Ein Junge gerät beim Lesen einer Geschichte buchstäblich in diese Geschichte hinein und findet nur schwer wieder heraus. – Dieser Satz soll Ende als Inspiration für seinen Roman "Die unendliche Geschichte" (1979) gedient haben. So berichtet er es jedenfalls in einem 1990 von Joachim Fuchsberger in seiner Talkshow Heut‘ abend geführten Interview, in welchem Ende detaillierte Einblicke in seinen Schreibprozess gibt. So interessant die Ausführungen Endes über seinen Schreibprozess sind, so wenig gehören sie in diese Arbeit. Denn der Fokus soll im Folgenden nicht auf dem Schreiben, sondern auf dem Lesen liegen, wobei der Blick bis dato weit weniger häufig auf die Reflexion und Darstellung von Prozessen der Textrezeption als auf die der Entstehung eines Textes gerichtet wurde. Darum soll nun das Motiv des Lesens und insbesondere die sogenannten ‚Lese-Szenen‘ in Endes Roman genauer betrachtet werden. Dabei wird der Frage nachgegangen, welche Lese-Szenen es in "Die unendliche Geschichte" gibt und welche Funktionen sie jeweils einnehmen.
Dafür wird zuerst ein kurzer Abriss zu Schreibszenen gegeben, da die Leseszenen als komplementäres Konzept aus ihnen hervorgegangen sind. Daraufhin wird der aktuelle Forschungsstand zu Leseszenen dargelegt, wobei ein besonderer Fokus auf lesenden Romanfiguren sowie dem Konzept der intransitiven Lektüre liegen soll. Dann wird Bezug zu einem Text von Nicolas Pethes genommen, in welchem er den Versuch wagt, eine Systematik von verschiedenen Formen von Leseszenen abzubilden. Diese soll als Ausgangspunkt und theoretische Orientierung für die darauffolgende Erzähltextanalyse dienen. In dieser soll herausgearbeitet werden, dass es in dem Roman "Die unendliche Geschichte" unterschiedliche Leseszenen gibt, die vorwiegend zu einer Grenzüberschreitung von Text und Lesenden beitragen, indem die Leser/innen zu Augenzeug/innen oder sogar handelnden Akteur/innen werden.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Leseszenen und Lese-Szenen
- 2.1 Lesende Romanfiguren
- 2.2 Intransitive Lektüre
- 2.3 Systematik intransitiver Lektüren nach Pethes
- 3 Werkkontext und Inhaltszusammenfassung
- 4 Lese-Szenen in Die unendliche Geschichte
- 4.1 Grenzüberschreitung des Textes: Leser/in als Augenzeug/in
- 4.2 Grenzüberschreitung des Textes: Leser/in als Akteuer/in
- 4.3 Lesen als Zugang durch paratextuelle Gestaltung und Materialität
- 4.4 Weitere Formen von Lese-Szenen
- 5 Fazit
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit widmet sich der Untersuchung des Motivs des Lesens und insbesondere der sogenannten „Lese-Szenen“ in Michael Endes Roman *Die unendliche Geschichte*. Das primäre Ziel ist es, herauszuarbeiten, welche Formen von Lese-Szenen in dem Roman existieren und welche Funktionen diese jeweils innerhalb der Erzählung einnehmen.
- Analyse der Darstellung und Reflexion von Textrezeptionsprozessen.
- Definition und Kontextualisierung des Konzepts der Leseszene als komplementäres Pendant zur Schreibszene.
- Fokus auf lesende Romanfiguren und das Konzept der intransitiven Lektüre nach Nicolas Pethes.
- Untersuchung der Grenzüberschreitung zwischen Text und Lesenden, bei der Leser/innen zu Augenzeugen oder Akteuren werden.
- Die Rolle der paratextuellen Gestaltung und Materialität des Buches für den Leseprozess und die Leser-Text-Interaktion.
- Darstellung typischer Lesesituationen und der Charakterisierung von Figuren durch den Akt des Lesens.
Auszug aus dem Buch
4.1 Grenzüberschreitung des Textes: Leser/in als Augenzeug/in
Dann kommt die erste Stelle, an dem die zwei Erzählebenen sich tatsächlich überschneiden. Als Atréju den Glücksdrachen Fuchur vor der Spinne Ygramul zu retten versucht, dreht diese sich plötzlich zu ihm herum und starrt ihn mit ihrem riesigen Auge an. (70) Bastian muss vor Schreck laut aufschreien und direkt darauf liest er den Satz „Ein Schreckensschrei hallte durch die Luft und wurde als Echo hin und hergeworfen." (ebd.) Doch in der Geschichte scheint niemand zu sein, der geschrien hat und Bastian fragt sich, ob es sein Schrei gewesen ist, den sie dort gehört haben. (ebd.) Zum einen zeigt diese Situation erneut, wie sehr Bastian emotional in die Handlung involviert ist. Er scheint sich alles sehr genau bildlich vorzustellen und in Atréju hineinzuversetzen, sodass er sich selbst so verhält, als wäre er an dessen Stelle. Außerdem verschwindet hier in der Diegese die Grenze zwischen Text und Realität bzw. zwischen der intradiegetischen und der metadiegetischen Ebene. Bastian als fiktiver Leser ist Augenzeuge des Geschehens in der Geschichte und kann von den Figuren sogar gehört werden. Er scheint selbst dort zu sein, kann aber nicht aktiv eingreifen, sondern nur alles beobachten.
Erst einmal verläuft die weitere Lektüre ganz normal. Einige Zeit später verschwindet die Grenze zwischen den beiden Welten bzw. Erzählebenen erneut. Atréju blickt in einen Spiegel, in welchem er einen Jungen sieht, dessen Beschreibung genau auf die von Bastian, wie er dort auf dem Dachboden sitzt und liest, zutrifft. (99) Daraufhin wechselt die Schriftfarbe erneut in eine rote und Bastians Reaktion auf das eben Gelesene wird geschildert: „Bastian fuhr zusammen, als er begriff, was er da eben gelesen hatte. Das war ja er! Die Beschreibung stimmte in allen Einzelheiten.“ (99) Er beginnt zu zittern und muss laut zu sich selbst sagen, dass das gar nicht möglich sei. Seine Reaktion lässt darauf schließen, dass es ihm schwer fällt zu glauben, was da gerade passiert und es ihm gleichzeitig auch Angst macht. Dennoch denkt er, als er sich etwas beruhigt hat, dass es ‚fabelhaft‘ wäre, wenn die Wesen in Phantásien ihn tatsächlich kennen würden, wobei er sich nicht traut, diesen Gedanken laut auszusprechen. (vgl. 100) Ein Teil von ihm scheint sich über die Ereignisse zu freuen und ein anderer hat große Angst davor. Kurz darauf gibt es eine Situation auf der metadiegetischen Ebene, bei der Atréju durch einen Zauber seine Mission vergessen hat und umkehren will. (100f.) Dann passiert Folgendes: Er beschloß, fortzugehen, „Nein, nein, nicht fortgehen!" sagte Bastian laut, „kehr um, Atréju. Du mußt durch das Ohne Schlüssel Tor!" wandte sich dann aber doch wieder dem Ohne Schlüssel Tor zu. (101) Es scheint so, als wäre Bastians Stimme erneut in der Geschichte zu hören gewesen, was zu der Handlung passen würde, da dies zuvor schon einmal passiert ist. Andererseits unterbricht Bastian seine Lektüre in dem Moment, in dem er mit Atréju redet, und liest danach erst den zweiten Teil des Satzes. Möglicherweise hätte Atréju auch ohne Bastians Ruf noch einmal kehrtgemacht und sich dem Ohne Schlüssel Tor zugewandt. Hier könnten sich die realen Leser/innen fragen, ob es erneut zu einer Vermischung der beiden Welten bzw. Erzählebenen gekommen ist oder nicht. Hinter dem Ohne Schlüssel Tor begegnet Atréju der Stimme der Stille, die ihm verrät, dass Phantásien nur dadurch gerettet werden kann, dass ein Menschenkind der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gibt. (105-111) Daraufhin denkt Bastian, dass er gerne dieses Menschenkind wäre und leise sagt er zu Atréju: „Wenn es irgendeinen Weg gibt, zu euch zu kommen, dann sag's mir. Ich komme, ganz bestimmt, Atréju!“ (111) Langsam beginnt er, etwas mehr daran zu glauben, dass es tatsächlich möglich ist, nach Phantásien zu kommen. Zwar spricht er leise, was eine gewisse Skepsis zeigt, aber sein Wunsch, Atréju zu helfen, ist schon stärker geworden. Der fiktive Leser des Romans spricht mit einer Figur aus seiner Lektüre und bittet sie darum, ihm einen Weg in die Geschichte zu zeigen.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 Einleitung: Die Einleitung stellt das Forschungsvorhaben vor, die „Lese-Szenen“ in Michael Endes *Die unendliche Geschichte* und ihre Funktionen zu untersuchen, und skizziert den Aufbau der Arbeit.
Kapitel 2 Leseszenen und Lese-Szenen: Dieses Kapitel führt das Konzept der Leseszene als komplementäres Pendant zur Schreibszene ein, beleuchtet den aktuellen Forschungsstand zu lesenden Romanfiguren und der intransitiven Lektüre.
Kapitel 3 Werkkontext und Inhaltszusammenfassung: Hier wird ein Überblick über Michael Endes literarisches Schaffen gegeben und eine prägnante Zusammenfassung der Handlung von *Die unendliche Geschichte* präsentiert, um den Roman kontextuell einzuordnen.
Kapitel 4 Lese-Szenen in Die unendliche Geschichte: In diesem Hauptteil werden spezifische Lese-Szenen aus dem Roman analysiert, wobei besonders die Grenzüberschreitung von Text und Lesenden sowie die Rolle der paratextuellen Gestaltung im Vordergrund stehen.
Kapitel 5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen, identifiziert die verschiedenen Formen und Funktionen der Lese-Szenen im Roman und regt zur Reflexion über die Leser-Text-Interaktion an.
Schlüsselwörter
Lese-Szenen, Michael Ende, Die unendliche Geschichte, Textrezeption, Literaturwissenschaft, intransitive Lektüre, Bastian Balthasar Bux, lesende Romanfiguren, Metalepse, Text-Leser-Beziehung, paratextuelle Gestaltung, Identifikation, Fiktion-Realität-Grenze, Schreibszene, Rezeptionsästhetik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die verschiedenen „Lese-Szenen“ in Michael Endes Roman *Die unendliche Geschichte* sowie deren spezifische Formen und Funktionen innerhalb der Erzählung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Analyse des Lesemotivs, die Darstellung von Rezeptionsprozessen, das Konzept der Leseszene im Kontext der Schreibszene, lesende Romanfiguren, intransitive Lektüre nach Pethes und die Grenzüberschreitung zwischen Text und Lesenden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Frage zu beantworten, welche Lese-Szenen es in *Die unendliche Geschichte* gibt und welche Funktionen sie jeweils einnehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine erzähltextanalytische Methode, die sich theoretisch an Konzepten wie der Systematik intransitiver Lektüren nach Pethes orientiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert konkrete Lese-Szenen in *Die unendliche Geschichte*, insbesondere im Hinblick auf die Grenzüberschreitung des Textes (Leser/in als Augenzeug/in und Akteur/in) sowie die Bedeutung paratextueller Gestaltung und Materialität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Lese-Szenen, Michael Ende, Die unendliche Geschichte, Textrezeption, Literaturwissenschaft, intransitive Lektüre, Bastian Balthasar Bux, lesende Romanfiguren, Metalepse, Text-Leser-Beziehung, paratextuelle Gestaltung, Identifikation, Fiktion-Realität-Grenze, Schreibszene, Rezeptionsästhetik.
Wie wird der Begriff der "Lese-Szene" im Vergleich zur "Schreibszene" definiert und unterschieden?
Der Begriff der Lese-Szene wird als komplementäres Konzept zur Schreibszene entwickelt. Während die Schreibszene die Darstellung und Reflexion des Textproduktionsaktes beschreibt, fokussiert die Lese-Szene auf die gegenständliche Komplexität des Lesevorgangs und die Darstellung sowie Reflexion von Lektüreprozessen in Texten.
Welche Funktionen haben die im Roman dargestellten Lese-Szenen für die realen Leser/innen?
Die Lese-Szenen dienen dazu, reale Leser/innen als potenzielle Augenzeugen oder Akteure in die erzählte Welt hineinzuholen, Identifikationspotenzial mit dem fiktiven Leser zu schaffen und zur Reflexion über den eigenen Leseprozess sowie die Verstrickung von Realität und Fiktion anzuregen.
Inwiefern spielt die paratextuelle Gestaltung und Materialität des Buches eine Rolle für Bastians Leseprozess?
Die paratextuelle Gestaltung und Materialität des Buches, wie der kupferfarbene Seideneinband, die zweifarbige Schrift und der Titel "Die unendliche Geschichte", ziehen Bastian magisch an und tragen entscheidend dazu bei, dass er das Buch entwenden und lesen möchte. Diese Elemente regen auch eine Reflexion über die materielle Außenseite des Buches an.
Was versteht man unter einer "Metalepse" im Kontext von *Die unendliche Geschichte* und wann tritt sie auf?
Eine Metalepse bezeichnet die Vermischung von intradiegetischer (Rahmenerzählung, in der Bastian liest) und metadiegetischer (Binnenerzählung, die Bastian liest) Ebene. Sie tritt beispielsweise auf, wenn Bastians Schrei in der Geschichte gehört wird oder wenn Atréju im Spiegel Bastian sieht, was die Grenze zwischen den Welten auflöst und Bastian zum Akteur der Geschichte werden lässt.
- Citation du texte
- Feline Sommer (Auteur), 2024, Lese-Szenen in Endes Roman "Die unendliche Geschichte", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1705139