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Wenn die Seele verwahrlost

Warum der Mensch in einer scheinbar unbegrenzten Welt der Möglichkeiten innerlich immer verunsicherter wird

Título: Wenn die Seele verwahrlost

Libro de no ficción , 2026 , 200 Páginas

Autor:in: Karin Weingartz-Perschel (Autor)

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Die spätmoderne Gesellschaft vermittelt den Eindruck grenzenloser Freiheit, individueller Gestaltungsmöglichkeiten und permanenter Selbstentfaltung. Doch hinter dieser Oberfläche entfalten sich tiefgreifende Prozesse, welche die psychische Qualität des Menschen unterminieren.

Ausgehend von klassischen und zeitgenössischen soziologischen Ansätzen wie z.B. von Sigmund Freud und Max Weber über Emile Durkheim und Georg Simmel bis hin zu Richard Sennett, Hartmut Rosa und Byung-Chul Han, allesamt Gesellschaftstheoretiker, die mittels neuer Entwürfe ein gemeinsames Panorama der Moderne entworfen haben, werden diese Prozesse hinterfragt. Dabei soll deutlich werden, wie strukturelle Dynamiken der Moderne zu einer schleichenden Verwahrlosung der Seele und damit der Psyche führen - nicht als persönliches Versagen, sondern als Symptom einer Gesellschaft, die ihre Individuen systematisch überfordert und zugleich sich selbst als grenzenlos verfügbar inszeniert.

Extracto


Inhalt

Vorwort

Einleitung

I. Was war zuerst - das „Ich“ oder das „Wir“?

1. Das Kind erlebt zuerst das Wir

2. „Der Mensch wird am Du zum Ich zum Wir“

3. Die doppelte Geburt des Menschen

1. Die Entwicklung der Persönlichkeit

2. Das Unbewusste - Basisinstanz der Ich-Entwicklung

III. Das Instanzenmodell von Sigmund Freud

1. Das „ES“

2. Das „ICH“

3. Das „ÜBER ICH“

1. Der Säugling - das „polymorph-perverse“ Wesen

2. Psycho-Sexualität

3. Liebe und Sexualität

1. Die Ambivalenz der Sexualität

2. Sexualität als Hort der Psyche

3. Sexualität als Irritation der Psyche

VI. Formen der psychischen Verwahrlosung

1. Verlust der Selbstwirksamkeit

2. Hospitalismus

3. Das Messie-Syndrom

4. Das Diogenes-Syndrom

5. Das Hippie-Syndrom

6. Das Dissoziations-Syndrom

7. Verwahrlosung kann in die Kriminalität führen

VII. Erste Anzeichen einer psychischen Verwahrlosung

1. Sozialer Rückzug

2. Interessenverlust

3. Antriebslosigkeit

4. Kognitive Anzeichen

5. Körperliche Anzeichen

VIII. Zur Trauma - Forschung

1. Bindungs- und Entwicklungstrauma – die früheste Form seelischer Verlassenheit

2. Akute überwältigende Ereignisse

3. Chronische Belastungen – die langsame Zermürbung der Seele

4. Systemische und gesellschaftliche Traumata – der Mensch im Schatten der Verhältnisse

IX. Sehnsucht nach der „heilen Welt“

1. War früher alles besser?

2. Die Aufbruchstimmung der 68er-Bewegung

Auszüge aus dem Buch

Cover: Wenn die Seele verwahrlost

Einleitung

Die spätmoderne Gesellschaft vermittelt den Eindruck grenzenloser Freiheit, individueller Gestaltungsmöglichkeiten und permanenter Selbstentfaltung. Doch hinter dieser Oberfläche entfalten sich tiefgreifende Prozesse, welche die psychische Qualität des Menschen unterminieren. Ausgehend von klassischen und zeitgenössischen soziologischen Ansätzen wie z.B. von Max Weber über Emile Durkheim und Georg Simmel bis hin zu Richard Sennett, Hartmut Rosa und Byung-Chul Han, allesamt Gesellschaftstheoretiker, die sich mittels Entwürfen eines gemeinsamen Panoramas der Moderne auszeichnen, das sich um drei zentrale Achsen dreht: Um

Rationalisierung, Sozialintegration, Subjektivität und Individualität. Diese Entwürfe helfen dabei, deutlich zu machen, wie strukturelle Dynamiken der Moderne zu einer schleichenden Verwahrlosung der Psyche führen. Max Weber warnte: „Die zunehmende Rationalisierung führt zu einer Entzauberung der Welt.“1 Und Emile Durkheim folgerte: „Wenn die Gesellschaft erschüttert ist …findet das Individuum keine Haltbarkeit mehr.“2 Nirgendwo findet es Halt, Sicherheit, Vertrauen und die Zuwendung, welche seine Basis wären.

Georg Simmel kritisierte das Geistesleben der Großstädte als Ursache für die „Übersättigung des Nervenlebens“, welche durch den rapiden Wechsel der Eindrücke, denen die Psyche ausgesetzt ist, zustande käme.3 Byung-Chul Han bestätigt die These der Übersättigung des Nervenlebens, die bei gleichzeitig geforderter Leistungssteigerung zu einer „Müdigkeitsgesellschaft“ mutiere, in der das Leistungssubjekt sich selbst ausbeute und sich dabei gleichzeitig für frei hält. „In der Gesellschaft der Ermüdung brennt das Subjekt aus sich selbst heraus aus.“4

Dies sind nur einige wenige Beispiele klassischer Autoren, welche den erodierenden Prozess der Empathie in der Moderne mit großer Besorgnis verfolgt haben; aber auch die jüngeren WissenschaftlerInnen, darunter zunehmend psychologisch geschulte, versuchen, diesen Prozess und dessen Ursachen zu analysieren und aufzuhalten oder gar umzukehren, wie in der vorliegenden Abhandlung nachgewiesen werden wird. Ihnen allen ist klar, dass die zunehmende funktionale Differenzierung und die Rationalisierung des Alltags einerseits individuelle Autonomie ermöglicht, andererseits aber traditionelle Formen der Einbettung, Verbindlichkeit und sozialen Orientierung der Individuen geschwächt haben. Normative Ordnungen verlieren an Bindekraft, während gleichzeitig die Ansprüche an die Individuen steigen. Die Logik permanenter Beschleunigung zersetzt die Fähigkeit zur Besinnlichkeit, zur inneren Ruhe; die neoliberale

Selbstoptimierungskultur verwandelt das Subjekt in ein Projekt, das in der Hauptsache gesellschaftlich - und vor allem - ökonomisch nützlich sein soll. Die Konsumgesellschaft erzeugt ein Übermaß an Wahlmöglichkeiten, das paradoxerweise nicht befreit, sondern erschöpft. In dieser Gemengelage wird psychische Verwahrlosung nicht als persönliches Versagen sichtbar, sondern als Symptom einer Gesellschaft, die ihre Individuen systematisch überfordert und zugleich sich selbst als grenzenlos verfügbar inszeniert. Die innere Verunsicherung des Menschen ist ein Spiegel gesellschaftlicher Erosion, des Verlustes gemeinsamer Bedeutungsrahmen, der Zersetzung sozialer Lebensformen und der zunehmenden Entkopplung zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Strukturen. Die Psyche verwahrlost nicht nur dort, wo materielle Armut herrscht, sondern oft gerade dort, wo äußere Sicherheiten gegeben sind. Sie verwahrlost, wenn sie nicht mehr resonant eingebunden ist, wenn sie sich selbst nur noch funktional begegnet, optimierend, vergleichend, kontrollierend. Verwahrlosung zeigt sich dann nicht im Chaos, sondern in der Überanpassung, im Verlust der inneren Stimme.

Warum aber wird der Mensch in einer Welt, die ihm immer weniger Grenzen setzt, innerlich immer unsicherer? Warum erzeugt Freiheit nicht Halt, sondern Angst? Warum verwandelt sich Autonomie so häufig in Überforderung? Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt der folgenden Betrachtungen. Sie führen hinein in psychologische, soziologische und anthropologische Zusammenhänge – und immer wieder zurück zu dem Einzelnen, der sich selbst fremd zu werden droht. „Wenn die Psyche verwahrlost“ soll kein medizinisches Lehrbuch und kein moralischer Appell. Es ist der Versuch, einen Zustand verstehbar zu machen, der viele betrifft und doch selten benannt wird. Einen Zustand, in dem der Mensch äußerlich integriert, innerlich jedoch zunehmend heimatlos ist. Erst wenn diese Verwahrlosung sichtbar wird, kann auch die Frage nach ihrer Überwindung gestellt werden: nach Wiedergewinnung von Resonanz, von Verantwortung, von Menschlichkeit.


1. Weber, Max: Wissenscha0 als Beruf, Leipzig 2012, S. 32

2. Durkheim, Emile: Der Selbstmord, Frankfurt a.M. 1983, S. 288

3. Simmel, Georg: Die Großstädte und das Geistesleben, Frankfurt a.M. 1995, S. 117

4. Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellscha0, Berlin 2010, S. 22/33

[...]

2. Hospitalismus

Hospitalismus ist bis heute eines der eindrücklichsten Beispiele dafür, dass der Mensch nicht nur Nahrung, Hygiene und medizinische Versorgung benötigt, sondern vor allem Beziehung und Zuwendung. Die frühen Forschungen zur psychischen Verwahrlosung in Heimen und Kliniken offenbaren etwas Grundsätzliches, nämlich dass der Mensch nicht am Mangel materieller Dinge verkümmert, sondern an der Abwesenheit eines Mitmenschen, einer Bezugsperson, eines Du. Der Begriff Hospitalismus wurde durch den Psychoanalytiker René A. Spitz geprägt, dessen Untersuchungen in den 1940er Jahren bis heute zu den dramatischsten Befunden der Entwicklungspsychologie gehören.1 Spitz verglich Kinder, die in Einrichtungen nach den Standards der Zeit „vorbildlich“ gepflegt wurden, mit solchen, die bei ihren Müttern oder in Pflegefamilien lebten. Er beobachte motorische Regression, Apathie und Bewegungsarmut, gestörte Immunfunktion und eine bis zu ca. 40prozentigen Kindersterblichkeit. Diese Kinder erhielten ausreichend Nahrung, wurden medizinisch überwacht und waren körperlich gepflegt. Und doch zerbrach etwas Existenzielles in ihnen. Spitz zeigte damit erstmals wissenschaftlich, dass emotionale Not tödlich sein kann. Die Ergebnisse von Spitz wurden später von John Bowlby, dem Begründer der Bindungstheorie, theoretisch vertieft. Bowlby argumentierte, dass Bindung kein psychologischer Luxus ist, sondern ein evolutionär notwendiges Überlebenssystem.

In „Attachment and Loss“ argumentiert er:

„What is essential for the child is not merely food and cleanliness, but a continuous relationship with a warm and responsive caregiver.“ 2 Ohne spiegelnde Gegenwart verliert das Kind nicht nur Orientierung, sondern auch sein Gefühl für die eigene Existenz. Die historischen Heime der 1930er–1950er Jahre waren Orte der Überforderung: zu wenig Personal, zu viele Kinder. Die Pflegehandlungen waren korrekt, technisch präzise, aber ohne persönliche Zuwendung. Die Welt war funktional und genau darin wurzelt die Verwahrlosung der Kinder.

Hospitalismus zeigt sich heute nicht mehr im Mangel an Pflege, sondern im Mangel an Aufmerksamkeit. Kinder sind umgeben von Screens, Ablenkungen und überlasteten Eltern, die physisch anwesend, aber emotional abwesend sind. Kinder erleben heute eine Art „digitalen Hospitalismus“: Die Bezugsperson ist anwesend, aber mit dem Smartphone mental abwesend. Entwicklungspsychologische Studien zeigen, dass gestörte Blickkontakte und unterbrochene Interaktion ähnliche Effekte wie frühe Deprivation erzeugen; nicht physische Trennung, sondern alltagsinduzierte Abwesenheit wird so zur Ursache seelischer Verarmung. Auch Erwachsene erleben eine Form moderner Hospitalisierung. Viele Beziehungen bestehen nur noch mittels organisatorischen Austauschs, gemeinsamer Mediennutzung, reduzierter Vertrauensgespräche und funktionaler Koordination statt emotionaler Präsenz. Rita Felski fasst dieses Lebensgefühl treffend als „affective disengagement“ zusammen: „Modern life often produces a dulling of emotional responsiveness.3 Menschen leben nebeneinander, aber nicht miteinander.

Durch andere Formen der psychischen Verwahrlosung wie Isolationshaft können auch Erwachsenen entsprechende seelische und körperliche Leiden zugefügt werden. Dauerhafte Isolationshaft z.B. gilt daher als Folter, insbesondere wenn sie nicht nur den Entzug sozialer Interaktion, sondern auch optischer und akustischer Reize bedeutet.

In Medizin und Psychologie verwendet man für die schwerste Form von Hospitalismus oft den Begriff Kaspar-Hauser-Syndrom bei völligem Reizentzug in Kombination mit Misshandlung bzw. falscher Haltung oder Einpferchung. Der Name des Kaspar-Hauser-Syndroms leitet sich von Kaspar Hauser ab, der laut zeitgenössischen Berichten jahrelang in einem dunklen Raum allein eingesperrt worden war. Beispiele für das Kaspar-Hauser-Syndrom sind Kinder aus den Waisen- und Kinderheimen in Rumänien, besonders unter der Herrschaft Ceaușescus. Im Heim „Cighid“ lebten bis 1990 über 100 Kinder unter von Schmutz, Kälte, ungenügender Bekleidung, Mangelernährung und fehlender menschlicher Zuwendung geprägten Verhältnissen. Viele von ihnen konnten, trotz vorhandener körperlicher Fähigkeiten, nicht kriechen oder gehen, weil sie nicht gefördert worden waren bzw. weil ihre Beinmuskulatur vom langen, bewegungslosen Hocken verkümmert war.[58] Psychischer Hospitalismus kommt häufig in Krankenhäusern, Kinder- und Jugendheimen und auch in manchen Familien vor, wenn die Kinder wie am Fließband und unter Zeitdruck abgefertigt werden, das heißt, nicht ausreichend Zuwendung erhalten. Weitere Untersuchungen haben ergeben, dass auch die gestörte Mutterbeziehungen des Säuglings bei widersprüchlichem Mutterverhalten der Mutter zu Deprivation führen kann, wie die aktive oder passive Ablehnung des Kindes, eine Überfürsorglichkeit, abwechselnde Feindseligkeit und Verwöhnung, mit Freundlichkeit verdeckte Ablehnung. Solche Bedrohungen der Beziehung führen je nach Art der gestörten Objektbeziehung zu verschiedenen schweren psychischen und psychosomatischen Störungen beim Kind.

Auch Harry Harlow zeigte am Beispiel junger Rhesusaffen und einer Affenmutter-Attrappe aus Drahtgeflecht als Milchspender und einer zweiten mit Stoffbezug als Kuscheltier, dass Kuscheln einen sehr hohen Stellenwert beim Aufwachsen hat.4 Die Affenmutter, die nicht nur aus einem Drahtgestell bestand, sondern mit Stoff verkleidet war, bot mehr Möglichkeit zum Kuscheln, sodass diese von den Rhesusäffchen bevorzugt wurde, obwohl das mütterliche Drahtgeflecht die Milch spendete. Völlig isoliert aufgezogene Tiere waren später derart verhaltensgestört, dass sie oft zur Aufzucht eigener Jungen nicht mehr fähig waren.

Mit dem psychischen Hospitalismus verwandt ist die Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen, die sich weitgehend selbst überlassen wurden. Ähnliche Erscheinungen kommen auch bei Erwachsenen in Krankenhäusern, Seniorenheimen und in der Psychiatrie vor, wenn sie lieblos betreut werden und von der übrigen Bevölkerung abgeschnitten sind. Hospitalismus kann überall dort entstehen, wo Menschen zu wenige emotionale Zuwendung erhalten. Eine mögliche Ursache ist zum Beispiel Personalmangel in Alten-, Pflege- und Kinderheimen sowie Krankenhäusern. Es ist auch in Familien anzutreffen, in denen die Eltern mit der Pflege der Kinder überfordert sind oder diese aus irgendwelchen Gründen ablehnen. Hospitalismus fördernd ist das Fehlen optischer sowie akustischer Stimulation, wenn z.B. Kinder in Waisenhäusern ausschließlich im Gitterbett „gehalten“ werden und keine Möglichkeit haben, sich selbstständig und frei in der Umgebung zu bewegen und beispielsweise im Garten oder mit anderen Kindern spielen können oder wenn alte oder psychisch kranke Menschen in Pflegeheimen oder Psychiatrien in ihren Betten fixiert werden. Außerdem trägt das Fehlen von sensorischer Stimulation in Kliniken wie Farben, Bilder, Musik zur psychischen Verwahrlosung bei. M Zusätzlich können motorische Unruhe und Stereotypien wie z. B. Kopfwackeln, Schunkeln bis zur Selbstverletzung wie das Anschlagen mit dem Kopf an die Wand oder ständiges Umhergehen; auch verstärktes Daumenlutschen kann auftreten.

Mittlerweile ermöglicht man Hautkontakt zwischen Mutter und Kind im Krankenhaus, sogenanntes Bonding sowie das Rooming-in. Kinder, insbesondere in jungen Jahren, die nicht bei ihren Eltern leben können, werden vorzugsweise in besonders ausgewählten Pflegefamilien untergebracht. Auch für körperlich, geistig oder seelisch behinderte Menschen gibt es inzwischen unabhängig von der jeweiligen Wohnform ein breites Repertoire prophylaktischer und therapeutischer Interventionen wie Basale Stimulation, Kinästhetik, Milieutherapie, tiergestützte Therapie.

Viele Einrichtungen leisten professionelle Sozialarbeit, Sozialpädagogik oder Beschäftigungstherapie und organisieren ehrenamtliche Besuchsdienste, die regelmäßigen Kontakt mit alten und kranken Menschen halten. Die Symptome von Hospitalismus sind je nach Schweregrad der körperlichen und psychischen Symptome behandelbar durch frühzeitige Therapien, wobei Hospitalismus eine psychische und eine physische Therapie gleichermaßen erforderlich macht. Die Symptome gehen bei Besserung der äußeren Umstände, z. B. durch intensive Zuwendung und/oder den Wechsel in eine liebevolle und fürsorgliche Umgebung, deutlich zurück und verschwinden mit der Zeit. Hat sich aufgrund der seelischen Deprivation keine andere Störung wie z. B. eine reaktive Bindungsstörung entwickelt, verschwinden die Symptome mit Besserung der Lebensumstände sowie geduldiger und liebevoller Zuwendung. Es gilt: Je früher der Mensch aus der Situation der Vernachlässigung herauskommt, umso besser sind die Aussichten auf schnelles und völliges Verschwinden der Symptome. Bei schwerer erfahrener seelischer Deprivation kann eine längerfristige intensive psychotherapeutische Behandlung erforderlich werden, doch auch hier sind die Prognosen gut, wenn das Kind so schnell wie möglich aus der Situation der Vernachlässigung heraus und in eine liebevolle und fürsorgliche Umgebung kommt.

Ein Fortschritt auch in der Betreuung alter und kranker Menschen sind qualitätsbewusste Heime, insbesondere Heime mit kleinen Wohngruppen oder auch Hausgemeinschaften; Einrichtungen des Betreuten Wohnens sowie die Hospizbewegung für pflegebedürftige Menschen in der akuten Sterbephase lassen hoffen, dass psychische wie körperliche Verwahrlosung, die in der Regel ja auch einer psychischen Ursache entspringt, zukünftig besser erkannt, aufgegangen und behandelt werden.


1. Spitz, René A.: Vom Säugling zum Kleinkind. Naturgeschichte der Muher-Kind-Beziehung im ersten Lebensjahr, Stuttgart 2005

2. Bowlby, John: Ahachment and Loss, Vol. 1, New York 1969, S. 177 ff.

3. Felski, Rita: The Limits of CriTque, University of Chicago Press 2015, S. 93

4. Harlow, Harry F.: Das Wesen der Liebe. In: Oho M. Ewert: Entwicklungspsychologie, Köln 1972

Final del extracto de 200 páginas  - subir

Detalles

Título
Wenn die Seele verwahrlost
Subtítulo
Warum der Mensch in einer scheinbar unbegrenzten Welt der Möglichkeiten innerlich immer verunsicherter wird
Autor
Karin Weingartz-Perschel (Autor)
Año de publicación
2026
Páginas
200
No. de catálogo
V1723276
ISBN (Ebook)
9783389191170
ISBN (Libro)
9783389191187
Idioma
Alemán
Etiqueta
Psychische Verwahrlosung Seele und Psyche Moderne Gesellschaft und Psyche Psychologie der Moderne Einsamkeit und Entfremdung Selbstoptimierung Kritik Soziale Isolation Trauma und Gesellschaft Sigmund Freud Psyche Carl Gustav Jung Seele Sinnkrise moderne Gesellschaft Psychische Gesundheit Gesellschaft Philosophie der Seele Gesellschaftskritik Psychologie Mensch und Identität
Seguridad del producto
GRIN Publishing Ltd.
Citar trabajo
Karin Weingartz-Perschel (Autor), 2026, Wenn die Seele verwahrlost, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1723276
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