Erlebnis als pädagogische Handlungsform


Studienarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entstehung der Erlebnispädagogik
2.1 Vordenker
2.2 Reformpädagogik

3 Erlebnistherapie Kurt Hahns
3.1 Sittliche Erziehung
3.2 Pädagogische Provinz
3.3 MoralischeÄquivalent desKrieges

4 Zielsetzung
4.1 Allgemein
4.2 Gesetze Schloss Salem
4.3 Outward Bound

5 Wirksamkeit
5.1 Voraussetzungen
5.2 Erlebnis als pädagogische Handlungsform
5.2.1 Merkmale des Erlebens
5.2.2 Beziehung zwischen Betreuer und Teilnehmer
5.2.3 LernenundLernprozess

6 Methodik
6.1 Prinzipien
6.2 Aktions- und Handlungsform Animieren in der Erlebnispädagogik
6.3 Erlebnispädagogisches Setting

7 Kritik
7.1 Subjektivität des Erlebens
7.2 „Back home frustration“
7.3 Geschlechterpolaritäten
7.4 Entfremdung des eigentlichen Sinns der Erlebnispädagogik

8 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Erlebnis ist das neue Schlagwort und Erlebnispädagogik hat Hochkonjunktur. Seit Beginn der 80er Jahre hat sie sich in den unterschiedlichsten Bereichen etabliert, sei es in der Arbeit mit Behinderten oder kriminellen Jugendlichen. Wer mag es nicht, bei Lagerfeuer in freier Natur mit Altersgenossen zu sitzen und mit spektakulären, von sich selbst nie erwarteten, Erfolgser­lebnissen zu prahlen? Doch gerät dabei nicht der pädagogische Aspekt des Erlebens in den Hintergrund?

Diese Arbeit soll einen Überblick über die Geschichte der Erlebnispädagogik geben, wobei auf die Ursprünge und Vordenker eingegangen wird, sowie auf den „Urvater der Erlebnispäd­agogik“ (Reiners 1995, S. 15) Kurt Hahn und seine Erlebnistherapie. Im weiteren Verlauf fin­det sich eine Beschreibung über allgemeine Ziele der Erlebnispädagogik, sowie die Beschrei­bung der Absichten zweier ausgewählter Institutionen/Konzepte bezüglich ihrer Zielsetzun­gen. Ebenfalls wird auf die Wirksamkeit eingegangen und hierbei das Erlebnis als pädagogi­sche Handlungsform erklärt. Es werden weitere Merkmale des Erlebens, welche dem Erleben die Legitimation als pädagogische Handlungsform erteilen, beschrieben, was zum Einen die Beziehung zwischen Betreuer und Teilnehmer, zum Anderen das Lernen und der Lernprozess sind. Des Weiteren wird auf die Methodik näher eingegangen und eine Grundform pädagogi­schen Handelns in Verbindung zur Erlebnispädagogik gebracht. Ebenso wird das erlebnispäd­agogische Setting erläutert und welche Auswirkungen und Konsequenzen dies wiederum auf die Kursteilnehmer hat. Anschließend erfolgt eine kurze Darstellung der Kritik an der Erleb­nispädagogik. Zum Schluss wird zusammenfassend reflektiert und ein Ausblick auf die Zu­kunft geworfen.

2 Entstehung der Erlebnispädagogik

Der Gedanke der Erlebnispädagogik an sich ist alt. Die nachfolgenden Vertreter sind wichtige Vordenker und Wegbereiter der Erlebnispädagogik, die sich in verschiedenen Abschnitten der Geschichte der Pädagogik durch ihr Verhalten und ihre Lernansätze auszeichneten und einen wichtigen Meilenstein bezüglich reformpädagogischen Erziehungskonzepten legten.

2.1 Vordenker

Jean Jacques Rousseau (1712-1778) gilt als einer der bedeutendsten Vordenker der Erleb­nispädagogik. Mit seinem Erziehungsroman „Emile oder über die Erziehung“ kritisierte er die einschränkenden Erziehungsbestimmungen seiner Zeit. Er erkannte Kindheit als eine eigen­ständige Phase an, die bestimmte Herausforderungen für den Erzieher, als auch für den Zög- ling mit sich bringt und forderte auf, das Kind auch als ein solches zu betrachten und zu be­handeln. Für Rousseau ist die Natur ein wichtiger Faktor, der unsere Entwicklung und Erzie­hung beeinflusst. Die Grundsäulen der Erziehungsphilosophie nach Rousseau stützen sich auf Einfachheit, den Ruf zurück zur Natur, freie, ungezwungene Bewegung, Erleben durch unsere Sinne und dem Lernen aus individuell, selbstständig gemachten Erfahrungen. Selbige Eigen­schaften sind in der heutigen modernen Erlebnispädagogik wiederzufinden (vgl. Witte 2002, S. 23 f.).

Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) setzte J.J. Rousseaus Forderung nach Lernen mit Kopf, Herz und Hand um. Belehrungen und Zurechtweisungen seitens der Pädagogen haben wenig Sinn hinsichtlich Erziehung, Bildung und Sozialverhalten, denn nur über selbstständig gemachte Erfahrungen erlangt man nötige Kompetenzen: „Das Erlebnis von Liebe führt zur Liebesfähigkeit, die gelebte Gemeinschaft zum Gemeinsinn und die Erfahrung von Fürsorge führt zur Dankbarkeit.“ (ebd., S. 24). In diesem Sinne baute Pestalozzi 1771 seine „Armenan­stalt auf dem Neuenhof“, in dem er für etwa 50 verarmte Kinder seinen Bauernhof in eine Er­ziehungsstätte umwandelte, in der er industrielle Tätigkeit mit Schulunterricht verband (vgl. http://user.phil-fak.uni-duesseldorf.de/~wastl/Wastl/Erlebnispaedagogik/Abstract01-PP.PDF).

Der amerikanische Schriftsteller David Henry Thoreau (1817 - 1862) zog sich ab dem 4. Juli 1845 zweieinhalb Jahre in die Wälder Kanadas zurück. Er lebte dort in einer selbstgebauten Holzhütte und wollte seinen Landsleuten, die dem Lebensstil des „american way of live“ ent­sprachen, zeigen, dass ein Leben beruhend auf Einfachheit und ohne überzogene Bedürfnisse möglich sei (vgl. Witte 2002, S. 24). Daraus resultierend plädierte er, dass das Individuum sich an der Natur orientierten solle, sowie ursprüngliche und unmittelbare Hinwendung zum Leben erreicht werden müsse, da der übersättigte und manipulierte Mensch in der Natur neue Werte entdecken könne. Mit diesen Forderungen trifft er den Kern der Erlebnispädagogik ge­nau (vgl. http://user.phil-fak.uni-duesseldorf.de/~wastl/Wastl/Erlebnispaedagogik/Abstract01- PP.PDF).

2.2 Reformpädagogik

Entsprungen aus der Kulturkritik und einzelnen Bewegungen wie z.B. „die Wandervogelbe­wegung“ entstand eine neue Epoche der Pädagogik. Die Reformpädagogik ist die „Pädagogik vom Kinde aus“, sie fordert systematisches Lernen und das persönliche Erleben in einen angstfreien Bildungsprozess zu integrieren, Erziehung zur Eigenständigkeit des Kindes und

Entfaltung individueller Fähigkeiten, Leben als Gemeinschaft mit der Natur, Erkundungen und Selbsterfahrungen zuzulassen sowie Bedürfnisse des Kindes zu beachten (vgl. http://ww- w.ingrid-miethe.de/s71/reformpaed.html). In der Praxis entwickelten sich eine große Anzahl an neuen Schulen: Peter Petersen gründete die Jena Plan Schulen, Maria Montessori gründete die Montessori Schulen, Rudolf Steiner gründete die Waldorfschulen usw. Innerhalb der ein­zelnen Schulen gibt es selbstverständlich Unterschiede, jedoch besitzen sie alle eine große Gemeinsamkeit: Die Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Umwelt steht im Mittelpunkt. Individuelle Lernangebote und das von Pestalozzi übernommene Lernen mit Kopf, Herz und Hand wurde zum Aushängeschild der Reformpädagogik und ist somit der eigentliche Beginn der Erlebnispädagogik.

Insbesondere in nachfolgenden Richtungen der Reformpädagogik wie z.B. der Arbeiterschul­bewegung, welche fordert, dass die Kinder etwas mit ihren Händen arbeiten sollen um es hautnah zu erleben, der Kunsterziehungsbewegung, welche fordert, dass Kunst ohne Schablo­ne passieren müsse, dajedes Kind ein Künstler ist, aber die strengen Normen der Schulen eine Talententfaltung verhindere und der Landerziehungsbewegung, welche fordert, dass Erzie­hung und Leben als Gemeinschaft mit der Natur gesehen werden müsse, da die Großstadt mit ihrer Entwicklung die Kinder gefährde, lassen sich Parallelen zum heutigen Konzept der Er­lebnispädagogik finden.

Doch trotz des Endes der pädagogischen Epoche 1933, welches auf die politische Situation zurückzuführen ist, führte sich die Erlebnispädagogik fort. Der Nationalsozialismus nutze die vorangegangen reformpädagogischen Entwicklungen aus. Die „Hitler Jugend“ mit ihren Zelt­ausflügen oder der „Bund deutscher Mädl“ wurden missbraucht um ein Gemeinschaftsgefühl zu stärken und die Kinder politisch zu instrumentalisieren (vgl. Witte 2002, S. 27-33).

3 Erlebnistherapie Kurt Hahns

Ein weiterer Vertreter der Reformpädagogik ist Kurt Hahn. Er entwickelte seine sogenannte Erlebnistherapie, die sich an der Beseitigung von Mängeln orientierte und damit therapeuti­sche Wirkung haben sollte. Diese Defizite seien zum Beispiel die fehlende Empathiefähigkeit und Mangel an Selbstinitiative. Die Angebote, mit denen er diesen Defiziten entgegenwirken wollte und aus denen er seine Erlebnistherapie entwickelte, bestanden aus vier Elementen: dem körperlichen Training, dem Dienst am Nächsten, Kunst- und handwerklichen Projekten und Expeditionen.

Angestrebtes Ziel war eine „Erziehung zur Verantwortung“ (ebd., S. 15), die auf verändertem Verhalten basiere aufgrund selbst gemachter Erfahrungen (vgl. ebd., S. 15).

Doch sein Konzept blieb nicht nur theoretisch. „Kurt Hahn, seine Gedankenwelt, ein Konglo­merat! Er lehrte nicht, er wirkte. Er war ein Beweger.“ (Händel 1995, S. 9)

Mit der Gründung des Internats Schloss Salem am Bodensee zusammen mit Prinz Max von Baden in den 1920er Jahren und einer Outward Bound Schule in Aberdovey (Wales) 1941 gelang es ihm, seine Vorstellung von Erziehungszielen und einzelnen pädagogischen Aspek­ten umzusetzen (vgl. Jaszus; Büchin-Wilhelm; Mäder-Berg; Gutmann 2008, S. 613). Welche allgemeinen Aspekte ihm dabei besonders wichtig waren werden im Folgenden erklärt.

3.1 Sittliche Erziehung

In Anlehnung an den griechischen Philosophen Platon, welcher mit seiner Idee, dass „neben der Vernunft und dem damit verbunden Erwerb von Wissen, der Einsatz musischer und gym­nastischer Kräfte, d.h. der Sport in der Antike, notwendig ist.“ (http://www.lrz- muenchen.de/~umweltbildung/Ausarbeitungen/Erlebnispaedagogik/Erlebnispaedagogik_1998 .PDF) und damit die ganzheitliche Erziehung prägte, ist auch für Kurt Hahn die Erziehung der Kinder zu sittlichen Menschen ein Ziel der Pädagogik geworden. Die Beziehungsbedürftigkeit wird betont, indem dem Pädagogen eine große Verantwortung übermittelt wird. Er soll die Seele des Kindes gesund und fähig machen, denn nur so wird es irgendwann imstande sein, sich selbst zu einem sittlichen Menschen zu entwickeln (vgl. Lungershausen 2008, S. 71).

3.2 Pädagogische Provinz

Der Begriff steht für „Erziehung und Bildung ... in bestimmten, abgegrenzten Einrichtungen, mit dem Ziel, negative, unerwünschte Einflüsse von außen fernzuhalten“ (Witte 2002, S. 30). Diese Maßnahme begründet Kurt Hahn mit der Inkompetenz der Eltern. Viele Eltern seien nicht in der Lage allein die Aufgabe der Erziehung zu bewältigen und bedürfen externer Un­terstützung. Die Lebensgemeinschaft mit Lehrkräften und Schülern führe zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung, gestärkt durch die bereits beschriebene Ganzheit der Erziehung mithilfe musischer und künstlerischer Ausbildung. Des Weiteren ist zu betonen, dass mit dem Begriff der Provinz nicht die Isolation der Außenwelt gemeint ist. Hahn selbst spricht von „pädagogischen Werkstätten“(Witte 2002, S. 30, zitiert nach Schwarz 1968, S. 207), um den Begriff zu vermeiden. Die schützende Funktion der von dem Elternhaus isolierten Werkstätten schließe nämlich die Aufnahme und Reflexion der Probleme der Zeit nicht aus. Die Sachkom- petenz der Schüler ihr Land sozial, politisch und technisch verstehen zu lernen, gelinge nur im aktiven Austausch zwischen den Schulen und deren Umgebung (vgl. ebd. S. 30).

[...]

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Details

Titel
Erlebnis als pädagogische Handlungsform
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Pädagogik mit Berücksichtigung der Erwachsenenbildung und außerschulischen Jugendbildung)
Veranstaltung
Grundformen pädagogischen Handelns
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V168052
ISBN (eBook)
9783640849796
ISBN (Buch)
9783640849604
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erlebnispädagogik, Erlebnis, Kurt Hahn, Hahn, Gesetze, Pädagogik
Arbeit zitieren
Jasmin-Nicole Schmid (Autor:in), 2010, Erlebnis als pädagogische Handlungsform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168052

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