„Religio vinculum societatis“ – Der Einfluss des religiösen Wandels im konfessionellen Europa als Motor der frühmodernen Staatsbildung


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Die Konfessionalisierung: Definition und Prozess

3 Die Mechanismen der Monopolisierung nach Norbert Elias und Heinz Schilling

3.1 Kirchenmonopol als Schlüsselmonopol

4 Die frühmoderne Staatsbildung am Beispiel der Grafschaft Lippe

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Setzt man als unterstes Kriterium für die Klassifikation der Regierungsform „Demokratie“ die Voraussetzung von freien, gleichen und geheimen Wahlen, so kann man behaupten, dass heute mehr Staaten demokratisch regiert werden als jemals zuvor in der Weltgeschichte. Ausschlaggebend für diesen Siegeszug der Demokratie waren die Umstürze der Militärdiktaturen in Südeuropa und Lateinamerika, die Entmachtung des Apartheid-Regimes in Südafrika und vor allem der Niedergang der UdSSR.1

Verwendet man jedoch eine enger gefasstere Definition von „Demokratie“, wird man unweigerlich zu genau festgelegten Freiheitsrechten gelangen, die in vollem Umfang den Bürgern gestattet werden müssen. Erst durch diese Rechte kann eine demokratische Regierungsform gewährleistet werden. Ein solches spezielles Freiheitsrecht, ist die Religionsfreiheit, die vor allem in den westlichen Demokratien als besonders schützenswert gilt.

Folgt man den Zahlen des Vereins „Religionswissenschaftlicher Medien- und Informations- dienst“ (REMID), existieren allein in der Bundesrepublik Deutschland sieben unterschiedli- che Religionen mit einer Vielzahl von (in Ausgestaltung und Lehre unterschiedlichen) Neben- strömungen. Zum Beispiel wird unter dem Dach des Katholizismus die Nebenströmung der Altkatholiken genannt oder unter dem Dach des Protestantismus die Nebenströmung der Neu- apostolischen Kirche genannt.2

Dieser religiöse Pluralismus ist heute selbstverständlich. Blickt man jedoch in die Geschichte zurück, sieht man, dass der Weg hin zu einer solch multipolaren Religionsgesellschaft von heute gepflastert ist, mit zahlreichen großen und kleinen Konflikten. Vor allem das territorial zersplitterte Alte Reich schlitterte spätestens mit dem Beginn der lutherischen Reformation von 15173 in einen Jahrhunderte andauernden Prozess religiöser Konflikte. Nichtsdestotrotz stellt die junge, nicht mehr konfessionell geprägte, Geschichtswissenschaft immer deutlicher fest, dass die Reformation und die sich ihr anschließende Konfessionalisierung nur Teile eines langfristig angelegten Wandels waren, der grob gegliedert zwischen dem 14. und dem 17.

Jahrhundert Religion, Frömmigkeit und schließlich die Kirche selbst tiefgreifend veränderte.4 Dieser Argumentation folgend, kann man die Entstehung der unterschiedlichen „Reichskirchen“ im mittelalterlichen Europa, als einen sehr wirkungsmächtigen Wendepunkt hin zur Differenzierung der lateinischen Christenheit ansehen.5 Dem Schritt der katholischen Differenzierung folgend, setzte sich der Prozess hin zu einer multipolaren Welt mit der Reformation fort und gipfelte schließlich vorerst in der Konfessionalisierung.

Warum die Konfessionalisierung als Fundamentalprozess verstanden werden muss, zeigt ein kurzer, prägnanter Ausspruch, den deutsche Juristen im 16. Jahrhundert prägten: „ Religio vi niculum societatis “ . Demnach sind Religion und Kirche zentrale, tragende Achsen des alteuropäischen gesellschaftlichen Gesamtsystems. Hierbei ist gerade die Religion ist das einheitsfördernde Moment, ohne welches ein geordnetes Gesellschaftssystem nicht zustande kommen kann.6 Dieser religiöse Grundsatz macht deutlich, dass eine so starke Verzahnung von Religion und Gesellschaft die Kirche und ihre Institutionen zu sozialen Institutionen werden lässt. Diese Interdepentenzbeziehung unterstreicht letztlich, dass religiöser Wandel unwiderruflich zu einem sozialen Wandel der Gesellschaft führen musste.

In diesem Sinne erscheint die konfessionelle Orientierung der europäischen Machtzentren im späten 16. Jahrhundert als ein Kernvorgang der frühneuzeitlichen Modernisierung. Die Kon- fessionalisierung gab den entscheidenden Anstoß für die endgültige Etablierung territorialer Partikularität.7 Grund hierfür, war die Verschränkung zwischen dem religiösen Umbruch durch die Reformation und der frühmodernen Staatsbildung. Erstere spaltete die lateinische Christenheit in unterschiedliche, sich gegenseitig abgrenzende, Weltanschauungssysteme, was wiederum die voranschreitende Staatenbildung durch den Moment der gegenseitigen Abgren- zung enorm beschleunigte.8

Diese Arbeit versucht die oben aufgestellte These, dass der Prozess der Konfessionalisierung als ein Motor der frühmodernen Staatsbildung zu sehen ist, zu bekräftigen und durch ein Bei- spiel zu belegen. Geographisch gesehen wird der Schwerpunkt dieser Arbeit auf den Territo- rien des Reiches liegen, da dort die Dynamiken dieser beiden Kernprozesse radikaler zusam- menwirkten als in den umliegenden europäischen „Staaten“.9

Zeitlich wird sich die Arbeit in den Jahren 1550-1650 bewegen, denn gerade in diesem Zeit- raum lässt sich die Radikalisierung der Konfessionalisierung im Reich am genauesten be- schreiben.10

Als theoretisches Grundgerüst wird im ersten Teil der Prozess der Konfessionalisierung und die Mechanismen der Monopolisierung mit Bezug auf die Werke des Soziologen Norbert Elias und deren Erweiterung durch den Historiker Heinz Schilling beschrieben und erklärt. Im letzten Teil folgt die Anwendung der Theorie anhand des Beispiels der Grafschaft Lippe. Um die komplizierten Prozesse der Konfessionalisierung und der frühmodernen Staatsbildung innerhalb des engen Rahmens dieser Arbeit zu erfassen, wurden neben dem Werk von Norbert Elias hauptsächlich Monographien und Aufsätze von Heinz Schilling zu Rate gezogen, der als einer der führenden Experten auf diesem Gebiet gilt.

Weiterführend folgt nun eine Begriffsdefinition und Prozessbeschreibung der Konfessionali- sierung.

2. Die Konfessionalisierung: Definition und Prozess

Die frühneuzeitliche Geschichte Europas wurde in den hundert Jahren zwischen 1550 und 1650 im Wesentlichen durch einen Faktor geprägt: der „Konfession“. Sie verkörpert die neu- zeitliche Variante des Christentums und war die treibende Kraft für die Veränderung von der monoreligiösen Gesellschaft mit der katholischen Kirche als einzig legitimer Glaubensein- richtung, zu einer multireligiösen Gesellschaft mit drei unterschiedlichen religiösen Auffas- sungen.11

Diese neue Form des abendländischen Christentums beruhte „[…] auf einem ausformulierten, dogmatisch ab- und ausgrenzenden Bekenntnis (lat.: confessio )[…].“12 Als wichtigste Bekenn- tnisse gelten im Luthertum die Confessio Augustana (1530) und das Konkordienbuch (1580). Bei den Calvinisten die beiden Confessiones Helveticae (1536 und 1566) und bei den Katho- liken das Tridentinum, hier vor allem die „professio fidei Tridentina“ (1564). Der Begriff „Konfessionalisierung“ wiederum beinhaltet (nach Heinz Schilling) zwei Dimen- sionen:

„[Konfessionalisierung] meint einen gesellschaftlichen Fundamentalvorgang, der das öffentliche und private Leben in Europa tiefgreifend umpflügte, und zwar in meist gleichlaufender, bisweilen auch gegenläufiger Verzahnung mit der Herausbildung des frühmodernen Staates und mit der Formierung einer neuzeitlich disziplinierten Untertanengesellschaft, die anders als die mittelalterliche Gesellschaft nicht personal und fragmentiert, sondern institutionell und flächenmäßig organisiert war.“13

Für Schilling existieren demnach eine politische und eine gesellschaftliche Dimension der Konfessionalisierung. Dadurch rückt der Prozess der Konfessionalisierung weg von einem rein kirchlichen, hin zu einem allumfassenden sozialgeschichtlichen Prozess. Das Zentrum der Aufmerksamkeit verschiebt sich, von den dogmatischen Unterschieden der Konfessionen hin zu einer Bildung eines neuen Staatswesens und damit auch zu einem allmählichen Wandel der Gesellschaft und dessen Denkweisen.

Zeitgeschichtlich verstanden bewegt sich der Prozess der Konfessionalisierung nach Heinz Schilling zwischen den Jahren 1540-1620.14 Wichtig hierbei sind zwei elementare Wendemar- ken: Zum einen stand am Anfang die Etablierung der Konfessionen, bei der die jeweilige reli- giöse Auffassung die politischen Kräfte nutzte um sich von den anderen abzugrenzen und die eigenen Lehren in der Bevölkerung zu konsolidieren.15 Heinz Schilling spricht in dieser Phase vom „Konfessionsstaat“, der maßgeblich von der jeweiligen Konfession geprägt und für deren Zwecke genutzt wurde.16 Zum anderen förderte diese konfessionelle Homogenisierung und Abgrenzung wiederum die innere Normierung und Disziplinierung der Untertanen, was direkt der staatlichen Verdichtung und der Bildung einer eigenständigen politischen Identität in den jeweiligen Territorien zu Gute kam.17

Spätestens im Zuge der Reformation zerfiel sowohl das Reich als auch das europäische „Corpus Christianum“ in eine Vielzahl von Kirchen, Territorien und Staaten. Allein durch diese Pluralität der Machtzentren gerieten die neuen Gebilde unter einen Konkurrenzdruck, der sich vor allem in Hinblick auf deren Legitimität entlud.18

[...]


1 Vgl.: Kallschauer, Otto: Italiens skeptischer Aufklärer, in: Bobbio, Roberto: Ethik und die Zukunft des Politischen, Bonn 2009, S. 12.

2 Insgesamt listet REMID folgende „Großreligionen“ auf: Katholizismus, Protestantismus, die Orthodoxen Kir- chen, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und verschiedene neu religiöse Bewegungen. Quelle: http://www.remid.de/remid_info_zahlen.htm; eingesehen am: 16 September 2010.

3 Der Verlauf und die Ergebnisse der Reformation werden in dieser Arbeit nicht weiter behandelt, das würde den engen Rahmen zu sehr überlasten.

4 Vgl.: Schilling, Heinz: Konfessionalisierung und Staatsinteressen; Internationale Beziehungen 1559 - 1660, Paderborn 2007, S. 34.

5 Vgl.: Ebd.

6 Vgl.: Schilling, Heinz: Das konfessionelle Europa. Die Konfessionalisierung der europäischen Länder seit Mit- te des 16. Jahrhunderts und ihre folgen für Kirche, Staat, Gesellschaft und Kultur, in: Bahlcke, Joachim / Stroh- meyer, Arno (Hrsg.): Konfessionalisierung in Ostmitteleuropa. Wirkungen des religiösen Wandels im 16. und 17. Jahrhundert in Staat, Gesellschaft und Kultur, Stuttgart 1999, S. 16.

7 Vgl.: Ebd.

8 Vgl.: Schilling 2007: 34.

9 Vgl.: Reinhard, Wolfgang: Zwang zur Konfessionalisierung? Prolegomena zu einer Theorie des konfessionellen Zeitalters, in: Zeitschrift für historische Forschung (10) 1983, S. 257.

10 Vgl.: Schilling, Heinz: Die Konfessionalisierung im Reich: Religiöser und Gesellschaftlicher Wandel in Deutschland zwischen 1555 und 1620, in: Historische Zeitschrift (246 / 1) 1988, S. 19.

11 Unter Berücksichtigung der Anglikanischen Kirche in England, herrschten im Europa der frühen Neuzeit vier unterschiedliche religiöse Auffassungen vor.

12 Schilling 1999, S. 13.

13 Schilling 1988, S. 6.

14 Vgl.: Ebd., S. 14 - 30. Schilling arbeitet hier mit einem Vier-Phasen-Modell, das sich wie folgt aufgliedert:
1.Vorkonfessionelle Phase: späte 1540er bis frühe 1570er Jahre geprägt durch einen funktionierenden Religions- frieden; 2.Überleitung zur konfessionellen Konfrontation: Verstärkte Polarisierung und Konfrontation der Kon- fessionen, nicht zuletzt wegen der Ausbreitung der „Zweiten Reformation“; 3.Höhepunkt der Konfessionalisie- rung: 1580er bis 1620er; 4.Abschluss der Konfessionalisierung: vor allem nach Westfälischem Frieden 1648.

15 Vgl.: Reinhard 1983, S. 264.

16 Vgl.: Schilling 1999, S. 41.

17 Vgl.: Reinhard 1983, S. 267-268.

18 Vgl.: Ebd. S. 268.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
„Religio vinculum societatis“ – Der Einfluss des religiösen Wandels im konfessionellen Europa als Motor der frühmodernen Staatsbildung
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V168523
ISBN (eBook)
9783640855667
ISBN (Buch)
9783640855650
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, wandels, europa, motor, staatsbildung
Arbeit zitieren
Philipp Meyer (Autor), 2010, „Religio vinculum societatis“ – Der Einfluss des religiösen Wandels im konfessionellen Europa als Motor der frühmodernen Staatsbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168523

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