Das Motiv der Übersetzerin/Dolmetscherin in erzählter Literatur als Gleichnis für die Rolle der Frau und ihre Emanzipation


Seminararbeit, 2004
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Behandelte Werke & Inhalte
Titel: „Die linkshändige Frau“ / Autor: Peter Handke
Titel: „Simultan“ / Autor: Ingeborg Bachmann
Titel: „Die Rote“ / Autor: Alfred Andersch
Titel: „Die Übersetzerin“ (im Orig. „The Translator“) / Autor: Leila Aboulela

3. Das Motiv der Übersetzerin anhand der Werke
3.1 Zusammenhang: „Die Identitätskrise“

4. Die Rolle der Frau in Handkes „Die linkshändige Frau“

5. Die Rolle der Frau in Bachmanns „Simultan“

6. „Gender Studies“ zur Übersetzung

7. Schlussfolgerung

1. Einleitung

Gegenstand dieser Hausarbeit ist eine Überprüfung auf den funktionellen Gebrauch des Motivs der Übersetzerin bzw. Dolmetscherin in erzählter Literatur und dessen repräsentativer Gehalt für die Außenwelt. Anhand von den vier unter Punkt 2 beschriebenen Werken:

„Die linkshändige Frau“(EA 1976) von Peter Handke, „Simultan“(EA 1971) von Ingeborg Bachmanns, „Die Rote“(EA 1960) von Alfred Anderschs und ferner „Die Übersetzerin“(EA 1999) von Leila Aboulela, die erst inhaltlich rekapituliert und dann jeweils für sich motivspezifisch analysiert werden, soll aufgezeigt und exemplifiziert werden, in wie fern dem Motiv der Übersetzerin/Dolmetscherin über dessen stilistische und durch den Plot determinierte Funktion hinaus eine symbolische bzw. politische Bedeutung hinzukommt.

Durch Untersuchen der Stellung der Frau speziell innerhalb der Werke Handkes und Bachmanns (Grund für diese Wahl sind der spezifische Geschlechtsunterschied der Autoren, das Verhältnis Übersetzerin-Dolmetscherin und die werkimmanenten sich divergent verhaltenden Protagonistinnen) einerseits und durch Bezug auf „Gender Studies“ zum Thema Übersetzung andererseits soll dann versucht werden, Aufschluss über den Realitätsgehalt des Motivs zu geben und zu klären, inwieweit die Geschichte des Übersetzens auch eine Geschichte der weiblichen Emanzipation ist.

2. Behandelte Werke & Inhalte

Titel: „Die linkshändige Frau“ / Autor: Peter Handke

Inhalt: Marianne (30) holt eines Abends zusammen mit Sohn Stefan ihren Mann Bruno, der in einer Porzellanfirma arbeitet, vom Flughafen ab. Am nächsten Morgen trennt sie sich nach 10jähriger Ehe abrupt von diesem. Sie und ihr gemeinsamer Sohn bleiben in der Bungalow- siedlung nahe der Großstadt wohnen, ihr Mann zieht zu Franziska, einer Freundin von ihr.

In dieser Zeit kehrt Marianne wieder zu ihrem alten Beruf als Übersetzerin zurück. Für sie bedeutet dies soziale Isolation, aber auch die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung.

Titel: „Simultan“ / Autor: Ingeborg Bachmann

Inhalt: Nadja, eine emanzipierte und sehr erfolgreiche Simultandolmetscherin fährt zusammen mit Ludwig Frankel - ebenfalls Simultandolmetscher von Beruf - ,den sie auf einem Kongress der Wiener FAO-Diplomaten kennen gelernt hat, zu einem gemeinsamen Wochenende an die italienische Mittelmeerküste. So schnell wie sich beide näher kommen, so schnell muss Nadja auch erkennen, wie sehr ihr ihre eigene Persönlichkeit dabei im Weg steht.

Titel : „Die Rote“ / Autor: Alfred Andersch

Inhalt: Franziska (≥ 30) ist Dolmetscherin. Sie ist mit Herbert, einem wohlhabenden Vertreter, (unglücklich) verheiratet und hat darüber hinaus ein Verhältnis mit dessen Chef, dem Industriellen Joachim. Bei einem Kurzurlaub in Mailand mit ihrem Ehemann trennt sie sich kurzerhand von diesem, und flüchtet zur Winterzeit mit dem Zug nach Venedig.

Teils ernüchtert, teils erlebnishungrig mietet sie sich ein Zimmer in einem billigen Hotel und wenig später Patrick kennen, mit dem eine Reihe von mysteriösen Verwicklungen beginnt.

Titel: „Die Übersetzerin“ (im Orig. „The Translator“) / Autor: Leila Aboulela

Inhalt: Sammar, eine junge muslimische Witwe, die im schottischen Aberdeen als arabisch- englische Übersetzerin an einer Universität für den Islamwissenschaftler Rae arbeitet, durchlebt persönlich gerade eine tiefe Krise, da sie ihren Ehemann Tarig bei einem Autounfall verloren hat und einstweilen ihren kleinen Sohn bei ihrer Tante im Sudan zurückgelassen hat. Im Laufe der Zeit kommt sie Rae näher, von dem sie sich verstanden fühlt. Eine Heirat mit ihm käme für sie aber nur in Frage, wenn er zum Islam konvertieren würde. Da Rae sich dazu nicht bereit erklärt, zieht Sammar sich nach Karthum zu ihrer Tante zurück.

3. Das Motiv der Übersetzerin anhand der Werke

Die linkshändige Frau

Aspekt:

Die linkshändige Frau beschreibt eine Frau, die nach der Trennung von ihrem Mann bzw. im Alleinsein mit ihrem Kind die Wiederaufnahme des Berufes der Übersetzerin wählt. Die ganze Geschichte hindurch durchlebt Marianne einen Kampf gegen das Alleinsein. Am Ende bleibt sie dennoch allein mit ihrem Kind, schlägt gar das Angebot des Ex-Mannes aus, wieder zusammen zu kommen, und lebt ihren Beruf fortführend im Rahmen der neu gewonnenen Erkenntnis: „Du hast dich nicht verraten. Und niemand wird dich mehr demütigen!“ (Die linkshändige Frau, 130) ihr Leben weiter.

Deutung:

Das Motiv der Übersetzerin in „ die linkshändigen Frau“ mag darin bestehen, den Beruf der Übersetzerin als einen möglichen Weg zur Emanzipation aufzuzeigen. Die dargestellte Übersetzerin schafft es, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren (wobei sich dieser Vorteil ja vor allem durch die Möglichkeit ergibt, den Beruf auch von zu Hause aus tätigen und sich die Zeit dabei selbst einteilen zu können), was jedoch anscheinend in Wechselbeziehung zu ihrer sozialen bzw. privaten Absonderung steht; Dass diese Einbüße persönlicher Kontakte kaum aus einer mangelnden kommunikativen Kompetenz resultieren, dafür spricht allein die (fach-)sprachliche Kompetenz, die ein Übersetzer im Allgemeinen mit sich bringt.

Obgleich zu Beginn der Geschichte weder Bruno (der als chauvinistischer Verkaufsleiter die männlich dominierte [Arbeits-]Welt symbolisiert) noch Franziska (die als Mitglied einer Frauenbewegung die extreme, feministische Frauenwelt repräsentiert) an Mariannes Erfolg in ihrer privaten und beruflichen Selbstverwirklichung glauben (vgl. S.35u; S.76u) belehrt sie diese beiden eines besseren und wird damit versinnbildlichend für eine erfolgreiche weibliche Emanzipation.

Simultan

Aspekt:

Wer übersetzt, beschäftigt sich mit der Sprache und den Gedanken anderer: „Was für ein seltsamer Mechanismus war sie doch, ohne einen einzigen Gedanken im Kopf zu haben, lebte sie, eingetauscht in Sätze anderer, und musste nachwandlerisch mit gleichen, aber anderslautenden Sätzen sofort nachkommen […].“ (Simultan, 18).

Die Folge so einer Lebensweise ist, dass man sich weniger mit sich selbst auseinandersetzt. Dies mag gerade Nadjas persönlichem Motiv für die Berufswahl der Dolmetscherin entsprechen, umgekehrt ist es aber auch dessen bloße Konsequenz.

Das Problem besteht nun darin, dass man nicht mehr fähig ist, eigene, für einen bedeutsame Gedanken zu formulieren: „Ich bin nicht so gut, ich kann nicht alles. Sie hätte den Satz in keine andere Sprache übersetzen können, obwohl sie zu wissen meinte, was jedes dieser Worte bedeutete und wie es zu wenden war, aber sie wusste nicht woraus dieser Satz wirklich gemacht war.“ (Simultan, 58).

Deutung:

Das Motiv der Dolmetscherin in „Simultan“ ist es vielleicht, verdeutlichen zu wollen, dass man durch den Beruf des Dolmetschens zwar sich selbst ablenken kann, jedoch dass diese Form der Verdrängung auch zum persönlichen Konflikt werden kann, der letztlich ein persönliches Weiterkommen verhindert. Nadja stellt mit ihrem unausgelasteten Innenleben den Willenskampf zwischen Karriere und (einem erfüllten) Privatleben dar.

In dem Maße, wie sie ihre persönlichen Bedürfnisse verneint und sich somit selbst belügt, wird das Ideal einer befreiten autarken Frau in der Person Nadjas als Trugbild entlarvt.

Das Dolmetschen wird hier anders als beim Übersetzten der linkshändigen Frau als eher negatives Mittel zur Selbstverwirklichung bzw. Selbstfindung genutzt, denn Nadjas Vielsprachigkeit geht mit einer Heimatlosigkeit bzw. Fremdheit der Sprache einher, „fremde Sprachen führen sie zur Fremdheit der Sprache“1. Das Fehlen einer Muttersprache, die vor allem als Bewahrer der sprachlichen Identität fungiert, begünstigt so das Fehlen einer Identität, was Nadjas fassadenartige Persönlichkeit vorbildlich demonstriert.

Die Rote

Aspekt:

Die Flucht der Roten vor dem bürgerlichen Leben wirkt vor allem deshalb authentisch, weil Franziska dafür ins Ausland geht; die Überwindung der geographischen Entfernung möchte betonen, welche Opfer für die Selbstverwirklichung bzw. den Weg der eigenen Unabhängigkeit erbracht werden müssen, denn eine Flucht innerhalb Deutschlands wäre kein so deutlicher Appell an die Selbstverantwortung.

[...]


1 Shieh, Pi-Er (1999): Ingeborg Bachmanns Erzählkunst. Eine Analyse des Spätwerkes Simultan. Göttingen: Cuvillier Verlag. 34.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Übersetzerin/Dolmetscherin in erzählter Literatur als Gleichnis für die Rolle der Frau und ihre Emanzipation
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Das Motiv der Übersetzung in erzählter Literatur
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V171788
ISBN (eBook)
9783640913909
ISBN (Buch)
9783640912681
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
motiv, literatur, gleichnis, rolle, frau, emanzipation, die linkshändige Frau, Die Übersetzerin, The translator, Die Rote, Ingeborg Bachmann
Arbeit zitieren
Franco Dahms (Autor), 2004, Das Motiv der Übersetzerin/Dolmetscherin in erzählter Literatur als Gleichnis für die Rolle der Frau und ihre Emanzipation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171788

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Motiv der Übersetzerin/Dolmetscherin in erzählter Literatur als Gleichnis für die Rolle der Frau und ihre Emanzipation


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden