„Wo die Lieder sterben, da sterb auch ich ...“. Mit der DDR sind auch ihre Lieder untergegangen, die lauten, plakativen genauso wie die leisen, nachdenklichen. Und wo die Lieder sterben, da stirbt ein Stück Mensch, stirbt Verbundenheit, Identität, sterben Ideen und Träume.
In der DDR wurde viel gesungen, oft als Pflicht, aber häufig auch aus freien Stücken. Das Lied, vor allem das politische Lied, nahm eine besondere Stellung innerhalb der Kulturpolitik ein. Ihm wurde eine Bedeutung zugemessen, die eine Melodie eigentlich nie haben kann. Aber gerade weil es ernst genommen wurde, konnte es groß werden, Werte mitprägen, animieren, abschrecken oder Gemeinschaft schaffen. Die Schizophrenie dieses Staates, der immer tiefer werdende Abgrund zwischen Anspruch und Wirklichkeit spiegelt sich gerade auch in den Liedern wider. Sie waren „Wegbegleiter“, ob man es wollte oder nicht. Sie gehörten zum öffentlichen Leben einfach dazu und wurden auch oft ins private mit übernommen. Es gab Lieder, die man hasste ob ihrer leiernden, lustlosen Wiederholung bei allen offiziellen Veranstaltungen. Und es gab Lieder, deren stille Weisheit, deren Liebe heute noch erstaunt. Mit der Singebewegung entstand in der DDR eine sehr eigene Bewegung, die in ihrer Anfangszeit verhältnismäßig viele Jugendliche mit sich reißen konnte und später Grundstein für sich weiterentwickelnde Musikrichtungen und -tendenzen war. Viele Liedermacher, Folkmusiker, Chansonsänger, Kabarettisten, aber auch Rockmusiker gingen aus ihr hervor. Sie war janusköpfig wie alles in der DDR, hatte eine offizielle, massiv gestützte Seite, die Mitläufer, Karrieristen und sogar Denunzianten anzog. Sie war aber auch immer eine Nische, ermöglichte verdeckte und offene Kritik bis hin am Führungsstil des Politbüros und bot Platz zum Nachdenken und sich Ausprobieren, zum Eingreifen (wenn auch nur bedingt) und zum Mitgestalten.
Der privaten Initiative einiger weniger ist es zu verdanken, dass viele Tonaufnahmen alter Lieder vor der Plattmachwut der Wendesieger und der Apathie der Verlierer nach 1989 gerettet werden konnten.1 Sie sind Zeugnis eines Stückchen Geschichte, hinter dem nicht einfach so die Tür zugeschlagen werden sollte.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DIE GROSSE SCHIZOPHRENIE EINES KLEINEN LANDES
3. DIE SINGEBEWEGUNG
3.1. Hootenanny – Die Anfänge
3.2. Die Singebewegung
4. LIEDERMACHER; LIEDTHEATER; FOLKMUSIK UND ROCK
4.1. Liedtheater
4.2. Folkmusik
4.3. Liedermacher
4.4. Rockmusik
5. FESTIVAL DES POLITISCHEN LIEDES
6. KLEINES LIED GANZ GROSS
7. SCHLUSSWORT
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Singebewegung der DDR und analysiert deren Rolle als kulturelles und politisches Phänomen in einem gespaltenen Staat, wobei der Fokus auf dem Spannungsfeld zwischen offizieller Instrumentalisierung durch die FDJ und dem kreativen Freiraum für die Künstler liegt.
- Die Entwicklung der Singebewegung von den Hootenanny-Anfängen bis zur staatlichen Vereinnahmung.
- Die Funktion der Singebewegung als Nische für gesellschaftliche und politische Kritik.
- Differenzierung der Musiklandschaft: Liedtheater, Folkmusik, Liedermacher und Rockmusik.
- Das "Festival des politischen Liedes" als internationaler Begegnungsort und politisches Instrument.
- Die Nachwirkung der DDR-Singebewegung und deren Relevanz nach 1989.
Auszug aus dem Buch
3.1. Hootenanny - Die Anfänge
Die Musikkultur der 50-er und frühen 60-er Jahre bot nicht viel für die Jugend - die meisten Schlager waren hohl und stumpfsinnig und trafen nicht das Lebensgefühl der Jugendlichen, Volkslieder sowie die Lieder der Wandervogelbewegung und des Widerstandes waren Pflichtprogramm in jeder Schule und wurden bis zum Überdruß wiederholt. Und „die neuen Lieder“, so Gisela Steineckert, „waren eine Zeit lang zu viel, zu laut ... Und manche ... klangen auch nicht wahr. Am Anfang war unsere Armut. Das ist die Wahrheit.“
Eine Idee, mitgebracht im Gepäck des kanadischen Banjospielers Perry Friedman, der die DDR zur Zweitheimat erkor, bot die Alternative. Die Songwelle der Ostermärschler, die Lieder Bob Dylans und Joan Baez’ schwappten über die Mauer, wurden in losen Treffen mit zwei, drei Gitarren und viel Lust auf Neues gesungen. Bald kamen eigene Kompositionen hinzu. Aus diesen Liederabenden - „Das Prinzip war, daß jeder auf die Bühne kommen konnte - eine tolle Zeit“ (Bettina Wegner) - entwickelte sich die Hootenanny-Bewegung, deren Name man mit den Liedern gleich mit importierte, die aber auch schnell DDR-Spezifikas aufwies.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet den Stellenwert des politischen Liedes in der DDR und definiert die Singebewegung als zwiespältiges Phänomen zwischen staatlicher Kontrolle und persönlichem Ausdruck.
2. DIE GROSSE SCHIZOPHRENIE EINES KLEINEN LANDES: Dieses Kapitel beschreibt die gesellschaftliche Zerrissenheit der DDR, geprägt durch die Kluft zwischen dem sozialistischen Anspruch und der gelebten Wirklichkeit.
3. DIE SINGEBEWEGUNG: Hier wird die Entstehung der Bewegung aus der Hootenanny-Tradition und deren spätere organisatorische Vereinnahmung durch die FDJ thematisiert.
4. LIEDERMACHER; LIEDTHEATER; FOLKMUSIK UND ROCK: Das Kapitel analysiert die Ausdifferenzierung der Singebewegung in verschiedene Musikrichtungen, die jeweils eigene künstlerische Ansätze entwickelten.
5. FESTIVAL DES POLITISCHEN LIEDES: Die Untersuchung des Festivals verdeutlicht dessen Funktion als "Fenster zur Welt" sowie als Bühne für internationale Begegnungen und politisches Engagement.
6. KLEINES LIED GANZ GROSS: Dieses Kapitel fasst zusammen, wie das politische Lied durch die überdimensionale Beachtung des Staates eine unverhältnismäßig hohe Bedeutung erlangte.
7. SCHLUSSWORT: Das Schlusswort bilanziert den Verlust an kultureller Identität nach der Wende und reflektiert die heutige Bedeutung und das Erbe der DDR-Liedermacher.
Schlüsselwörter
Singebewegung, DDR, Hootenanny, Oktoberklub, FDJ, politisches Lied, Liedermacher, Liedtheater, Folkmusik, Rockmusik, Festival des politischen Liedes, Kulturpolitik, Sozialismus, Identität, Widerstand
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Geschichte, der Entwicklung und dem gesellschaftlichen Stellenwert der DDR-Singebewegung sowie deren Bedeutung für Künstler und Jugendliche.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die Wechselwirkungen zwischen staatlicher Kulturpolitik, den Möglichkeiten künstlerischer Entfaltung und der Rolle von Musik als Medium für gesellschaftliche Kritik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die "positive" Seite der Singebewegung aufzuzeigen – also deren kreativen, trotzigen und nachdenklichen Charakter, der auch heute noch eine Alternative bieten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine qualitative Analyse von historischen Dokumenten, Liedtexten, Zeitzeugenaussagen und bestehender Fachliteratur über die DDR-Kulturszene.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung verschiedener Musikgenres wie Liedtheater, Folk und Rock sowie die Analyse des "Festivals des politischen Liedes" als zentrales Ereignis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Hauptbegriff "Singebewegung" stehen Begriffe wie "DDR-Kulturpolitik", "Instrumentalisierung", "Freiräume", "Liedermacher" und "politischer Widerstand" im Zentrum.
Welche Rolle spielte der Oktoberklub innerhalb der Bewegung?
Der Oktoberklub gilt als bekanntester und größter Klub der Singebewegung und als Initiator des Hootenanny, wobei er gleichzeitig stark von der FDJ gefördert wurde, was zu ständigen Spannungen zwischen Anpassung und eigenem Anspruch führte.
Warum wird im Dokument von einer "großen Schizophrenie" gesprochen?
Dieser Begriff beschreibt die tiefgreifende Kluft zwischen dem offiziellen Anspruch des Staates (dem Wunschdenken) und der ernüchternden Realität des Alltags in der DDR.
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- Antje Krüger (Author), 1999, Verschwundenes Land - verschwundene Lieder? Die Singebewegung der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17173