Die europäische Integration ist in der wissenschaftlichen Forschung ein viel diskutiertes Thema. Besonders auch die Frage, ob die immer tiefer gehende Integration zu einem Demokratiedefizit in der EU geführt hat, wird in einem Großteil der Literatur zur Europäischen Union aufgegriffen und ist stark umstritten. Während einige Wissenschaftler der EU sehr wohl ein Defizit attes-tieren, sind andere der Ansicht, es läge kein Defizit vor . Den Kern der Dis-kussion bildet die Frage, ob die Herrschaft der EU überhaupt legitim ist, da es schließlich kein „europäisches Volk“ und damit keine europäische Identi-tät gibt, durch die sie legitimiert wäre. Dieser Frage soll auch im Rahmen dieser Arbeit nachgegangen werden. Dabei geht es darum, herauszufinden, ob die Integrationstheorie des Neofunktionalismus die Entwicklung der Europäischen Union und besonders die fehlende Legitimität und Identität er-klären kann. Ist er überholt, weil er keine Erklärungen liefert, oder ist er re-levant, weil er erklären kann, wie Legitimität und Identität herausgebildet werden könnten?
Um diese Frage beantworten zu können, soll zunächst einmal ein kurzer Überblick über die integrationstheoretische Debatte geliefert werden (Kapitel 1), bevor die Integrationstheorie Neofunktionalismus näher vorgestellt wird (Kapitel 2). Dabei werden auch die beiden anderen großen Integrati-onstheorien Intergouvernementalismus (Kapitel 2.1.1) und Föderalismus (Kapitel 2.1.2) kurz dargestellt, um einen Vergleich zu haben. Ferner wer-den einige Wissenschaftler vorgestellt, die den Neofunktionalismus bereits als gescheitert erklärten (Kapitel 2.2). Im dritten Kapitel soll dann ausführlich auf die Frage nach einem Demokratiedefizit in der EU eingegangen werden (Kapitel 3.1), sowie erläutert werden, wie sich vielleicht doch eine europäische Identität herausbilden ließe (Kapitel 3.2). Anschließend soll die Frage geklärt werden, inwieweit der Neofunktionalismus Potenzial hat, die in der EU identifizierten Defizite zu erklären, bzw. Lösungsansätze zu liefern (Ka-pitel 4). In einem abschließenden Fazit werden dann noch einmal die wich-tigsten Punkte der Arbeit zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die integrationstheoretische Debatte im Überblick
2. Die Annahmen des Neofunktionalismus
2.1 Die beiden anderen großen Integrationstheorien
2.1.1 Intergouvernementalismus
2.1.2 Föderalismus
2.2 Neofunktionalismus – eine bereits mehrfach gescheiterte Theorie
3. Legitimität und Identität als Kernthemen der europäischen Integration
3.1 Die Diskussion um das Demokratiedefizit der EU
3.2 Das fehlende „Wir“-Gefühl der Europäer
4. Der Neofunktionalismus – relevant oder überholt?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Erklärungskraft des Neofunktionalismus in Bezug auf die Entwicklung der Europäischen Union, insbesondere hinsichtlich der Problematik von Legitimität und Identität innerhalb des europäischen Integrationsprozesses. Es wird analysiert, inwieweit die Theorie geeignet ist, das häufig diskutierte Demokratiedefizit und das Fehlen einer europäischen Identität zu erklären oder Lösungsvorschläge zu bieten.
- Vergleichende Analyse der großen Integrationstheorien (Neofunktionalismus, Intergouvernementalismus, Föderalismus)
- Untersuchung des Demokratiedefizits der Europäischen Union und seiner verschiedenen Aspekte
- Reflektion über die Rolle einer gemeinsamen europäischen Identität und des Wir-Gefühls
- Evaluation der Relevanz neofunktionalistischer Konzepte (wie Spill-over-Effekte) in der heutigen Zeit
- Diskussion von Lösungsansätzen zur demokratischen Legitimation der europäischen Institutionen
Auszug aus dem Buch
2. Die Annahmen des Neofunktionalismus
Als „Urvater“ der europäischen Integrationstheorien gilt der Neofunktionalismus nach Ernst B. Haas, dessen Werk „The uniting of Europe“ das am meisten zitierte Werk innerhalb der Integrationstheorien ist. Haas grenzt sich dort klar gegen ökonomische Theorien der Politik und gegen den klassischen Realismus ab, da er sagt, dass Nationalstaaten keine nach außen abgegrenzten Blöcke, sondern Teil eines Ganzen sind.
Integration wird zunächst einmal als dynamischer Prozess, der konstant-linear verläuft und deshalb nicht aufzuhalten ist, definiert und stellt eine Kooperation politischer Akteure dar. Diese politischen Akteure schaffen sich gemeinsame Institutionen mit übergeordneten Kompetenzen. Es sind also die politischen Eliten, die die supranationalen Institutionen gründen und sie mit Kompetenzen ausstatten und damit „heroes of integration process“ werden. Auch ist jeder, der sich an Transaktionen außerhalb seiner nationalstaatlichen Grenzen betreibt ein „potential integration-maker“. Gerade Mitglieder organisierter Interessengruppen befürworten die Integration, da sie dadurch ihre Gewinne steigern können. Integration ist demnach eine Kombination technischer Expertise und ökonomischer Interessen. Es sind auch die Eliten, bzw. insbesondere junge Menschen, die den Integrationsprozess befürworten, da sie nach Haas eher „nonnationalistic“ bzw. „most successful and most modern“ seien.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Debatte um das Demokratiedefizit der EU ein und stellt die Forschungsfrage nach der Relevanz und Erklärungskraft des Neofunktionalismus für die aktuelle Entwicklung der Union.
1. Die integrationstheoretische Debatte im Überblick: Dieses Kapitel gibt einen allgemeinen Überblick über die Zielsetzungen von Integrationstheorien und unterscheidet grundlegend zwischen supranationalistischen und intergouvernementalistischen Ansätzen.
2. Die Annahmen des Neofunktionalismus: Hier werden die Kerngedanken von Ernst B. Haas, insbesondere der Spill-over-Effekt und die Rolle politischer Eliten, sowie konkurrierende Theorien wie Intergouvernementalismus und Föderalismus detailliert erläutert.
3. Legitimität und Identität als Kernthemen der europäischen Integration: Dieses Kapitel analysiert kritisch das Demokratiedefizit der EU, die Machtverhältnisse zwischen den Institutionen sowie die Problematik der fehlenden europäischen Identität.
4. Der Neofunktionalismus – relevant oder überholt?: Es wird untersucht, inwieweit die neofunktionalistischen Prognosen eingetroffen sind und ob die Theorie in der Lage ist, aktuelle Krisen der EU und Identitätsfragen zu adressieren.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der Neofunktionalismus zwar zur Beschreibung der Integration beigetragen hat, jedoch bei der Lösung heutiger Legitimationsprobleme durch andere Ansätze, wie den Föderalismus, ergänzt werden muss.
Schlüsselwörter
Europäische Integration, Neofunktionalismus, Demokratiedefizit, Europäische Identität, Spill-over-Effekt, Intergouvernementalismus, Föderalismus, Politische Legitimität, Europäisches Parlament, Ministerrat, Supranationalität, Integrationsprozess, Unionsbürgerschaft, politische Elite, EU-Institutionen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der theoretischen Auseinandersetzung der europäischen Integration, mit besonderem Fokus auf die Erklärungskraft des Neofunktionalismus angesichts aktueller Legitimationsprobleme der EU.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Theoriediskussion, die Analyse des Demokratiedefizits der EU sowie die Frage nach der Entstehung einer kollektiven europäischen Identität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist herauszufinden, ob der Neofunktionalismus als Theorie überholt ist oder weiterhin relevante Erklärungen für die EU-Entwicklung und die damit verbundene Identitäts- und Legitimitätsfrage liefern kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Literaturanalyse, die verschiedene Integrationstheorien vergleicht und auf aktuelle politische Phänomene der Europäischen Union anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in den Neofunktionalismus, einen Vergleich mit Intergouvernementalismus und Föderalismus sowie eine tiefergehende Untersuchung der EU-Demokratiedefizit-Diskussion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Neofunktionalismus, Legitimität, Identität, Demokratiedefizit, Spill-over und Integrationstheorie geprägt.
Wie bewertet die Arbeit das Verhältnis zwischen der EU und ihren Bürgern?
Die Arbeit konstatiert eine Distanz zwischen den EU-Institutionen und den Bürgern, die sich durch ein fehlendes „Wir-Gefühl“, eine geringe Wahlbeteiligung und eine mangelnde Transparenz der Entscheidungsprozesse äußert.
Warum ist der Neofunktionalismus laut der Arbeit nur eingeschränkt anwendbar?
Der Neofunktionalismus erklärt zwar erfolgreich funktionale Kooperationen, scheitert jedoch laut der Autorin daran, die soziale Integration und die Herausbildung eines europäischen „Demos“ oder einer Identität adäquat abzubilden.
Welche Rolle spielen andere Theorien im Fazit?
Im Fazit wird betont, dass der Föderalismus als Theorie bessere Ansätze bietet, um die demokratische Legitimation durch eine europäische Verfassung oder ein gestärktes Parlament zu adressieren.
- Citar trabajo
- Christina Rokoss (Autor), 2009, Legitimität und Identität in integrationstheoretischer Perspektive, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169498