Geschlechtsspezifische Leseförderung in der Schulbibliothek: Lektürewahl bei Jungen


Hausarbeit, 2010

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entwicklung der Forschungsfrage und der Hypothesen
2.1 Hypothesen
2.2 Definition wichtiger Begriffe

3 Die Methoden
3.1 Qualitative Sozialforschung
3.2 Problemzentriertes Interview (PZI) nach Witzel
3.3 Grounded Theory (GT)

4 Feldzugang und Datenerhebung
4.1 Feldzugang und Sampling
4.2 Interviewdurchführung
4.3 Transkription

5 Auswertung und Ergebnisse
5.1 Offenes, axiales und selektives Codieren
5.2 Kritische Reflexion

6 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

(Der Anhang enthält Interviewtexte, die aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht Teil dieser Veröffentlichung sind)

Anm. d. Verfasserin:

Zur besseren Lesbarkeit wird meistens die männliche Personalform verwendet. Die weibliche ist dabei immer mitzudenken.

1 Einleitung

„Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können“ lautet ein Werk der Journalistin Katrin Müller-Walde, das der aktuellen Lesedebatte an Schulen, insbesondere in der schulbibliothekarischen Arbeit bezüglich der Lesemotivation von Jungen, neuen Schwung verliehen hat. Sie kommt in ihrer Studie (2003/04) zu dem Ergebnis „Jungen wollen lesen, auch wenn sie es nicht immer zugeben. […] Sie lesen umso intensiver und anspruchsvoller, je besser wir es verstehen, ihnen in der mehrere Jahre anhaltenden Leselustlernphase die richtigen, persönlich passenden Texte in die Hände zu geben“ (Müller-Walde, 2005, S. 17). In der Studie wurden mehr als 2000 Jungen und Mädchen im Alter zwischen zehn und 18 Jahren zu ihren Leseinteressen befragt (siehe Müller-Walde, 2005, S. 16 u. S. 232). Zusammenhänge mit Schulbibliotheken wurden nicht untersucht. Die gesellschaftliche Relevanz dieses Phänomens - dass Jungen nicht mehr lesen - wird spätestens seit dem „PISA-Schock“ (PISA 2000) einer breiteren Öffentlichkeit zunehmend bewusst: Lesekompetenz als eine der grundlegenden Kompetenzen für Lernen überhaupt, ist untrennbar mit Informationskompetenz, Bildungserfolg, Bereitschaft zur persönlichen Weiterbildung, lebenslangem Lernen, und am Ende einer langen Kette individuell erworbener Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht zuletzt mit sozialer Kompetenz und gesellschaftlich erfolgreicher Integration verbunden. „In Ländern, in denen ein hoher Prozentsatz der Schüler unter oder auf Stufe 1 liegt, müssen sich Eltern, Pädagogen und politische Entscheidungsträger darüber klar werden, dass eine erhebliche Zahl von Schülerinnen und Schülern keinen ausreichenden Nutzen aus den vorhandenen Bildungsmöglichkeiten zieht und nicht die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten erwirbt, um dies während der weiteren Schulzeit oder im späteren Leben effizient zu tun“ (OECD, 2004, S.342). Es muss daher auch Aufgabe von Schulbibliotheken sein, sich intensiv mit diesem Thema zu befassen. Führende Leseforscher sind sich darin einig: „Lesen lernt man nur durch Lesen“ (Richard Bamberger). Wenn aber Jungen zunehmend nicht mehr lesen, werden auf der Suche nach Erklärungen für dieses Phänomen in der Forschung verschiedene Ansätze gewählt, wie z.B. zur familiären Lesesozialisation, zu kognitiven Prozessen des jugendlichen männlichen Gehirns, zu geschlechtstypischem Leseverhalten, aber bisher weniger z.B. zum Einfluss der Schulbibliotheken oder der peer group auf die Leseorientierung. Maik Philipp hat diesen letzteren Zusammenhang in seiner quantitativen Studie (2006/07) mit 500 Kindern zumindest für Fünftklässler empirisch belegt (vgl. Philipp, 2008, S. V). Er weist aber auch darauf hin, „dass die Leseforschung im Gegensatz zur Massenmedienforschung dieses Feld bislang vergleichsweise unbearbeitet ließ“ (Philipp, 2008, S.11). Diese Forschungslücke bietet Ansatzpunkte für die vorliegende Hausarbeit. Die gesellschaftlich relevante Entwicklung von Jungen zu Lesern beschäftigt die Verfasserin dieser Hausarbeit täglich in ihrer beruflichen Tätigkeit als Schulbibliothekarin einer Integrierten Gesamtschule. Wie kann geschlechtsspezifische Leseförderung in der Schulbibliothek noch gestaltet werden und: Auf welchen empirischen Grundlagen kann diese begründet werden?

2 Entwicklung der Forschungsfrage und der Hypothesen

„Beobachtungen bilden gewissermaßen den Beginn der empirischen Sozialforschung. Viele Forschungen gehen auf irritierende Anfangsbeobachtungen zurück, an die sich gezielte methodische Erhebungen sowie theoretische Erklärungen anschließen“ (Brüsemeister, 2009, S. 24). Die unsystematischen Beobachtungen des Verhaltens von Jungen, deren Klassen zum Zweck der Leseförderung Deutschunterricht in der Schulbibliothek haben, führten zu der Forschungsfrage. Das Leseförderprojekt, welches die Arbeit gebende Schule der Verfasserin im Jahrgang 7 zur Verbesserung der Lesekompetenz und Lesemotivation durchführt, gewährt dem Vorgang des Lesens an sich einen großen Raum, wöchentlich findet eine Stunde Deutschunterricht in der Schulbibliothek statt. Die Jugendlichen haben dort unter anderem die Aufgabe, sich selbstständig und selbstbestimmt eine Lektüre aus dem für sie altersangemessenen Jugendbuchbereich auszuwählen, die sie anschließend - ebenfalls in der Bibliothek - auch lesen und mittels Lesetagebüchern und verschiedenartigen Präsentationen weiter bearbeiten und reflektieren. Allein im Jugendbuchbereich stehen ihnen dafür in ihrer Altersklasse ca. 800 Titel zur Verfügung. Nach welchen Kriterien wählen sie eigentlich ihre Bücher aus? Die Verfasserin beobachtete, dass sich die Jungen im Allgemeinen wesentlich schwerer tun mit der Auswahl als die Mädchen. Sie dabei zu unterstützen ist teilweise eine echte Herausforderung, weil sie häufig nicht in der Lage sind, ihre Interessen zu benennen, sondern oft nur formulieren können, was nicht ihren Interessen entspricht. Haben sie keine Interessen, sind sie sich derer nicht bewusst oder können sie sie einfach nur nicht artikulieren? Oftmals wählen die Jungen genau das Buch, das ihr Klassenkamerad gerade eben zurück gegeben hat. Lassen sie sich hier durch die peer group beeinflussen oder sind sie einfach nur bequem? Auch ist die Lesemotivation hier nicht ursächlich für die Wahl einer Lektüre, sondern die notwendige Erfüllung der Aufgabenstellung „Wähle und lies ein Buch deiner Wahl“. Nach welchem Entscheidungsprinzip handeln die Jungen hier eigentlich? „Qualitative Forschung beschäftigt sich mit der Logik der Selektion, insofern sie untersucht, wie sich Akteure in einer Handlungssituation entscheiden und inwiefern Deutungsmuster auf die Entscheidung Einfluss nehmen“ (Brüsemeister, 2009, S. 41). Nach Esser sind für die Erklärung eines soziologischen Phänomens drei Schritte nötig: 1. Die Logik der Situation, welche „die Erwartungen und die Bewertungen des Akteurs mit den Alternativen und den Bedingungen in der Situation“ verknüpft, 2. die Logik der Selektion, welche „die Akteure und das soziale Handeln“ verbindet, wonach die Akteure in einer Situation eine „bestimmte Alternative“ wählen und 3. die Logik der Aggregation, über welche „es zur Verknüpfung zwischen den individuellen Handlungen und den kollektiven Folgen - dem eigentlich interessierenden soziologischen Explanandum“ kommt (Esser, 1999, S. 94ff). Der Logik der Selektion liegt dabei eine „allgemeine Handlungstheorie“ bzw. ein Akteurmodell (ebd. S. 95) zugrunde. Nach Schimank sind die beiden wichtigsten Akteurmodelle das Modell des Homo Sociologicus „Dies ist ein Handelnder, der sein Handeln an sozialen Normen ausrichtet.“ (Schimank, 2002, S. 20) und das Modell des Homo Oeconomicus. „Der Homo Oeconomicus handelt so, dass er damit seinen eigenen erwarteten Nutzen maximiert“ (ebd., S. 21). „Ziel ist es, theoretische Erklärungen für die beobachteten sozialen Phänomene zu finden“ (Brüsemeister, 2009, S. 28). Dies soll hier an Hand qualitativer Interviews versucht werden. Daher wird eine soziologische Perspektive eingenommen und die Untersuchung um die Frage nach den Strategien von Individuen zentriert, in bestimmten Situationen bestimmte Entscheidungen zu treffen und nach den Kriterien, die den Entscheidungsprozessen von Jugendlichen für die Wahl eines Buches - als Voraussetzung dafür, dass ein Buch gelesen werden kann, der Konsequenz, - zugrunde liegen.

Die Forschungsfrage lautet daher:

Nach welchen Entscheidungskriterien treffen Jungs in der 7. Klasse ihre Lektürewahl im Deutschunterricht in der Schulbibliothek?

„Fragestellungen sollten so formuliert werden, dass sie (im Rahmen der geplanten Studie und mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen) beantwortbar sind“ (Flick, 2008, S. 259). Das bedeutet, sie dürfen nicht zu weit und nicht zu eng gefasst sein, sie sollen den zu untersuchenden Gegenstand angemessen in den Blick nehmen und ebenfalls Raum für Exploration bieten (siehe Flick, ebd.). Die Fragestellung ist bedeutend für die gesamte weitere Forschungsarbeit, denn sie benennt den Forschungsgegenstand und beeinflusst das Forschungsdesign. Die Methode zur Bearbeitung der interessierenden Frage ergibt sich aus den angestrebten Erkenntnissen, die entweder der Überprüfung oder der Entdeckung einer Theorie dienen (siehe Brüsemeister, 2009, S. 28). In diesem konkreten Fall besteht noch keine Theorie, die das Verhalten der Jugendlichen hinreichend erklärt. Es gibt lediglich vage Ideen, die unsystematisches Vorwissen der Forscherin und Alltagsbeobachtungen darstellen und sich in den formulierten Arbeitshypothesen widerspiegeln. Eine Studie, die Antworten auf die Forschungsfrage geben könnte, gibt es bisher nicht. Es gibt bisher auch scheinbar keine Untersuchungen, die sich mit den Entscheidungsprozessen der Lektürewahl in Schulbibliotheken befassen. Hier könnten also neue Entdeckungen verborgen liegen. Qualitative Forschung kann offen „für das Neue im Untersuchten, das Unbekannte im scheinbar Bekannten“ sein (Flick, 2008, S.17) und „zentraler Ausgangspunkt für eine gegenstandsbegründete Theoriebildung“ (ebd.). Daher wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt.

2.1 Hypothesen

In der qualitativen Forschung haben Hypothesen nicht die Aufgabe, der Überprüfung einer Theorie zu dienen. Häufig „lehnt man hier überwiegend die Formulierung von Ex-ante-Hypothesen ab“ (Flick, 2008, S. 266), da sie das Vorwissen der Forschenden auf bestimmte Aspekte festschreiben und dadurch die Gefahr gesehen wird, dass das Prinzip der Offenheit nicht mehr gewährleistet ist. Aber „natürlich gehen qualitative ForscherInnen niemals mit ganz leeren Händen in ein Untersuchungsfeld“ (Brüsemeister, 2009, S. 32), sondern lassen sich hier von ihren Hypothesen in eine ungefähre Richtung lenken, um sich von neuen Entdeckungen und Unvorhergesehenem überraschen zu lassen (vgl. Brüsemeister, 2009, S. 31).

Die vorläufigen Hypothesen lauten also:

H1: Die persönlichen Interessen von männlichen Jugendlichen der Jahrgangsstufe 7 haben Einfluss auf die Auswahlentscheidung für Lektüren im Deutschunterricht in der Schulbibliothek.

H2: Die peer group hat Einfluss auf die Auswahl von Lektüren männlicher Jugendlicher der Jahrgangsstufe 7 im Kontext des Deutschunterrichts in der Schulbibliothek.

H3: Die Auswahlentscheidung für Lektüren, die im Kontext des Deutschunterrichts in der Schulbibliothek von männlichen Jugendlichen der Jahrgangsstufe 7 ausgeliehen werden, wird vom differenzierten Angebot der Schulbibliothek beeinflusst.

2.2 Definition wichtiger Begriffe

Der Begriff peer group stellt eine abstrakte soziologische Kategorie dar, um vor allem Gleichaltrigen-Gruppen Heranwachsender zu beschreiben, die in der soziologischen Forschung aber durch keinen allgemeingültigen Konsens definiert ist. Der Fremdwörter-Duden erklärt eine peer group als „Bezugsgruppe eines Individuums, die aus Personen gleichen Alters, gleicher od. ähnlicher Interessenlage u. ähnlicher sozialer Herkunft besteht u. es in bezug auf Handeln u. Urteilen stark beeinflußt“ (Wiss. Rat der Dudenredaktion, 1982, S. 574). Im Rahmen dieser Hausarbeit wird unter peer group lediglich eine Gruppe etwa gleichaltriger Klassen- und Schulkameraden verstanden, die sich zumindest innerhalb des Schullebens und der Schulgemeinde z.B. durch gemeinsame Interessen oder Geschmackskulturen einander zugehörig fühlen und sich aneinander orientieren.

Lesekompetenz ist die „Fähigkeit, geschriebene Texte unterschiedlicher Art in ihren Aussagen, ihren Absichten und ihrer formalen Struktur zu verstehen und in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können, sowie in der Lage zu sein, Texte für verschiedene Zwecke sachgerecht zu nutzen. Nach diesem Verständnis ist Lesekompetenz nicht nur ein wichtiges Hilfsmittel für das Erreichen persönlicher Ziele, sondern eine Bedingung für die Weiterentwicklung des eigenen Wissens und der eigenen Fähigkeiten – also jeder Art selbstständigen Lernens – und eine Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben“ (Artelt et al, 2001, S.11)

Informationskompetenz ist die Fähigkeit Informationsbedarf zu erkennen, Informationen mit geeigneten Methoden zu ermitteln, Informationen zu bewerten und schließlich hinsichtlich der Problemstellung effektiv zu nutzen (siehe Lux, 2007, S. 200f). Informationskompetenz schließt alle Formen von Medien ein und ist zentraler Bestandteil der pädagogischen Arbeit in Schulbibliotheken.

Für eine gute Schulbibliothek gibt es in Deutschland keine gesetzlich festgeschriebenen Qualitätsstandards. Als Leitlinie dient das Schulbibliotheksmanifest der UNESCO (UNESCO, 2000). Danach zeichnen sich gute Schulbibliotheken u. a. durch die Einbettung im Schulkonzept als Informations-, Lese- und Kulturzentrum, der Betreuung durch Fachpersonal, einen qualitativen, curricularen und voll erschlossenen Bestandsaufbau, lange Öffnungszeiten, einen eigenen Etat, die Integration und Vermittlung neuer Medien, die vielfältige Zusammenarbeit mit Schulleitung und Kollegium und ein entsprechend umgesetztes Raumkonzept aus. Diese Leitideen prägen die hier betreffende Schulbibliothek.

3 Die Methoden

„Qualitative Forschung hat den Anspruch, Lebenswelten ‚von innen heraus’ aus der Sicht der handelnden Menschen zu beschreiben. Damit will sie zu einem besseren Verständnis sozialer Wirklichkeit(en) beitragen und auf Abläufe, Deutungsmuster und Strukturmerkmale aufmerksam machen“ (Flick, 2008, S.14). Das Problemzentrierte Interview eignet sich für die Datenerhebung dieser Forschungsarbeit insofern, als es „auf die Darstellung der subjektiven Problemsicht“ zielt (Witzel, 2000, S.1), eine Problemzentrierung um eine gesellschaftlich relevante Problemstellung darstellt und Vorwissen in der Konstruktion des Leitfadens expliziert wird (vgl. ebd.; vgl. Kuckartz, 2010, S.117f). Hinsichtlich zur „Nähe des Themas zum Erleben des Befragten, die Ausdrucksfähigkeit der Interviewpartner und die Motivation zur Teilnahme“ (Kuckartz, 2010, S. 101) stellt das PZI „mittlere Anforderungen“ an die Stichprobe (Reinders, 2005, S. 132) und ist auch daher angemessen.

„Die Grounded Theory liefert empirisch abgesicherte Theoriebausteine zu Bedingungen, Strategien und Konsequenzen eines Untersuchungsphänomens (in Essers Begrifflichkeit: zu Situationen, Selektionen und Aggregationen) als Elementen sozialer Prozesse“ (Brüsemeister, 2009, S. 151) und stellt damit ein ideales Auswertungsinstrument für die vorliegende Forschungsfrage dar.

3.1 Qualitative Sozialforschung

Untersuchungsgegenstand qualitativer Forschung ist nicht messbare, „objektive Realität“, sondern die „subjektive Wirklichkeit“ der Akteure (siehe Kromrey, 2006, S. 23). Die Forschenden haben die Aufgabe, durch interpretierende Verfahren die Bedeutungszuschreibungen der Beteiligten zu erfassen. Dazu nutzen sie auch ihr eigenes Vorwissen und ihre eigenen Erfahrungen, die niemals gänzlich aus dem Forschungsprozess ausgeklammert werden können: „Es ist immer nur möglich, die Kategorien anderer Personen auf der Basis der eigenen Kategorien zu verstehen“ (Meinefeld, 2008, S. 271). Die Reflexion des Vorwissens ist eine wichtige Voraussetzung, um neuem Wissen möglichst unvoreingenommen zu begegnen und dadurch dem Prinzip der Offenheit in der qualitativen Forschung gerecht zu werden. Weitere Prinzipien sind die der kommunikativen Erhebung dicht im Bezug zur Lebenswelt der Beteiligten und der Prozesscharakter des gesamten Forschungs prozesses. (siehe Reinders, 2005, S. 34ff; vgl. Lamnek, 2005, S. 20ff).

3.2 Problemzentriertes Interview (PZI) nach Witzel

Das 1982 von Andreas Witzel etablierte Problemzentrierte Interview ist ein Methoden kombinierendes Verfahren zur Datenerhebung in der qualitativen Sozialforschung. Witzel lehnt es weitgehend an das Theorie generierende Verfahren der Grounded Theory nach Glaser & Strauss an. Es verbindet ein deduktives mit einem induktiven Vorgehen durch die „Verschränkung von bestehendem und zu ermittelndem Wissen“ (Witzel, 1985, S. 231) durch die Kombination von Narration und Dialog in einem leitfadengestützten Interview. Dadurch nutzen die Forschenden ihr Vorwissen für die Zentrierung auf das interessierende Problem und bleiben ihm gegenüber gleichzeitig offen. Drei Grundpositionen kennzeichnen das PZI:

> Die Problemzentrierung auf die von den Forschenden beobachtete gesellschaftlich relevante Problemstellung und die Offenlegung und Systematisierung ihres dazu vorhandenen Wissens.

> Die Gegenstandsorientierung, d.h. die sich daraus ergebende flexible Handhabung und Kombination von Methoden, die sich dem Gegenstand anpassen. Z.B. die Vorbereitung biografischer Interviews durch vorangehende Gruppendiskussionen, Befragten zentrierte Kommunikationsstrategien, die ergänzende Verwendung standardisierter Fragebögen.

> Die Prozessorientierung charakterisiert sowohl den gesamten Forschungsprozess als auch den Untersuchungsgegenstand als Teil eines historischen Prozesses im Leben der beteiligten Person selbst und den Prozess der Selbstreflexion der Interviewpartner während des Interviews. Witzel hebt hervor, dass eine sensible Kommunikationsstrategie für ein Vertrauensverhältnis zwischen den Beteiligten sorgen kann, welches die Erinnerungsfähigkeit und Erzählbereitschaft der Interviewpartner fördert (siehe Witzel, 1985; siehe Witzel, 2000).

Das PZI nutzt vier Instrumente zur Datenerhebung:

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Geschlechtsspezifische Leseförderung in der Schulbibliothek: Lektürewahl bei Jungen
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Modul 2A - Empirische Bildungsforschung / Methoden
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V168961
ISBN (eBook)
9783640871285
ISBN (Buch)
9783640871391
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wissenschaftliche Hausarbeit im Rahmen des B.A. Bildungswissenschaften, Modul 2A der FernUni Hagen. Die qualitative Studie beschäftigt sich mit der Frage, welche Prozesse Einfluss auf die Lektürewahl bei Jungs ausüben und welche Rolle die Schulbibliothek dabei spielt. Zur Auswertung der Ergebnisse werden die Grounded Theory und handlungstheoretische Modelle herangezogen. Der Anhang ist nicht Teil dieser Veröffentlichung.
Schlagworte
Modul 2A, Schulbibliothek, Grounded Theory, Problemzentriertes Interview, Informationskompetenz, Empirische Bildungsforschung, Handlungstheorie, Soziologie, Leseförderung
Arbeit zitieren
Cora Ginzel (Autor:in), 2010, Geschlechtsspezifische Leseförderung in der Schulbibliothek: Lektürewahl bei Jungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168961

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