Diese Arbeit befasst sich mit dem Mythos Großstadt in Erich Kästners ‚Fabian – Die Geschichte eines Moralisten‘ . Dieses durchaus gesellschaftskritische Werk Kästners, der vielen Lesern vermutlich lediglich als Kinderbuchautor bekannt ist, beleuchtet das Thema Großstadt und damit Berlin unter einem längst vergessenen oder für uns unbekannten Blickwinkel.
Eng verbunden mit diesem Roman ist der Begriff der Neuen Sachlichkeit. Durch jene Hauptströmung der Weimarer Republik wird eine detailliertere Beschreibung des Großstadtromans der zwanziger und dreißiger Jahre erst möglich. Die Merkmale der Literatur dieser Bewegung werden mit dem Roman in Verbindung gesetzt, welcher daraufhin einer Gesellschaftsanalyse unterzogen wird. Es soll also herausgestellt werden, inwieweit das Großstadtmotiv in Fabian mit der Neuen Sachlichkeit in Verbindung gebracht werden kann. Im Mittelpunkt stehen die Großstadt Berlin und ihre epochenspezifische Darstellungsweise. Im Gegensatz zu anderen, schillernderen Beschreibungen Berlins vermag Erich Kästner hier ein sehr satirisches und auch negatives Berlinbild zu zeichnen. Diese Darstellung wirft die Frage auf, ob die Großstadt, in diesem Fall das Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre, den moralischen Verfall des Menschen in Gang setzt. Die Arbeit will also zeigen, dass Kästner hier nicht ein Bild der Großstadt, sondern den Verfall des Menschen durch die Großstadt schafft. Wie verhalten sich der im Werk im Fokus stehende Mensch und die Stadt Berlin zueinander? Dabei ist es interessant, zu untersuchen welche Atmosphäre er zu genau diesem Zweck im Buch entstehen lässt und mit welchen Mitteln er den Verfall der Großstadtgesellschaft schildert. In einer Schlussbemerkung werde ich ein Fazit zur Darstellung der Großstadt im Roman abgeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Roman der ‚Neuen Sachlichkeit‘
2.1. Das Prinzip Fabian
3. Die Hure Babylon
3.1. Berlin – Ein Kabarett der Anonymen?
3.2. Wo ist der Moralist geblieben
3.3. Der Gang vor die Hunde
4. Kein Poesiealbum – eine Satire!
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Großstadtmotiv in Erich Kästners Roman "Fabian – Die Geschichte eines Moralisten" vor dem Hintergrund der Strömung der Neuen Sachlichkeit. Ziel ist es zu analysieren, wie Kästner die Stadt Berlin als Schauplatz eines moralischen Verfalls darstellt und inwieweit die passive Haltung des Protagonisten Fabian als Reaktion auf die gesellschaftliche Krise der Weimarer Republik zu verstehen ist.
- Die literarische Einordnung des Romans in die Neue Sachlichkeit.
- Die Funktion Berlins als symbolischer Raum für den moralischen und sittlichen Verfall.
- Die Analyse der Glasmetaphorik als Ausdruck von Fabians Distanz zur Umwelt.
- Die Auseinandersetzung mit den Themenkomplexen Arbeit, Liebe und Sexualität.
- Die Interpretation von Fabians Scheitern als Warnung an die Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
3.1. Berlin – Ein Kabarett der Anonymen?
Kästners Fabian ist nicht nur ein Roman der Neuen Sachlichkeit, sondern auch ein Großstadtroman.
Als die Weltstadt der zwanziger und dreißiger Jahre steht das moderne Berlin im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Sowohl im industriellen wie auch künstlerischen Milieu bestimmen Neuerungen den täglichen Alltag.
So ist es auch nicht weiter überraschend, dass der Moralist Fabian gleich zu Beginn in einem Café anzutreffen ist, ist doch der öffentliche Raum kennzeichnend für den Lebensstil des ‚modernen Menschen‘. Neben Cafés, Bars, Zeitungsredaktionen und Künstlerateliers, begleitet der Leser Fabian in Bordelle, unzählige Arbeitsämter, wohnt ihm bei Liebschaften bei und gelangt mit ihm immer wieder zum Wartesaal Europas. Das Berlin des Protagonisten ist schlussfolgernd eine Welt mit verdorbenen und unmoralischen Plätzen, deren Nähe er aber immer wieder (gerne) sucht. In den öffentlichen und damit auch meistbietend anonymen Räumen der Stadt fühlt sich Fabian augenscheinlich am wohlsten. Hier ist er völlig ungebunden, muss nicht sesshaft werden, Raum und Zeit spielen keine Rolle. Hier kann er seine ganze Passivität ausleben. Er kann beobachten ohne teilzunehmen und ist nicht gezwungen zu handeln. Genau wie das Erzähltempo ist auch der Wechsel von Lokalitäten und der Menschen, die Fabians Weg kreuzen, rasant.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problemstellung ein, Kästners Roman als gesellschaftskritisches Werk der Neuen Sachlichkeit zu betrachten und das Motiv der Großstadt Berlin sowie den moralischen Verfall zu untersuchen.
2. Der Roman der ‚Neuen Sachlichkeit‘: Dieses Kapitel verortet den Roman literaturwissenschaftlich in der Hauptströmung der Weimarer Republik und analysiert dessen Entstehungskontext.
2.1. Das Prinzip Fabian: Es wird die Figur des Protagonisten beleuchtet, insbesondere seine Passivität und die motivische Bedeutung der Glasmetaphorik zur Darstellung seiner Distanz zur Umwelt.
3. Die Hure Babylon: Dieses Kapitel analysiert die Darstellung Berlins als einen Ort des moralischen Untergangs, der von gesellschaftlichen Krisen wie Arbeitslosigkeit und Sittenverfall geprägt ist.
3.1. Berlin – Ein Kabarett der Anonymen?: Hier wird Berlin als Ort der Anonymität und des öffentlichen Raumes untersucht, in dem sich der Beobachter Fabian frei, aber handlungsunfähig bewegt.
3.2. Wo ist der Moralist geblieben: Es wird die Rolle von Fabian als "Moralist" hinterfragt, der trotz des Verfalls von Werten und Moral im Roman an seinem ethischen Anspruch festzuhalten versucht.
3.3. Der Gang vor die Hunde: Das Kapitel thematisiert das zwangsläufige Scheitern des Protagonisten und den Bezug zum ursprünglichen Titel des Romans, der den Untergang der Figur und der damaligen Gesellschaft spiegelt.
4. Kein Poesiealbum – eine Satire!: Die Analyse konzentriert sich hier auf die satirische Methode Kästners, mit der er die Verhältnisse in Berlin entlarvt und kommentiert.
5. Schlussbemerkung: Der Verfasser zieht ein Fazit über die zeitlose Bedeutung von Kästners Werk und das gescheiterte Ziel des Autors, die Gesellschaft vor dem drohenden Absturz zu warnen.
Schlüsselwörter
Erich Kästner, Fabian, Neue Sachlichkeit, Großstadtroman, Weimarer Republik, Berlin, Moralist, Gesellschaftskritik, Satire, Glasmetaphorik, Entfremdung, Sittenverfall, Literaturwissenschaft, Identität, Zeitroman
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Erich Kästners Roman "Fabian" und untersucht, wie der Autor das Berlin der Weimarer Republik als Schauplatz eines gesellschaftlichen und moralischen Verfalls inszeniert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die literarische Einordnung in die Neue Sachlichkeit, die Funktion des Großstadtmotivs, die Rolle des Protagonisten als passiver Beobachter und der Einsatz von Satire zur Gesellschaftskritik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie Kästner das Motiv der Großstadt nutzt, um den Verfall des Menschen in der Weimarer Republik darzustellen, und ob die Stadt selbst den moralischen Verfall in Gang setzt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die den Roman im Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher Strömungen und unter Rückgriff auf Forschungsliteratur interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einordnung, eine detaillierte Analyse der Großstadt-Symbolik (Glasmetaphorik), die Charakterisierung Fabians als Moralist und die Untersuchung des Romans als Satire.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Erich Kästner, Fabian, Neue Sachlichkeit, Großstadtroman, Gesellschaftskritik und Moralist.
Welche Rolle spielt die Glasmetaphorik konkret für Fabian?
Die Glasmetaphorik unterstreicht Fabians emotionale Distanz zur Umwelt; das Glas dient ihm als Schutzschild gegen die chaotische Außenwelt, hält ihn aber zugleich in einer passiven Zuschauerrolle gefangen.
Warum endet der Roman laut der Analyse so pessimistisch?
Der pessimistische Schluss spiegelt den Untergang der Weimarer Republik wider; das Scheitern Fabians ist ein Symbol für die Hoffnungslosigkeit einer Gesellschaft, deren moralisches Kompass verloren gegangen ist.
- Citation du texte
- Sarah Müller (Auteur), 2011, Der Mythos Großstadt in Erich Kästners ‚Fabian – Die Geschichte eines Moralisten', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171856