Der Mensch in der modernen Gesellschaft

Primär dargestellt anhand eines Vergleichs der Ansichten des Sozialphilosophen Martin Buber und des Psychotherapeuten Carl C. Rogers


Seminararbeit, 2007

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Professionsidentität
2.1 Martin Buber
2.2 Carl C. Rogers

3 Der (post)moderne Mensch
3.1 Martin Buber
3.2 Carl C. Rogers

4 Vergleich / Fazit
4.1 Professionsidentität
4.2 Der (post)moderne Mensch

5 Weitere Ansichten
5.1 Jürgen Habermas
5.2 Otto Speck

6 Persönliche Stellungnahme

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die folgende Arbeit befasst sich im Rahmen unseres Seminars „Den Anderen als Anderen sehen“ mit der Thematik des Menschseins in unserer heutigen Gesellschaft. Gerade jetzt, da die Zeit, die im bayerischen Sprachgebrauch auch „Stade Zeit“ genannt wird erst kürzlich im Zentrum unseres Lebens stand und uns immer wieder einmal jährlich zu Solidarität und Besinnlichkeit aufruft, scheint es mir wichtig und interessant zu sein, sich näher mit unserem Dasein zu beschäftigen. Mit Martin Buber kommt der religiöse Aspekt zu tragen, der in der Praxis spätestens durch die Weihnachtskrippe unter dem Christbaum oder den traditionellen Kirchen-besuch wieder Berücksichtigung gefunden hatte. Zudem scheint mir das Fortschreiten der gesellschaftlichen Klassifizierung, die mit dem ins Land gerufenen Begriff „Prekariat“ eine neue Dimension erreicht, ohne das Einbeziehen existentiell wichtiger Fragen zu geschehen. Ziel dieser Arbeit ist es, die als hektisch, unbesinnlich und oberflächlich geltende Gesellschaft kritisch zu beleuchten und aus der Sicht Martin Bubers und Carl C. Rogers zu untersuchen.

Wenn dabei von Vergleich die Rede ist, sind damit zwangsläufig, da ich beide vorweg als Humanisten innerhalb ihrer Profession bezeichnen möchte, immer auch Parallelen des methodischen bzw. praktischen Ansatzes Rogers und der postulierten „Ich-Du-Beziehung“ Bubers impliziert bzw. erkennbar, die jedoch hier nur peripher angesprochen werden sollen. Diese Feststellung gründet wie Suter anführt, auf folgender Tatsache: "... ′Wichtige Anregungen erfuhr Rogers durch Kirkegaard und durch Martin Buber (...)′" (Suter, 1986, S.2), was Buber betreffend daran deutlich wird, dass Rogers "i n seinen Werken, die nach dem Treffen mit Buber erschienen, [...] zur Kennzeichnung der von ihm geforderten zwischenmenschlichen Beziehung immer wieder den Ausdruck 'Ich-Du-Beziehung im Sinne Martin Bubers' [benützt]" (Suter, 1986, S.2). Aufgrund dieser Feststellung scheint es mir interessant zu sein, trivial formuliert, die Ansichten beider bezüglich des (Zusammen-)Lebens der Menschheit im (post-)modernen Zeitalter zu vergleichen. Den Einstieg wird eine Darstellung der Professionsidentität Bubers und Rogers bilden, Suter nennt dies ihr „Selbstverständnis“, da dies aus meiner Sicht wichtig ist, um ähnliche, aber auch unterschiedliche Ansichten und Meinungen besser nachvollziehen zu können.

2 Professionsidentität

2.1 Martin Buber

Um über Bubers „professionelle Identität“ zu sprechen ist es wichtig zu wissen, dass er selbst nie das Etikett „Philosoph“ innehaben wollte, jedoch seine „Mitteilung“ quasi als „zwingendes Muss“ philosophisch sah. Verständlich wird diese zunächst unverständliche Ambivalenz, wenn man Bubers Differenzierung des zentralen Begriffes Mitteilung betrachtet. Er unterscheidet den Erwerb der Mitteilung einmal in philosophisches und zum anderen in religiöses Erkennen. Philosophisch gesehen erkenne man ein Ding nur, was er als „Subjekt-Objekt-Verhältnis“ bezeichnet. Dagegen sei wirkliches Erkennen von „Ich und Du“, die Beziehung von Mensch zu Mensch die Begründung der religiösen Weltanschauung. Schlussfolgernd bedeutet dies jedoch nicht, dass Buber die philosophische Weltanschauung strikt ablehnt. Er schreibt ihr sogar eine unbedingte Notwendigkeit zu, da sich der Mensch nur durch sie im Leben zurechtfinden, orientieren und zu philosophischen Erkenntnissen gelangen kann. Im Vergleich zur religiösen Erkenntnisart sei sie allerdings „nur“ wissenschaftlich (vgl. Suter, 1986, S.32/33). Das „Subjekt-Subjekt-Verhältnis“ sei im Gegensatz dazu nicht greifbar und "i hr Ergebnis ist keine wissenschaftliche Erkenntnis, die als sicheres Wissen tradiert werden kann, sondern eine Erfahrung der Verbundenheit ′(…) mit einem nicht aufzeigbaren, nicht feststellbaren, nicht beweisbaren, aber eben so, im Verbundenwerden, erfahrbaren Sein, von dem aller Sinn kommt′. Weltliche Wissenschaft gibt demnach dem Leben nicht den eigentlichen Sinn, denn der wahre Sinn ist Gottes Wort: "Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden niemals vergehen" (Deutsche Bibelstiftung, 1975, Matthäus Kap.24). Die große Schwierigkeit der religiösen Erfahrung bestehe darin, dass es sie als sachlich zu über-mittelnden Inhalt nicht gibt" (Suter, 1986, S.33). Da Buber sich aber genau mit dieser Erfahrung auseinandersetzte und sie ja auch weitergeben wollte, ist aus seiner Sicht eine so genannte "[…] 'Transmission' […]" (Suter, 1986, S.34) nötig, die automatisch ein philosophisches Erkennen und Beschreiben mit sich bringt. "Wesensmässig Un-Begriffliches muss sich die Umformung in die Begriffswelt gefallen lassen …" (Suter, 1986, S.34). Buber fordert hier allerdings zugleich, dass das Transformierte, "′ w as aber so zum Es sich gewandelt hat, […] dem zum Ding unter Dingen Erstarrten […]′" (Suter, 1986, S.34) vom Empfänger re-transformiert wird, um es auch wirklich bzw. wahrhaft zu verstehen. Unter Re-Transformation versteht Buber, paradox zu denken und das Mitgeteilte mit eigenen Lebenserfahrungen zu vergleichen bzw. zu versuchen fehlende Lebenserfahrungen zu machen (vgl. Suter, 1986, S.35). Es gilt also, im gelebten Alltag Vergleiche zu suchen und sich nicht auf Unbekanntes, „Unwirkliches“ zu berufen. Buber beschrieb sein Denken nie als gesichert wissenschaftliches Wissen, denn das hätte aus seiner Sicht "[…] die Eliminierung der Widersprüchlichkeit religiöser Erfahrung […]" (Suter, 1986, S.35) bedeutet. Falsch wäre es zu denken, es gäbe somit zwei unterschiedliche, also eine philosophische und eine religiöse Wirklichkeit. Die Frage ist vielmehr, wie man diese eine Wirklichkeit erfahren möchte: objektiv oder subjektiv bzw. "[…] 'von aussen' oder 'von innen'" (Suter, 1986, S.36)? Die wissenschaftlichen Disziplinen Soziologie und Psychologie analysieren relative Wahrheiten des subjektiven Menschen, doch eine "[…] unbedingte Wahrheit […]" (Suter, 1986, S.36) lässt sich erst dann als "′[…] menschliche Wahrheit […]′" (Suter, 1986, S.36) bezeichnen, wenn man versucht sie zu leben und in der "′[…] Mitteilung […] mit seinem Selbst für sie einsteht′" (Suter, 1986, S.36). "′[….] Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch. (…) Wer aber sich ernstlich weigert, den nehme ich ernst′" (Suter, 1986, S.37). Suter nennt Buber einen religiösen Philosophen, da er sich wie erwähnt zwar weigerte als Philosoph bezeichnet zu werden, aber es nun einmal unumgänglich ist, die religiöse Basis seines Denkens in Worte zu fassen (vgl. Suter, 1986, S.37). In seinen Schriften während und nach dem 1. Weltkrieg wandte sich Buber mehr und mehr dem gelebten Alltag hin und „beschränkte“ sich nicht mehr „nur“ auf kulturelle und religiöse Aspekte (vgl. Suter, 1986, S.37-40). Die "[...] zwiefache […] Haltung […]" (Suter, 1986, S.39) des Menschen, also die objektive oder subjektive Haltung, das "[...] 'erfahren' oder 'begegnen' [...]" (Suter, 1986, S.37) findet im dialogischen Ansatz in den Bezeichnungen "[...] 'Ich-Es-' oder 'Ich-Du-Haltung' [...]" (Suter, 1986, S.39) ihre Vollendung. "′Nicht auf Kultur und nicht auf Religion, sondern auf die Wirklichkeit (kommt es an, AS). Aber eben auf die ganze Wirklichkeit, mit Gott und Welt und Mensch (…) den gelebten Alltag′" (Suter, 1986, S.40).

2.2 Carl C. Rogers

Carl C. Rogers ist gerade auch in der Profession der Sozialen Arbeit durch seine personenzentrierte (klientenzentrierte) Beratung mit ihren postulierten fundamentalen Techniken der „Empathie“, „Kongruenz“ und unbedingten „Akzeptanz“ bekannt geworden. Diese Methode gilt als Teil der Humanis-tischen Psychologie, doch Grundlage für seine wissenschaftliche Ausbildung war der logische Positivismus (vgl. Suter, 1986, S.55). Rogers stellte alsbald in seiner praktischen therapeutischen Arbeit fest, dass gesichertes Theorie-wissen über menschliches Verhalten nicht vorausgesetzt werden kann. "′Aber es kann nicht deutlich genug betont werden, dass die Theorien veränderlich und im Fluss sind. Unerbittliche Fakten bleiben dagegen die Phänomene, die sie erklären wollen.′" (Suter, 1986, S.54) Als Ergebnis sieht Rogers wissenschaftliches Arbeiten als einen stetigen und nicht endenden Prozess, der allerdings immer die Wahrheitsfindung zum Ziel hat (vgl. Suter, 1986, S.54). Er spricht von einem inneren Konflikt, der aufgrund der positivistischen Theorie als wissenschaftlichen Grundlage und den Er-fahrungen in der therapeutische Praxis in ihm entfachte (vgl. Suter, 1986, S.55). Die Frage, ob der Mensch nur aus Kausalzusammenhängen handelt oder immer aus freiem Willen, löst er "[...] durch eine friedliche Koexistenz beider Annahmen [...]" (Suter, 1986, S.55). Dadurch verlieren die wissenschaftlichen Theorien ihren "[...] Absolutheitsanspruch [...]" (Suter, 1986, S.56), ohne dabei ihre Notwendigkeit und Brauchbarkeit in Frage zu stellen. Rogers bleibt bei der Annahme, dass in der Erfahrung eine grund-sätzliche Ordnung innewohnt und er beschreibt die Möglichkeit, sich von der Erfahrung „auszuklinken“ und als neugieriger Beobachter sich selbst und andere „unter die Lupe zu nehmen“. Er fordert die Wissenschaft im Allgemeinen dazu auf, sich nicht selbst zu betrügen, denn "j e offener und vielseitiger der Mensch sich einem Erfahrungsbereich gegenüber zeigt, umso eher werden seine Vermutungen der tatsächlichen Ordnung entsprechen" (Suter, 1986, S.56). Daraus folgt, dass aus Rogers Sicht keine absolute Wahrheits- und Ordnungsfindung möglich ist, sondern nur etwas, das "[…] verlässlicher ist als Glaube und Meinung und […] zu weiterer Forschung veranlassen kann [...]" (Suter, 1986, S.57) Zentral ist aus seiner Sicht zudem, dass "Wissenschaft und Ethos […] in einer unlösbaren Verbindung [stehen]" (Suter, 1986, S.57) und so sagt er: "′Ich glaube, dass ich bis an die Grenzen meiner Fähigkeiten meinen Teil zur Förderung der Verhaltenswissenschaften beigetragen habe. Sollte jedoch das Ergebnis meiner und anderer Bemühungen so aussehen, dass der Mensch ein Roboter wird, der von einer Wissenschaft geschaffen und kontrolliert wird, die er selber ins Leben gerufen hat, dann werde ich in der Tat höchst un-glücklich sein′" (Suter, 1986, S.57). Hinter dieser Aussage verbirgt sich die Kritik an dem Behavioristen Skinner, der aus Rogers Sicht ein naives Ideal der Gesellschaft zu entwickeln versuchte (vgl. Suter, 1986, S.57) („Futurum II“: demnach wird das gesellschaftliche Leben/menschliche Verhalten ausschließlich durch operante Konditionierung gesteuert. Das heißt, Menschen reagieren nur noch auf Reize und alles weitere (auch Normen und Werte) wird Fremdbestimmt. Somit wird subjektive ethische Reflexion nicht mehr vorausgesetzt und der Mensch auf ein „Reiz-Reaktion-Objekt“ reduziert). Suter ordnet Rogers als Wissenschaftler letztendlich dem Kritischen Rationalismus zu, nennt ihn allerdings eher einen Praktiker, der die empirische Evaluation im Gegensatz zu willkürlichen Erkenntnissen für wichtig, aber nicht vollkommen und unfehlbar hält. Ein Mensch den "[...] Achtung von Freiheit und Toleranz" (Suter, 1986, S.58) auszeichnet.

Wie bereits erwähnt ist Rogers vor allem durch seine Beratungsmethode bekannt geworden, welche nicht nur im therapeutischen, sondern auch im "[...] zwischenmenschlichen Bereich [...]" (Suter, 1986, S.59) Anwendung fand bzw. findet. Suter sieht auch hier den Beweis dafür, dass für Rogers die Wissenschaft nicht bloße Dogmatik, sondern ein ständiger Prozess ist. Die nichtdirektive/klientenzentrierte Beratungsmethode ist ein Ansatz, der sich von bis dato gängigen Methoden grundlegend abgrenzt, da der Klient selbst sein Problem erkennen und auch lösen soll. Die in der Einleitung bereits genannten Techniken des Beraters werden auch "[...] 'Technik des Spiegelns von Gefühlen' [...]" (Suter, 1986, S.59) genannt. Rogers Ziel war es, "[...] 'eine Wende in der Politik der Therapie herbeizuführen' , wobei Politik im Sinne von Machtverhältnisse zu verstehen ist …. Einsichten vermitteln ihm - das wird zum Schlüssel der Therapie - seine Gefühls- und Erlebniswelt. Die Theorie des Selbst liefert die theoretische Basis, von der her Entstehung und Lösung von psychischen Problemlagen erklärt werden können" (Suter, 1986, S.59/60). Suter sieht allerdings die größere Notwendigkeit im angesprochenen zwischenmenschlichen Bereich. Rogers stimme dieser Übernahme des Ansatzes in außertherapeutische Bereiche zu und diese "[...] 'hilfreiche Beziehung' [...]" (Suter, 1986, S.61) sei ein "[...] Angelpunkt für alle Tätigkeiten, in denen Menschen mit Menschen zu tun haben; [...]" (Suter, 1986, S.61) explizit erwähnt werden auch "[...] neben der Erziehung Ehe und Familie, die Sozialarbeit, Krankenpflege, Wirtschaft und Politik" (Suter, 1986, S.61).

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Mensch in der modernen Gesellschaft
Untertitel
Primär dargestellt anhand eines Vergleichs der Ansichten des Sozialphilosophen Martin Buber und des Psychotherapeuten Carl C. Rogers
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
„Den Anderen als Anderen sehen“
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V170299
ISBN (eBook)
9783640890750
ISBN (Buch)
9783640890644
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mensch, gesellschaft, primär, vergleichs, ansichten, sozialphilosophen, martin, buber, psychotherapeuten, carl, rogers
Arbeit zitieren
Michael Zeilbeck (Autor), 2007, Der Mensch in der modernen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170299

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