Als einer der größten Unterschiede zwischen der gegenwärtigen, repräsentativen und der antiken, direkten Demokratie gilt das Losverfahren, das heute als undemokratisch verworfen wird, da so dem Wähler vom Zufall die Wahl genommen werden würde. Dennoch behauptet der Politologe Buchstein, dass das antike, demokratische Losverfahren Athens sich teils in die Gegenwart und besonders in die Europäische Union (EU) integrieren ließe ; erstens, wegen ihres sui generis-Charakters, da sie keine gewöhnliche Staatsform sei und sich so das Losver-fahren leichter eingliedern ließe, als in andere Repräsentativsysteme und zweitens, um dort dem Demokratiedefizit effektiv entgegenzuwirken .
So soll die Frage dieses Essays lauten, ob und wenn ja, inwiefern sich ein demokratisches Losverfahren, wie das der attischen Demokratie, auf die EU - um diese zu demokratisieren - übertragen ließe. Dass diverse publizistische Beiträge immer wieder auch Elemente der atti-schen Demokratie generell für die Gegenwart aufgreifen, zeigt, dass solche Fragestellungen nicht rein akademisch sind .
Inhaltsverzeichnis
1.) Vorwort: Aufwerfen der Frage, ob das Losverfahren in heutigen Demokratien noch anwendbar ist
2.) Das Losverfahren in der attischen Demokratie
2. 1.) Arten und Techniken des demokratischen, antiken Losens
2. 2.) Das Los und die politischen Ämter
2. 2. 1.) Das Los und die Boule
2. 2. 2.) Das Los und die Beamtenschaft
2. 2. 3.) Das Los und die Dikasterien
2. 2. 4.) Das Los und die Nomothesie
2. 2. 5.) Kurzes Zwischenfazit
2. 3.) Das Los im gesellschaftlichen Bewusstsein des antiken Athens
3.) Das Losverfahren als Verbesserungsvorschlag gegen das Demokratiedefizit der EU
3. 1.) Das Demokratiedefizit in der EU
3. 1. 1.) Definition: Demokratiedefizit in der EU
3. 1. 2.) Problemanalyse des Demokratiedefizits in der EU
3. 2.) Das Losverfahren zur Verbesserung des EU- Demokratiedefizits?
3. 2. 1.) Die Auslosung der die Kommissare stellenden Länder
3. 2. 2.) Auslosung der Ausschussmitglieder, -vorsitzenden und -berichterstatter im Europäischen Parlament
3. 2. 3.) Eine zweite Loskammer des Europäischen Parlaments
4.) Fazit
4. 1.) Fazit zum antiken demokratischen Los für die Gegenwart
4. 2.) Fazit zum demokratischen Los für die EU
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern das antike demokratische Losverfahren aus Athen als Instrument zur Demokratisierung der Europäischen Union dienen kann, um dem dort existierenden Demokratiedefizit entgegenzuwirken.
- Analyse des historischen Losverfahrens in der attischen Demokratie
- Untersuchung der Struktur und der Problematik des EU-Demokratiedefizits
- Evaluierung konkreter Reformvorschläge wie der Auslosung von Kommissionsmitgliedern
- Diskussion der Einführung einer zweiten, per Los besetzten Kammer im Europäischen Parlament
- Kritische Würdigung der Übertragbarkeit antiker Prinzipien auf moderne politische Systeme
Auszug aus dem Buch
2. 1.) Arten und Techniken des demokratischen, antiken Losens
Im Folgenden soll zunächst beschrieben werden, wie und mit was gelost wurde, um zu zeigen, wie demokratisch es war und um bereits den gesellschaftliche Stellenwert aufzuzeigen.
Während man erst nur mit zweifarbigen Bohnen die Amtsinhaber ausloste (schwarz = Niete; weiß = Gewinn des politischen Amtes), ging man bald zu Losmaschinen – klêrôtêria (vgl. Abb.1 und 2 im Anhang) - über, um den Prozess zu perfektionieren, zu rationalisieren und zu beschleunigen, da man in jedem Jahr aus 20000 Bürgern 7000 Amtsinhaber auslosen musste - später agierten bis zu 20 Kleroterien zugleich. Beamten und Ratsmitglieder wurden am Ende des Amtsjahres im Theseion gelost, Richter auf der Agora, je unter der Leitung der Thesmotheten.
Ein Geschworenenkandidat etwa musste für die Losung sein individuelles Bronzetäfelchen abgeben, das in den entsprechenden Schlitz der Phyle, zu der der Kandidat gehörte, des Kleroterions gesteckt wurde (ein Kleroterion hatte 5 Schlitze, bei 10 Phylen also 2 Kleroterien). Nachdem die Maschinen zum Mischen geschüttelt wurden, zog ein Archont aus jedem Schlitz ein Täfelchen, um die ersten 10 Richter auszulosen. Diese erhielten jeweils die Täfelchen aus ihrer Phyle und steckten diese in beliebiger Reihenfolge ins Kleroterion. Daneben befand sich eine Röhre, in die man weiße und schwarze Kugeln warf, wobei es so viele weiße Kugeln, wie verfügbare Richterposten gab. Nun wurden Röhre und Schlitze geöffnet und derjenige, dessen Täfelchen parallel zu einer weißen Kugel gezogen wurde, war fortan Richter. Die Chancengleichheit war also garantiert und Missbrauch unwahrscheinlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Vorwort: Aufwerfen der Frage, ob das Losverfahren in heutigen Demokratien noch anwendbar ist: Einleitung in die Thematik und Diskussion der These, dass das antike Losverfahren zur Modernisierung der EU beitragen kann.
2.) Das Losverfahren in der attischen Demokratie: Detaillierte Darstellung der historischen Anwendung des Losverfahrens als demokratischer Grundpfeiler in Athen.
2. 1.) Arten und Techniken des demokratischen, antiken Losens: Erläuterung der technischen Durchführung und Rationalisierung des Losvorgangs mittels Maschinen wie dem Kleroterion.
2. 2.) Das Los und die politischen Ämter: Analyse der Besetzung zentraler Institutionen durch das Losprinzip zur Sicherung der Gleichheit und Vermeidung von Elitenherrschaft.
2. 2. 1.) Das Los und die Boule: Untersuchung des Rates der 500 und dessen Losbesetzung zur Gewährleistung regionaler Repräsentation.
2. 2. 2.) Das Los und die Beamtenschaft: Betrachtung der Ämterrotation und der begrenzten Kompetenzen für ausgeloste Beamte.
2. 2. 3.) Das Los und die Dikasterien: Darstellung der Geschworenengerichte als wesentliche Bestandteile der Verfassung, die durch Laienrichter besetzt wurden.
2. 2. 4.) Das Los und die Nomothesie: Beschreibung der Rolle der Nomotheten bei der Gesetzgebung nach der demokratischen Restauration.
2. 2. 5.) Kurzes Zwischenfazit: Zusammenfassende Bewertung der Bedeutung des Loses als demokratisches Instrument in der antiken Praxis.
2. 3.) Das Los im gesellschaftlichen Bewusstsein des antiken Athens: Analyse der gesellschaftlichen Wahrnehmung und zeitgenössischer Kritik am Losprinzip.
3.) Das Losverfahren als Verbesserungsvorschlag gegen das Demokratiedefizit der EU: Untersuchung der Übertragbarkeit des Losverfahrens auf die heutigen demokratischen Defizite der Europäischen Union.
3. 1.) Das Demokratiedefizit in der EU: Theoretische Definition und Problemanalyse der mangelnden Partizipation und Transparenz in der EU.
3. 1. 1.) Definition: Demokratiedefizit in der EU: Klärung des Begriffs Demokratiedefizit im politologischen Kontext der EU.
3. 1. 2.) Problemanalyse des Demokratiedefizits in der EU: Darstellung der drei Kanäle demokratischer Einflussnahme und deren Defizite bezüglich Partizipation.
3. 2.) Das Losverfahren zur Verbesserung des EU- Demokratiedefizits?: Diskussion innovativer Reformansätze zur Einführung des Losprinzips in EU-Institutionen.
3. 2. 1.) Die Auslosung der die Kommissare stellenden Länder: Bewertung des Vorschlags zur Reduzierung und Auslosung der Kommissionssitze.
3. 2. 2.) Auslosung der Ausschussmitglieder, -vorsitzenden und -berichterstatter im Europäischen Parlament: Analyse der Möglichkeiten, Lobbyismus durch Losverfahren in Ausschüssen zu minimieren.
3. 2. 3.) Eine zweite Loskammer des Europäischen Parlaments: Diskussion der Idee einer per Los besetzten Abgeordnetenkammer zur Stärkung der europäischen Identität.
4.) Fazit: Synthese der Ergebnisse und finale Einschätzung der Reformvorschläge.
4. 1.) Fazit zum antiken demokratischen Los für die Gegenwart: Kritische Reflexion, warum das antike Losverfahren nur schwer in moderne repräsentative Demokratien integrierbar ist.
4. 2.) Fazit zum demokratischen Los für die EU: Abschließende Einschätzung, dass sinnvollere Reformen eher in der direkten Demokratie und Stärkung bestehender Institutionen liegen als in der generellen Auslosung.
Schlüsselwörter
Attische Demokratie, Losverfahren, Kleroterion, Europäische Union, Demokratiedefizit, Politische Gleichheit, Repräsentative Demokratie, Volkssouveränität, Kommission, Europäisches Parlament, Lobbyismus, Dokimasie, Politische Partizipation, Postnationale Konstellation, Reformvorschläge
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das antike athenische Losverfahren und prüft kritisch, ob und inwiefern sich dieses Modell auf die gegenwärtige Europäische Union übertragen lässt, um deren Demokratiedefizit zu lindern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind antike Demokratiegeschichte, moderne Demokratietheorie, die institutionelle Struktur der EU sowie die Diskussion über innovative Reformansätze zur politischen Mitbestimmung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Sinnhaftigkeit verschiedener Losvorschläge (wie die Auslosung von Kommissionssitzen oder einer zweiten Parlamentskammer) zu bewerten und ein Resümee über deren Tauglichkeit für moderne Systeme zu ziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse, die historische Quellen und politikwissenschaftliche Fachliteratur heranzieht, um die antiken Mechanismen mit modernen Problemlagen in der EU in Beziehung zu setzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Aufarbeitung des athenischen Loswesens und eine anschließende Prüfung von Reformvorschlägen für EU-Institutionen, ergänzt um eine Problemanalyse des bestehenden Demokratiedefizits.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Losverfahren, Demokratiedefizit, attische Demokratie, Volkssouveränität und Europäische Union charakterisiert.
Warum hält der Autor die Einführung einer Loskammer in der EU für problematisch?
Der Autor argumentiert, dass eine Loskammer zwar die Repräsentation fördern könnte, jedoch die fehlende Volkssouveränität und die Gefahr der Trotzreaktionen in der Bevölkerung die Sinnhaftigkeit dieses Modells in der Praxis stark einschränken.
Welche Alternative schlägt der Autor zur Demokratisierung der EU vor?
Statt einer flächendeckenden Einführung von Losverfahren plädiert der Autor für eine Stärkung direktdemokratischer Elemente, wie europaweite Referenden und eine transparentere Gestaltung bestehender Institutionen, um das Vertrauen der Bürger zu gewinnen.
- Quote paper
- Philip Dingeldey (Author), 2011, Das Los als politisches Entscheidungsinstrument in Demokratien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171867