen Entscheidungen, [ … ] entwickeln Identitäten, welche sie mit zwei oder mehreren Gesellschaften gleichzeitig “ verbindet (Glick- Schiller et al. 1992: 38, zit. nach Breuer 2005: 115). Die Individuen orientieren sich an heterogenen, vielfältigen und hybriden Lebens- und Arbeitsausrichtungen. Des Weiteren wären die Lebens- und Erwerbsprojekte dadurch charakterisiert, dass “ihr geografisch-räumlicher und ihr sozial-kulturell-räumlicher Relevanzrahmen jenseits bzw. quer zu nationalstaatlichen und nationalgesellschaftlichen Grenzen verlaufen” würden (Pries 1998: 79f.).

An dieser Stelle sollen zwei weitere Konzepte noch angeführt werden, da sie transnationale Räume weiter definieren bzw. charakterisieren. Zum einen handelt es sich dabei um „(Transnationale) Soziale Netzwerke“ und zum anderen um die „(Transnationale) Moralische Ökonomie“. Das erste Konzept kann zur Erklärung von konkreten Beziehungen und Bindungen, in dem das Individuum im Mittelpunkt steht, herangezogen werden und letzteres eher in Bezug auf eine größere Gemeinschaft.

1.2.2.1.2 (Transnationale) Soziale Netzwerke

Wie schon an mehreren Stellen der Definition von Transnationalität und Transnationale Räume erwähnt, haben Netzwerke in Bezug auf transnationale Räume einen hohen Stellenwert. Sie sind maßgeblich an „ der grenzüberschreitenden Verbreitung von Wissen, Normen, Einstellungen, kulturellen Praktiken und Lebensstilen “ (Mittag/ Unfried 2008: 10f.) beteiligt. Somit sind Netzwerke nicht an Nationalstaaten gebunden. Das bedeutet, sobald Netzwerke von Akteuren die staatlichen Grenzen überschreiten, kann man von einem transnationalen sozialen Netzwerk sprechen (vgl. Mittag/ Unfried 2008: 10f.).

Zunächst soll aber noch auf den Begriff und auf die Definition von „Netz“ und „Netzwerk“ eingegangen werden.

Der Begriff „Netz“ wurde im 19. Jahrhundert primär im technischen Bereich verwendet. Um die Jahrhundertwende und insbesondere im 20. Jahrhundert entdeckte schließlich auch die Soziologie das „Netz“ bzw. das „Netzwerk“ (vgl. Neurath/ Krempel 2008: 64f.).

Der eigentliche Begriff des „Sozialen Netzwerks“ geht auf den Anthropologen John A. Barnes zurück. In seiner Untersuchung in den 1950er Jahren analysierte Barnes norwegische Dorfstrukturen und entwickelte dabei das Konzept des „Sozialen Netzwerks“. Laut seiner Definition setzen sich Netzwerke aus Akteuren, in Form von Personen oder Organisationen, und den Beziehungen zwischen ihnen zusammen. Dabei kann zwischen den Akteuren der Transport von Informationen und/oder materiellen Ressourcen stattfinden. Diese können entweder im Austausch geschehen oder aber auch eine einseitige Rezeption darstellen. Die so entstehenden Austausch- und Rezeptionsprozesse tragen zur Entstehung von „ Interaktionen im Sinn von aufeinander bezogenem sozialem Handeln “ (Boyer 2008: 49) bei. Jedoch müssen die Interaktionen der Handelnden nicht immer auf Kooperation ausgerichtet sein. Im Zentrum der Netzwerkforschung stehen somit die Interaktionen und Verbindungen zwischen Akteuren. Die Bandbreite erstreckt sich hierbei von Face-to-Face Interaktionen bis hin zur Interaktion auf virtueller Basis (vgl. Boyer 2008: 49; Mittag/ Unfried 2008: 17; Neurath/ Krempel 2008: 67f.).

Dieses Interaktionsgefüge hat sowohl auf die Identitätsentwicklung als auch auf das Sozialkapital der im Netz handelnden Menschen eine bedeutende Rolle. Man nimmt an, dass Netzwerke und die Einstellungen der Akteure innerhalb dieser einer wechselseitigen Beeinflussung unterliegen. Somit kann man auch bei Netzwerken von eher kulturell homogenen Gebilden sprechen. Denn das Homophilie-Prinzip besagt, dass Menschen vornehmlich Beziehungen zu Personen mit ähnlicher Werte- und Lebensorientierung aufbauen (vgl. Fuhse 2008: 84ff.).

In Bezug auf das Sozialkapital ist zu sagen, dass die sozialen Netzwerke bzw. die Beziehungen des Akteurs in diesen Netzen Informationen, Leistungen und materielle Güter bereit stellen können, „ die einen allgemeinen Nutzen für [ … ] Handlungsfähigkeit “ (Neurath/ Krempel 2008: 66) des Akteurs haben. Beispielsweise beschreibt James Coleman (1926-1995) ein dichtes soziales Netzwerk als einen Ort der sozialen Kontrolle. Hierbei kann er sowohl als Ressource, beispielsweise bei der Erlangung von Bildungsgütern, als auch negativ im Sinne von Kontrolle und Zwang, fungieren (vgl. Fuhse 2008: 86; Neurath/ Krempel 2008: 66).

Die Entstehung von dichten Netzwerken bzw. Netzwerken generell hängt von Opportunitätsstrukturen und von Orten des Zusammentreffens ab. Im Folgenden soll etwas näher darauf eingegangen werden.

Opportunitätsstrukturen und „Foci of activity“ Beim Aufbau von persönlichen Netzwerken spielen viele Faktoren eine Rolle. Zentral sind hierbei die Opportunitätsstrukturen, die einem Individuum bereit stehen. Mewes beschreibt soziale Netzwerke unter anderem als „ ein Produkt der sich darbietenden Gelegenheitsstrukturen persönlicher Beziehungen “ (Mewes 2009: 37). Jedoch sind diese wiederum an gewisse Faktoren wie beispielsweise dem eigenen sozioökonomischen Status, dem Lebensstil oder den ökonomischen und politischen Faktoren gebunden (vgl. Fuhse 2008: 82).

Die wichtigsten Entstehungskonzepte persönlicher Beziehungsnetzwerke sind laut Mewes zum einen die Verwandtschaft. Jeder Mensch wird in einem Verwandtschaftskontext hineingeboren und somit hat das Individuum theoretisch die Möglichkeit, aus dem ihm sozusagen in die Wiege gelegten Beziehungsstrukturen feste Bindungen zu entwickeln. Hier würde ein homogenes Netzwerk in Bezug auf Herkunft entstehen.

Zum anderen sind es bereits bestehende Beziehungen, die zur Entstehung von neuen Beziehungen beitragen. Man spricht auch vom Transitivitätsprinzip. Es besagt, dass Freunde bzw. Kontakte durch bestehende Freundschaften bzw. Beziehungen vermittelt werden können (vgl. Mewes 2009: 37; Stegbauer 2008: 115).

Auch Fuhse betont, dass die Strukturierung von sozialen Netzwerken durch Opportunitätsstrukturen bestimmt sei. Er beschreibt allgemeinere Aspekte als Mewes. Einen bedeutenden Einfluss auf die Kontaktgelegenheit hat die Größe der Gruppe. Dabei können sich Gruppenzusammensetzungen über Verwandtschaft, Ethnie, Geschlecht und andere definieren. Mit der Gruppengröße wächst die Wahrscheinlichkeit eines Zusammentreffens und es erhöhen sich die Chancen, dass persönliche Beziehungen zwischen den Gruppenmitgliedern entstehen. Jedoch würde die Gruppengröße allein nicht ausreichen, damit Beziehungen entstehen. Sie kann als eine wichtige Komponente angesehen werden. Aber die Möglichkeit zur tatsächlichen Kontaktgelegenheit spielt einen weiteren wichtigen Aspekt im persönlichen Beziehungsaufbau. Feld nennt hierzu die „ foci of activity “ (Feld 1981, zit. nach Fuhse 2008: 82), die als Entstehungsorte von persönlichen Beziehungen definiert werden. Gelegenheit zum Kontakt bieten hierbei beispielsweise die Schule, der Arbeitsplatz, das Wohnumfeld, Vereine und informale Treffpunkte (vgl. Fuhse 2008: 81f.).

„Strong Ties“ und „Weak Ties“ Neben der Strukturierung, stellt sich auch die Frage nach der Qualität der Beziehungsstrukturen in den Netzwerken.

Die Forschung unterteilt unter anderem Beziehungen in „strong ties“ und in „weak ties“. Diese Aufteilung geht auf einen 1973 erschienenen Aufsatz von Mark Granovetter (1943- ) zurück (vgl. Stegbauer 2008: 105).

In seiner Dissertation „Getting a Job“ ging Granovetter der Frage nach, wie Ingenieure in Boston eine neue Arbeitsstelle erlangten. Er stellte fest, dass die Informationsvermittlung von freien Arbeitsplätzen eher durch Bekannte stattfand, zu denen man nur gelegentlichen Kontakt pflegte. Als Erklärung für dieses Phänomen gibt Granovetter an, dass Personen, zu denen man „schwache“ Beziehungsstrukturen aufgebaut hat und die man nur gelegentlich besucht, häufig mehr Informationen besitzen, als die Personen, zu denen man „starke“ Bezüge hat und die man relativ häufig sieht, da letztere meist nur die selben Informationen besitzen, die einem selbst zu eigen sind (vgl. Stegbauer 2008: 106).

Um eine Kategorisierung der Beziehungen anhand der Stärke zu leisten, orientiert sich Granovetter an vier zentralen Aspekten. Er definiert die Stärke von Beziehungen folgendermaßen:

“ The strength of a tie is a (probably linear) combination of the amount of time, the emotional intensity, the intimacy (mutual confiding), and the reciprocal services which characterize the tie. Each of these is somewhat independent of the other, though the set is obviously highly intracorrelated. ” (Granovetter 1973: 1361, zit. nach Stegbauer 2008: 107)

Demnach muss man sich, um die Stärke zu messen, den Zeitaufwand, die emotionale Gefühlsstärke, die Intimität und die Austauschleistungen zwischen zwei Akteuren anschauen.

Als Beispiele für „starke„ Beziehungen kann man ‚Intergenerationelle Beziehungen in Familien‘, ‚Beziehungen zwischen Lebenspartnern‘ oder ‚Freundschaften‘ heranziehen (vgl. Stegbauer 2008: 109).

Eine weitere Konzeption, die nicht nur tiefer in die Materie einsteigt, sondern sich auch von Granovetters Stärkenmessung von Beziehungen distanziert, ist die Konzeption von

Harrison White (1930- ). Er bringt in seinem Grundlagenwerk „Identity and Control“ die Multidimensionalität und Dynamik von Beziehungen hinein. Er geht zum einen davon aus, dass es mehrere Ebenen von „starken“ Beziehungen, sprich Unterschiede in den als „stark“ eingestuften Beziehungen gibt, und zum anderen nimmt er an, dass sogar zwischen denselben Individuen unterschiedliche Arten von „Ties“ vorzufinden seien. Da Beziehungen keine statische Tatsache darstellen, sondern immer einen Prozess, können nach White je nach Lebensphase und -lage die Beziehungen unterschiedliche Gewichtungen erfahren (vgl. Stegbauer 2008: 113).

Ort, Zeit und auch der Tauschgegenstand bestimmen in hohem Maße die Qualität der Beziehung zwischen denselben Menschen, die sowohl durch positive als auch durch negative Aspekte bestimmt sein können. Dabei kann die Interaktion beispielsweise die Gestalt von Wettbewerb oder Solidarität annehmen, die auch gegenseitige Erwartungen, wie Unterordnung oder Kooperation entstehen lassen (vgl. Stegbauer 2008: 113f.).

In diesem Kapitelabschnitt standen primär persönliche Beziehungen im Vordergrund. Im Zusammenhang mit der Transnationalität ist der Aspekt der ‚moralischen Forderung‘ auch ein sehr interessanter Punkt. Er kann Menschen beispielsweise der gleichen Herkunft, aber ohne wirkliche persönliche Beziehung vernetzen. Hierzu eignet sich daher ein anderes Konzept als das des Netzwerks, und zwar das Konzept der „moralischen Ökonomie“.

1.2.2.1.3 (Transnationale) moralische Ökonomie

Der Begriff „moralische Ökonomie“ ist schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt. Populär wurde dieser allerdings erst durch den 1971 erschienenen Artikel „The Moral Economy of the English Crowd in the Eighteenth Century“ von dem Historiker Edward P. Thompson. Er untersuchte hierbei Hungeraufstände im England des 18. Jahrhunderts (vgl. Radtke 2009: 134). Viele Migranten und Migrantengruppen bilden Strukturen, unter anderem aufgrund von Diskriminierungs- und Unsicherheitserfahrungen im Exil-Land, die gegenseitige Hilfe ermöglichen. Diese beruhen auf dem Prinzip der „ generalisierten Reziprozität “

(Sahlins 1972, zit. nach Radtke 2009: 133). Dabei handelt es sich um Tauschsysteme, bei dem nicht mehr unbedingt, wie bei Interaktionen zwischen persönlichen Beziehungen, das Individuum als Tauschpartner im Mittelpunkt steht. Der Einzelne wird nunmehr als Mitglied einer größeren Gruppe wahrgenommen. Überschreitet nun die generalisierte Reziprozität den Verwandtschafts- und Bekanntschaftsrahmen, so entsteht eine „ imaginierte Gemeinschaft “ (Anderson 1992 zit. nach Radtke 2009: 133). Wenn sich diese Austauschbeziehungen, sowohl materieller als auch immaterieller Art, nun durch moralische Forderungen zu einem festen Gefüge verdichten, spricht man von einer „moralischen Ökonomie“ (vgl. Radtke 2009: 133).

Es wird ersichtlich, dass sich die moralische Ökonomie erst auf der Grundlage einer „imaginierten Gemeinschaft“ aufbaut. Bei der Entstehung der Gemeinschaft selbst spielt laut Ferdinand Tönnies das Verständnis eine bedeutende Rolle. Hierbei stellen die gemeinsame Herkunft, die gemeinsam geteilte Sprache und auch die Exilerfahrungen bei der Entstehung von Zusammengehörigkeitsgefühlen wichtige Aspekte dar. Denn erst diese ermöglichen eine Grenzziehung zwischen einem ‚Wir‘ und einem ‚Ihr‘, die die Entstehung der moralischen Ökonomie erst möglich macht (vgl. Radtke 2009: 159f.).

Die Grenzen dieser Gemeinschaft müssen nicht unbedingt mit den Staatsgrenzen kongruent sein. Beispielsweise haben Diaspora- und Transmigranten Verbindungen zu Personen oder Gruppen derselben Herkunft in der Ankunftsgesellschaft, im Herkunftsland und sogar in anderen Migrationsländern. Erstreckt sich nun die erwähnte generalisierte Reziprozität innerhalb dieser Gemeinschaft über Territorialgrenzen hinaus, wird von einer „transnationalen moralischen Ökonomie“ gesprochen (vgl. Radtke 2009: 160f.).

1.2.3 Zusammenfassend: Migrationstypen

Bevor untersucht wird, ob junge Erwachsene mit srilankisch-tamilischem Migrationshintergrund in transnationalen Räumen interagieren, soll zunächst kurz auf die verschiedenen Migrationstypen verwiesen werden, die sich im Laufe der Jahre herauskristallisiert haben.

Pries hat insgesamt vier Migrationstypen herausgearbeitet. Bislang wurde in der Migrationsforschung Migration immer unter den Perspektiven der Einwanderung, der auf Rückwanderung abzielende Migration oder der Diasporawanderung betrachtet:

1.2.3.1 Immigranten

Laut Ludger Pries richten sich die MigrantInnen mit einer dauerhaften Bleibeperspektive dauerhaft im Land der Niederlassung ein. D.h. die Zugewanderten bleiben im Aufnahmeland. Zwar werden bei dieser Form von Migration keineswegs Verbindungen zu deren Herkunftsland verneint, jedoch lässt sich eine graduelle Integration und Assimilation in die Ankunftsgesellschaft feststellen (vgl. De la Hoz 2004: 7; Pries 2006: 20).

1.2.3.2 Rückkehrmigranten

Der zweite Typus ist der des Rückkehrmigranten. Dieser wechselt nur zeitlich befristet das Land. Das bedeutet, dass eine Rückkehr in die alte Heimat auf jeden Fall geplant ist (vgl. Pries 2006: 20).

1.2.3.3 Diasporamigranten

Die Diasporawanderung, deren Ursache meist Flucht, Vertreibung,

Gesinnungsentscheidung oder Entsendung ist, ist gekennzeichnet durch religiöse oder/und durch Loyalitäts- und organisationale Abhängigkeitsbeziehungen. Die sozialen und kulturellen Beziehungen und Bindungen zu ihrem Herkunftsland sind sehr stark ausgeprägt. D.h. es ist ein starker Rückbezug auf eine Einheit stiftende Instanz, wie Land oder Religion, festzustellen. In der Regel richten sich die DiasporamigrantInnen zwar physisch-räumlich und wirtschaftlich im Ankunftsland ein, aber integrieren sich sozial und politisch nur bis zu einem gewissen Grad. Eine Besonderheit dieser Migrationsform ist daher die “ Aufrechterhaltung von Differenz zum Vergesellschaftungsgefüge der Ankunftsregion durch Betonung der Nicht-Differenz zum realen,überlieferten oder imaginierten Herkunftsland ” (Pries 2006: 21) . Das bedeutet DiasporamigrantInnen grenzen sich meistens von der Aufnahmegesellschaft ab (vgl. De la Hoz 2004: 10; Pries 2006: 21).

Diese drei Idealtypen, Immigranten, Rückkehrmigranten und Diasporamigranten, sind zwar immer noch die häufigsten vorfindbaren Migrationstypen, allerdings verändern sich, wie schon unter Punkt „1.2.1 Migration” und unter “1.2.2.1 Transnationalität“ dargelegt wurde, die Charakteristika von Migration. Für die Beschreibung dieser neuen Strukturen und Formen reichen diese Definitionen nicht mehr aus. Deshalb wird als vierter Idealtypus der Transmigrant eingeführt (vgl. Breuer 2005: 113).

1.2.3.4 Transmigranten

Zwischen der Bleibeperspektive und der Rückkehrperspektive „ entwickeln sich andere elastischere Lebensformen “ (De la Hoz 2004: 7). Es gibt MigrantInnen und Migrantenfamilien, die ihr Leben zwischen verschiedenen ‘Räumen’ organisieren. Der neue Typus des Transmigranten ist laut Pries durch den Wechsel, welcher keine einmalige Aktion ist, zwischen verschiedenen Lebensorten in unterschiedlichen Ländern gekennzeichnet. Das Pendeln ist somit ein Charakteristikum des Transmigranten und wird als Überlebensstrategie praktiziert. Dabei muss aber das Pendeln nicht regelmäßig stattfinden, sondern kann auch in ganz unterschiedlichen Abständen erfolgen (vgl. Breuer 2005: 113f., De la Hoz 2004: 7).

Eine weitere Besonderheit der TransmigrantInnen ist, dass sie sich nicht nur durch unterschiedliche geografische Räume, sondern auch durch verschiedene ökonomische, kulturelle und soziale Räume bewegen, d.h. der “ alltagsweltliche Sozialraum ist pluri- lokalüber Ländergrenzen hinweg zwischen verschiedenen Orten aufgespannt ” (Pries 2006: 21).

Weitere Merkmale von TransmigrantInnen sind, dass sich ihr Zugehörigkeitsgefühl nicht nur auf einen Ort beschränkt und dass sie in ihrem Alltag meist mehr als eine Sprache verwenden (vgl. Breuer 2005: 114; De la Hoz 2004: 10).

Des Weiteren entstehen zunehmend hybride Identitäten. Wolfgang Welsch spricht von „Transkulturalität“. Nach seiner Auffassung sind die zeitgenössischen Kulturen wie Arabesken. Sie verflechten sich miteinander und durchdringen einander. Und dadurch werden die Individuen zu ‚kulturellen Mischlingen‘, da sie durch mehr als eine Kultur beeinflusst werden (vgl. Leiprecht/ Vogel 2008: 28ff.; Welsch 2001: 268).

Zu den Beziehungsstrukturen solcher Netzwerke schreibt Breuer, dass sie in der Bestimmtheit eher lockerer und fließender sind, dass die Steuerung dieser durch wechselnde Interaktions- und Kommunikationszentren erfolgt und dass sie auf informelle Beziehungsmuster gestützt sind. Aufgrund der Tatsache, dass die transnationalen Sozialräume der TransmigrantInnen aber widersprüchliche und spannungsgeladene Konstruktionen darstellen können, da sie auf identifikative und sozialstrukturelle Elemente der unterschiedlichen Länder basieren, können die Verhältnisse und Beziehungsstrukturen innerhalb dieser Räume auch ambivalent sein (vgl. Breuer 2005: 114f.; Pries 2006: 21).

1.3 Hintergrundinformationen zu Sri Lanka und zu den Sri Lanka- Tamilen

Nachdem nun im vorherigen Abschnitt das neue Migrationsphänomen und einige andere Konzepte und Begriffe zum Transnationalismus erläutert wurden, wird im folgenden Abschnitt näher auf die Sri Lanka-Tamilen, die bereits in der Einleitung als Zielgruppe der Untersuchung der vorliegenden Arbeit genannt wurden, eingegangen.

Dieses Kapitel dient zweierlei Zwecken. Zum einen sollen einige allgemeine Hintergrundinformationen zu Sri Lanka zur Verfügung gestellt werden. Dabei spielt die Insel „Sri Lanka“, die tamilische Sprache, die tamilische Kultur und ihre Religion, besonders der Hinduismus eine wichtige Rolle. Aber auch die politische Lage auf der Insel und die Konflikte nehmen hier einen wichtigen Platz ein, da sich aus dieser Situation heraus, die ausländische tamilische Diaspora gebildet hat. Zum anderen soll auf die Sri Lanka-Tamilen in Deutschland eingegangen werden. Dabei spielen die Migrationsgeschichte, die soziodemographischen Daten und die soziokulturellen, religiösen und politischen Aspekte eine Rolle.

Dieser grobe Überblick ermöglicht die Analyse und die Auswertung der empirischen Daten zu erleichtern und diese besser zu verstehen.

1.3.1 Sri Lanka - Land und Bevölkerung

Sri Lanka ist ein 65,610 km² großer Inselstaat, der geografisch gesehen, an der Südspitze Indiens zu finden ist. Der offizielle Name der Insel lautet „DemokratischSozialistische Republik Sri Lanka“. Diesen Namen führt der Inselstaat erst seit 1972. Die damalige Regierung von Frau Bandaranaike führte eine neue Verfassung ein und änderte auch den Namen des Landes von ‚Ceylon‘ in ‚Sri Lanka‘ um (vgl. Radtke 2009: 53; Schröder 2003: 8; U.S. Department of State 2009).

Colombo ist mit 1.3 Millionen Einwohnern die Hauptstadt der Insel. Jedoch wird Sri Jayewardenepura-Kotte als offizielle Hauptstadt bezeichnet. Hier ist zugleich auch der Sitz des Parlaments. Weitere größere Städte sind Kandy (150.000 Einwohner), Galle (110.000 Einwohner) und Jaffna (100.000 Einwohner). Letztere ist vornehmlich eine von Tamilen bewohnte Stadt (vgl. U.S. Department of State 2009).

Die Bevölkerung, der im indischen Ozean gelegenen Insel, ist ethnisch-heterogen. Sie setzt sich fast ausschließlich aus südindischen Zuwanderern zusammen. Laut dem U.S. Department of State beträgt die Einwohnerzahl Sri Lankas rund 20.2 Millionen. Die Gesellschaft teilt sich in 74% Singhalesen, 18% Tamilen, 7% Muslime und 1% andere6 ein (vgl. Radtke 2009: 56; Schröder 2003: 3f.; U.S. Department of State 2009).

Somit repräsentieren die rund 15 Mio. Singhalesen die Mehrheit der Bevölkerung. Sie besitzen ein eigenes Schrift- und Sprachsystem, das Singhala, und gehören vorwiegend der buddhistischen Religion an. Sie leben hauptsächlich im Südwesten des Landes (U.S. Department of State 2009).

Sprachlich, kulturell und religiös verschieden ist dazu die größte ethnische Minderheit Sri Lankas. Diese wird durch die rund 3,6 Mi o. Tamilen repräsentiert. Sie sind mehrheitlich Hindus und haben ebenfalls ein eigenes Schrift- und Sprachsystem, das Tamil, entwickelt. Sie leben mehrheitlich im Norden der Insel (vgl. Rösel 1987: 1; U.S. Department of State 2009).

Die seit je her existierende soziale Schichtung der Inselgesellschaft nach Kasten ist eine weitere Besonderheit des Inselstaates. Das Kastensystem ist zwar ein elementarer Bestandteil des Hinduismus7, jedoch besaß auch der Buddhismus der Bevölkerung Sri Lankas ein eigenes Kastenwesen (vgl. Radtke 2009: 54).

Sozio-kulturelle Fremdeinflüsse kamen erst durch die portugiesische, die niederländische und durch die britische Kolonialherrschaft in das Land. Die Hegemonie der Kolonialmächte dauerte insgesamt 450 Jahre an. Sie begann 1505 mit der Entdeckung der Insel durch die Portugiesen und endete mit der Unabhängigkeit von der englischen Krone am 4. Februar 1948 (vgl. Radtke 2009: 54; Schröder 2003: 9).

Gerade durch diese britische Kolonialmacht führte die ethnische Vielfalt zu Konfrontationen für die Inselbewohner, die sich langsam zu einem manifesten Konflikt entwickelten.

1.3.2 Ethnischer Konflikt in Sri Lanka

Sri Lanka befand sich bis vor einem Jahr mitten in einem erbittert geführten Bürgerkrieg zwischen den Singhalesen und den Tamilen.8

Die zwei großen Ethnien, sowohl die singhalesische als auch die tamilische, sind durch eine über 1000 jährige gemeinsame Geschichte verbunden. Allerdings war das Zusammenleben der beiden Gruppen nie wirklich durch massive gewalttätige Spannungen geprägt. Zwar gab es auch in der Vergangenheit schon politische, militärische und wirtschaftliche Auseinandersetzungen, doch konnte man nicht von einem ethnischen Konflikt sprechen (vgl. Rösel 1987: 1).

Der ethnische Konflikt resultiert aus der Geschichte des Inselstaates. Mit Beginn der europäischen Kolonialzeit geriet im 16. Jahrhundert Sri Lanka ins Visier der europäischen Kolonialherren und die Entstehung eines ethnischen Gegensatzes nimmt seinen Anfang (vgl. Rösel 1987: 7).

Zu Beginn der Kolonialzeit war Sri Lanka durch mehrere kleine Königreiche und agrarische Wirtschaftsstrukturen gekennzeichnet. Im Laufe der Jahre haben sich im nördlichen Teil der Insel, der Halbinsel Jaffna, kleine autarke tamilische Herrschaftsenklaven herausgebildet. Im südwestlichen Teil der Insel entstand das singhalesische Königreich von Kotte (vgl. Rösel 1987: 5f.).

Wie bereits im vorherigen Kapitel erwähnt, waren die Portugiesen die erste Kolonialmacht. Sie erreichten 1505 Sri Lanka. Während ihrer Herrschaftszeit versuchten sie das Reich von Kotte und das Lokalreich auf Jaffna zu erobern, aber ohne Erfolg (vgl. Rösel 1987: 7).

Nach rund 150 jähriger Kolonialherrschaft waren die Portugiesen 1658 gezwungen, der niederländischen Monopolhandelsgesellschaft, der „Vereinigten Ostindischen Kompanie“ (VOC), die Vorherrschaft zu überlassen. In ihrer rund 150 jährigen Hegemonialpolitik versuchten die Holländer die Küsten Sri Lankas entweder einzunehmen oder von See aus die Kontrolle hierüber zu gewinnen. Allerdings misslingt ihnen dies (vgl. Rösel 1987: 7f. U.S. Department of State 2009).

Der Geschichtsverlauf des Inselstaates nahm 1796 mit der Übernahme Sri Lankas durch die Briten eine neue Wendung. In deren ebenfalls rund 150 jährigen Kolonialherrschaft kam es zu einer umfassenden politisch-wirtschaftlichen Umstrukturierung des Landes, die die Ursache des ethnischen Konflikts zwischen den Singhalesen und den Tamilen ist (vgl. Radtke 2009: 54; Rösel 1987: 8).

Mit der Verwaltungsreform von 1833 wurde die gesamte Insel unter eine einheitliche koloniale Verwaltung gestellt, mit dem Zentrum in Colombo. Die Basis dieser Verwaltung bildeten einheimische Beamte, vornehmlich Burgher und Tamilen aus Jaffna. Aufgrund ihrer besseren Bildung gegenüber den Singhalesen, denn sie besuchten gute Schulen auf Jaffna und absolvierten meist ein Studium in Indien oder in Großbritannien, besetzten sie untere bis hin zu höheren Verwaltungspositionen (vgl. Rösel 1987: 8ff.).

Die Fremdherrschaft durch die Kolonialmächte endete mit der Unabhängigkeit am 4. Februar 1948, jedoch blieb Sri Lanka weiterhin im Commonwealth (vgl. Radtke 2009: 54; Schröder 2003: 9).

Seit der Unabhängigkeit wurde bzw. wird die Insel von Auseinandersetzungen und Unruhen zwischen Singhalesen und Tamilen heimgesucht. Durch Sprach- und „Standardisierungsgesetze“ versuchte die überwiegend aus Singhalesen besetzte Regierung die Tamilen aus ihren Verwaltungsrängen, die sie seit der britischen Kolonialzeit ausübten, zu verdrängen. Beispielsweise wurde Singhalesisch zur einzigen offiziellen Landessprache deklariert. Dadurch erschwerte sich und teilweise versperrte sich für viele Tamilen sogar ganz die administrative-staatliche Berufslaufbahn. Derartige und weitere Diskriminierungserfahrungen trugen dazu bei, dass sich großes Misstrauen auf der tamilischen Seite gegenüber der Staatspolitik und auch gegen die singhalesischen Politiker aufbaute. Tamilische Wortführer wiesen immer wieder auf die individuelle tamilische Sprach- und Kulturwelt hin und verlangten, da sie sich in ihrem selbstbestimmten Leben eingeschränkt sahen, nach politisch-territorialer Autonomie der Gebiete im Norden und Osten Sri Lankas (vgl. Baumann 2000: 94; Radtke 2009: 58).

Der Widerstand in der tamilischen Bevölkerung wuchs mehr und mehr an und führte letztendlich zu bewaffneten Auseinandersetzungen (vgl. Radtke 2009: 220).

Waren es anfangs kleinere Ausschreitungen und Unruhen, so verschärfte sich die Situation nach dem 24. Juli 1983 und mündete schließlich in einem Bürgerkrieg. Am 24. Juli 1983, der bei den Tamilen auch unter „Black-July“ bekannt ist, wurden in der Nähe von Jaffna dreizehn singhalesische Soldaten von LTTE-Anhängern getötet. Daraufhin fiel die tamilische Bevölkerung den Massenausschreitungen der Singhalesen zum Opfer. Hierbei kam es zu Plünderungen und Inbrandsetzungen von tamilischen Basarläden, Geschäften, Büros und Wohnungen in Colombo. Des Weiteren kamen mehrere Hundert Tamilen ums Leben. Infolge der Pogrome flüchteten Tausende Tamilen in den Norden Sri Lankas und nach Südindien (vgl. Baumann 2000: 95; Radtke 2009: 61). Bei der LTTE handelt es sich um die tamilische Befreiungsbewegung „Liberation Tigers of Tamil Eelam“, die im Mai 1976 aus der 1972 von Vellupillai Prabhakaran (1954-2009) gegründeten Gruppe „Tamil New Tigers“ hervorging. Zwar existierten auch andere tamilische Bewegungen, jedoch wuchs die LTTE mit den Jahren zur größten Guerillaorganisation in Sri Lanka und verdrängte alle in Sri Lanka existierenden Bewegungen. Im Großen und Ganzen standen sich in diesem Bürgerkrieg in Sri Lanka die srilankische Armee und die LTTE gegenüber.

Bis 1995 kontrollierte die LTTE die gesamte Jaffna-Halbinsel im Nordosten Sri Lankas sowie einige Bereiche des Festlandes. Hier leben etwa 800.000 Personen, größtenteils Tamilen. Die LTTE kämpfte für die Anerkennung eines unabhängigen Tamilen-Staates, dem Tamileelam, der eben diesen oben erwähnten Bereich umfasst (vgl. Keller 2001: 4; Radtke 2009: 54, 59, 80, 220)9.

Nachdem nun 1994 eine Friedensinitiative, eingeleitet durch die damalige Präsidentin Chandrika Kumaratunge, scheiterte, verfolgte 1995 die srilankische Armee eine Offensivstrategie mit dem Ergebnis, dass sie 1995 die Halbinsel Jaffna unter großen Verlusten einnahm. Auch wurde die LTTE 1997 von den USA auf die Terroristenliste gesetzt (vgl. Radtke 2009: 63; U.S. Department of State 2009).

Jedoch veränderte sich die Lage, als die LTTE im April 2000 den „Elephant Pass“10 zu erobern versuchte. In den Medien wurden diese Ereignisse sogar als Ende des srilankischen Bürgerkriegs zugunsten der LTTE dargestellt. Daraufhin willigte Präsidentin Kumaratunge einer Vermittlung durch Norwegen zwischen der srilankischen Regierung und der LTTE ein. Durch die Vermittlung Norwegens kam es im Dezember 2001 zu einem Waffenstillstandsabkommen. Des Weiteren unterzeichneten die beiden Konfliktparteien im Februar 2002 das „Memorandum of Understanding“. Dieser legte die Weichen für sechs weitere Gesprächsrunden in dem Zeitraum von Herbst 2002 bis Frühjahr 2003. Doch die anfängliche Annäherung und die Friedensbemühungen währten nicht lange. Denn zunehmend traten Meinungsverschiedenheiten auf, die schließlich zum Bruch des Waffenstillstandabkommens führten. Hinzu kamen noch 2004 Auseinandersetzungen um die Hilfsgüter für die Tsunamieopfer in Sri Lanka und deren Verteilung. Die Ermordung des christlich-tamilischen Außenministers Lakshman Kadiragamar (1932- 2005) durch die LTTE lieferte dann den endgültigen Grund für die Wiederaufnahme der Kämpfe. Die srilankische Regierung reagierte seit dem mit einer militärischen Offensive, mit dem Endziel die LTTE endgültig zu eliminieren (vgl. Radtke 2009: 63f).

Offiziell wurde von Seiten der Regierung der Krieg mit Wiedererlangung der von LTTE okkupierten Territorien und dem Tod Velupillai Prabhakaran, dem LTTE Führer, am 19. Mai 2009 beendet (vgl. U.S. Department of State 2009).

1.3.3 Entstehung der srilankisch-tamilischen Diaspora

Auf Grund dieser jahrelangen konfliktreichen Ereignisse sah sich die tamilische Minderheit auf Sri Lanka gezwungen, ins Ausland zu flüchten.

Der Bürgerkrieg trug dazu bei, dass Sri Lanka-Tamilen heute über der ganzen Welt verstreut leben. Dennoch bestand aber auch schon vor dem Bürgerkrieg eine tamilische (Exil-) Gemeinde außerhalb Sri Lankas.

Bereits während der britischen Kolonialzeit ließen sich Tamilen, überwiegend aus der Ober- und oberen Mittelschicht, im Rahmen des britisch-kolonialen Vertragssystems anwerben, um einer Arbeit in den damaligen britischen Kolonien Malaysia, Mauritius und dem südlichen Afrika nachzugehen. Die meisten Tamilen kehrten jedoch nach Ende ihrer fünfjährigen Dienstzeit nicht nach Sri Lanka zurück, sondern richteten sich in den Ländern fest ein, indem sie mit der Gründung von Tempeln und eigenen Kastengesellschaften heimische Strukturen aufbauten. Neben den bereits erwähnten Immigrationsländern favorisierten auch viele Großbritannien, Australien und Kanada (vgl. Baumann 2000: 92; Lüthi 2005: 7).

Heute ist Kanada als Immigrationsland immer noch sehr beliebt. Dies lässt sich einerseits durch die bereits bestehende Exil-Gemeinschaft, aber andererseits auch durch die politischen Faktoren in diesem Land erklären. Sowohl die liberalen Einwanderungsgesetze als auch die Politik des “Multikulturalismus” seit Beginn der 90er Jahre spielten und spielen immer noch eine sehr große Rolle (vgl. Baumann 2000: 93; Keller 2001: 4).

Besonders erwähnenswert ist hierbei die kanadische Hauptstadt Toronto. Sie entwickelte sich im Laufe der Jahre quasi zu einer srilankisch-tamilischen Metropole. Schätzungen zufolge leben hier 200.000 Exiltamilen, welches sogar die Einwohnerzahl der Tamilen in Jaffna bei Weitem übersteigt. Beispielsweise entwickelten sich die Stadtteile Scarborough und Markham mit den Jahren zu Little-Jaffna-Enklaven. Die Toronto-Tamilen haben hier in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Soziales Institutionen etabliert, die sehr gut untereinander vernetzt sind (vgl. Baumann 2000: 93; Keller 2001: 4; Radtke 2009: 136f.).

Die Entstehung einer Exil-Gemeinschaft in den westlichen Industrieländern, besonders in Europa, beginnt im 20. Jahrhundert. Diese setzt sich überwiegend aus Flüchtlingen, vornehmlich aus den nördlichen und östlichen Regionen Sri Lankas, zusammen und ist maßgeblich an den politischen Zuständen in Sri Lanka geknüpft.

Die gewalttätige Eskalation in Sri Lanka hatte zur Folge, dass ab den 70er Jahren zunächst viele Tamilen nach Südindien flüchteten. Als sich in Sri Lanka nach den Pogromen 1983 die politische Situation nochmals drastisch verschlechterte, erreichten die Flüchtlingsströme ihren Höhepunkt. Allein in Südindien zählte man Mitte der 90er Jahre etwa 165.000 srilankisch-tamilische Flüchtlinge. Auch heute noch bietet Indien, v.a. der Bundesstaat Tamil Nadu, den meisten tamilischen Flüchtlingen Zuflucht. Aber auch Malaysia, Singapur und der Nahe Osten werden von vielen Flüchtlingen heimgesucht (vgl. Baumann 2000: 93; Radtke 2009: 19).

Daneben fanden auch in den westlichen Ländern die Tamilen Zuflucht. Die USA gewährte ca. 15.000, Australien ca. 8.500 und Europa 210.000 Tamilen Asyl. Deutschland beherbergt rund 65.000 Personen mit srilanki sch-tamilischer Herkunft. Weitere Länder mit relativ hohen Flüchtlingszahlen sind Frankreich und Schweiz mit 40.000, Großbritannien mit 35.000, die Benelux-Länder, Dänemark und Skandinavien

mit einigen Tausend (vgl. Baumann 2000: 93; Baumann 2003c: 64; Salentin 2002: 67).11 Genaue Angaben zur Größe der tamilischen Diaspora weltweit existieren nicht. Verschiedene Autoren nehmen eine Gruppengröße von 700.000 bis zu drei Millionen Personen an (vgl. Radtke 2009: 19).

Den Blick wieder auf Europa gerichtet, lässt sich festhalten, dass in Kontinentaleuropa die meisten Tamilen, die als Flüchtlinge aus Sri Lanka kamen, in Deutschland leben. Auf diese wird nun im Folgenden etwas näher eingegangen.

1.3.4 Tamilen in der Bundesrepublik Deutschland

1.3.4.1 Migrationsgeschichte

Wie schon erwähnt eskalierte der ethnische Konflikt in Sri Lanka ab den 70er Jahren und setzte eine Fluchtbewegung in Gang. Die Zuwanderung der Tamilen nach Deutschland gliedert Salentin in vier Hauptphasen ein (vgl. Salentin 2002: 69).

Auch in Deutschland kamen die ersten Flüchtlinge in den 70er Jahren an. Sie setzten sich bis 1983 aus 18-35 jährigen tamilischen Männern zusammen. Die zweite Phase umfasst die Jahre 1983-1986. In dieser Zeit stellte aufgrund der Pogrome 1983 in Sri Lanka eine große Zahl von Tamilen einen Asylantrag. 75% der Tamilen, die zurzeit in Deutschland leben, kamen in dieser Zeitspanne in die BRD. Auch hierbei bildeten junge Männer die Mehrheit, die fast ein Viertel aller Asylsuchenden in Deutschland ausmachten. In der dritten Phase zwischen 1986 und 1988 nahmen die Flüchtlingsströme aus Sri Lanka ab. Als Grund hierfür kann zum einen die am

1.Oktober 1986 vereinbarte Regelung mit der DDR genannt werden, wonach die Einreise von Ost- nach Westberlin nur mit gültiger Erlaubnis möglich war. Zum anderen sind die srilankischen Bürger seit dem 7. Dezember 1986 einer Transitvisumpflicht unterworfen, um in Deutschland zwischenlanden zu können. Erst in dieser Phase waren auch Frauen und Kinder unter den tamilischen Flüchtlingen. In der

vierten Phase, ab 1988, stellte man wieder ein erhöhtes Asylgesuch fest. Dies hängt auch maßgeblich mit den politisch-militärischen Auseinandersetzungen in Sri Lanka zusammen. Hinzu kamen aber im Zeitraum von 1993 bis 1995 auch Asylanträge von Tamilen, die vorher in der Schweiz gewohnt haben. Auch hier setzte sich die Flüchtlingskohorte mehrheitlich aus Frauen und Kindern zusammen (vgl. Salentin 2002: 69ff.).

Heute ist der Flüchtlingszustrom aus Sri Lanka nach Deutschland aufgrund der strengen Einreisebestimmungen Deutschlands nahezu auf dem Nullpunkt angekommen (vgl. Salentin 2002: 87).

Zur Anerkennungspraxis der tamilischen Asylsuchenden ist zu sagen, dass sie von Bundesland zu Bundesland verschieden gehandhabt wurde. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass die Asylgesuche der Tamilen mehrheitlich abgelehnt wurden, besonders in den Jahren bis 1984 und von 1988-1991. Doch da das Leben dieser Flüchtlinge bei einer Abschiebung in die Heimat gefährdet war, wurden sie gemäß dem Non-Refoulement- Prinzip in Deutschland geduldet. So verlängerte sich ihr Aufenthalt in der BRD und sie erhielten nach ausländerrechtlichen Gesichtspunkten „ nach zwei Jahren eine Aufenthaltsbefugnis, nach acht Jahren eine Aufenthaltserlaubnis und nach weiteren drei bis acht Jahren eine Aufenthaltsberechtigung “ (Salentin 2002: 106). Ferner ist festzustellen, dass viele der Tamilen mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und sich gut integriert haben (vgl. Salentin 2002: 104ff., 111).

1.3.4.2 Soziodemografische Daten und Siedlungsstruktur

Die meisten Tamilen gründeten im Laufe der Jahre Familien. Hierzu wurden größtenteils Frauen aus Sri Lanka in die BRD geholt. Eine Vielzahl von tamilischen Asylsuchenden kam auch mit dem Ehepartner, teils auch mit Kindern, nach Deutschland (vgl. Salentin 2002: 87, 192).

Man kann keine eindeutigen Zahlen zur Anzahl der Tamilen in der BRD nennen. Da das Statistische Bundesamt nicht zwischen Ethnien unterscheidet, sondern lediglich nach Herkunftsland, wurde keine Differenzierung zwischen Tamilen und Singhalesen vorgenommen. Schätzungsweise sind von den rund 65.100 Sri-Lankanern etwa 90% Tamilen. Die Zahl der Tamilen in Deutschland, mit den hier geborenen Kindern und den eingebürgerten Tamilen, beträgt somit in etwa 60.000 Personen. Laut Kurt Salentin beträgt die Zahl der Tamilen in Deutschland sogar ca. 65.000 Personen. Im Großen und Ganzen lässt sich aber eine Stagnation der tamilischen Migrantenzahl seit Mitte der 90er bei rund 60.000 bis 65.000 Personen festhalten (vgl. Baumann 2000: 100, 171; Salentin 2002: 67). Zur Siedlungsstruktur der Tamilen ist zu sagen, dass nach den Untersuchungen Salentins in den Bundesländern NRW, Baden-Württemberg und Hessen zusammen 66% der tamilischen Bevölkerung lebt. Als ‚Hochburg‘ kann NRW gesehen werden, da hier im Jahre 1997 „ 45% aller in Deutschland aufgenommenen Tamilischen Flüchtlinge “ (Schröder 2003: 12) ihren festen Wohnsitz hatten. Trotz der festgelegten Quote, nach der die Asylanten ohne Berücksichtigung der Herkunft im Bundesgebiet verteilt werden, lässt sich die besagte regionale Ballung feststellen. Diese hängt stark mit den rechtlichen Aspekten des Bundeslandes zusammen. Beispielsweise gab es in NRW eine liberalere Rechtsprechung, eine zurückhaltende Abschiebepraxis und weniger strenge Mobilitätsbeschränkungen für Asylbewerber als in anderen Bundesländern. Hinzu kam noch, dass die Flughäfen Düsseldorf und Köln-Bonn, über die auch viele Flüchtlinge ankamen, in diesem Bundesland liegen. Des Weiteren begünstigte die Bildung von ersten Infrastrukturen im Ruhrgebiet wie die Eröffnung von Geschäften und Tempeln die Kettenmigration von Verwandten und den Familiennachzug, infolge derer sich die tamilischen Siedlungsstrukturen nochmals verdichteten (vgl. Salentin 2002: 84; Schröder 2003: 12). Auf diese soziokulturelle Infrastruktur soll jetzt im Folgenden eingegangen werden.

1.3.4.3 Tamilische Religiosität - Hamm und Kevelaer

Wie unter „1.3.1 Sri Lanka - Land und Bevölkerung“ schon beschrieben wurde, sind die Tamilen in Sri Lanka mehrheitlich Hindus. Von den in Deutschland lebenden Tamilen sind zu 75-80 % Hindus, zu etwa 17-20% Katholiken und ca. 3-5% gehören einer protestantischen Richtung an. Aber es gibt auch eine geringe Zahl von tamilischen

[...]


1 http://www.handelsblatt.com/unternehmen/mba-news/internationalitaet-ist-entscheidend;1409440

2 http://www.fnp.de/fnp/region/lokales/eurojugend-diskutiert-ueber- globalisierungrmn01.c.8022323.de.html

3 http://www.zeit.de/2005/47/B-Kasten-VWL

4 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,696863,00.html

5 Im weiteren Verlauf der Arbeit werden Sri Lanka-TamilInnen der Einfachheit halber nur als „TamilInnen“ bezeichnet. Auch die adjektivische Verwendung von „srilankisch-tamilisch“ wird nur mit „tamilisch“ angegeben.

6 Zu den anderen gehören 2% Malaien, 0,3% Burgher, hierbei handelt es sich um Menschen mit einem srilankischen und einem europäischen Elternteil, und 0,02% Veddahs, den Ureinwohnern Sri Lankas (vgl. Radtke 2009: 56; Schröder 2003: 8f.; U.S. Department).

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7 Im Hinduismus ist die Gesellschaft durch Kasten in bestimmte hierarchische Strukturen unterteilt. Die Kastenzugehörigkeit bestimmt über den sozialen Status. Hierbei werden religiöse und berufliche Aufgaben, Rollen und Pflichten vorgegeben, an die man sich zu halten hat. Vergleichbar ist das Kastenwesen des Hinduismus mit der gottgewollten Ständegesellschaft im Mittelalter. Zur genauen Definition von Kastenwesen und Hinduismus im Allgemeinen verweise ich auf Baumann (2000).

8 Im Rahmen dieser Arbeit werden nur die wichtigsten Anhaltspunkte angesprochen, die für die Flucht und somit für die tamilische Diasporabildung im Ausland relevant sind. Ausführliche Informationen über die Entwicklung und Dynamik des Tamilen-Konflikts auf Sri Lanka findet sich sowohl bei Rösel

(1987) als auch bei Radtke (2009). Rösel bietet unter anderem auch nähere Informationen zur genauen Entstehungsgeschichte der ethnischen Vielfalt auf Sri Lanka.

9 Ausführliches Material zu der LTTE findet sich sowohl bei Salentin (2002) als auch bei Radtke (2009).

10 Hierbei handelt es sich um eine Militärbasis der Singhalesen, im äußersten Norden Sri Lankas.

11 Es soll hier betont werden, dass die Zahlen sich hierbei nur auf die Flüchtlinge beziehen. Einbezogen sind nicht die Tamilen, die bereits in den Ländern seit Jahren (Koloniezeit) leben, besonders in Großbritannien ist insgesamt von einer sehr viel höheren Tamilenpopulation auszugehen.

Ende der Leseprobe aus 199 Seiten

Details

Titel
Transnationale Migrationsprozesse in der srilankisch-tamilischen Migrationslandschaft der 2. Generation in Deutschland
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Pädagogisches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
199
Katalognummer
V167906
ISBN (eBook)
9783640848171
ISBN (Buch)
9783640843664
Dateigröße
1943 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
mittels Schwärzungen anonymisiert
Schlagworte
Migration, Transnationale Migration, Transnationale soziale Räume, Transnationale soziale Netzwerke, Moralische Ökonomie, Transmigrant, Sri Lanka, Tamilen, Srilankisch-tamilische Diaspora, Grounded Theory, transnationale Beziehungen, Hinduismus, Hamm Tempel, Tamilische Bildungsvereinigung, tamilische Medien, Kastenendogamie, tamilische Kultur, zweite Generation, tamilisches Sportfest, Kevelaer, Tamilalayam, transkulturell, segmentierte Identität
Arbeit zitieren
Thusinta Mahendrarajah (Autor), 2010, Transnationale Migrationsprozesse in der srilankisch-tamilischen Migrationslandschaft der 2. Generation in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167906

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