Dieser Text erweitert die bisherigen Kenntnisse über "Unternehmerparteien" ("entrepreneurial parties") in Osteuropa auf Griechenland. Dabei werden zwei prominente Einpersonenparteien ausgewählt: Die "Kurs der Freiheit" ("Plefsi Eleftherias") und "Griechische Lösung" ("Elliniki Lysi"). Mit der bisherigen Forschung als Grundlage werden eine Minimal-, Normal- und Maximaldefinition der "Unternehmerpartei" entwickelt, die dann jeweils auf beide Parteien angewendet werden. Es zeigt sich, dass bloß Letztere auf beide nicht zutrifft; gerade bei der Normaldefinition wird nachgewiesen, dass beide Parteien massiv von ihrem Gründer abhängig sind und eine ausgeprägte Anti-Establishment-Rhetorik verbreiten, um an Wählerstimmen zu gewinnen. Diese Ergebnisse geben Einblick in einen tieferen Prozess innerhalb des griechischen Parteiensystems, in dem Anti-Eliten-Sentimente immer mehr an Zulauf gewinnen und die Fragmentierung dessen durch erfolgreiche Parteigründungen von innerhalb der Gesellschaft prominenten Personen weiter zunimmt.
Inhalt
1. Einleitung
2. „Unternerhmerparteien“ in Theorie und Praxis am Beispiel der PE und EL.
2.1 Minimaldefinition nach Bolleyer & Bitzek
2.2 Normaldefinition nach Hlousek & Kopecek
2.2.1 Theoretische Grundlagen
2.2.2 Plefsi Eleftherias (nksnon ExsuOspiag)
2.2.3 Elliniki Lysi (Ea/j]\'u<1] Anon)
2.2.4 Zwischenfazit
2.3 Maximaldefinition nach Hopkin & Paolucci
3. Schluss
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
"Sie geben dem Premierminister Assists und er wirft Dreier, haben Sie das nach so langer Zeit noch nicht verstanden?" (Der Premierminister 21.10.2025, Minute 25:10).
Diesen für den politischen Sprachgebrauch ungewöhnlichen Satz äußerte der griechische Parlamentspräsident Nikitas Kaklamanis während einer Rede von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis. Adressat war jemand, der seit Beginn der Regierungserklärung mit lauten und schrillen Zwischenrufen aufgefallen war: Zoi Konstantopoulou.
Scharfe Auseinandersetzungen mit persönlichen Anfeindungen von ihr mit dem Parlamentspräsidium (Omada Alithias 22.07.2025), anderen Abgeordneten oder gar Ministern (Georgiadis, Adonis 12.02.2026) sind nicht unüblich; auch ihre Vorwürfe, die Regierungspartei Nea Dimokratia hätte aufgrund des Zugunglückes in Tembi 2023 „Blut an ihren Händen“ (Omada Alithias 22.07.2025), die nur ein Beispiel für ihren politischen Stil sind, sorgten für Kontroversen. Es überrascht daher zweifellos, dass sie auf diese Weise mit ihrer linksnationalistischen Partei, dem „Kurs der Freiheit“ („Plefsi Eleftherias“, im Folgenden PE) mit bis zu über 15% schon mehrmals zweitstärkste Kraft in den Umfragen geworden ist (Politico 2026).
Ihr rechter Konterpart ist zweifelsfrei Kyriakos Velopoulos mit seiner rechtspopulistischen Partei „Griechische Lösung“ („Elliniki Lysi“, im Folgenden EL), die schon länger im Parlament vertreten ist als die PE und in Umfragen Werte von bis zu 10% vorweisen kann (Politico 2026). Dies ist insofern bemerkenswert, als dass Velopoulos vor allem dafür bekannt ist, angeblich „handgeschriebene“ Briefe von Jesus Christus in seiner TV-Sendung verkauft zu haben und sich dort rechtsradikal, pseudowissenschaftlich bis verschwörungstheoretisch zu äußern (Samaras 2025).
Natürlich stellt sich hier die Frage danach, wie diese beiden Persönlichkeiten politisch so erfolgreich sein können; die Antwort darauf kann jedoch erst gegeben werden, wenn man sich vorher wissenschaftlich mit ihren Parteien befasst hat - denn nur mit ihren Parteien können beide politisch auftreten, gewählt werden und sich durch die Wahl des Volkes legitimieren. Verschiedene Politikwissenschaftler haben innerhalb der letzten Dekaden das Konzept der „ entrepreneurial party “ (oder auch „Unternehmerpartei“) entwickelt, mit dem sie versucht haben, Parteien mit u.a. äußerst herausstechender Führungsperson (in der Regel dem Gründer) zu erfassen.
Forschungsfrage dieser Arbeit ist daher: Sind EL und PE „Unternehmerparteien“ und welchem Typus entsprechen sie?
Für diese Arbeit werden einzelnen Auffassungen der „Unternehmerpartei“ von Bolleyer & Bitzek (2013), Hlousek & Kopecek (2017) und Hopkin & Paolucci (1999)1 verwendet; dabei werden die einzelnen Aspekte vorgestellt, ggf. erläutert und dann jeweils auf die PE und EL angewendet, um zu erfahren, welcher Auffassung von „Unternehmerpartei“ beide am ehesten entsprechen. Neben der ohnehin erwähnten politischen Relevanz ist die Fragestellung auch wissenschaftlich relevant, da das Konzept der „ entrepreneurial party “ bis jetzt oft auf Länder Osteuropas angewendet wurde (bspw. Hlousek, Kopecek (2017); Hlousek, Kopecek, Vodova (2020); Krasovec (2017)) und dies somit um eine weitere geographische Region (Südeuropa) ergänzt wird.
Quellen werden unter anderem Äußerungen und Auftritte der Parteiführer selbst sein, Erwähnungen in wissenschaftlicher Literatur, Zeitungsberichte, aber auch ein Datensatz in Form des „Chapel Hill Expert Survey“ (CHES) wird zum Erkenntnisgewinn beitragen.
2. „Unternerhmerparteien“ in Theorie und Praxis am Beispiel der PE und EL
2.1 Minimaldefinition nach Bolleyer & Bitzek
Die Frage danach, wann neue Parteien es schaffen, erfolgreich (d.h. persistent) zu werden, ist u.a. Gegenstand der Forschung von beiden Politikwissenschaftlerinnen. Dabei definierten sie „Unternehmerparteien“ als „New formations that cannot rely on ties to already organised, societal groups.” (Bolleyer, Bitzek 2013, 788); sie beziehen sich dort auf vorherige Kenntnisse von Harmel und Svasand (1993), die sie mit „new parties founded by individuals who are not affiliated to already organised groups” paraphrasieren (Bolleyer, Bitzek 2013, 777). Ergänzend sei noch die Begriffsbestimmung von Arter (2016, 15) angeführt: "...a party that emerged without sponsorship from an external ‘promoter organization’...".
Gemeinsam haben alle drei, dass sie die Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Gruppen („promoter organization“) betonen - mehr ist nach Minimaldefinition nicht nötig. Wichtig ist jedoch die Abgrenzung von günstigen gesellschaftlichen Umständen: Eine Repräsentationslücke oder ein in der Gesellschaft salientes Thema stellt keine „promoter organization“ dar, da die Partei konkrete Unterstützung („promotion“) durch diese Bewegung erhalten muss. Es reicht also nicht, dass sie durch ein Mitglied dieser Bewegung zwar gegründet wird, aber dennoch keine „promotion“ von dieser erhält.2 Dies spielt insofern eine Rolle, als dass in den oben genannten Texten vor allem die Frage nach elektoraler Persistenz neuer Parteien im Fokus lag und daher die Unterstützung der Partei durch die Organisation wichtig ist, um nicht nach dem ersten Einzug direkt wieder aus dem Parlament auszuscheiden.
Mögliche „promoter organizations“ sind beispielsweise Umweltbewegungen, faschistische oder nationalistische Bewegungen, religiöse Gruppen oder linksextremistische Bewegungen (Bolleyer, Bitzek 2013, 777).
Für diese Arbeit wird der Erkenntnis von Bolleyer & Bitzek („New formations that cannot rely on ties to already organised, societal groups“) der Vorzug gegeben, da sie Verbindungen zu gesellschaftlichen Gruppen nicht gänzlich ausschließt, sondern nur besagt, dass diese nicht ausreichen, um die Parteientwicklung und den Aufstieg zu ermöglichen oder zu beeinflussen.
Dies trifft auf beide Parteien zu:
Die PE wurde 2016 als „Sekundärabspaltung“3 von Syriza, der damaligen Regierungspartei, gegründet. Eine nennenswerte, vorhandene „promoter organization“, auf die sich die Parteigründer verlassen hätten können, ist nicht ersichtlich; auch nicht in der Gründungserklärung, in der die Hoffnung darauf ausgedrückt wird, dass die Partei eine Art „Gründungszelle“ einer sich bildenden Bewegung sein solle (Plefsi Eleftherias 2016) - die „promoter organization“ soll also durch die Partei erst entstehen, kann die PE also nicht unterstützen oder beim Parteiaufbau Hilfe leisten.
Ähnlich bei der EL: Ebenfalls 2016 gegründet, findet sich kein Indiz darauf, dass es eine gesellschaftlich organisierte Gruppe gibt, auf der die Parteigründung fußt und zu der sie vor allem vertrauenswürdige Verbindungen hat. Vielmehr betonte Velopoulos die russophile Ausrichtung als Alleinstellungsmerkmal (The Caller 17.03.2016), also kann auch hier davon ausgegangen werden, dass mit der EL eine prorussische „promoter organization“ in Griechenland erst geschaffen werden sollte. Natürlich gab es begünstigende gesellschaftliche Umstände (Wirtschaftskrise etc.), dies ist aber von einer gesellschaftlichen Gruppe oder Bewegung wie bspw. der 68er in Deutschland, die zur Gründung der Grünen führte, weit entfernt. Auch das Parteistatut erwähnt keinerlei soziale oder gesellschaftliche Bewegung von einer Bedeutung, die die Einstufung als „promoter organization“ rechtfertigen würde (Elliniki Lysi 2016). Lediglich die griechisch-orthodoxe Kirche käme aufgrund der radikal-religiösen Ausrichtung4 der Partei infrage (Samaras 2025; Litina, Papastathis 2025), diese ist Velopoulos und seiner Partei gegenüber jedoch (bis auf ein paar Ausnahmen) eher negativ eingestellt und hat ihn sogar öffentlich mehrfach kritisiert; daher ist in jedem Falle keine Unterstützung o.ä. durch die Kirche vorhanden, sondern eher das Gegenteil (Litina, Papastathis 2025, 198ff.).
Somit kann man zum Schluss kommen, dass die Minimaldefinition der „Unternehmerpartei“ nach Bolleyer & Bitzek sowohl auf die PE als auch auf die EL zutrifft, da beide Parteien keine „promoter organization“ hatten, die sie bei ihrer Gründung unterstützt hatten oder aus der sie direkt hervorgehen konnten.
2.2 Normaldefinition nach Hlousek & Kopecek
2.2.1 Theoretische Grundlagen
Die Minimaldefinition der „Unternehmerparteien“ hat einen ersten Ansatz zur Kategorisierung dieses Parteientypus geliefert. In der Forschung wurde der Begriff jedoch um einige Aspekte erweitert, die sich vor allem im osteuropäischen Raum in der Praxis herauskristallisiert hatten; für diese Arbeit werden vor allem die Erkenntnisse von Hlousek & Kopecek (2017) von Bedeutung sein.
In ihrem Text, der laut Titel ein „basic conceptual framework“ für den Begriff der „ entrepreneurial party “ liefert, arbeiten beide fünf Kernpunkte für diese heraus (Hlousek, Kopecek 2017, 87f.):
1. Die zentrale Rolle des Parteiführers/-gründers (auch „leader“), der privater Hauptinitiator der Parteigründung ist.
2. Die Nutzung der Partei als „personal vehicle“ des Gründers, um seine eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen zu vertreten.
3. Der „leader“ hat massiven Einfluss auf die Partei: Einerseits richtet sie sich nach einem zentralen „issue“ des Gründers aus, andererseits ist sein Vorhandensein und seine Werbung für die Partei entscheidend, um Wähler schon früh an sie zu binden; dies ist bei einem besonders charismatischen und medienwirksamen Parteiführer erst recht der Fall, vor allem wenn er die Medien effektiv zur Verbreitung seiner „political agitation“ zu nutzen weiß. Ist der „leader“ noch dazu bereits vor Parteigründung innerhalb der Bevölkerung bekannt, wird dieser Effekt noch verstärkt.
4. Die Partei ist kein Produkt einer „promoter organization“ oder einer ähnlichen politischen oder gesellschaftlichen Gruppe, hat somit keine Wurzeln in der Bevölkerung und daher eine höhere Vulnerabilität (siehe Kapitel 2.1).
5. Die Gründung erfolgt nicht durch Abgeordnete, die sich von einer anderen Partei abspalten; es gibt somit anfangs keine parlamentarische Vertretung.
Ergänzend kann noch eine kaum vorhandene Parteistruktur und Mitgliederbestimmung aufgrund der Zentrierung um den Parteiführer genannt werden, der wiederum über weitreichende Macht verfügt (Krasovec 2017, 173).
Neben den Punkten, die sich vor allem um den „leader“ drehen, wird auch eine inhaltliche Komponente beigefügt, nämlich Anti-Establishment-Rhetorik (v.a. in Bezug auf Korruption) als Kennzeichen vor allem neuer Parteien; da dies in der osteuropäischen Praxis häufig als Ergänzung für „Unternehmehrparteien“ bereits getan wurde, wird dies auf diese Arbeit analog angewandt (Krasovec 2017, 172; Deegan-Krause, Haughton 2020, 172, 175, 178).
Somit kurzgefasst: Die „Unternehmerpartei“ als persönliches Projekt des „leaders“, der meist charismatisch und medienwirksam auf Anti-Establishment-Rhetorik setzt.
2.2.2 Plefsi Eleftherias (n/shon EXsuhspiaq)
Die Anwendung der Erkenntnisse auf die Plefsi ist nicht mit großen Schwierigkeiten behaftet. Betrachtet man beispielsweise die Kandidatenliste zur Europawahl 2024, entdeckt man ganz oben direkt neben dem Parteinamen den Namen von Zoi Konstantopoulou, quasi als Namenszusatz zu dem der Partei; Kandidatin war sie jedoch selbst nicht (E//j]\'u<1] AquoKparia - Ynouppsio EowTspiKrov 2024, 23). Selbiges war bei den Wahlen 2023 der Fall, sogar mit dem Porträt der Parteigründerin neben dem Parteinamen (The Press Project 23.05.2023). Der Internetauftritt der Partei ist ebenfalls um Konstantopoulou zentriert: Erneut mit ihrem Namen als Teil des Parteilogos, finden sich viele Bilder, in denen sie das Zentrum bildet. Andere Parteifunktionäre fehlen praktisch gänzlich (Plefsi Eleftherias 2026). Ebenfalls sprach der Slogan bei den letzten Wahlen eine deutliche Sprache: „Aroos Zoq orp ßovk@“, eine Anspielung auf die Zweideutigkeit ihres Vornamens „Zoi“, dt. „Leben“, d.h. sinngemäß „Gib Zoi/Leben in das Parlament!“. Die Partei dreht sich somit ausschließlich um ihre Person, ein Fortbestehen ohne die Parteiführerin ist aufgrund der engen Verzahnung beider nicht vorstellbar, sie dient konsequenterweise gemäß Punkt 2 als bloßes Instrument der Gründerin zu ihrer politischen Interessendurchsetzung (LSE 10.06.2023). Punkt 5 ist ebenfalls erfüllt, weil sie zum Zeitpunkt der Gründung Teil der außerparlamentarischen Opposition war, Punkt 1 gilt sowieso.
Zusätzlich wird Konstantopoulou ein autoritärer Führungsstil bescheinigt, bspw. von ehemaligen Mitstreitern (Omada Alithias 11.02.2026), aber auch innerhalb der Literatur (Tsagkroni 2023, 26), was den Punkt der großen Machtfülle des „leaders“ stützt. Exemplarisch dafür ist, dass sie ihren Lebenspartner bei der vorgezogenen Neuwahl im Juni 2023 auf einen aussichtsreichen Listenplatz platzierte, woraufhin ihm der Einzug ins Parlament gelang (To Vima 18.03.2025). Dies kommt mit einer langen Bekanntheit von ihr einher, noch bevor sie 2016 die PE gründete:
Als Tochter von Nikos Konstantopoulos, der jahrelang Vorsitzender des heutigen Syriza war, machte sie sich vor allem während der Eurokrise in der Legislatur ab 2012 als Kämpferin gegen die weit verbreitete Korruption und Steuerhinterziehung und durch ihre kompromisslose, populistische Art einen Namen (Worldcrunch 15.03.2015). Mit der Machtübernahme durch Syriza wurde sie zur Parlamentspräsidentin gewählt, es folgten Monate voller Konfrontationen gegen die Opposition, teilweise unter offenem Bruch der Geschäftsordnung durch Konstantopoulou (MErA rErONOTA 31.03.2015, newsittv 27.06.2015). Ihr Kurs war so umstritten, dass selbst innerhalb ihrer Partei ihre Wahl zur Präsidentin als Fehler bezeichnet wird (OneTV 16.02.2026, Minute 15:45).
Im Sommer 2015 trat sie aus Syriza aus Protest gegenüber der Sparpolitik aus, trat der LAE bei und blieb dort bis zur Gründung ihrer eigenen Partei aktiv, die sich vor allem durch ihre Anti-Establishment-Rhetorik (AER) auszeichnet:
Neben den zahlreichen antielitären Äußerungen innerhalb der Gründungserklärung5 und der Parteigrundsätze (u.a. Gerechtigkeit, Transparenz, Wiedergeltendmachung der Deutschen Reparationen aus dem Zweiten Weltkrieg, Erlass der griechischen Schulden), kam auch sie selbst zu Wort - erklärtes Ziel ihrer Partei sei der Sturz des Establishments; ebenso sei die PE weder links noch rechts (in.gr 21.10.2018). Gerade Letzteres ist typisch für neue Parteien, die sich gegen das Establishment positionieren, um sich als wählenswerte Alternative zu präsentieren (Bolleyer 2008, 29). Weiteres Beispiel für AER aus dem Jahre 2026 sind ihre persönlichen Anfeindungen gegen
Gesundheitsminister Georgiadis, inklusive Anklage gegen Ebenjenen (Proto Thema 12.02.2026). Ebenfalls findet sich die Charakterisierung der PE als AntiEstablishment-Partei auch in der Literatur (Vasilopoulou 2024, 199; Tsagkroni 2023, 17, 22), sowie im in der Einleitung erwähnten Datensatz:
Das „Chapel Hill Expert Survey“ bescheinigt der PE für 2024 den dritthöchsten Wert der Parlamentsparteien in Sachen Anti-Eliten-Salienz (9 von 10), zusammen mit Syriza den höchsten Wert in der Korruptions-Salienz (7,75 von 10) und den höchsten Wert in Sachen „Volk gegen Elite“ (8,83 von 10) (Rovny, Bakker, Hooghe et al. 2025). Punkt 3 trifft folglich ebenfalls zu.
Ein passendes Fazit zieht der griechische Politikwissenschaftler Thanasis Diamantopoulos:
„. .am Ende wird sie [Koiistaiitopoulou] auf Platz 2 landen, mit einer personenzentrierten Partei, die im Wesentlichen eine Ein-Personen-Truppe ist. [...] Eine Partei ist komplexer. [...] Es geht nicht, dass man den Lebenspartner zum Abgeordneten macht, und gleichzeitig eine Partei ist. [...] Es ist ein personenzentriertes politisches Unternehmen. “ s. One TV 19.02.2026, Minute 44:35
Somit entspricht die Plefsi Eleftherias zweifelsohne der Normaldefinition der „Untemehmerpartei“ - nicht nur sind alle fünf Punkte von Hlousek & Kopecek zutreffend, ebenfalls bedient sie seit ihrer Gründung eine radikale Anti-EstablishmentRhetorik, vor allem durch die „leader“ Zoi Konstantopoulou, deren häufiges Auftreten in den Medien und jahrelange Bekanntheit in der Gesellschaft.
2.2.3 Elliniki Lysi (EXXqviK^ Ation)
Analog zur PE lohnt sich der Blick auf den Stimmzettel der Partei bei der Europawahl 2024; ebenfalls findet sich dort der Name des Gründers und Vorsitzenden, Kyriakos Velopoulos, direkt neben dem Namen der Partei, auch wenn er ebenso nicht Kandidat war (T.a/j]viki] AquoKpana - Ynouppxio EowTspiKrov 2024, 21). Selbiges gilt für die Parlamentswahlen 2023, auch hier steht nicht nur sein Name neben dem der Partei, sondern auch sein Porträt (Agriniopress 25.06.2023). Auch der Internetauftritt der EL dreht sich hauptsächlich um Velopoulos, er ist auf Bildern und Videos omnipräsent und sein Name ist so integraler Bestandteil des Parteilogos, dass er ebenfalls in kirchengriechischer Schrift verfasst ist (Elliniki Lysi 2026).
Es wird somit schnell deutlich, dass die Partei vor allem Velopoulos' persönliches politisches Projekt ist; Punkte 1 und 2 können als erfüllt angesehen werden. Dafür spricht ebenfalls die Literatur, die sich in inhaltlichen Beschäftigungen mit der Partei hauptsächlich mit dem „leader“ und dessen Äußerungen befassen - dies zeigt, dass seine Ansichten (und nur seine) als relevant gelten und die der EL auszeichnen und prägen (Samaras 2025, Georgiadou 2019, 6f.). Die Elliniki Lysi wäre ohne Kyriakos Velopoulos nicht vorstellbar, nicht zuletzt weil laut Statut der Parteivorsitzende weitreichende Kompetenzen besitzt, die Velopoulos ausüben kann (Elliniki Lysi 2016).
Das ist auch deshalb der Fall, weil er sich noch vor der Gründung der Partei in Griechenland einen Namen machen konnte: Als ehemaliger Abgeordneter der rechten LAOS im Parlament und vor allem durch seine Auftritte in Fernsehkanälen, in denen er nicht nur, wie bereits erwähnt, „handgeschriebene“ Briefe von Jesus Christus verkaufte, sondern auch rechtsradikale, prorussische und verschwörungstheoretische Äußerungen tätigte, erlangte er Bekanntheit (Georgiadou 2019, 7). Seine Erfahrung vor der Kamera ermöglicht es ihm, mittels der Medien seine politischen Botschaften effektiv zu vermarkten - Kernaussage von Punkt 3. Bestes Beispiel dafür ist der YouTube-Kanal der Partei (in dessen Namen ebenfalls wieder der von Velopoulos neben dem Parteinamen auftaucht), dessen Videos regelmäßig fünf - bis sechsstellige Aufrufzahlen vorweisen können, mehrere sogar im mittleren sechsstelligen Bereich (EAAHNIKH AYEH - KYPIAKOE BPAOHOY.AOE 2026); dies ist für Griechenland mit einer Bevölkerungszahl von 10 Millionen und Videos von einer vergleichsweise kleinen Partei durchaus bemerkenswert.6 Es sei noch erwähnt, dass in praktisch allen Videos nur Velopoulos vorkommt, sei es bei Parlamentsreden oder bei Interviews. Andere Parteivertreter, z.B. Abgeordnete, finden sich dort nur äußerst selten.
Besonders präsent ist auch bei der EL und ihrem „leader“ eine Anti-EstablishmentRhetorik, vor allem gegen die regierende konservative Nea Dimokratia gerichtet, um enttäuschte Wähler von dieser zu gewinnen. Dies geschieht durch aktive Stimmungsmache gegen Premierminister Mitsotakis und seine Familie7, sei es durch abwertende Äußerungen über Letztere im Parlament (Georgiadis, Adonis 26.11.2025) oder mittels der eigenen Parteimedien, wie attackierende Thumbnails der YouTubeVideos; beispielhaft ist das beliebteste Video des Kanals, in dem Mitsotakis von Velopoulos direkt für einen Korruptionsskandal verantwortlich gemacht wird - hier wird AER gegen die „herrschende Politikerelite“ mit dem Kampf gegen Korruption verbunden (EAAHNIKH AYEH - KYPIAKOS BEAOnOYAOS 30.07.2025). Auch im Fernsehen betont er stets den Unterschied zwischen „den anderen“ und seiner Partei, bezeichnet das Zweiparteiensystem von Nea Dimokratia und PASOK bis 2012 als „radikalneoliberales sozialistisches Zeug“ und bescheinigt der gesamten (etablierten) politischen Landschaft, egal ob links, rechts oder zentristisch, Heuchelei und Untätigkeit (OneTV 11.11.2025, Minute 0:18, 3:00, 4:00). Diese einzelnen Beispiele erlauben einen Einblick darin, wie prägnant AER für die EL und ihren „leader ist“; gestützt wird diese Erkenntnis durch den CHES-Datensatz für 2024:
Bei der Anti-Eliten-Salienz teilt sie sich Platz 1 bei einem Wert von 10 von 10, die Variable der Korruptionssalienz weist einen Wert von 6,67 (Platz 3) und die von „Volk gegen Elite“ einen Wert von 7,67 (Platz 4) (Rovny, Bakker, Hooghe et al. 2025).
Ergänzt man noch die Tatsache, dass die Partei bei ihrer Gründung keine parlamentarische Repräsentation hatte, was Punkt 5 bestätigt, kann man zum Schluss kommen, dass die Elliniki Lysi alle Merkmale der Normaldefinition der „Unternehmerpartei“ nach Hlousek & Kopecek erfüllt und zusätzlich eine radikale Anti-Establishment-Rhetorik verfolgt, all dies zentriert um Parteigründer und „leader“ Kyriakos Velopoulos.
2.2.4 Zwischenfazit
Beide Parteien sind „Unternehmerparteien“ der Normaldefinition nach Hlousek & Kopecek, weil sie die dafür nötigen Merkmale erfüllen; zusätzlich sind beides AntiEstablishment-Parteien. Das Sentiment gegen die Eliten ist so präsent, dass in Umfragen fast 20% der Wähler der PE angeben, dass die Partei, die ihnen am zweitnächsten steht, die EL sei; umgekehrt sind es knapp über 6% (ETERON 2025, 120f.). Das sind beachtliche Anteile angesichts der Tatsache, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen beiden Parteien gibt:
Während Konstantopoulou explizit betont, dass ihre Partei „weder links noch rechts“ sei, die PE aber allgemein als soziokulturell progressiv gilt, ist die EL zweifelsfrei rechts bis rechtsradikal8 (Rovny, Bakker, Hooghe et al. 2025). Dass trotzdem die Wählerschaften beider Parteien eine signifikante Sympathie füreinander empfinden (bei der PE immerhin ein Fünftel!), zeigt, dass sowohl die AER von beiden sehr erfolgreich ist als auch dass Segmente der Gesellschaft besonders responsiv dafür sind. Das wiederum regt die Parteien an, verstärkt darauf zu setzen anstatt auf konkrete Inhalte (nicht zu verwechseln mit Ideologien, die sehrwohl Teil der DNA der Parteien sind); die Eigenschaft als „Unternehmerparteien“ begünstigt dies aufgrund der extremen Personalisierung um die „leaders“, die beide medienwirksam sind und nicht unbedeutende Teile der Wählerschaft erreichen können.
2.3 Maximaldefinition nach Hopkin & Paolucci
In der Praxis hat sich jedoch eine noch extremere Form der „Unternehmerpartei“ herauskristallisiert, nämlich die „business firm party“, die maßgeblich von Hopkin & Paolucci (1999) untersucht wurde. Gemeinsam haben die Normal- und Maximaldefinition, dass sie beide einen „leader“ (oder hier „political entrepreneur“) beinhalten, der für die Partei aufgrund seiner Ressourcenkontrolle überlebensnotwendig ist.
Der Kernunterschied liegt aber in der Wahrnehmung von Politik als Markt: Die Wähler gelten als Konsumenten, und dementsprechend richtet sich die Partei wie ein Unternehmen aus, mit dem es meist durch den Gründer verbunden ist (Hopkin, Paolucci 1999, 332ff.). Nicht zuletzt wird von beiden Autoren als Paradebeispiel einer „business firm party“ die Forza Italia von Silvio Berlusconi angesehen, der seine Partei analog zu seinem gigantischen Unternehmen „Fininvest“ aufbaute und anführte; man kann auch von einer „Vermarktlichung“ der Politik sprechen, in der ideologische Überzeugungen und somit der Aufbau einer Stammwählerschaft in den Hintergrund rücken, dafür aber der „Konsum“ der Partei von den Wählern, egal welcher Ideologie, im Vordergrund steht (Hopkin, Paolucci 1999, 319).
Dies trifft jedoch auf keiner der beiden untersuchten Parteien zu: Weder Konstantopoulou noch Velopoulos sind „echte“ Unternehmer, geschweige denn besitzen sie ein Unternehmen, welches beispielsweise mit der „Fininvest“ vergleichbar wäre. Zudem sind beide nicht in einem Maße vermögend, dass sie sich größere Ressourcen in Medien und Gesellschaft aneignen könnten. In Kapitel 2.2 wurde gezeigt, dass beide zwar AER bedienen, aber vor allem auch eine ideologische Überzeugung vertreten, sei es bei der PE ein „Kampf gegen das Regime der Memoranden“ (Plefsi Eleftherias 2016) oder bei der EL die Verbindung von Politik und Orthodoxie (Litina, Papastathis 2025); dies steht im Gegensatz zur ideologischen Vagheit der „business firm party“. Die Maximaldefinition der „Unternehmerpartei“ wäre somit bei beiden Parteien zu weit gegriffen.
3. Schluss
Diese Arbeit hat einen wichtigen Schritt auf dem Wege der Erforschung des aktuellen Zustandes des griechischen Parteiensystems geleistet, indem sie zwei der Parteien, die ab 2015 gegründet wurden und in Umfragen bis zu ein Viertel der Wähler an sich binden, als „Unternehmerparteien“ mit ausgeprägter Anti-Establishment-Rhetorik identifizieren konnte; diese Erkenntnis ermöglicht es, in der zukünftigen Forschung Rückschlüsse darauf zu ziehen, warum speziell diese Parteien mit ihren exzentrischen Vorsitzenden so einen Zulauf erleben.
Ebenfalls kann der Erfolg solcher Parteien, die als persönliches politisches Vehikel ihres charismatischen und medienwirksamen „leaders“ in Verbindung mit AER gestaltet sind, mögliche „Nachahmer“ identifizieren, die sich daran ein Beispiel nehmen wollen. Die von Maria Karystianou, welche nach dem Zugunglück von Tembi 2023 als Opfermutter und Antikorruptionsaktivistin landesweit bekannt wurde, angekündigte Gründung einer großen neuen politischen Bewegung, die sich primär gegen System und Establishment richtet, kann als erster Vorbote einer möglichen Entwicklung mehr in Richtung „Unternehmerparteien“ hin gedeutet werden, nicht zuletzt auch, weil diese neue Bewegung für die ebenfalls antisystemischen PE und EL gefährlich werden und durch diesen Erfolg weitere „Nachahmer“ zur Gründung von solchen Parteien verleiten könnte (Georgiadis, Adonis 15.01.2026, Minute 24:00).
Doch auch in Bezug auf die bisherige Forschung bezüglich „entrepreneurial parties“ wurde gezeigt, dass diese ebenfalls in Südosteuropa vorkommen können.
Eine Erweiterung des Begriffs um eine „griechische Variable“, die beispielsweise die Gründung der Partei auch innerhalb des Parlaments gestattet, was wiederum eine tiefere Erforschung von Parteien wie den inzwischen untergegangenen „Unabhängigen Griechen“ (griech. „Avs^aprqTOi T.//j]\'i'.p“, ANEL) ermöglichen würde, oder eine Anpassung bezüglich der inhaltlichen (nicht ideologischen!) Vagheit von „Unternehmerparteien“, wie sie bspw. in Ostmitteleuropa existiert, könnte in Zukunft möglicherweise in Form eines „griechischen Modells“ wertvolle Erkenntnisse nicht nur für Griechenland, sondern ganz Süd- und Osteuropa und die dortigen Spezifika der Parteiensysteme liefern.
Schaut man sich nun eine Regierungserklärung von Kyriakos Mitsotakis im Parlament an, so ist die Chance sehr hoch, dass erneut die unverwechselbare Stimme von Zoi Konstantopoulou in Form von Zwischenrufen ertönt; so sehr sie ihm vielleicht nach den Worten von Parlamentspräsident Kaklamanis Assists gibt und er daraus Dreier verwandelt, man kann sich nach der Lektüre dieser Hausarbeit sicher sein, dass sie nichtsdestotrotz allgegenwärtige Kapitänin ihrer eigenen, verhältnismäßig erfolgreichen Mannschaft ist. Bei der nächsten Parlamentswahl im März 2027 wird man sehen, wer das Spiel gewonnen haben wird.
Literaturverzeichnis
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[...]
1 Dort als „Business Firm Party“ bezeichnet
2 Siehe auch den Wortlaut „.. new parties supported by already existing organisations or groups, which promote the new formation and contribute resources [...] in the early years of a party's evolution.” (Bolleyer, Bitzek 2013, 777)
3 Die Partei spaltete sich von der „Volkseinheit“ (LAE) ab, die sich wiederum 2015 von Syriza abgespalten hatte (TVXS 19.04.2016)
4 Siehe beispielsweise die Benutzung der griechischen Kirchenschrift für den Parteinamen
5 So ist beispielsweise von „Widerstand“ und dem „Beginn einer Befreiungsbeweung“ gegen ein „autoritäres System und das oligarchisch verflochtene Regime“ die Rede (Plefsi Eleftherias 2016)
6 Das erfolgreichste Video des Kanals hat fast 600.000 Aufrufe; angesichts der Bevölkerungszahl konnte Velopoulos damit 5-6% der Bevölkerung erreichen!
7 Die Familie Mitsotakis ist eine der drei prägenden Politikerfamilien (Mitsotakis, Karamanlis, Papandreou), die Griechenland seit Ende des Zweiten Weltkrieges fast durchgehend regiert haben; Ressentiments gegen alle drei können daher als tradiertes Mittel von AER im Land angesehen werden
8 Siehe auch der Slogan der Partei „I IpoiTa n EXEdSa, nproTa oi 'E/./.r|v;:c". dt. „Griechenland zuerst, Griechen zuerst“
- Citar trabajo
- Antonio Parasyris (Autor), 2026, Unternehmen Wahlerfolg? "Unternehmerparteien" in Griechenland am Beispiel der "Kurs der Freiheit" und "Griechische Lösung", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1716053