Die geopolitische Bedeutung Grönlands hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Diese Arbeit untersucht die Frage, warum sich das geopolitische Engagement der Großmächte in Grönland intensiviert hat und welche Faktoren das zunehmende Interesse an Grönland erklären. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass der Klimawandel als Katalysator wirkt, indem er die Arktis zunehmend zugänglich macht und damit neue sicherheitspolitische, wirtschaftliche und strategische Optionen eröffnet. Theoretisch stützt sich die Analyse auf den Neorealismus nach John J. Mearsheimer, der das Verhalten von Staaten durch Machtmaximierung und Sicherheitsstreben in einem anarchischen internationalen System erklärt. Methodisch erfolgt eine qualitative, vergleichende Fallstudie Chinas, Russlands und der USA. Anhand von Indikatoren wie militärischer Präsenz, strategischer Infrastruktur, diplomatischem Engagement und wirtschaftlichen Investitionen wird das Ausmaß des geopolitischen Engagements der Großmächte in Grönland untersucht. Die Analyse zeigt, dass die geostrategische Lage Grönlands zwischen Nordamerika und Europa sowie seine Nähe zu zentralen maritimen Engpässen und arktischen Ressourcen maßgeblich zur Intensivierung des Großmachtwettbewerbs beitragen. Der Klimawandel verstärkt diesen Prozess, indem er bestehende Macht- und Sicherheitsdynamiken beschleunigt.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Geopolitischer Kontext und Schlüsselfaktoren Grönlands.
- 2.1. Geostrategische Lage
- 2.2. Arktische Zugänglichkeit durch den Klimawandel
- 2.3. Erschließung und gesteigerte Zugänglichkeit von Rohstoffen
- 2.4. Entstehung neuer arktischer Handelsrouten und deren Bedeutung
- 2.5. Internationale Rivalität und Machtinteressen
- 3. Theoretischer Rahmen
- 3.1. Überblick über theoretische Erklärungsansätze in den IB.
- 3.2. Neorealismus nach Mearsheimer.
- 3.2.1. Struktur des internationalen Systems
- 3.2.2. Sicherheitsdilemma
- 3.3. Begründung der Theoriewahl und Grenzen des neorealistischen Ansatzes
- 4. Methodisches Vorgehen
- 4.1. Qualitative, vergleichende Fallstudie
- 4.2. Operationalisierung
- 4.3. Fallauswahl und Material
- 5. Empirische Analyse
- 5.1. China
- 5.2. Russland
- 5.3. USA.
- 6. Theoriegeleitete Interpretation
- 7. Fazit
- 8. Literaturverzeichnis.
- 9. Anhang.
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern Grönland eine zentrale Rolle im Großmachtwettbewerb einnimmt. Die primäre Forschungsfrage ist, warum das geopolitische Interesse der Großmächte China, Russland und den USA an Grönland im 21. Jahrhundert steigt und welche Faktoren dieses zunehmende Interesse erklären. Die Analyse basiert auf dem offensiven Neorealismus von John J. Mearsheimer.
- Grönlands geostrategische Bedeutung im Kontext des Klimawandels.
- Die Auswirkungen der arktischen Eisschmelze auf Zugänglichkeit und Ressourcen.
- Die Entstehung und Bedeutung neuer arktischer Handelsrouten.
- Internationale Rivalität und Machtinteressen von China, Russland und den USA in der Arktis.
- Die Anwendung des offensiven Neorealismus als theoretischer Erklärungsrahmen.
- Grönlands Rolle als eigenständiges geopolitisches Objekt im Großmachtwettbewerb.
Auszug aus dem Buch
2. Geopolitischer Kontext und Schlüsselfaktoren Grönlands
Grönland ist eine autonome Region Dänemarks mit etwa 56.000 Einwohner:innen, überwiegend indigene Inuit. Seit dem Home Rule Act 1979 verwaltet die grönländische Regierung zentrale Bereiche wie Bildung oder die Rohstoffentwicklung eigenständig. Außen-, Verteidigung- und Sicherheitspolitik bleiben dänische Zuständigkeit, wobei die Autonomie schrittweise ausgeweitet wird (vgl. Spence/Hanlon 2025: 3). Mit dem Selbstverwaltungsstatut von 2009 erhielt Grönland das Recht, die Unabhängigkeit von Dänemark zu erklären (vgl. ebd. 2025: 3). Seitdem unterhält die Regierung eigene Außenbeziehungen und Vertretungen im Ausland (vgl. Saalbach 2024: 357).
Über Dänemark ist Grönland Mitglied der NATO, und mit der US-Militärbasis Pituffik Space Base besitzt die USA eine wichtige Einrichtung zur Raketenfrühwarnung (vgl. Spence/Hanlon 2025: 4). Die Region ist wirtschaftlich stark von dänischen Subventionen abhängig. Die Erschließung von Rohstoffvorkommen könnte wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglichen, birgt aber ökologische und wirtschaftliche Risiken (vgl. Saalbach 2024: 357).
2.1. Geostrategische Lage
Die geostrategische Relevanz der Arktis ergibt sich aus ihrer Lage zwischen Atlantik und Indopazifik sowie zwischen den USA und Russland, ergänzt durch ihr wirtschaftliches Potenzial. Als „fragmentierte[n] Geografie" (Sheng 2023: 12) umfasst die Arktis je nach Abgrenzung neben den fünf Anrainerstaaten (Dänemark mit Grönland, Norwegen, Russland, Kanada, USA) auch Schweden, Finnland und Island (Arctic Eight) (vgl. Saalbach 2024: 352)
Grönland, größte Landmasse der Region mit 2,1 Mio. km², spielt eine Schlüsselrolle. Es besteht aus 81% Eisdecke und gehört zum westlichen Verteidigungsraum (vgl. Leclerc 2025: 2). Es liegt zentral zwischen Nordwest-, Nordost- und transarktischer Passage (vgl. Sheng 2023: 162). Zudem ist Grönland Teil des Grönland, Island, UK Gap (GIUK) und Grönland, Island (GIN) Gap, das sind maritime Engpässe zur Überwachung russischer U-Boote (vgl. Saalbach 2024: 355; Spence/Hanlon2025: 4). Abbildung 1 zeigt die geostrategische Lage Grönlands in der Arktis zwischen den Großmächten USA und Russland und verdeutlicht die Schnittstelle zwischen Nordamerika, Europa und der Arktis. Insbesondere für die internationale Schifffahrt, Sicherheit, Verteidigung und Ressourcenpolitik.
2.2. Arktische Zugänglichkeit durch den Klimawandel
Die Arktis erwärmt sich dreimal schneller als der globale Durchschnitt, bedingt durch die Eis-Albedo-Rückkopplung. Schmelzendes Eis legt dunkle Meeresfläche frei, die mehr Sonnenenergie aufnimmt und die Erwärmung verstärkt (vgl. Norsk Polarinstitutt 2025). Die Meereisausdehnung und -dicke nehmen als Folge stetig ab. 2024 wurde die 13.-niedrigste maximale Eisfläche seit Beginn der Satellitenmessungen registriert. Die eisfreien Perioden verlängerten sich regional um zwei Monate (vgl. Norsk Polarinstitutt 2025; POLAR PORTAL 2024 8-9). Seit 1971 stiegen die Lufttemperaturen um rund 3 °C (vgl. Box et al 2024: 8). Gleichzeitig taut der Permafrost und setzt Methan frei. Bis Ende des Jahrhunderts könnte die Fläche des Oberflächenpermafrosts um bis zu 80% schrumpfen (vgl. Norsk Polarinstitutt 2025).
Der grönländische Eisschild ist bis zu 3 km dick und enthält 10%-20% des globalen Süßwassers (vgl. Bever 2025: 1; Spence/Hanlon 2025: 5). Zwischen 2002 und 2024 betrug der Eisverlust rund 4.911 Milliarden Tonnen mit einem Meereisspiegelanstieg von 14 mm. Allein 2023/24 waren es 80 Gt (vgl. POLAR PORTAL 2024: 6-7). Diese Veränderungen wirken sich auf globale Klimasysteme, Meeresströmungen und Wetterlagen aus (vgl. Polarinstitutt 2025).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Thema des zunehmenden geopolitischen Interesses an der Arktis und Grönland im Kontext des Klimawandels ein, stellt die Forschungsfragen vor und skizziert den theoretischen Ansatz des offensiven Neorealismus.
2. Geopolitischer Kontext und Schlüsselfaktoren Grönlands: Hier werden Grönlands autonome Stellung und seine geostrategische Lage beleuchtet, ebenso wie die durch den Klimawandel bedingte arktische Zugänglichkeit, die Erschließung von Rohstoffen und die Bedeutung neuer arktischer Handelsrouten für internationale Rivalitäten.
3. Theoretischer Rahmen: Das Kapitel legt die theoretische Grundlage der Arbeit dar, indem es den offensiven Neorealismus nach Mearsheimer vorstellt und seine Annahmen zur Machtpolitik von Staaten in einem anarchischen System erläutert.
4. Methodisches Vorgehen: Dieses Kapitel beschreibt das methodische Design der Arbeit als qualitative, vergleichende Fallstudie, die Operationalisierung der Analysefaktoren (geostrategische Lage, regionale Machtfaktoren, internationale Rivalität) und die Auswahl von China, Russland und den USA als Untersuchungsfälle.
5. Empirische Analyse: In diesem Hauptteil werden die geopolitischen Aktivitäten und Interessen von China, Russland und den USA in Grönland detailliert analysiert, wobei Investitionen, militärische Präsenz und strategische Ziele untersucht werden.
6. Theoriegeleitete Interpretation: Die empirischen Befunde werden unter Heranziehung des offensiven Neorealismus interpretiert, um die Machtbestrebungen der Großmächte und das resultierende Sicherheitsdilemma in der Arktis zu erklären.
7. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse der Arbeit zusammen, bestätigt die Hypothese zum Zusammenhang zwischen Klimawandel und geopolitischem Engagement und diskutiert die Grenzen des neorealistischen Ansatzes sowie die Notwendigkeit ergänzender Perspektiven.
Schlüsselwörter
Grönland, Arktis, Geopolitik, Klimawandel, Großmächte, China, Russland, USA, Neorealismus, Internationale Beziehungen, Rohstoffvorkommen, Handelsrouten, Sicherheitsdilemma, Machtwettbewerb, Geostrategische Lage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Grönland im 21. Jahrhundert zu einem zentralen Schauplatz im geopolitischen Machtkampf zwischen China, Russland und den USA geworden ist, insbesondere im Kontext des Klimawandels und seiner Auswirkungen auf die Arktis.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die geostrategische Bedeutung Grönlands, die durch den Klimawandel verursachte Zugänglichkeit der Arktis, das Potenzial für Rohstofferschließung und neue Handelsrouten sowie die daraus resultierende internationale Rivalität der Großmächte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu analysieren, warum das geopolitische Interesse Chinas, Russlands und der USA an Grönland steigt und welche Faktoren dieses zunehmende Interesse erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine qualitative, vergleichende Fallstudie, um das Verhalten der drei Großmächte im Hinblick auf Grönland zu untersuchen und theoriegeleitet zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit einer empirischen Analyse der spezifischen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Aktivitäten und Interessen Chinas, Russlands und der USA in Grönland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Grönland, Arktis, Geopolitik, Klimawandel, Großmächte, Neorealismus und Sicherheitsdilemma charakterisiert.
Wie beeinflusst der Klimawandel die geostrategische Bedeutung Grönlands?
Der Klimawandel führt zu einer verstärkten Eisschmelze, wodurch Grönland und die umgebenden arktischen Gebiete zugänglicher werden. Dies eröffnet neue Möglichkeiten für Schifffahrtsrouten und die Erschließung von Rohstoffen, was die geostrategische Bedeutung Grönlands für die globalen Mächte erheblich erhöht.
Welche Rolle spielt der Neorealismus nach Mearsheimer in der Analyse?
Der offensive Neorealismus nach Mearsheimer dient als theoretischer Rahmen, um das Verhalten der Großmächte zu erklären. Er geht davon aus, dass Staaten in einem anarchischen internationalen System nach maximaler Macht und Sicherheit streben, was den Wettbewerb um strategisch wichtige Regionen wie Grönland antreibt und ein Sicherheitsdilemma erzeugt.
Welche spezifischen Interessen verfolgt China in Grönland und der Arktis?
China, das sich als "Near-Arctic State" bezeichnet, verfolgt in Grönland und der Arktis ökonomische, diplomatische und zunehmend auch militärische Interessen. Dazu gehören Investitionen in Rohstoff- und Infrastrukturprojekte, der Ausbau der "Polar Silk Road" und die Sicherung des Zugangs zu wichtigen arktischen Ressourcen.
Inwiefern trägt das "Sicherheitsdilemma" zur Konflikteskalation in der Arktis bei?
Das Sicherheitsdilemma entsteht, da Maßnahmen eines Staates zur Erhöhung der eigenen Sicherheit (z.B. militärische Aufrüstung) von anderen Staaten als Bedrohung wahrgenommen werden, was wiederum zu Gegenmaßnahmen und einer Spirale der Unsicherheit und des Machtwettbewerbs führt, wie am Beispiel der Reaktionen der USA auf Chinas und Russlands Präsenz in der Arktis deutlich wird.
- Citation du texte
- SIlvia Krügel (Auteur), 2025, Grönland im geopolitischen Spannungsfeld von China, Russland und den USA im Kontext des Klimawandels, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1691488