Die allgemeinen Ziele des Unterrichts in der gymnasialen Oberstufe sind die vertiefte
allgemeine Bildung und der Erwerb der Studierfähigkeit. Das Abschlusszeugnis
berechtigt, ein Hochschulstudium oder eine sonstige berufliche Ausbildung
aufzunehmen1.
Beide Ziele stehen in Deutschland seit Jahren in der Kritik. Vor allem die „Abnehmer“
des Abiturs beklagen die fehlende Allgemeinbildung oder „Studierunfähigkeit“ der
jungen Studenten. So verwundert es nicht, dass Hanna-Renate Laurien, in ihrer
Festrede zum 50. Geburtstag der KMK die Diskussionen um das Abitur als „endlose
Geschichte“2 überschrieb. Bis heute steht das Thema regelmäßiger als jedes andere
auf der Tagesordnung der KMK. Und das- obwohl erst 1995 eine Expertenkommission
ins Rennen geschickt worden war, welche der KMK bestätigte, man könne im Großen
und Ganzen am bisherigen Abitursystem festhalten.
Oft trifft die Kritik Probleme, die mit der Leistungsbewertung zusammenhängen. So
wird die Studierunfähigkeit der Abiturienten beklagt, obwohl die Durchschnittsnoten Jahr für Jahr besser werden3. Die Diskussion um das Zentralabitur findet immer wieder
neuen Anlass, wenn in Hamburg 33% der Schüler eines Jahrgangs ihr Abitur schaffen,
während die Zahl in Bayern kontinuierlich um die 20% liegt. Momentan gibt es in Deutschland keine wirkliche Alternative zur Lizenzfunktion der
Regulierung des Hochschulzugangs des Abiturs, wie beispielsweise allg.
Studierfähigkeitstests wie in den USA oder Schweden oder alleinige
Aufnahmeprüfungen. "Diese Alternativen wären nicht nur mit zusätzlichen Kosten,
sondern auch unerwünschten Folgeproblemen verbunden, heißt es in einem
Expertenbericht der KMK 1995. Das Abitur hat daher eine zentrale Bedeutung im
deutschen Bildungswesen. "Innerhalb des Berechtigungswesens steht es als Gelenk
zum gehobenen Dienst, als Studienberechtigung und damit als Eintritt in den höheren
Dienst in einer Schlüsselfunktion“. 4 In Anbetracht der fortlaufenden Diskussion und unseres Seminars zur
Leistungsbeurteilung, möchte ich in meiner Hausarbeit das Bewertungssystem der
Sekundarstufe II unter die Lupe nehmen. Ich möchte die Frage beantworten, ob die
Ziele der Abiturbewertung mit dem bestehenden System erreicht werden können, wo
die Schwachstellen und die Stärken liegen. Dabei möchte ich Standpunkte einiger
aktueller Diskussionen aufzeigen und meine eigenen Schlussfolgerungen ziehen.
1 Freistaat Sachsen, SfK 1999: S.5.
2 Laurin 1998: S. 89.
3 Zum Bsp. Kraus 1998:S.56.
4 vgl. KMK 2000: S.XIX.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung: Das Abitur
2. Funktionen der Leistungsbeurteilung im Abitur
3. Exkurs: Zur allgemeinen schulischen Leistungsdiskussion
3. Grundstrukturen des Bewertungs- und Prüfungssystems im Abitur
4. Anmerkungen zum Punktesystem
5. Schlussfolgerungen
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Bewertungssystem der gymnasialen Oberstufe im Hinblick auf seine Eignung, die Ziele des Abiturs – namentlich vertiefte allgemeine Bildung und Studierfähigkeit – zu erreichen. Dabei werden insbesondere die gesellschaftliche Selektionsfunktion und die pädagogischen Anforderungen kritisch beleuchtet.
- Gesellschaftliche Funktionen der Leistungsbeurteilung
- Historische Entwicklung des schulischen Leistungsbegriffs
- Struktur und Problematik der Gesamtqualifikation im Abitur
- Diskussion um Zentralabitur versus schuleigene Prüfungen
- Kritische Analyse des Punktesystems und der Noteninflation
Auszug aus dem Buch
Die Abiturprüfungen
Die Abiturprüfungen gelten von je her als der krönende Abschluss der Schullaufbahn des Gymnasiasten. Obwohl sie in unserem System abgeschwächt worden sind, haben sie eine externe Funktion der Vertrauensbildung sowie eine fast rituelle Funktion nach innen als "letzte Zitterpartie" die Schüler. Wegen ihrer vor allem gesellschaftlichen Wichtigkeit hat noch keiner ernsthaft in Erwägung gezogen, sie- etwa aus pädagogischen Gründen- abzuschaffen. Sie war und ist immer wieder in der Diskussion, die sich besonders an zwei Punkten erhitzt:
Sind diese Prüfungen der verschiedenen Schulen in den verschiedenen Bundesländern wirklich vergleichbar, was das Anforderungsniveau betrifft?
Und zweitens: Welche Inhalte sollten obligatorisch geprüft werden?
Wenn am Ende jeder, der das Abitur besitzt, das Recht hat, zu studieren was und wo er will, muss ein gewisses Maß an qualitativer Gleichheit vorhanden sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Abitur: Das Kapitel führt in die Ziele des Abiturs ein und thematisiert die anhaltende Kritik an der vermeintlichen Studierunfähigkeit der Abiturienten.
2. Funktionen der Leistungsbeurteilung im Abitur: Hier werden die primär gesellschaftliche Selektions- und Berichtsfunktion sowie die pädagogische Feedbackfunktion der Leistungsbewertung analysiert.
3. Exkurs: Zur allgemeinen schulischen Leistungsdiskussion: Das Kapitel beleuchtet den historischen Wandel des Leistungsbegriffs und die Kritik an der Zensurengebung seit dem 19. Jahrhundert.
3. Grundstrukturen des Bewertungs- und Prüfungssystems im Abitur: Die Autorin untersucht das Konzept der Gesamtqualifikation, Prozessbeurteilungen und die Debatte um die Vergleichbarkeit durch das Zentralabitur.
4. Anmerkungen zum Punktesystem: Dieses Kapitel kritisiert das 15-Punkte-System hinsichtlich seiner fehlenden Differenzierung und der Tendenz zur Noteninflation.
5. Schlussfolgerungen: Die Arbeit schließt mit einer Bewertung der Stärken und Schwächen des Abitursystems und formuliert Handlungsoptionen zur Qualitätssicherung.
Schlüsselwörter
Abitur, Leistungsbeurteilung, Gesamtqualifikation, Zentralabitur, Bildungsstandard, Selektionsfunktion, Pädagogik, KMK, Studierfähigkeit, Notensystem, Punktesystem, Qualitätssicherung, Leistungsgesellschaft, Schulpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Bewertungssystem der gymnasialen Oberstufe in Deutschland und hinterfragt, ob das aktuelle Abitur die Anforderungen an Allgemeinbildung und Studierfähigkeit erfüllen kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Funktionen der Leistungsbeurteilung, die historische Entwicklung des Leistungsbegriffs, das Punktesystem sowie die Kontroverse um das Zentralabitur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Evaluation der Stärken und Schwächen des bestehenden Systems sowie die Beantwortung der Frage, wie gesellschaftliche Erwartungen mit pädagogischen Zielen vereinbar sind.
Welche methodische Herangehensweise wird gewählt?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse aktueller bildungspolitischer Diskussionen sowie der Auswertung von Expertenberichten der Kultusministerkonferenz (KMK).
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Funktionen von Leistungsbewertungen, eine historische Einordnung der Zensurengebung und eine Untersuchung der strukturellen Details von Abiturprüfungen und Punktesystemen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Gesamtqualifikation, Selektionsfunktion, Vergleichbarkeit, Noteninflation und pädagogischer Gestaltungsspielraum.
Warum wird das Punktesystem von der Autorin kritisiert?
Die Autorin argumentiert, dass das Punktesystem aufgrund mangelnder Differenzierung im oberen Notenbereich zu einer Tendenz führt, Noten nach oben zu korrigieren, was die Aussagekraft der Ergebnisse schmälert.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich des Zentralabiturs?
Die Autorin plädiert für ein zentral vorgegebenes Abitur auf Länderebene, da dies die Glaubwürdigkeit und Vergleichbarkeit des Abschlusses nachhaltig stärken würde.
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- Anke Rößler (Author), 2001, Leistungsbeurteilung in der Sekundarstufe II: Das Abitur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16859