Rahmenbedingungen eines Bürgerkrieges nach Paul Collier, am Fallbeispiel Kongo / Zaire


Hausarbeit, 2009
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bestimmungsfaktoren eines Bürgerkrieges
2.1. Der Bürgerkriegsbegriff nach Collier
2.2. Gier als grundlegende Handlungsmaxime
2.3. Rahmenbedingungen für einen Bürgerkrieg

3. Das Fallbeispiel: Kongo / Zaire
3.1. Kurzer Umriss der neuern Geschichte des Kongos
3.2. Bürger- oder Staatenkrieg?
3.3.Gier- oder Leidmotive?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Abstract / Zusammenfassung

1. Einleitung

Immer wieder hört man in den Nachrichten von Kämpfen im Osten der Demokratischen Republik Kongo, ganz besonders schwer betroffen sind die Kivu-Provinzen. Als Motor dieser Kämpfe gilt der Konflikt zwischen den verfeindeten Hutu und Tutsi. Noch im letzten Jahr war es dem Tutsirebellen-General Laurent Nkunda gelungen diese Provinzen soweit zu destabilisieren, dass er bis zur Stadt Goma vordringen konnte (SZ - Online 2008).

Seit nun mehr fünfzehn Jahren wird dort gekämpft, genauer seit 1994 nach dem Genozid in Ruanda und dem Beginn des Guerillakriegs der Hutu-Flüchtlinge vom Kongo aus. Hier liegt auch der Grundstein für den so genannten zweiten Kongokrieg, in dem nicht weniger als acht afrikanische Staaten aktiv beteiligt waren. Bei diesem Krieg handelt es sich um ein unüberschaubares Gestrüpp von Krisen und Konflikten, allesamt innerhalb des Gebietes der Großen Seen, indem sich die Einflussgebiete der Länder Ruanda, Uganda, Kongo und Burundi unmittelbar berühren.

Eine Häufung der Konflikte innerhalb dieses Gebietes ist jedoch erst seit dem Beginn der 90er Jahre zu verzeichnen. Davor herrschte eine relative Stabilität, die als direkte Folge des Kalten Krieges gewertet werden kann. Erst der Wegfall der systemischen Konkurrenz zwischen Kapitalismus und Sozialismus und dem Ausbleiben der damit verbundenen Hilfsgelder (Lock 2002: 274), leiteten einen Prozess der Destabilisierung in dieser Region ein, der in unzähligen todbringenden Konflikten kulminierte. Besonders Kongo / Zaire1 steckte seit Beginn der 90er in einer durchgehenden Krise. Unter dem Diktator Mobutu Sese Seko herrschte Vetternwirtschaft und Korruption. Die Staatsschulden verdreifachten sich und die internationalen Hilfsgelder wurden, nach einem Unterschlagungsskandal, fast vollkommen eingestellt (Kaul 2007: 50). Es folgte ein Staatszerfall, der seinen Höhepunkt in der Absetzung von Mobutu und dem Regierungsantritt von Laurent-Désiré Kabila fand.

Es vollführte sich ein schleichender Übergang zum „failed state“, in welchem der Kern der modernen Staatlichkeit, das Gewaltmonopol des Staates zusammenbrach. Nach langer Diktatur wurde eine Privatisierung der Staatsgewalt voran getrieben, in der Teile der Staatsarmee von ihren Generälen zwecks privater Bereicherung missbraucht wurden (Matthiesen 2005: 56).

In dieser Arbeit wird versucht anhand einer weitreichenden Untersuchung des Ökonomen Paul Collier (Collier 2006), der die ökonomischen Faktoren eines Bürgerkrieges empirisch zu bestimmen versucht, die Geschehnisse im Kongo zu klassifizieren. Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit die beiden Kriege im Kongo (1997 - 2003) in das Klassifizierungsschema von Collier passen und ob man sie als Bürger- oder Staatenkriege beschreiben soll.

Der erste Teil dieser Untersuchung besteht aus einer theoretischen Erläuterung was Collier als Bürgerkrieg versteht. Bevor die wichtigsten Beeinflussungsfaktoren eines solchen Konfliktes beschrieben werden, soll wird noch auf die wichtigsten Handlungsmaximen von Kriegsakteuren eingegangen.

Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit dem Versuch, die im Theorieteil benannten Faktoren eines Bürgerkrieges auf das Beispiel des zweiten Kongokrieges zu übertragen. Daraus wird sich ergeben, dass dieser Konflikt ein ambivalentes Gebilde aus vielen verschiedenen Aspekten bildet und nicht genau nach Collier klassifiziert werden kann. Das theoretische Fundament basiert hauptsächlich auf der schon genannten Untersuchung Paul Colliers, daneben aber auch auf Literatur aus der Politikwissenschaft (u.a. Münkler 2004, Heupel / Zangl 2004). Zur Beschreibung des Fallbeispiels wurde spezielle Literatur der Friedens- und Konfliktforschung verwendet (Kaul 2005, Stroux 2003).

Im Folgenden soll nun die Forschungsfrage hergeleitet werden.

2. Bestimmungsfaktoren eines Bürgerkrieges

2.1. Der Bürgerkriegsbegriff nach Collier

Im Allgemeinen definiert Collier Bürgerkriege als innenpolitische Konflikte mit mindestens 1000 Todesopfern pro Jahr. Es zählen einzig Militär- und Zivilopfer, die durch direkte Kampfhandlungen gestorben sind. Menschen, die durch Folgen eines Krieges (wie Seuchen und Hungersnöte) sterben, werden ausgeschlossen. Die Opfer von Massenmorden und Pogrome werden ebenfalls ausgeschlossen (Collier / Hoeffler 2002).

Ein weiteres Merkmal eines Bürgerkrieges, ist die finanzielle Unabhängigkeit der Rebellenorganisationen. Anders als bei zwischenstaatlichen Kriegen, ist die finanzielle Ausgangslage der Kriegsparteien in einem Bürgerkrieg entscheidend (Collier 2006: 1).

Diese Abhängigkeit von Geld, bedingt eine Instrumentalisierung der eigenen Sache.

Rebellen sind darauf angewiesen die öffentliche Meinung durch starken medialen Einsatz und Diffamierung der gegnerischen Handlungen als Menschenverachtend, so zu manipulieren, dass der eigene Kampf als der einzig gerechte wahrgenommen wird. Für Rebellenorganisationen ist es überlebenswichtig sich von der jeweiligen anderen Partei, meistens offizielle Regierungen, genau abzugrenzen und Missstände, die durch diese hervorgerufen wurden anzuprangern. Dieses Verhalten ist Legitimitätsgrundlage der eigenen kämpferischen Handlungen. Es dient aber auch der Beschaffung von finanziellen Mitteln, durch Spendengelder der empörten Öffentlichkeit (Collier 2006: 2).

Was die Motive für die Gewalt angeht, so kann man in der Zeit des Kalten Krieges ganz klar von ideologisch motivierter Gewalt sprechen (Heupel / Zangl 2004: 353). Es hat jedoch mit dem Ende des Ost - West - Konflikts eine grundlegende Veränderung der Gewaltmotive gegeben (Münkler 2002: 33 - 43). So beginnen in den 90er Jahren ökonomische Gewaltziele ganz klar die ideologischen zu verdrängen. Zwar verschwindet das ideologische Moment nicht gänzlich, doch werden diese Gewaltmotive immer mehr mit den ökonomischen vermischt. Für die beschriebene Manipulierung der öffentlichen Meinung wird sich immer noch einer ideologischen Rhetorik bedient, um unter diesem Deckmantel die ökonomischen Gewaltziele, vor allem der Bereicherung der eigenen Organisation, effektiver zu erreichen (Heupel / Zangl 2004: 353). Diese Motive werden in der Friedens- und Konfliktforschung auch Giermotive genannt, dem entgegengesetzt stehen die Leidmotive. Auf diese grundlegend verschiedenen Begriffe und dessen Bedeutung für die Politikwissenschaft wird im Folgenden näher eingegangen.

2.2. Gier als grundlegende Handlungsmaxime

Es existieren zwei Standpunkte bezüglich der Frage nach den Motiven eines Bürgerkrieges. Bei diesem Diskurs stehen sich Ökonomen und Politologen gegenüber. Traditionell interpretieren die Politologen eine Rebellion, als Folge bestimmter Leidmotive. Ein Bürgerkrieg wird als ein politischer Protest gedeutet, der durch starkes Leid innerhalb der Bevölkerung hervorgerufen wurde (Collier / Hoeffler 2002: 3). Dieses Leid spiegelt sich meist in politischer sowie wirtschaftlicher Ungleichheit, massiver Unterdrückung aber auch religiösem Fanatismus u.v.m. wieder (Kaul 2007: 53). Dem entgegen steht der Erklärungsansatz der Ökonomen. Die grundlegende Handlungsmaxime der Kriegsakteure ist bei diesem theoretischen Ansatz die Gier der Menschen, die als Motivation einer Rebellion gilt. Ein Bürgerkrieg wird als ein Zustand erklärt, in welchem die Handlungsakteure gewinnbringende Möglichkeiten erzeugen (Collier / Hoeffler 2002: 3). Einige Aspekte, die Gier motivierte Handlungen fördern sind unter anderem eine hohe Arbeitslosenquote junger Männer, hohe religiöse und ethnische Homogenität sowie Korruption innerhalb des Beamtenapparates (Kaul 2007: 53). Ein weiterer wichtiger Aspekt, den Collier nennt, ist die Abhängigkeit eines Landes von seinen natürlichen Ressourcen. Die kritische Marke ist laut Collier bei einem 23%tigen Anteil von natürlichen Rohstoffen am Bruttoinlandsprodukt erreicht (Collier 2006: 5).

Es drängt sich also die These auf, dass bei diesem Erklärungsansatz Habgier eine Grundkonstante des menschlichen Handelns darstellt und der Gedanke, wie sich diese Habgier gemäß einer Kosten-Nutzen- Rechnung am Besten befriedigen lässt, die Art des menschlichen Handelns bestimmt. Verfolgt man diesen Gedanken weiter, so ist es rational jedes Mittel anzuwenden um die eigene Habgier zu befriedigen. Krieg als äußerstes Mittel zur Bereicherung wäre eine rationale Wahl (Kaul 2007: 54). Die eigene Habgier wäre somit durch Krieg und die gewaltsame Aneignung von Ressourcen zu befriedigen.

Überspitzt gesagt, ist ein Bürgerkrieg eine Weiterführung der Wirtschaft mit unorthodoxen Mitteln. Versucht man nun diese Kriegsökonomien von anderen wirtschaftlichen Formen per Definition abzugrenzen, kann man die Gewalt als beherrschenden Imperativ nennen (Lock 2002: 271). Die gewaltsame Aneignung von Produktionen und Ressourcen durch Kriegsakteure ist absolut vorherrschend. Die erste Phase einer solchen Kriegswirtschaft, ist das Plündern des Besitzes der Bevölkerung durch die Soldaten, womit sich die Kriegsherren die Bezahlung dieser sparen (Heupel / Zangl 2004: 352). Im weiteren Verlauf werden natürliche Ressourcen, Drogen und Waffen zur Finanzierung des eigenen Kampfes aber vor allem zur radikalen Selbstbereicherung gebraucht. Den letzten Schritt stellt die Transformation der Kriegsziele dar. In dieser letzten Phase konzentrieren sich die eigentlichen Kampfhandlungen nur noch auf die Erhaltung dieser Kriegsökonomien (Lock 2002: 271). Die Ideologie tritt vollkommen in den Hintergrund.

Nachdem nun die (nach der ökonomischen Forschung) leitende Handlungsmaxime beschrieben wurde, werden im Folgenden wichtige Rahmenbedingungen erläutert, die das Risiko eines Bürgerkrieges erhöhen.

[...]


1 Der Kongo wurde 1971 in Zaire unbenannt und 1997 in Demokratische Republik (DR) Kongo. Beziehen sich die Aussagen im Text auf die Periode bei 1997 wird zum besseren Verständnis Kongo / Zaire verwendet.

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Details

Titel
Rahmenbedingungen eines Bürgerkrieges nach Paul Collier, am Fallbeispiel Kongo / Zaire
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Einführung in die Friedens- und Konfliktforschung
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V168518
ISBN (eBook)
9783640855865
ISBN (Buch)
9783640855971
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rahmenbedingungen, bürgerkrieges, paul, collier, fallbeispiel, kongo, zaire
Arbeit zitieren
Philipp Meyer (Autor), 2009, Rahmenbedingungen eines Bürgerkrieges nach Paul Collier, am Fallbeispiel Kongo / Zaire, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168518

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