Die Frage nach dem ursprünglichen Wortlaut scheint besonders dann eine wichtige Aufgabe der Textphilologie, wenn die Überlieferungen nur in späten und schlechten Abschriften vorhanden sind. Und dies ist bei mittelalterlichen Texten sehr häufig der Fall. Die Textphilologie mittelalterlicher Überlieferungen beschäftigt sich mit einem Text vor allem unter zwei Aspekten: Erstens überprüft sie die Authentizität des Textes (Textkritik) und zweitens verfolgt sie die Veränderungen des Textes im Überlieferungsprozess (Textgeschichte). Karl Lachmann hat diese Methoden zum ersten Mal auf altdeutsche Texte angewandt. Ein Herausgeber, der nach der Lachmannschen Methode den Wortlaut des Originals erschließen will, geht dabei systematisch in drei Schritten vor. Diese werden im Referat anhand eines kritischen Textausschnitts des "Gregorius" von Hartmann von Aue erläutert.
Inhaltsverzeichnis
- ÜBERLIEFERUNGSFAKTEN UND MITTELHOCHDEUTSCHE TEXTPHILOLOGIE
- DIE LACHMANNSCHE METHODE
- DER KRITISCHE TEXT
- DIE LACHMANNSCHE METHODE UND IHRE ENTWICKLUNG
- DIE LACHMANNSCHE METHODE
- ERLÄUTERUNG EINER KRITISCHEN AUSGABE AN EINEM TEXTAUSSCHNITT AUS „GREGORIUS“ VON HARTMANN VON AUE
- EXKURS HANDSCHRFIT F*
- KRITIK AN DER LACHMANNSCHEN METHODE
- ZUR ANWENDBARKEIT DER LACHMANNSCHEN - METHODE
- ANHANG
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab, die Lachmannsche Methode zur Rekonstruktion mittelhochdeutscher Texte darzustellen und kritisch zu beleuchten, um die Herausforderungen und Verfahren bei der Wiederherstellung eines "Originals" oder "Archetyps" in der Textphilologie zu erklären.
- Historische Entwicklung und Anwendung der Lachmannschen Methode
- Analyse der Überlieferungsfakten und Fehlerhaftigkeit mittelalterlicher Handschriften
- Definition und Rolle des kritischen Textes und Variantenapparats
- Praktische Erläuterung der Methode am Beispiel von Hartmann von Aues „Gregorius“
- Diskussion der Kritikpunkte und Grenzen der Lachmannschen Methode
- Kriterien für die Anwendbarkeit der Methode und alternative Editionsverfahren
Auszug aus dem Buch
DIE LACHMANNSCHE METHODE UND IHRE ENTWICKLUNG
Die Methoden der Textkritik sind aus der Altphilologie und von der Bibelphilologie hervorgegangen. Karl Lachmann, geboren am 4. März 1793 in Braunschweig, gestorben am 13. März 1851 in Berlin, hat diese Methoden zum ersten Mal auf altdeutsche Texte angewandt.
Er studierte 1809 in Göttingen beim deutschen Altertumswissenschaftler Christian Gottlob Heyne (1729–1812), einer der bedeutendsten klassischen Philologen seiner Zeit, klassische Philologie und Altertumskunde. Unter dem Einfluss des Göttinger Bibliothekars Georg Friedrich Benecke (1762–1844), Philologe und Germanist, der sich besonders mit der deutschen Literatur des Mittelalters beschäftigte und als einer der Wegbereiter der wissenschaftlichen Germanistik gilt, widmete sich Lachmann dem Studium der englischen und altdeutschen Literatur. 1814 promovierte er, 1815 habilitierte er sich mit einer Arbeit über Textkritik römischer Dichter und 1816 erfolgte „die Habilitation an der Berliner Universität mit einer Proporz-Edition und der Abhandlung ,Über die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungen Noth‘ [...] in der sich das spätere Wirken L[achmann]s als Altphilologe und Germanist bereits abzeichnet.“3
1824 begab sich Kurt Lachman auf eine längere Handschriftenreise. „Mit den zahlreichen auf dieser Reise vorgenommenen Abschriften und Kollationierungen mittelhochdeutscher Handschriften legte er die Basis seiner späteren germanistischen Editionsfähigkeit.“4 Denn für seine Editionen altdeutscher Texte musste er sich erst die linguistischen und metrischen Voraussetzungen erarbeiten. Dabei wurde von ihm ein Verfahren entwickelt, dass bei den sprachlichen Analysen der handschriftlich überlieferten Texte vor allem auf das Reiminventar, wie beispielsweise auf Silbenquantität, Hebungen und Senkungen und männliche und weibliche Kadenzen, zurückgreift. Seine Regeln der alt- und mittelhochdeutschen Metrik sind in den zentralen Punkten unbestritten geblieben. Die „Deutsche Grammatik“ von Jacob Grimm in ihrer 2. und 3. Auflage von 1822 und 1840 sind durch Lachmanns Handschriftenuntersuchungen wesentlich gefördert worden.
Zusammenfassung der Kapitel
Überlieferungsfakten und mittelhochdeutsche Textphilologie: Dieses Kapitel erläutert die Besonderheiten und die hohe Fehlerhaftigkeit mittelalterlicher Textüberlieferungen sowie die Aufgaben der Textphilologie, nämlich die Textkritik und die Textgeschichte.
Die Lachmannsche Methode - Der Kritische Text: Hier wird das Ziel eines kritischen Textes, die Wiederherstellung des Originals oder Archetyps, definiert und die Bedeutung des kritischen Apparats zur Dokumentation der Überlieferung beschrieben.
Die Lachmannsche Methode und ihre Entwicklung: Dieses Kapitel stellt Karl Lachmann als Begründer der Anwendung textkritischer Methoden auf altdeutsche Texte vor und beschreibt seinen Werdegang und die Entwicklung seiner linguistischen und metrischen Analyseverfahren.
Die Lachmannsche Methode: Es werden die drei systematischen Schritte der Lachmannschen Methode zur Rekonstruktion des Originaltextes oder Archetyps dargelegt: das Sammeln und Vergleichen von Textzeugen, das Feststellen von Verwandtschaftsverhältnissen mittels Stemma und die Rekonstruktion des Wortlauts durch Korrektur und Konjektur.
Erläuterung einer kritischen Ausgabe an einem Textausschnitt aus „Gregorius“ von Hartmann von Aue: Dieses Kapitel demonstriert die praktische Anwendung der Lachmannschen Methode und die Interpretation des Variantenapparats anhand eines konkreten Textbeispiels aus Hartmann von Aues „Gregorius“, inklusive der detaillierten Beschreibung einzelner Handschriften.
Exkurs Handschrift F*: Der Exkurs beleuchtet weitere Bearbeitungen von Hartmanns „Gregorius“ und stellt deren literarisch-historischen Kontext im Rahmen der Textkritik dar.
Kritik an der Lachmannschen Methode: In diesem Abschnitt werden Probleme wie die Schwierigkeit der Fehlererkennung in Leithandschriften und die Problematik von Konjekturen diskutiert, sowie die spezifischen Voraussetzungen, die für die Anwendung der Methode erfüllt sein müssen.
Zur Anwendbarkeit der Lachmannschen Methode: Dieses Kapitel erörtert die Grenzen der Lachmannschen Methode, insbesondere bei Texten mit stark voneinander abweichenden Fassungen, und führt das Konzept des „Offenen Textes“ als alternative Editionsform ein.
Anhang: Der Anhang enthält Arbeitsblätter, die wichtige Begriffe der Textkritik, die Arbeitsschritte der Lachmannschen Methode, das Stemma des „Gregorius“-Textes sowie eine Zusammenfassung der Kritikpunkte und der Anwendbarkeit visualisieren.
Schlüsselwörter
Textphilologie, Lachmannsche Methode, Textkritik, Textgeschichte, Archetyp, kritische Ausgabe, Handschriften, Variantenapparat, Stemma, Gregorius, Hartmann von Aue, mittelalterliche Literatur, Editionsverfahren, Konjektur, Leithandschrift.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit befasst sich mit der Lachmannschen Methode als zentralem Verfahren zur Rekonstruktion und kritischen Edition mittelhochdeutscher Texte, wobei sie deren Ursprung, Anwendung und die damit verbundenen Herausforderungen beleuchtet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die mittelalterliche Textüberlieferung, die Textkritik und Textgeschichte, die detaillierte Beschreibung der Lachmannschen Methode, deren Entwicklung sowie eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Anwendbarkeit und ihren Grenzen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel der Arbeit ist die Darstellung, wie durch die Lachmannsche Methode der ursprüngliche Wortlaut oder der Archetyp eines mittelalterlichen Textes wiederhergestellt werden kann, und welche Probleme dabei auftreten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit konzentriert sich auf die Darstellung und Analyse der Lachmannschen Methode, eines systematischen textkritischen Verfahrens zur Erstellung wissenschaftlich fundierter Texteditionen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entstehung der Lachmannschen Methode, ihre detaillierten Arbeitsschritte (Sammeln, Vergleichen, Stemma, Archetyp-Rekonstruktion) und erläutert diese anhand eines Textausschnitts aus Hartmann von Aues „Gregorius“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Charakterisierende Schlüsselwörter sind Textphilologie, Lachmannsche Methode, Textkritik, Textgeschichte, Archetyp, kritische Ausgabe, Handschriften, Variantenapparat, Stemma, Gregorius, Hartmann von Aue, mittelalterliche Literatur, Editionsverfahren, Konjektur und Leithandschrift.
Warum ist die Fehlerhaftigkeit mittelalterlicher Handschriften ein zentrales Problem der Textphilologie?
Die mittelalterlichen Handschriften sind meist Kopien von Kopien und nur selten vom Autor selbst verfasst oder korrigiert, was zu zahlreichen Fehlern und Variationen führt und die Rekonstruktion des ursprünglichen Textes erheblich erschwert.
Was ist ein "kritischer Apparat" und welche Funktion erfüllt er?
Ein kritischer Apparat ist ein Bestandteil einer kritischen Ausgabe, der alle wichtigen Lesarten und Abweichungen der verschiedenen Handschriften vom edierten Text dokumentiert, wodurch die Transparenz des Editionsverfahrens gewährleistet und eine Überprüfung der editorischen Entscheidungen ermöglicht wird.
Unter welchen Bedingungen stößt die Lachmannsche Methode an ihre Grenzen und welche Alternative wird vorgeschlagen?
Die Lachmannsche Methode stößt an ihre Grenzen, wenn Texte in sehr unterschiedlichen Fassungen (Autorvarianten, Gebrauchsfassungen, mündliche Überlieferungen) existieren; in solchen Fällen wird als Alternative das Verfahren des "Offenen Textes" vorgeschlagen, bei dem die wichtigsten Fassungen nebeneinander abgedruckt werden.
- Citar trabajo
- Heinz Kerp (Autor), 1991, Die Lachmannsche Methode in der Quellenanalyse, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1683623